Interview mit Holly D. von Letzte Instanz

Nach einem Wechsel an der Front kehrten LETZTE INSTANZ triumphal mit ihrem neuen Album „Ins Licht“ buchstäblich ins Rampenlicht der Bühne zurück und bewiesen live, dass nicht jeder Besetzungswechsel einer Band schlecht sein muss. Holly als neuer Sänger begeisterte sowohl alte wie neue Fans. Im Interview mit Metal1.info äußerte sich jedoch Gründungsmitglied Holly D. zu seiner wahrlich einzigartigen Band, bevor es im Herbst als Support von Schandmaul wieder auf Tour geht. Die stets gewagte Verbindung zwischen sanften Streicherklängen und hartem Gitarrenrock ist mit Sicherheit nicht für jedermann zugänglich, doch das soll sie auch gar nicht sein. Aber lest selbst…

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
Letzte Instanz hatte von Anfang an das Ziel Rockmusik mit klassischen Streichern zu kombinieren. Das hieß dann einmal Folkrock oder Klassik-Crossover oder wie auch immer. Inzwischen brauchen wir keine solche Schublade mehr um klarzumachen, was wir wollen. Unsere musikalischen Wurzeln sind extrem breit gestreut: Das geht von Klassik über Zeitgenössisches und Jazz bis hin zur Populärmusik. Unsere Songwriter Oli (Metal und Jazz) und Herr Stolz (80-er Pop, Klassik) könnten da unterschiedlicher nicht sein.

Wie würdet Ihr „Neulingen“ eure Musik erklären? Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
Die Band konnte man noch nie mit einem Satz erklären. Das macht es nicht einfacher, aber einfach wollten wir auch nie sein. Es ist eben diese Kombination aus klassischen Streichern und moderner Rockmusik. Zwischen den zwei Polen pendeln wir hin uns her, das ist unser Spannungsfeld. Wir versuchen jedes Instrument nach seiner Charakteristik einzusetzen, sozusagen das Beste aus jeder Zeit hineinzulegen.

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Bands?
Das sollte eigentlich der Hörer entscheiden. Wir sind uns vor allem unseres Instrumentariums bewusst und versuchen die Musik zu machen, die sich für uns logisch daraus ergibt. Ich denke schon, dass Letzte Instanz eine besonders ehrliche und authentische Band ist.

Mit wem kann man die Letzte Instanz von der Musik her am ehesten vergleichen?
Ach nee, wir wollen nicht vergleichen. Vergleiche sind immer relativ und hängen vom Standpunkt des Betrachters ab. Für meine Mutti klingen wir wie Metallica, für einen True-Metaler machen wir Mädchenmusik. Wir wollen je gerade individuell sein. Der Hörer fühlt sich angesprochen oder berührt oder eben nicht, dann können wir es auch nicht ändern. Wir sind, wie wir sind.

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
Auch wieder sehr individuell: 7 Köpfe, 7 Meinungen. Wenn wir uns an einem Punkt treffen, dann wird das Letzte Instanz. Jeder ist da an einer anderen Stelle losgelaufen.
Um Religion hat sich bei uns schon immer einiges gedreht. Da verweise ich einfach mal auf unsere Texte, da spielt die Suche nach Metaphysik immer auch eine Rolle.

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Das solltet ihr die Damen und Herren in den entsprechenden Medien fragen. Ich verstehe die deutsche Musiklandschaft einfach nicht und das Publikum auch nicht. Wer sich den ganzen Tag Werbung für Handy-Klingeltöne antut, nur um sich dann zwischendurch die immer gleichen Video-Clips reinzuziehen, der tut mir leid. Wir erreichen unsere Fans über Konzerte, CDs und Szenepresse – das muss reichen.

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung widerlegen?
Gibt es die? Ist mir neu, wir haben auf „Ins Licht“ extra mal weniger „Stilmix“ gemacht, um zu verhindern, dass aus Vielfalt Einfalt wird und ich denke, das ist uns gelungen.

