Das Cover von "The Wow!-Signal" von Muse

Review Muse – The Wow! Signal

1977 empfing man über das Big Ear Telescope der Ohio State University ein Radiosignal, das die Existenz außerirdischen Lebens beweisen sollte. Schlussendlich bewies man damit nichts. Der Astronom Jerry R. Ehman jedenfalls fand damals nur ein Wort für die Signalanomalie: „Wow!“. Stellt sich also die Frage, ob die Kreuz-und-quer-Rocker von MUSE auf ihrem zehnten Album ihr „Wow-Signal“ wiedergefunden haben.

Um das gleich zu beantworten: Ja, haben sie. Denn schon auf dem Opener setzen sich MUSE kaum Grenzen. „The Dark Forest“ startet spacig mit fiesen Synthesizern, nur um gleich darauf in eine aufwühlende Streicherkulisse  überzugehen. Dieses Element ist für den Einstieg von „The Wow! Signal“ fast schon motivgebend, denn während die Strophe an sich eher defensiv wirkt, sind es eben jene Streicher und die hinzukommenden Chöre, die der Nummer ihren aufwühlenden Charakter verleihen. Da kann man die über weite Strecken eher hintergründige Gitarrenarbeit dieses Stücks gut verschmerzen.

Weiterhin wären MUSE nicht MUSE, würden sie anschließend nicht vollkommen selbstverständlich eine groovige, bassgetriebene Disco-Nummer („Nightshift Superstar“) neben eine sehr schön komponierte Ballade stellen. „Shimmering Scars“ nämlich ist nach dem Opener ein weiteres Highlight der neuen Platte. Die sehnsüchtigen Keyboardlinien bilden in Kombination mit Matt Bellamys markanter Stimme das Fundament für eine an sich reduzierte und trotzdem extrem emotionale Nummer. Hier kommen MUSE wieder an allen Fronten zu sich. Saftige Bässe, tighte Drums und melodisch-rauer Gitarrensound stellen sich völlig homogen neben Orgelbögen und widersprechen dabei zu keiner Zeit den gut gesetzten Ruhepunkten dieses Titels.

Natürlich kann die Truppe nicht nur schwelgen. Die kraftvollen Metal-Einschübe, wie beispielsweise auf „The Sickness In You & I“ oder dem fast schon brutalen „Unravelling“ zu hören, setzen gegenüber geradlinigem Rock („Cryogen“) und fast kathartischer Größe („Be With You“) einen perfekten Kontrast. Allgemein ist „The Wow! Signal“ trotz seiner vielseitigen Einflüsse wieder extrem homogen geraten. Ob MUSE nun Disco spielen, epische Orgelkulissen auffahren oder die Metal-Keule herausholen – 2026 wirkt da nichts deplatziert. So bringt die Band auf „Hexagons“ die Opulenz von „Absolution“ spielend mit der spacigen Attitüde eines „Simulation Theory“ zusammen, während „Hush“, auf dem Sängerin Ellie Goulding einen Gastauftritt hat, die für MUSE typisch schmissigen, leicht vertrackten Drum- und Gitarrenarrangements mit einem Hauch Electronica und jeder Menge (passendem!) Pop-Appeal zu einem absolut feinen Ohrwurm verwebt.

Und irgendwie fühlt es sich dann fast schon verdient bodenständig an, wenn das zu Beginn sehr reduzierte „Space Debris“ noch einmal die wilden Streicher vom Anfang aufgreift, diesmal jedoch mit einem Motiv des Abschieds. Melancholisch und schön zugleich möchte man sich vorstellen, wie etwas, ein Leben, das größer ist als wir, über dieses tragische Lied zu der Einsicht gelangt, dass es vielleicht doch besser ist, die Verbindung zum Planeten Erde zu trennen.

MUSE sind und bleiben ein Faszinosum. Nach dem eher schwächelnden „Will Of The People“ hat das Trio auf „The Wow! Signal“ endlich seine Kohärenz wiedergefunden. Das bedeutet freilich nicht, dass Matt Bellamy und Co. dieser Tage leichter greifbar wären. Ganz im Gegenteil: Die Schlucht zwischen Alternative Rock, elektronischen Spielereien, verletzlichen Balladen und heftigen Metal-Vibes ist unverändert groß. „The Wow! Signal“ taugt nicht unbedingt durchweg für nebenbei, wenn man die neue Veröffentlichung der Briten jedoch vollständig durchdringt, kommt man nicht umhin festzustellen, dass die Band ihr bestes Album seit elf Jahren veröffentlicht hat.

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Wertung: 8 / 10

Philipp Sorger

Publiziert am von

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