Musa Dagh Artwork

Review Musa Dagh – Endurance

Es gab eine Zeit, in der der deutsche Noise-Rock-Underground florierte. Zu den prominentesten Vertretern dieser Ära dürfte die von 1992 bis 2014 aktive Band Harmful zählen, aber auch Scumbucket oder Rinderwahnsinn könnten eingefleischten Fans seit den Neunzigern ein Begriff sein. Der Tod von Guido Lucas (Gründer des legendären Labels bluNoise Records und des zugehörigen Tonstudios bluBox – für manche quasi ein deutscher Steve Albini) im Jahr 2017 hinterließ jedoch ein Loch in der Szene – und sorgte für Stagnation.

Doch das möchte Harmful-Gitarrist und -Frontmann Aren Emirze nicht so stehen lassen und präsentiert mit „Endurance“ den dritten Longplayer seiner aktuellen Band MUSA DAGH. Initial prominent besetzt mit eben Emirze an der Gitarre, Aydo Abay (ehemals Blackmail) und Thomas Götz von den Beatsteaks (der auf dem zweiten Album von Madsens Sascha Madsen ersetzt wurde), ist heute nur noch der Saitenhexer von der Ursprungsbesetzung übrig. Für „Endurance“ hat sich Emirze nun den Abwärts-Trommler Martin „Dog“ Kessler und die Avantgarde-Noise-Rockerin Sandra „Safi“ Fink für Gesang und Bass ins Boot geholt – was den MUSA-DAGH-Sound nicht grundlegend, aber eben mehr als nur ein bisschen ändert.

Und das ausschließlich im positiven Sinne: Schon die ersten beiden Songs, die Singleauskopplungen „Hollow Rooms“ und „Beggars Banquet“ zeigen die stilistische Bandbreite auf „Endurance“ auf. Von melodisch-dreckigem und alternativ angehauchtem Noise Rock bis hin zu ebenso dreckigem, schon fast sludgigem (Post-)Hardcore-Punk wird auf MUSA DAGHs neuem Album eine ganze Menge geboten. Safis Gesang ist dabei oftmals das i-Tüpfelchen: Deutlich weniger sperrig als auf ihren Solowerken (Jarboe von den Swans lässt grüßen), bewegt sich die Leipzigerin stimmlich spielerisch zwischen Julie-Christmas-artigen, disharmonischen (Sprech-)Gesang und bisweilen wütender (Punk-)Rock-Röhre á la Sandra Nasic (Guano Apes) – und ist dabei in jedem Moment hochgradig emotional und vor allem glaubwürdig.

In Verbindung mit Kesslers groovig-fettem Schlagzeug sorgt Safi am Bass außerdem für einen großartigen Rhythmusunterbau, der Emirzes mal melodischen, mal räudigen Riffs ein perfektes Fundament bietet. Rockige Ohrwürmer wie die beiden bereits genannten Songs oder auch „Lights Of The Shadows“ bietet MUSA DAGHs aktueller Output zuhauf – dass es aber auch ruhiger geht, zeigt das balladeske „Not Even A Name“ ohne Schlagzeug (aber dafür mit weirder Noise-Wolke in den letzten Takten). „Goddine“ ist ein weiteres Highlight, irgendwo zwischen Noise Rock und (Post-)Hardcore – und dass der durchaus versierte Sänger Emirze wie in „Fragments“ auch mal am Mikrofon unterstützt, sorgt ebenfalls für Abwechslung.

Produzent Moses Schneider hat „Endurance“ einen massiven und genretypisch nicht allzu polierten, aber jederzeit transparenten Gesamtsound verpasst. Neben Bass und Gesang hat Safi zusätzlich viele Kleinigkeiten im Klangbild zu verantworten, die auch die poppigste Passage ins rechte (Noise-)Licht rücken: So gibt es im Hintergrund von verzerrten Vocalfragmenten bis hin zu merkwürdigen Soundakzenten, teilweise mit Gitarre und Bass generiert, teilweise unbekannten Ursprungs, für das aufmerksame Ohr eine ganze Menge zu entdecken.

Unterm Strich kann man Aren Emirzes Versuch, mit MUSA DAGHs neuem Album für ein bisschen frischen Wind im deutschen Noise Rock zu sorgen, als zu hundert Prozent geglückt bezeichnen. Noisig, aber zugänglich, gleichzeitig hochmelodisch, ohne sich dem Kommerz anzubiedern, ist „Endurance“ auf jeden Fall ein heißer Kandidat für das Siegertreppchen in diesem Jahr und sei allen aufgeschlossenen Hörer:innen, die neben den bereits genannten Referenzen auch was für die Melvins übrig haben, wärmstens empfohlen.

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Wertung: 9.5 / 10

Stephan Gossen

Publiziert am von

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