„Gehen ein paar Mainzer ins Studio…“ Was wie der Anfang eines dummen Witzes klingt, hat nun schon zum zweiten Mal einen Post-Metal-Traum an Album hervorgebracht. Wo sich MONOSPHERE auf „Sentient“ (2023) damals richtig festigten und schon eine grandiose Platte vorlegten, melden sie sich nun mit ihrem dritten Studioalbum „Amnesia“ zurück. Um eines vorweg zu nehmen: Der Band ist innerhalb von zwei Jahren ihr musikalischer Feinschliff gelungen.
MONOSPHERE lassen auf „Amnesia“ nichts anbrennen: Die Mainzer starten mit „Collapse“ mit schwerem und bedrohlichen Sound und nehmen mit dem Song ordentlich Fahrt auf. Mit einer Prise Djent, der von Sänger Kevin Ernsts zartem Klargesang kontrastiert wird, rundet die Band ihren Albumeinstieg perfekt ab.
Herauszustellen sind die fließenden Übergänge zwischen den Songs. „Collapse“ geht reibungslos in „Anomia“ über und „Anomia“ fließt regelrecht in „Nadir“ hinein. Sänger Kevin Ernst zeigt bei den ersten Titeln direkt, was er draufhat: von tiefen Growls bis zu zartem Klargesang wird hier alles präsentiert. Mit seiner stimmlichen Vielseitigkeit setzt er Emotionen perfekt um und man nimmt Ernst seine gesungenen Worte hundertprozentig ab. Wenn er eins kann, dann ist es Authentizität.
Erwähnenswert ist der Kontrastreichtum auf „Amnesia“. Dieser ist es nämlich schließlich, der einen spätestens ab dem sich dramatisch aufbauenden Titel „Nadir“ komplett einnimmt. MONOSPHERE setzen nach einleitender Gitarre zunächst auf ein Klavier als Melodieinstrument, dessen Motiv nach und nach von den anderen Instrumenten übernommen wird und dadurch die Stimmung wieder in härtere Sphären führt. Ernst schreit schlussendlich in schwarzmetallischer Manier darüber, bis dann am Ende das Klavier erneut alleinig erklingt.
Was die Jungs auch können: Immersion. Dahingehend überzeugt die Band mit „Idiomorph“ und dem letzten Track „Dissolve“. Beide stechen durch die enge Verzahnung von musikalischer und lyrischer Ebene heraus. Auf „Idiomorph“ erzeugt die bildhafte Sprache zunächst eine clubartige Atmosphäre, die durch einen tiefen Reggaeton-Beat gestützt wird. Gleichzeitig thematisieren die Lyrics das Gefühl der Anziehung zu einer anderen Person, was sich in den melodischen Elementen widerspiegelt: Gitarren und Gesang wirken verlangsamt und fast tranceartig. Aus diesem Kontrast zwischen treibendem Rhythmus und zurückgenommenem, fast schon hypnotischem Melodiespiel entsteht eine dichte, immersive Wirkung. Thematisch bewegen sich MONOSPHERE auf „Dissolve“ hingegen im Bereich des Missbrauchs. Dieser spiegelt sich in überladenen, nahezu erdrückenden Passagen wider, in denen sich Instrumentenspuren übereinander stapeln und kaum noch Raum lassen. Gegen Ende verdichtet sich der Text zu einer mantraartigen Wiederholung. Parallel dazu tritt aus dem Hintergrund zunehmend Ernsts gutturale Stimme hervor. Sie gewinnt schrittweise an Dominanz, bis sie seinen klaren Gesang am abrupten Schluss vollständig überlagert und gewissermaßen verschlingt.
Mit „Amnesia“ ist MONOSPHERE ein meisterhaft umgesetztes Konzeptalbum gelungen. Authentisch, immersiv und kontrastreich: damit gewinnt die Platte. Den meisten Spaß wird man mit „Amnesia“ haben, wenn man sich zurücklehnt, sich einsaugen lässt und es von Anfang bis Ende genießt. Man darf wohl in den nächsten Jahren großes von MONOSPHERE erwarten, wenn die Jungs in dieser Qualität weiter voranschreiten. Bravo! Das war großartig.
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Wertung: 9.5 / 10


