CD-Review: Die Ärzte - Hell

Besetzung

Farin Urlaub — Gesang, Gitarre
Rodrigo González — Gesang, Bass
Bela B — Gesang, Schlagzeug

Tracklist

01. E.V.J.M.F.
02. Plan B
03. Achtung: Bielefeld
04. Warum spricht niemand über Gitarristen?
05. Morgens Pauken
06. Das letzte Lied des Sommers
07. Clown aus dem Hospiz
08. Ich, am Strand
09. True Romance
10. Einmal ein Bier
11. Wer verliert, hat schon verloren
12. Polyester
13. Fexxo Cigol
14. Liebe gegen Rechts
15. Alle auf Brille
16. Thor
17. Leben vor dem Tod
18. Woodburger


Als 2012 das bis dato letzte Album von DIE ÄRZTE erschien, war Donald Trump als US-Präsident nur ein Gag in den Simpsons und Farin Urlaub, Bela B und Rodrigo González waren noch keine 50. In der Zwischenzeit wurde es still um die drei Berliner, die sich auf Soloprojekte konzentrierten, zum einen musikalischer Art, aber auch als Romanautoren, Produzenten und Fotografen. 2019 läuteten eine Europatour durch kleine Clubs und Exklusivauftritte auf Festivals die Rückkehr der „besten Band der Welt“ ein, eine Tour wurde für Ende 2020 angekündigt und war innerhalb von Minuten ausverkauft – dann kam Corona. Dennoch arbeitete die Band an ihrem 13. Studioalbum, das Ende Oktober 2020 mit dem Titel „Hell“ das Licht der Welt erblickte. Doch sind DIE ÄRZTE in ihrem 39. Bandjahr (brutto) wirklich noch relevant?

Der Opener „E.V.J.M.F“ beweist direkt, dass DIE ÄRZTE weiter an ihrem albernen Humor festhalten: Zu Trapbeats liefert Farin Urlaub eine astreine Autotune-Einlage ab und beweist nebenbei, dass es für diese Art Musik kein besseres Wort als „Hendiadyoin“ gibt. Mit diesem Opener beginnt ein selbstreferenzielles Verweisspiel, das „Hell“ textlich und musikalisch durchzieht, steht der Song doch ganz in der Tradition der Reunion 1993, als die Single zu „Schrei nach Liebe“ vom bitterbösen Volksmusikstück „Wenn es Abend wird“ eröffnet wurde. An anderer Stelle zitiert „Das letzte Lied des Sommers“ musikalisch das unterbewertete „Anders als beim letzten Mal“ und wirkt textlich und in seiner Stimmung gleichzeitig wie der melancholische Bruder des Bandklassikers „Westerland“. Auf dem schmissigen „Einmal ein Bier“ kann der erklärte Antialkoholiker Farin Urlaub dann auch die pathetisch vorgetragene Zeile „Ein frisch gezapftes Bier vom Fass“ unterbringen – von schlechter Stimmung innerhalb von DIE ÄRZTE, die mitverantwortlich für die lange Pause war, ist auf „Hell“ wirklich nichts mehr zu hören.

Mit „Plan B“ liefern DIE ÄRZTE zum wirklichen Einstieg eine poppunkige Nummer ab, die mit unverschämt viel Harmonie und unbändiger Spielfreude direkt ins Ohr und in die Beine geht – perfekt zum Konzertbeginn, sobald Shows wieder möglich sein werden. DIE ÄRZTE wären aber nicht DIE ÄRZTE, wenn sie sich nicht in nahezu allen Genres austoben und sich keinerlei Gedanken über Genregrenzen machen würden. Rodrigo González liefert mit „Polyester“ einen so überzeugenden, mit Franz-Kafka-Referenzen gespickten Tocotronic-Song ab, dass sich Dirk von Lowtzow verschämt den Hinterkopf reibt. „True Romance“ ist eingängiger Funk-Pop, und Bela B beweist im platten Oi-Punk-Song „Alle auf Brille“, dass er noch deutlich schiefer singen kann als Wölfi von den Kassierern (der auf „Morgens Pauken“ auch wörtlich erwähnt wird). Im Highlight „Ich, am Strand“ halten schließlich Dancehall und Reggae Einzug – inhaltlich wird hier eine tragische Lebensgeschichte erzählt, die zwar wenig subtil daherkommt, in der Kombination mit der tanzbaren Musik allerdings einen fabelhaften Kontrast bildet. Besonders in diesem Song sowie im melodisch und textlich begeisternden „Clown aus dem Hospiz“ offenbaren sich die vielen Jahre, die die Solokarrieren von Farin Urlaub und Bela B mittlerweile andauern.

