CD-Review: Letzte Instanz - Im Auge des Sturms

  • Veröffentlichung: 2014
  • Label: Drakkar
  • Spielart: Rock
Besetzung

Holly – Gesang
Oli – Gitarre
Micha – Bass
David Pätsch – Schlagzeug
M. Stolz – Geige
Benni Cellini – Cello

Tracklist

01. Alles anders
02. Ganz egal
03. Traum im Traum
04. Deuxieme Mouvement
05. Das letzte Mal
06. Der Panther
07. Im Auge des Sturms
08. Koma
09. C3H5
10. Nein
11. Verweht
12. Die Zeit
13. Opus III
14. Zusammen


Wenn man sich die Platten der LETZTEN INSTANZ von 2001 bis heute in umgekehrter Veröffentlichungsreihenfolge anhört, machen die Brachialromantiker eine beachtliche musikalische Entwicklung durch. Bekanntlich leben wir aber nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart, so dass nicht „Kalter Glanz“ oder „Götter auf Abruf“, sondern „Im Auge des Sturms“ am Ende der Entwicklung der Szeneveteranen steht. Und dieser Klimax ist in Anbetracht früherer Veröffentlichungen ein musikalisches Armutszeugnis mit einer gehörigen Portion Etikettenschwindel.

Die Ankündigungen klangen (wie in der Vergangenheit bereits mehrfach) zunächst vielversprechend: Aufwühlend und nachdenklich wollte sich die INSTANZ nach der zumindest umstrittenen Trilogie mit „Schuldig“, „Heilig“ und „Ewig“ präsentieren. Das gelungene Cover spiegelt diesen starken Kontrast entsprechend wider, die Musik hingegen in keinster Art und Weise. Lag es schon beim vorangehenden Trio Infernale in der Hand bzw. in den Ohren des Hörers, aus dem zumindest vielfältigen Stilmix die Filetstücke zu selektieren und das Füllmaterial zu ignorieren, so verspricht „Im Auge des Sturms“ zu viel: Von erdiger Rockmusik keine Spur. Statt dessen poppt es an allen Ecken und Enden, wie es bereits „Ganz egal“ vorab angedeutet hat. Ironischerweise mutiert eben jener Titel zu einer passenden Zusammenfassung des dahinterstehenden Gesamtwerks. Das Schlagzeug verkümmert durchweg zu einer kümmerlichen Randnotiz einer Produktion, die ohne künstliche Sounds zwar authentisch daherkommt, aber jegliche Ecken und Kanten völlig vermissen lässt. Ebenso wie musikalische Identität.

Alteingesessene Fans und Folkrock-Freunde werden sich mit „Im Auge des Sturms“ vor allem eines: langweilen. Besonders im ersten Albendrittel mit der Videoauskopplung „Traum im Traum“ fehlt es vollständig an Wiedererkennungswert oder Besonderheiten. Die Songs wirken unfertig, nicht bis zum Ende gedacht und beliebig. Widmet man sich intensiver Hollys Gesang und den Texten, ist man ebenfalls schnell ernüchtert bis erschüttert: Wieder hält der Sänger vor allem Vokale oftmals viel zu lange und textliche Banalitäten wie „Liegt es an mir, oder liegt es an dir?“ in „Alles Anders“, oder „Wenn ich dich nachts betrachte, weil ich den Schlaf verachte“ zu Beginn von „Traum in Traum“ befördern die neue Veröffentlichung der Dresdner schnell ins musikalische Abseits. Freilich glänzen auch In Extremo auf ihren jüngsten CDs nicht mit lyrischen Ergüssen, doch im noch eher rockigen Bereich fällt dies unter dem Strich weniger ins Gewicht als bei einer Platte, die auch von ihrer Wortwahl leben will und den größtenteils unterirdischen Gesang unangenehm aufdringlich in den Vordergrund mischt. Bei „Nein“ arbeitet die INSTANZ zu allem Übel mit Stimmeffekten, die eine eh schon desolate Leistung am Mikro endgültig in die Tonne kloppen.
Was die 0 am Ende des Tages verhindert, ist der instrumentale Teppich, der teilweise fein gestrickt ist, wie in „Deuxieme Mouvement“, „C3H5“ und „Opus III“, die allesamt ohne Gesang auskommen. Die an sich brauchbaren Streicherarrangements von „Traum in Traum“ können den oben angedeuteten Stimm- und Textballast auf Dauer hingegen nicht stemmen.

Nach dem Ausstieg von Gründungsmitglied, Gitarrist und Zweitstimme Holly D. kommt die LETZTE INSTANZ mit ihrem aktuellen Album an einem Punkt an, wo es sich besonders für langjährige Fans schier unmöglich gestaltet, sich auf alles, was über die instrumentale Grundlage hinaus geht, zu interessieren oder gar zu begeistern. „Im Auge des Sturms“ ist letztlich ebenso austauschbar wie weite Teile der Vorgänger – und gerade weil die INSTANZ nach eigener Aussage neue Wege gehen wollte, ist das aktuelle Album eine noch größere Enttäuschung, vor allem aus folktechnischer Sicht. Ja, diese Produktion wühlt auf – aber sicher nicht in beabsichtigter Weise. Und nein, früher war nicht alles besser: Doch wer beispielsweise den literarischen Nährwert bzw. die Aussage hinter „Kopfkino“ oder auch „Kalter Glanz“ mit pseudotiefsinnigen Texten dieses Werks vergleicht, kann unmöglich von einer Verbesserung sprechen.

 

Bewertung: 2 / 10

Geschrieben am

3 Kommentare zu “Letzte Instanz – Im Auge des Sturms”

  1. Sebastian Heiter

    Na ja, ich finde die Platte gar nicht so schlecht. Sie ist auf jeden Fall besser als ihr Vorgänger. Wenn Kunstraub noch 5,5 Punkte bekommt, ist Im Auge des Sturms meines Erachtens 9 wert. Haha. Das ist halt Geschmackssache. Ich empfehle jedenfalls, reinzuhören. Und unterirdisch ist der Gesang nun wirklich nicht.

  2. Sigi

    Wie du so schön gesagt hast, alles Geschmackssache. Man kann es aber auch auf Fakten herunterbrechen: Während z.B. die Chartplatzierungen von Fiddler’s Green kontinuierlich besser werden und die Jungs auch mehr Leute auf Touren ziehen, verhält es sich bei der Instanz anders. Ob das nun ein Qualitätsmerkmal für die Musik ist, lasse ich dahingestellt. Wenn du allerdings „besser“ mit „erfolgreicher“ gleich setzt, dann hat „Im Auge des Sturms“ diese Prämisse charttechnisch nicht umgesetzt. Was mich (und einige andere) vermutlich weniger wundert als diejenigen, denen dieses Album gefällt.

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: