Thief - Bleed Memory Cover

Review Thief – Bleed, Memory

  • Label: Prophecy
  • Veröffentlicht: 2024
  • Spielart: Electronic

Im Alltag scheint uns der Wert von Erinnerungen oftmals nicht bewusst zu sein. Schwelgt man in ihnen, gilt man als sentimental; erlebt man Unliebsames, möchte man es hingegen oft vergessen. Tatsächlich sind Erinnerungen – gute wie schlechte – jedoch die Substanz einer jeden Persönlichkeit – und diese genießt in unserer zunehmend individualistischen Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Es ist also nicht verwunderlich, dass der agierende Soundkünstler Dylan Neal von seinen Erfahrungen mit der Demenzerkrankung seines Vaters dazu inspiriert wurde, Erinnerungen und deren Auswirkung auf unsere Identität und Wahrnehmung der Realität ins konzeptionelle Zentrum des THIEF-Albums „Bleed, Memory“ zu stellen.

Mit dem vierten Full-Length seines eklektischen Electronic-Outlets hat Neal ein wahres Gesamtkunstwerk geschaffen. Von dem auf Vladimir Nabokovs Autobiografie („Erinnerung, sprich“) anspielenden Titel über das gespenstische Artwork – eine von Joseba Eskubi gemalte, kaum als solche erkennbare Neuinterpretation von El Grecos „Die Tränen des Heiligen Petrus“ – bis hin zu den außergewöhnlichen Tracks per se greift hier alles auf eindringliche Weise ineinander. Selbiges gilt für die zahlreichen unterschiedlichen Stilelemente, die THIEF in seiner Musik enger denn je miteinander verknüpft.

Lässige und doch geschäftige Trip-Hop-Beats („Bleed, Memory“) treffen auf mal greifbar ominöse („Apparitions“), mal schummrige Synthesizer („Paramnesia“), schwerelose Ambient-Klangflächen („Hexproof“) und harsch dröhnende Industrial-Sounds („Pneuma Enthusiastikon“). Auch die beschwörenden Chor-Samples, die dem Schaffen des US-Amerikaners stets eine über die physische Welt hinausgehende Bedeutsamkeit verliehen haben, werden von THIEF erneut in die Songs integriert. Die mit der Methode der Granularsynthese zerstückelten, geloopten, übereinandergeschichteten und anderweitig manipulierten Samples, die dem Konzept entsprechend besonders spukhaft klingen, sind jedoch wie zuvor bereits auf „The 16 Deaths Of My Master“ (2021) eher im Hintergrund und fügen sich dadurch umso schlüssiger in die Songs ein.

Nicht nur hinsichtlich der Samples legt THIEF eine bemerkenswerte Detailverliebtheit an den Tag – jeder Sound und jeder Beat auf „Bleed, Memory“ ist wohlüberlegt platziert. Auch Neals vielseitige Vocals, die von einem fremdartig abgehackten Gesäusel über wehklagenden, mitunter fast schon angsterfüllten Gesang bis hin zu erschreckenden Screams reichen, werden von ihm auf äußerst akribische, ausdrucksstarke Weise eingesetzt. Ebenso vielschichtig ist die Produktion, um die Neal sich – mit Ausnahme des von John Greenham übernommenen Masterings – allein in seinem Heimstudio gekümmert hat.

Mit „Bleed, Memory“ bringt Dylan Neal effektiver denn je auf den Punkt, was sein Schaffen unter dem Namen THIEF so außergewöhnlich macht. Stilistisch vielseitiger und nuancierter als seine ersten beiden Alben, mit einer Gesamtlaufzeit von einer Dreiviertelstunde zugleich aber weniger aufgebläht als „The 16 Deaths Of My Master“ ist das vierte Album des Ausnahmemusikers zweifelsohne sein vorläufiges Magnum Opus. Das eindringliche Gesamtkonzept macht „Bleed, Memory“ zudem zu einem Werk, das weit mehr als die ohnehin schon beachtliche Summe seiner Teile ist.

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Wertung: 9 / 10

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