Welche Zielgruppen hat eure Art von Musik?
Den geneigten Zuhörer. Wir wollen uns da keinesfalls festlegen. Außer Nazis dürfen alle unsere Musik gut finden.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
Ich denke, was heute allgemein als Mittelaltermusik bezeichnet wird hat nicht so viel mit dem historischen Mittelalter zu tun. Da spielt viel Fantasie, aber auch Kitsch, rein. Insofern ist da wohl nix verboten. Alles, was ein Forum findet und keinem schadet, sollte erlaubt sein.

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Schön, solange die Atmosphäre stimmt. Wenn der Mittelaltermarkt zum Prollfest mit Abzocke wird und die Leute einfach nur noch Bratwurst und Bier gegen Feuerfladen und Met tauschen, dann wird es traurig.

Wohin wird eure Entwicklung gehen? Mit „Ins Licht“ seid ihr teilweise zu euren Wurzeln zurückgekehrt und die Streicher erhielten wieder mehr Einzug.
Back to the roots. Ja, auf jeden Fall. Das ist das eingangs beschriebene Ziel Rockmusik mit klassischen Streichern zu kombinieren. Wir haben viel Budenzauber und Schminke weggelassen, um Instanz mal wieder nackt zu zeigen. Sozusagen als eine Art Neuanfang. Nach 9 Jahren Musik fragt man sich, was man in all den Jahren gelernt hat und was einem wirklich wichtig ist. Genau das haben wir auf „Ins Licht“ gemacht; keine Experimente, dafür pure Instanz.

Wie groß schätzt ihr den Metal/Gothic/Fantasy-Anteil an eurer Musik ein, auch verglichen zu den mittelalterlichen Elementen?
Also, eigentlich geht unser Mittelalter-Anteil im historischen Sinne gegen null. Unsere Anleihen liegen in der Klassik, also einige hundert Jahre später. Aber mein Gott, was soll es? Es geht in der Szene doch mehr um Spaß und Fantasie als um Vorlagentreue. Ich würde mal sagen: 30 Prozent Klassik, 10 Prozent Folk, 20 Prozent Metal und 40 Prozent Rock – aber nagelt mich bitte nicht darauf fest.

Für wie wichtig haltet ihr bandübergreifende Kooperationsprojekte wie z.B. bei „Das Stimmlein“, wo u.a. Thomas von Schandmaul und Eric Fish von Subway to Sally als Sänger aktiv waren?
Sehr wichtig, wenn sie sich ergeben. Wir haben nur gemacht, wozu wir Bock hatten und mit guten Freunden singt man auch gern mal ein Lied. Das der Song ein „Hit“ geworden ist, freut uns und zeigt auch, dass die Szene solche Zusammenarbeit schätzt.

Gibt es weitere Planungen dieser Art oder ist es eher schwierig viele verschiedene Köpfe unter einen Hut zu bringen?
Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Schauen wir mal, was sich so auftut.

Wie wichtig ist für euch Singen in deutscher Sprache?
Extrem wichtig. Das hat viel mit der schon beschriebenen Authentizität zu tun. Uns ist es sehr wichtig, dass Musik, Text und Ansprechhaltung zusammen passen. Wir transportieren Inhalte und haben etwas zu sagen. Und wir wollen, dass unsere Fans uns verstehen. Bei uns geht es nicht nur um Lifestyle oder darum auf einen Zug aufzuspringen. Deshalb gab es zu unserer Muttersprache für uns nie eine wirkliche Alternative.

Verbindet ihr damit auch direkt politische oder gesellschaftliche Statements in euren Songs oder verarbeitet ihr darin mehr persönliche Erfahrungen?
Wir verarbeiten das Leben und da gehört vieles dazu: persönliche Krisen, die Suche nach Sinn und Weg aber auch Politik und Gesellschaft. Politische Songs wie „Reih Dich ein“, „Gebranntes Kind“ oder „Hurra“ waren zwar nie Zentrum unserer Arbeit, aber sie waren uns wichtig.

