Das Live-Album ist ein Chamäleon. Mal ist es Lückenbüßer, um eine Phase der Unkreativität zu überbrücken – dann wieder ein nicht wegzudenkendes Highlight im Œuvre: Was wäre eine Tonträgersammlung von MOTÖRHEAD ohne „No Sleep ’til Hammersmith“, was eine IRON-MAIDEN-Diskografie ohne „Live After Death“? Nun spielt die belgische Rock-Band BRUTUS nicht auf dem Bekanntheitslevel der genannten Gruppen, und doch war auch deren Album „Live In Ghent“ von 2020 mehr als nur ein Live-Mitschnitt: Die Magie in der Musik der Belgier:innen wurde durch die lebendige Atmosphäre potenziert – wer BRUTUS verstehen wollte, musste dieses Album kennen.
Um ihre Live-Qualitäten scheint das Trio um die singende Schlagzeugerin Stefanie Mannaerts selbst zu wissen – sonst hätten sie nicht nur vier Jahre später das nächste Konzert für die Ewigkeit eingefangen: Im November 2024 spielte die Band im Ancienne Belgique in Brüssel gleich drei ausverkaufte Shows. Während aus allen dreien der entsprechende Konzertfilm erstellt wurde, kann die dritte dieser Shows jetzt in Gänze auf dem Album „Live In Brussels“ genossen werden.
Auf zwei Tonträgern finden sich also volle 92 Minuten Musik – aufgeteilt auf 16 Songs. Während andere Bands mit jedem neuen Live-Album die gleichen Hits neu auflegen, fokussieren sich BRUTUS klar auf ihr aktuelles Studioalbum „Unison Life“. So unterscheidet sich die Tracklist von „Live In Brussels“ erfreulicherweise stark von der bei „Live In Ghent“ festgehaltenen: Nur sechs Songs sind auf beiden Veröffentlichungen zu hören. Und wer würde sich schon über die „Dopplung“ von Songs wie „Justice De Julia II“ oder „War“ beschweren? Eine BRUTUS-Show ohne diese Hits ist schließlich kaum denkbar.
Auch der Sound ist merklich anders als auf dem Vorgänger: War „Live In Ghent“ ein wohlig-warmes, aber eben auch rohes Dokument der Energie und Liebe, die in BRUTUS steckt, klingt „Live In Brussels“ insgesamt deutlich transparenter und insgesamt „größer“. Das ist insofern nur logisch, als „Live In Ghent“ den heimeligen Charme des Handelsbeurs-Clubs in Ghent mit nur 750 Zuschauer:innen einfing – und „Live In Brussels“ nun eben den Aufstieg der Band repräsentiert: Die drei Brüssel-Shows vor jeweils 2000 Fans, aber auch die weiter (zusammen-)gewachsene Band, die mit diesen Auftritten einen fast 200 Shows umfassenden Tour-Zyklus beendet und unterdessen in ihrer Heimat bei den „25 Belgian Music Industry Awards“ als Best Live Act ausgezeichnet wurde. Diese Qualität ist in der hier festgehaltenen Performance perfekt festgehalten – ob in den wilden Ausbrüchen oder in den bedächtigen Passagen.
Den intimeren, als „Live In Ghent“ festgehaltenen Auftritt von 2019 versuchen BRUTUS mit „Live In Brussels“ gar nicht erst zu kopieren: Wer die schwitzige Clubshow hören möchte, ist mit ihrem letzten Live-Album besser beraten. Wer aber hören will, wo dieses faszinierende, mitreißende Trio heute steht, und das Material von „Unison Life“ in dynamischen, energiegeladenen Live-Versionen genießen möchte, ist mit dieser Veröffentlichung gut beraten.
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Wertung: 8.5 / 10


