Alles neu bei HÄLLAS? Nach einem Besetzungswechsel an der Gitarre (Rickard Swahn kam für Alexander Moraitis), Touren durch die USA, Kanada und Lateinamerika und dem Live-Album „The Hällas Saga: Live At Cirkus“ steht nun mit „Panorama“ endlich ein neues Studioalbum an. Im Vorfeld der Veröffentlichung wurden alle bisherigen Posts auf dem Instagram-Kanal der Band gelöscht, was wohl den Beginn eines neuen Kapitels symbolisieren sollte. Tatsächlich deuteten schon die ersten neuen Gruppenfotos und das Cover auf eine Art Neuanfang hin, denn so clean und reduziert hat man bisher weder Band noch Artwork gesehen. Doch wohin geht die Reise für die Schweden nach dem Ende der Trilogie rund um den Ritter Hällas, der sich drei Alben lang durch mittelalterliche Fantasy-Welten in einem anderen Universum gekämpft hat?
„Panorama“ startet direkt mit einer großen Überraschung: Der Opener „Above The Continuum“ sprengt mit einer Laufzeit von über 21 Minuten alles, was man bisher von HÄLLAS gewohnt war. Dabei dürften die wenigsten Fans über diese Entwicklung verwundert sein, hatte das Quintett doch schon immer eine Vorliebe für ausufernde Soli und Synthie-Teppiche. In „Above The Continuum“ stecken sieben Kapitel, und schon der Einstieg „I) Introduction: Collision Of Realities“ lässt gespannt aufhorchen, sind doch Italo-Disko und italienische Lyrics direkt das, was man erwartet hat. Mit dem Übergang zu „II) Through The Lens“ halten aber auch wieder Gitarren Einzug, bevor mit „III) Shade Of The Morning Star“ ein erstes Highlight aus den Boxen kommt. Hier taucht das Hauptthema des Songs erstmals in voller Pracht auf. HÄLLAS verstehen es meisterhaft, spacige Keyboards, flirrende Riffs und die außergewöhnliche Stimme von Frontmann Tommy Alexandersson zu einem hymnischen Kapitel zu verschmelzen, nachdem eigentlich nicht mehr viel kommen kann. Denkt man. Denn während „IV) Desolate Land Ruminations“ und „V) Into The Chasm“ mit Streichern, Bläsern, Chorgesang und einem intensiven Spoken-Word-Part zum Träumen einladen, prescht „VI) The Reckoning“ mit furiosem Drumming, treibenden Riffs und energetischem Gesang voran. Das Finale „VII) Conclusion: At The Remnants Of Tomorrow“ greift erneut das Hauptthema auf, und Streicher sowie Bläser sorgen für einen epischen Ausklang. Ein Stück, das man keinesfalls nach einem Hördurchgang verdaut haben kann, das aber schon jetzt als einer der besten Longtracks der letzten Jahre gelten muss.
Hierauf „Face Of An Angel“ folgen zu lassen, zeugt auch von einem gewissen Humor. Statt ausufernder Epik gibt es Hufgetrappel („Ritter der Kokosnuss“ anyone?) und reduziertes, fast schon stoisches Songwriting. In sozialen Netzwerken kamen schnell Vergleiche mit „Starrider“, dem Überhit der Band, auf, und ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Tanzbar, mit einem perfekten Mitsing-Refrain und einem abgedrehten Video von EARTH-TONGUE-Drummer Ezra Simons, mausert sich der Track schnell zu einem Ohrwurm. „The Emissary“ wiederum ist HÄLLAS in Reinkultur und muss mit seiner Mischung aus krachendem Rock und gefühlvollen Breaks einfach einen festen Platz im Liveset bekommen. Kurz vor Schluss wird es noch einmal ungewohnt, denn „Bestiaus“ ist eine waschechte Pianoballade, die allein durch den starken Gesang von Alexandersson getragen wird, bevor hallende Schritte und ein sich öffnendes Tor das Finale von „Panorama“ einleiten. Auch „At The Summit“ spielt gekonnt mit der Dynamik zwischen reduzierten Akustik-Momenten und mitreißenden Rock-Parts und ist damit ein würdiger Abschluss für das Album.
Mit „Panorama“ erklimmen HÄLLAS den vorläufigen Gipfel ihres Schaffens. So dynamisch, cineastisch und einnehmend klang der Adventure-Rock der Schweden noch nie und wird es vielleicht auch nicht mehr, denn wie soll man ein Meisterwerk wie „Above The Continuum“ noch toppen? Und das Beste: „Panorama“ ist in schwierigen Zeiten wie diesen genau richtig, um zumindest für 45 Minuten aus unserer Realität zu entfliehen.
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Wertung: 9 / 10


