CD-Review: Helrunar - Sól II: Zweige der Erinnerung

Besetzung

Skald Draugir – Gesang
Alsvartr – Bass, Schlagzeug, zusätzliche Gitarren
Session-Musiker:
Discordius - Gitarre

Tracklist

01. Europa nach dem Eis
02. Aschevolk
03. Die Mühle
04. Rattenkönig
05. Moorgänger
06. Lichtmess
07. Sól


Ich war, das gebe ich ganz offen zu, nie der größte Fan des HELRUNARschen Schaffens – konnten mich doch weder „Frostnacht“ noch „Baldr Ok Iss“ wirklich in Wallung versetzen. War „Frostnacht“ musikalisch durchaus schnittig, verdarben mir hier die Dickichtgesichter und ihre Kollegen im Moor den Spass an der Platte ein ums andere Mal kräftig – und was HELRUNAR auf „Baldr Ok Iss“ diesbezüglich besser machten (und sei es nur durch die Wahl einer nicht für jeden verständlichen Sprache), verspielten sie dort wiederum durch bisweilen ziellos dahinplätschernde Kompositionen. Und doch hatten beide Alben ein gewisses Etwas, das die Begeisterung vieler Fans für die CDs nachvollziehbar machte.
Mit „Sól“ steht nun ein neues Album in den Läden, oder treffender formuliert – stehen zwei neue Alben in den Läden. Denn statt nach dem Ausstieg von Hauptsongwriter Dionysos Trübsal zu blasen, machten sich die verbliebenen Alsvartr und Skald Draugir ans eifrige Komponieren, welches in letzter Konsequenz zum nun vorliegenden Doppelalbum führte.“Doppelalbum“ ist dabei jedoch, streng genommen, auch nicht ganz treffend, gibt es beide CDs doch auch einzeln zu erwerben.

Zum Review zu „Sól I: Dorn im Nebel“

Mit „Zweige der Erinnerung“ titelt der zweite Teil des „Sól“-Werkes nicht eben ausdrucksstärker, und auch die Songtitel lassen nicht eben die Hoffnung aufkommen, HELRUNAR hätten sich ein Herz gefasst und hier mutig einen neuen Weg eingeschlagen.

Dieser Verdacht bestätigt sich im Folgenden zwar nur teilweise, jedoch halten sich positiv und negativ zu bewertende Neuerungen auf „Sol II“ im Gegensatz zum ersten Teil so ziemlich die Waage:
Eine merkliche, wenn auch nicht drastische Verbesserung ist in musikalischer Hinsicht zu verzeichnen: Bisweilen einen Zacken abwechslungsreicher wissen die Songs eher zu gefallen als ihre Brüder im Nebel – wer jedoch Kleinod an Kleinod erwartet, wird auch hier enttäuscht.
Doch was in diesem Sektor an (gefrorenem Moor-)Boden gut gemacht wird, verspielen HELRUNAR sogleich auf lyrischer Ebene: Neben den bereits bekannten Mooren und Dickichten spielt hier nämlich frei von jedem für den Hörer erkennbaren Kontext eine moderne Komponente hinein, die derart fehl am Platze wirkt, dass man sich nur wundern kann, wieso dies dem Poeten nicht selbst aufgefallen ist: Wie bereits in „Nur Fragmente…“ auf dem ersten „Sól“-Silberling wird erneut mehrfach die Tagebuch-Erzählerstimme bemüht, jedoch diesmal noch kryptischer als bisher und, ich kann mir nicht helfen, krampfhaft um Tiefgründigkeit bemüht: Ob nun „Tag 184 – Mein Hass versucht mich wieder kaltzustarten.“ oder „Erst als es zaghaft zu tauen begann, wurde das ganze Ausmaß der Verwüstung sichtbar – etwas war eingeschlagen wie 50 Megatonnen auf Novaja Semlja“: Zu den Werten und Traditionen, die man bislang mit HELRUNAR verband, wollen Atombomben im Moor oder ein Verbrennungsmotor, älter als das Kreuz nicht unbedingt passen.
Älter als das Kreuz ist auch das Konzept hinter „Moorgänger“, hat man es hier doch mit dem wenig eleganten Versuch, die Magie des Originals wieder aufleben zu lassen, zu tun. Positiv herauszustellen ist erst „Sól“, der Titeltrack und finale Song des Albums, welcher überraschend vielseitig und unverbraucht daherkommt: So hätte man sich einen „Baldr Ok Iss“-Nachfolger gewünscht, Songs dieses Formats hätte man gebraucht, um ein Album mit Charakter zu kreieren.

Was bleibt zu sagen? „Sól II: Zweige der Erinnerung“ ist nur unwesentlich besser als Teil eins, kann hinsichtlich des Songwritings zwar mit einigen Höhepunkten aufwarten, führt sich jedoch ob das entweder vollkommen sinnfreie oder aber auf einer für den Hörer nicht ergreifbaren Metaebene ausgetragene lyrische Konzept ad absurdum.

So ungern HELRUNAR es wohl hören werden, so unbestreitbar wahr ist es auch: Der Ausstieg von Songwriter Dionysos hat die Formation ganz offensichtlich härter getroffen, als diese es wahrhaben wollte. Denn auch das quantitativ mächtigste Werk hilft wenig, lässt die Qualität über weite Strecken derart zu wünschen übrig.
Belanglos wie die Albumtitel und das Artwork ist auch die Musik der beiden Werke, die es auch gemeinsam in einer Artbook-Edition zum fairen Preis der addierten Einzelpreise zu kaufen gibt. Wer jedoch bislang nichts mit HELRUNAR anzufangen wusste, braucht sein Glück hier eigentlich nicht zu versuchen – alle Fans der Münsteraner seien zumindest gewarnt, kann ich „Sól“ doch selbst dem treuesten Fan nicht vorbehaltslos empfehlen.

Bewertung: 6.5 / 10

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