Review Morbid Angel – Illud Divinum Insanus – The Remixes

Man muss MORBID ANGEL ganz gewiss nicht mögen – den Legendenstatus kann man den Death Metallern um den nicht unumstrittenen Fronter David Vincent jedoch kaum absprechen. Gerade um diesen scheinen sich die Herren aus Tampa, Florida allerdings wenig zu scheren, wie die jüngsten Entwicklungen zeigen – und verdienen sich mit dem Mut, den sie dabei beweisen, meinen ganzen Respekt. Wie oft erlebt man es schließlich, dass eine alteingesessene Death-Metal-Band nicht nur einen Industrial-Remix anfertigen lässt, welcher die Die-Hard-Fans wohl schon ziemlich vor den Kopf gestoßen haben dürfte, sondern gleich ein komplettes Remix-Album zusammenstellt?

MORBID ANGEL sind nach ihrem eh schon umstrittenen Album „Illud Divinum Insanus“ genau diesen Schritt gegangen: Gab es zum Album bereits eine Single („Nevermore“), zu welcher Andy LaPlague, Kopf des schwedischen Industrial/Techno-Projekts Combichrist, einen für ihn sehr typischen und damit für MORBID ANGEL-Fans wohl recht eigenwilligen Remix zum Song „Destructos Vs. The Earth“ beisteuerte, steht mit „Illud Divinum Insanus – The Remixes“ nun ein komplettes Album mit Remixes in den Läden.
Knapp 90 Minuten Spielzeit erwarten den geneigten Hörer – wer genau das jedoch sein soll, ist eine berechtigte Frage… für MORBID ANGEL-Fans heißt es hier wohl: „Stark bleiben!“
Denn soviel ist gewiss: Wessen Herz ausschließlich für rohen, erdigen Death Metal schlägt, und wer schon „Illud Divinum Insanus“ zu steril fand, wird hier wenn nicht tausend, so doch zumindest 31 Tode sterben. Mit Death Metal hat das hier präsentierte Material nämlich nicht mehr das geringste zu tun: So wurden für diese Veröffentlichung 31 Künstler aus den Bereichen Elektro, Industrial und Dubstep gebeten, sich des Materials des letzten Albums anzunehmen – und haben dabei, man kann es nicht anders sagen, wahrlich ganze Arbeit geleistet: Bis auf die Gesangsspuren ist in den meisten Fällen vom Original nichts oder nur wenig übrig geblieben – doch sind wir ehrlich: Alles andere wäre ja auch witzlos. So macht es auch tatsächlich nichts, dass der Song „I Am Morbid“ in ganzen zehn Versionen auf dem Doppelalbum vertreten ist – ähneln sich die Varianten doch nur rudimentär. Schade ist lediglich, dass obwohl sich hier fast dreimal so viele Songs als Remixes wiederfinden, wie es Tracks auf dem originalen Album gibt, dennoch manche Stücke unbearbeitet blieben – sei es nun „Blades For Baal“, „Beauty Meets Beast“ oder „Profundis – Mea Culpa“. Eine etwas ausgeglichenere Verteilung des Songmaterials auf die remixenden Künstler wäre hier vielleicht doch angebracht gewesen.
Quantitativ gibt es wenig Grund, sich zu beschweren – neben den 31 Tracks auf zwei CDs bekommt, wer die limitierte Edition erwirbt, zudem den Zugang zu einem Download-Portal, über welches weitere acht Songs, unter anderem die Single-Nummer von Combrichrist, gedownloadet werden können. Ob man hier jedoch wirklich noch zwei weitere Versionen von „I Am Morbid“ hätte bieten müssen, steht auf einem anderen Blatt…
Auch qualitativ gesehen ist das dargebotene Material durchwachsen: Von schmissigen Dubstep-Nummern wie der „ 10 More Dead“-Version von THE TOXIC AVENGER bis hin zu schlichtweg faden Techno-Nummern wie „Too Extreme“ von HIV+ ist hier eigentlich alles vertreten. Während die „Destructos VS The Earth“-Remixes generell eher am Original bleiben, indem sie meist nahezu die komplette Gesangsspur übernehmen, gehen gerade die „I Am Morbid“-Versionen mitunter soweit, dass man sich fragt, ob ein Song wie die Elektro-Ambient-Nummer von AHNST ANDERS, der lediglich Gesangs-Fetzen sampelt, tatsächlich noch als Remix durchgeht.
Wirklich aus der Reihe tanzt dabei eigentlich keiner der Songs, weder im Positiven noch im Negativen, so dass man sich nach einer Stunde eher fragt, ob es die folgende halbe Stunde wirklich noch gebraucht hätte, beziehungsweise, ob hier nicht der ein oder andere Song schlicht verzichtbar gewesen wäre.

Was bleibt, ist die Frage, was eine Band wie MORBID ANGEL dazu treibt, ein solches Album zu veröffentlichen… könnten sie sich doch ebensogut auf ihren Lorbeeren ausruhen und, wie viele andere, alle paar Jahre ein Album gleichen Stils veröffentlichen.
Der unbändigbare Wunsch, den Fans etwas Gutes zu tun, wird es hier gewiss nicht gewesen sein – und auch die Hoffnung, mit dem Album im Zuge des aktuellen Dubstep-Hypes neue Märkte zu erschließen und doch noch reich und (noch) berühmter zu werden, erscheint als Intention wenig glaubwürdig.
Übrig bleibt also eigentlich nur ein möglicher Beweggrund – der ehrwürdigste von allen nämlich: Der Drang, sich künstlerisch auszuleben, ohne sich von Fans oder Szene Vorschriften machen zu lassen. Und auch, wenn die künstlerische Leistung von MORBID ANGEL an diesem Remix-Album zugegebenermaßen quasi gegen Null geht, hat allein der Mut, ein solches Projekt zu starten und mit dem eingenen Namen und Ruf dafür einzustehen, einigen Respekt verdient.

„Illud Divinum Insanus – The Remixes“ ist gewiss kein Album, das es leicht haben wird: Oldschool-MORBID ANGEL-Fans täten wohl am besten daran, seine Existenz gänzlich zu verleugnen – denn was wirklich niemand braucht, ist stumpfes Lamentieren, dass es ein Album wie dieses von einer Band wie dieser nicht geben dürfe… hier greift definitiv Regel Nummer eins: Die Band darf alles.
Fans aus der Elektro- / Industrial- und Dubstep-Ecke können hier hingegen auch, wenn ihnen der Name MORBID ANGEL bisher kein Begriff war, allemal ein Ohr riskieren – auch wenn das Album, rein musikalisch gesehen, leider nicht so viel Zug und damit Unterhaltungswert hat, wie man es sich von einem Werk aus dieser Genre-Ecke vielleicht erhofft oder erwartet. Und dennoch, ich bleibe dabei: Allein der Versuch ist ehrenwert – auch wenn das Resultat leider etwas hinter meinen Erwartungen zurückbleibt.

Wertung: 6 / 10

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