Seht ihr euch auch als Märchen- bzw. Geschichtenerzähler so wie z.B. Thomas von Schandmaul seine Musik charakterisiert?
Ich glaube, da stehen wir ein bisschen mehr im Leben. Bei uns geht es schon um ganz konkrete Erfahrungen und persönliche Gedanken. Geschichten haben wir auf “Das Spiel“ sehr viele erzählt. Davon sind wir etwas weg gekommen, ohne dass diese Entwicklung geplant war. Außerdem machen Schandmaul das so toll, dass wir da nicht mithalten können ;-)

Wenn ihr wirklich die „Letzte Instanz“ für die Menschen wärt. Wie lautete eure Botschaft?
Hört nie auf danach zu suchen. Stillstand ist das Ende, Bewegung das Leben. Ob man die letzte Instanz der Dinge findet ist nicht wichtig – dass man stetig danach sucht ist essenziell.

Gibt es Unterschiede zwischen Fans von eurer Musik und den Anhängern anderer Bands? Wenn ja, welche?
Unsere Fans sind tolerant und sehen extrem gut aus.

Ihr sagtet schon öfters, dass es bei euch krachen muss. Trotzdem gehört Nachdenken und Melancholie scheinbar ebenfalls dazu. Wie verbindet man als Musiker solche Elemente, die an sich völlig entgegengesetzt sind?
Wir leben in einer polaren Welt und wir verstehen die Dinge auch nur so. Unser ganzes Leben besteht aus Widersprüchen, da wäre es reichlich unglaubwürdig, wenn es in unserer Musik nicht so wäre. Wir wollen keinem eine heile Welt vorgaukeln, sondern wollen zeigen, dass man in dieser Welt mit all seinen Gedanken und Sorgen leben kann, dass keiner allein ist und das man dabei sogar viel Spaß haben kann.

Wie deutet ihr den Begriff „Folkrock“? Holy führt ja u.a. einen Pub in Berlin…
Ganz einfach: Folk + Rock = Folkrock. „Rapunzel“ oder „Das Stimmlein“ sind für mich Folk-Rock-Songs, d.h. traditionelle Melodien mit Rockarrangements. Die Stücke kann man aber auch am Lagerfeuer spielen.

Wie wichtig sind irische und schottische Klänge in eurer Musik?
Mögen wir sehr, spielen aber in der Musik der Letzte Instanz eher keine Rolle.

Fiddler’s Green gehen in eine ähnliche Richtung. Eure Meinung zum Irish Independent Speedfolk?
Instanz würde ich jetzt ungern in einen Topf mit Fiddler’s Green werfen. Wir sind musikalisch und vom Sound her wirklich sehr unterschiedlich. Das einzige, was uns verbindet, ist das Instrumentarium. Da sieht man mal, wie unterschiedlich die Ergebnisse sein können.

Um zum Ende zu kommen. Wie beurteilt ihr die Berichterstattung über eure Form von Musik in den einschlägig bekannten Magazinen und im Internet?
Da muss ich gestehen, dass wir das gar nicht so sehr verfolgen. Ich weiß, dass es zum letzten Album sehr viel Presse gab und dass wir immer wieder Interviews geben. Aber jede einzelne Veröffentlichung zu verfolgen ist unmöglich. Wir arbeiten schon am nächsten Album, das kostet viel Zeit. Außerdem gibt es für uns alle noch ein Privatleben.

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Corvus Corax – Cantus Buranus
Schandmaul – super Liveband
In Extremo – Aktivisten der 1. Sunde
Subway to Sally – seit Jahren gute Freunde
Spielmänner und Spielmannsleben – das Glück findet sich auf vielen Wegen
Tradition oder Fortschritt – beides wichtig, das Beste von beidem ist die Letzte Instanz
Plugged oder unplugged – beides macht Spaß, letzteres ist umweltfreundlicher
Tokio Hotel – ich war noch nie in Tokio, ich bevorzuge die Maja-Bar in Katmandu

Fotos (c) Jens Rosendahl

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