Wer TABERNIS zum ersten Mal begegnet, dürfte zunächst vor allem eines denken: Was zur Hölle ist das? Das deutsche Duo hat sich mit einem ungewöhnlichen Konzept und einer auffälligen Optik in den sozialen Medien einen Namen gemacht. Noxifer und Umbrae treten in aufwendig gestalteten, mittelalterlich anmutenden Imkergewändern auf, inklusive Gesichtsschleiern und Umhängen. Musikalisch beschränkt sich das Duo auf Dudelsack und Davul, ergänzt um wenige weitere Instrumente. Das Ergebnis ist eine Mischung aus archaisch anmutender Mittelaltermusik, Drone und Ambient, die vor allem durch ihre Inszenierung eine ganz eigene Atmosphäre entwickelt.
Mit dem Debüt „Seasons Of The Dark Hive“ damit stellt sich zwangsläufig die Frage, ob ein Konzept, das in kurzen Reels hervorragend funktioniert, auch über die Länge eines kompletten Albums trägt. Die Antwort fällt leider ernüchternd aus: Denn während TABERNIS als Gesamtkunstwerk durchaus faszinieren können, ist die Musik selbst schlicht zu gleichförmig, um über 15 Songs hinweg nachhaltig zu fesseln. Das Album beginnt mit Bienensummen und einer verfremdeten Stimme, die den Hörer in die Welt des „Dark Hive“ einführt. Anschließend folgen instrumentale Stücke, die mit Dudelsack, Trommel und gelegentlich sparsamen Streicherpassagen eine bewusst altertümliche Atmosphäre erzeugen. Zwischendurch taucht immer wieder eine erzählerische Stimme auf, die das Konzept weiter ausbaut.
Das funktioniert zunächst durchaus. TABERNIS gelingt es, eine mystische, düstere und teilweise hypnotische Stimmung zu erzeugen. Gerade in Verbindung mit der visuellen Präsentation entsteht ein eigenständiges Gesamtbild. Das Duo hat sich Gedanken über seine Ästhetik gemacht, steckt offensichtlich viel Arbeit in historische Recherche und weiß genau, welche Geschichte es erzählen möchte. Nur: Die Musik selbst erzählt diese Geschichte über weite Strecken immer wieder auf dieselbe Art. Die Instrumentierung ist extrem reduziert, was grundsätzlich kein Problem sein muss. Hier führt die bewusste Beschränkung allerdings dazu, dass sich viele Stücke kaum voneinander unterscheiden. Die Arrangements folgen ähnlichen Mustern, die Tempi verändern sich nur marginal und auch melodisch bleibt vieles in einem überschaubaren Rahmen. Was als atmosphärisches Einzelstück funktionieren kann, verliert auf Albumlänge zunehmend an Wirkung.
Gerade im direkten Vergleich mit anderen Mittelalterbands fällt zudem auf, dass TABERNIS musikalisch kaum Neuland betreten. Die verwendeten Elemente sind im Genre keineswegs ungewöhnlich. Dudelsack, archaische Rhythmen und ein Hauch Mystik bekommt man bei gefühlt jeder zweiten Mittelalterkombo. Einige Stücke stechen dennoch heraus: „Noctilis“ setzt stärker auf die Drone-Komponente und entwickelt mit seinem schleppenden Tempo eine angenehm melancholische Wirkung. „Lupanar Apum“ bringt mit seinem treibenden Trommelrhythmus etwas mehr Dynamik in die zweite Albumhälfte und erinnert tatsächlich an die musikalische Untermalung eines alten Rituals. Am interessantesten ist jedoch „Mel Obscurum“, eine Neuinterpretation des aus dem 13. Jahrhundert stammenden Palästinalieds. Hier können TABERNIS ihre Affinität zur mittelalterlichen Musik am überzeugendsten unter Beweis stellen. Technisch ist den beiden Musikern ohnehin wenig vorzuwerfen. Noxifer und Umbrae beherrschen ihre Instrumente und haben offensichtlich viel Zeit und Leidenschaft in die Umsetzung ihres Projekts investiert. TABERNIS sind mehr als zwei Musiker, die Dudelsack und Trommel spielen. Die Kostüme, die Geschichte und die gesamte Inszenierung sind ein wesentlicher Bestandteil des Projekts.
Genau darin liegt allerdings auch die Krux dieses Debüts: TABERNIS leben deutlich stärker von ihrem Konzept als von ihrer Musik. Das visuelle Erscheinungsbild ist außergewöhnlich, die Idee ist einprägsam und die Umsetzung konsequent. Musikalisch bleibt dagegen wenig hängen. Für einzelne Songs mag die archaische Atmosphäre ausreichen, 15 Stücke nach einem sehr ähnlichen Grundprinzip sind jedoch schlicht zu viel. Ob „Seasons Of The Dark Hive“ allerdings auch außerhalb ihrer bereits etablierten Nische überzeugen kann, darf bezweifelt werden. Für Fans von Fantasy, Mittelalter und entsprechender Live-Inszenierung dürfte das Duo dennoch interessant bleiben. Musikalisch wäre für die Zukunft allerdings deutlich mehr Abwechslung wünschenswert.
„Seasons Of The Dark Hive“ ist ein Album mit einem starken Konzept und einer außergewöhnlichen Präsentation, das aber zu wenig Abwechslung bietet, um über die volle Distanz zu überzeugen oder sich groß abzuheben. TABERNIS haben mit ihrem Gesamtkonzept eine interessante Nische gefunden. Jetzt müssen sie nur noch zeigen, dass sie diese auch musikalisch ausfüllen können.
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