Review Coroner – Dissonance Theory

1993 veröffentlichten die Schweizer Thrash-Metaller CORONER ihr vorerst letztes Studioalbum „Grin“, nur um wenige Jahre später erst mal für lange Zeit von der Bildfläche zu verschwinden. Zwar waren die meisten Bandmitglieder in der Zwischenzeit anderweitig aktiv, doch das änderte nichts daran, dass die Band ein beachtliches Loch in ihrem Genre hinterließ. Denn der Thrash Metal, wie CORONER ihn zelebrierten, war seiner Zeit schon damals ein Stück voraus. Statt bloßer Wut servierte man dem Publikum neben gelegentlich progressiven Einschüben („The Lethargic Age“) auch Anklänge dessen, was man später Nu Metal nennen sollte („Internal Conflicts“), und andere für das Genre eher ungewohnte Klangfarben.

In den vergangenen drei Jahrzehnten seit „Grin“ hat sich die Welt gedreht – und mit ihr die Szene. Man kann also durchaus von „vollem Risiko“ sprechen, wenn eine Band wie CORONER nach so langer Zeit ein Comeback-Album veröffentlicht. Und was für eines: CORONER waren nie wirklich weg. Zumindest könnte man das meinen. Denn wenn nach dem düsteren, stimmungsvollen Intro „Oxymoron“ der Song „Consequence“ aus den Boxen drückt, wird schnell klar: CORONER können noch immer richtig zubeißen. Nach einem komplexen Einstieg mit dezenter Hammond-Orgel brechen bei den Schweizern alle Dämme: Gitarren und Drums peitschen in bester Thrash-Manier nach vorn, während Sänger und Bassist Ron Broder so souverän und präzise performt, als hätte er nie pausiert. Schön ist auch, dass der einwandfrei gespielte Thrash Metal der Band klug und abwechslungsreich komponiert ist – der Track bietet bereits von ruhigen über vertrackte bis hin zu groovenden Passagen alles, nur keine Langeweile.

Spürbar gut getan hat „Dissonance Theory“ zudem der moderne, aber natürliche Sound. Das macht den Klang der Drums kräftig, während die Gitarren in Rhythmus und Lead-Spiel präsent und nuanciert bleiben. Gitarrist Tommy Vetterli glänzt in diesem Stück mit einem meisterhaften Solo genau deshalb umso mehr. Selbst dezent atmosphärische Keyboards – etwa auf „Sacrificial Lamb“ – gehen hier nicht unter. Dass sich die Band auf ihrem Comeback-Album ihrer Stärken voll bewusst ist, zeigt sie trotz kleiner Experimente mit dem treibenden, im besten Sinne genregetreuen „Symmetry“. Wieder ist es die enorme kompositorische Wendigkeit, die „Dissonance Theory“ von jedem Thrash-Klischee befreit – und es zugleich feiert.

Es ist gar nicht leicht, bei diesem Album ein Ende zu finden, gibt es doch einfach zu viel, das überzeugt. Sei es die ruhige, diffuse Düsternis eines „The Law“ mit seinem anfangs fast indieesken Riff und den anschließend richtig fetten Grooves vor dem großen Thrash-Gewitter oder die stimmungsvollen Keyboard-Arrangements, die auf „Transparent Eye“ über dem variablen Spiel von Schlagzeuger Diego Rapacchietti schweben – gerade diese kleinen Details verleihen den Songs auf „Dissonance Theory“ ihren vielschichtigen, eigenständigen Charakter. Dass der Album-Closer „Prolonging“ die neue CORONER-Platte während seines Outros so bedrohlich ausklingen lässt, wie sie im Intro begann, ist die letzte Huldigung an kompositorische Konsequenz.

CORONER haben mit „Dissonance Theory“ nicht einfach nur ein Comeback der Spitzenklasse abgeliefert. Es ist vielmehr ein Album, das sich auch hervorragend als Einstieg in den Thrash Metal eignet – mit großem Gespür für das Genre, viel Abwechslung und durchweg spannenden Details. Bei all dem, was „Dissonance Theory“ bietet, bleibt nur eines zu sagen: Höchstnote verdient. Bravo, CORONER!

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Wertung: 10 / 10

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