CD-Review: Moonsorrow - Viides Luku - Hävitetty

Januar 2007

Besetzung

Ville Sorvali – Gesang, Bass
Henri Sorvali – Gitarre, Keyboard
Mitja Harvilahti – Gitarre
Markus Eurén – Keyboard
Marko Tarvonen – Schlagzeug

Tracklist

01. Jäästä Syntynyt / Varjojen Virta
02. Tuleen Ajettu Maa


Ein gutes Buch liest man gerne immer wieder. Manchmal von der ersten Seite an, manchmal auch nur auszugsweise, an Stellen, die besonders gefallen und begeistert haben und einen erst recht dazu bringen, noch mehr davon zu lesen. Sei es das unbeschwerte erste Kapitel, die nachfolgenden träumerischen, vielseitigen und in Details ausschweifenden Kapitel zwei und drei oder das düstere vierte Kapitel. Und wenn man denkt, es geht nicht besser, kommt es mal wieder alles anders: Das fünfte Kapitel überragt das bisher da gewesene an Erhabenheit, Anmut und Glanz.Die Autoren heissen Ville, Henri, Mitja, Markus und Marko, das Buch ist die Musik, und das fünfte Kapitel im Buche MOONSORROW nennt sich „Viides Luku – Hävitetty“ („Chapter V – Destroyed“).

Was zerstören die Finnen mit ihrem fünften Album denn? Nun, wer dachte, MOONSORROW könnten die epischen Klänge einer „Kivenkantaja“, die Komplexität einer „Verisäkeet“ oder die Vielfalt der gesamten gesammelten Werke nicht mehr überbieten, dessen Illusionen werden nun zerstört. Sich selbst überbieten sie auch, was die Songlängen anbetrifft. Vermeintlich magere zwei Lieder zeigt die Tracklist, doch mit dem Wissen um die jeweils knappe halbe Stunde Spielzeit dürfte auch dem letzten klar sein, dass die Band von partytauglicher Musik und unbeschwert-eingängigen Klängen nun vollkommen abgerückt ist.

Dabei beginnt alles ganz ruhig und bedächtig, eine Akustikgitarre beherrscht zusammen mit einer elegischen Hintergrundmelodie und Knistern die ersten Minuten, die nur durch einen beinahe schon besinnlich wirkenden Männerchor teilweise ergänzt werden. Langsam steigert sich die Melodie in dramatische Sphären, erhält eine direkt hypnotische Wirkung. Spätestens wenn die ersten Schreie einsetzen und die melancholisch-schwarzmetallische Grundmelodie ihren Lauf nimmt, verfällt man „Jäästä Syntynyt / Varjojen Virta“ vollends. Als wäre es eine akustische Zauberkugel pulsierenden Lichtes, in dem man sich nur allzu gerne verliert und sich dem lieblichen Griff einfach nicht mehr entziehen will.
Doch plötzlich verstummen die leidenden Schreie und das dicke, bombastische instrumentale Gerüst und weicht einer sorgenfreien und von allem losgelösten Akustikgitarre, alle Melancholie und Trauer sind schlagartig vergessen. Doch kaum gewöhnt man sich an diese lockere Stimmung, reisst uns ein weiterer markerschütternder Schrei zurück in die Realität. Die schwermütige und bedrückende Atmosphäre wirkt kurzzeitig wie weggeblasen, es dominieren positiv wirkende Klänge und unverhoffte Raserei, die Verschnaufpause scheint neue Kräfte geliefert zu haben. Doch nach jedem Sturm kommt auch wieder Ruhe, so kehren die Leitmotive der ersten Hälfte wieder und entführen den Hörer erneut, bis sich der Kreis schließt und es endet, wie es beginnt. Mit einfachem Knistern.

Nach diesem kleinen Wegweiser durch den ersten Teil soll der Inhalt von „Tuleen Ajettu Maa“ hier ein Geheimnis bleiben, es sei nur gesagt, dass das eben gehörte Meisterwerk meiner Meinung nach sogar noch übertroffen wird, ausserdem gibt es das ein oder andere ungewohnte Element zu hören, wie etwa schon zu Beginn des zweiten Liedes. Ansonsten sind alle MOONSORROW-typischen Elemente wie das Akkordeon, Flöten oder die Maultrommel wieder vertreten, ausserdem die erhabenen Chöre und der wiederum geniale (Krächz-)Gesang Villes.

“Viides Luku – Hävitetty” ist Pagan Metal respektive Musik in seiner epischsten, erhabensten, fesselnsdsten und beeindruckendsten Ausführung. Quorthon hat das Genre ins Leben gerufen, MOONSORROW haben es perfektioniert und es zur Kunst erhoben und purste Erlebnismusik geschaffen, die laufend Bilder in den Kopf des aufmerksamen Hörers zaubert. Hier liegt auch das einzige „Problem“ dieses Albums: Vollste Aufmerksamkeit ist vonnöten, um hier den Zugang zu finden. Es sind zahlreiche Durchgänge nötig, bis sich nach und nach gewisse Stellen einprägen und sich im Kopf zu einem Ganzen zusammenfügen. Hat sich das Album erstmal geöffnet, kann man sich davon nur schwerlichst wieder lösen – falls man das, aus welchem Grund auch immer, denn überhaupt möchte.

Die schönsten Momente im Leben sind die, in denen man weder Gedanken an die Vergangenheit noch an die Zukunft verschwenden muss. MOONSORROW schaffen hier solche Momente, großartige Momente, die alles vergessen lassen. Immer wieder, und wieder, und wieder…

Bewertung: 10 / 10

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