Nicht jeder Song auf „Hell“ gelingt DIE ÄRZTE allerdings: „Wer verliert, hat schon verloren“ ist ein recht kraftloser Abklatsch von „Nicht allein“, der musikalisch nicht an die Intensität von Liedern wie „Kopfüber in die Hölle“ heranreichen kann, und „Woodburger“ ist in seinem pubertären Humor zwar konsequent, in seiner textlichen Pointe dann allerdings schlicht und ergreifend zu platt und – auch wenn das bei dieser Band wohl nicht das richtige Wort ist – unreflektiert. Sowohl musikalisch wie auch textlich hätten sich einige Nummern (wie beispielsweise die Banjo-Bluegrass-Nummer „Liebe gegen Rechts“ oder das textlich wirklich witzige, aber musikalisch doch recht simple „Thor“) auch als B-Seiten angeboten; mit einer Spielzeit von mehr als einer Stunde schleichen sich auf „Hell“ eben doch die einen oder anderen Längen ein.

Wer mit dem klassischen Humor von DIE ÄRZTE nichts anfangen kann, wird auch mit „Hell“ nicht warm werden. Es ist sicherlich nicht das beste Album der „besten Band der Welt“, allerdings von einer solchen Spielfreude und Energie durchzogen, dass man nicht den Eindruck erhält, dass hier drei Männer mit einem Durchschnittsalter von Mitte 50 musizieren. Ob weitere Alben folgen werden, wird die Zeit zeigen – an Relevanz haben DIE ÄRZTE allerdings nicht im Geringsten eingebüßt.

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Bewertung: 7.5 / 10

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2 Kommentare zu “Die Ärzte – Hell”

  1. Stefan

    Entschuldige mal bitte, aber was ist denn an Woodburger bitte unreflektiert? Etwa die Erkenntnis dass man weder schwul werden, noch wen anderes „umdrehen“ kann? Das ist vielleicht der Witz daran? Dass das in neurechten Kreisen tatsächlich geglaubt wird, die Gesellschaft könne „verschwult“ werden?

    „Wer verliert hat schon verloren“ hat mit „Nicht Allein“ allerhöchstens ungefähr das Tempo gemeinsam, ansonsten halt dass es ein Rocksong von DÄ ist. Weder textlich, noch von den Harmonien oder dem Songaufbau ist es daran orientiert.

    Thor ist ein Punkrock-Song, und hat dafür und für die Songlänge doch recht viele Akkorde/Riffs untergebracht. Auf ein Solo gewartet? „Polyester“ und „Wer verliert hat schon verloren“ oder auch „Ich am Strand“ sind deutlich simpler im Aufbau.

  2. Bernhard Landkammer Post Author

    Hi Stefan,

    danke für deinen Kommentar! Gut, dass du das so siehst – mir gibt dieser Humor in „Woodburger“ einfach nix, auch wenn ich da lachen muss. Dass DÄ das selber nicht so denken ist mir auch klar, aber da ist es mir dann persönlich wirklich zu platt.

    Textlich hat „Wer nicht verliert…“ deutlich mehr mit „Kopfüber in die Hölle“ zu tun, allerdings klingt es auch hier für mich leider sehr/zu lasch. Musikalisch sehen wir das dann wohl anders.

    Mit „Thor“ hab ich absolut kein Problem, aber ich hätte ihn auch als B-Seite sehen können (von denen es auch viele gibt). Auf Soli warte ich bei DÄ-Songs in den seltensten Fällen, die sind für mich meistens sogar recht unnötig. „Polyester“ ist mit der beste Rod-Song aller Zeiten (wobei ich „Geisterhaus“ lieber mag). Es liegt weniger an der Komplexität etc., sondern ist dann eben – wie immer bei Reviews – ein subjektives Empfinden.

    Ich hab die Band 22x live gesehen, habe alle CDs hier, und behaupte, dass ich jeden Song der Band kenne. Dass du dann die Bewertung und deine Lieblingssongs anders bewertet: Find ich super! Für mich hat es hier an einigen Ecken gehakt, aber insgesamt finde ich „Hell“ ein bockstarkes Album. Da habe ich in der Review einfach versucht, die Dinge, die mir nicht gefallen, auch herauszustellen. :)

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