CD-Review: Vanden Plas - The Seraphic Clockwork

Besetzung

Andy Kuntz – Gesang
Stephan Lill – Gitarre
Torsten Reichert – Bass
Andreas Lill – Schlagzeug
Günter Werno – Keyboards

Tracklist

01. Frequency
02. Holes In The Sky
03. Scar Of An Angel
04. Sound Of Blood
05. The Final Murder
06. Quicksilver
07. Rush Of Silence
08. On My Way To Jerusalem
09. Eleyson (Bonustrack)


Konzeptalben sind „Teufelswerk“. Insbesondere solche, die von Progmetal-Bands erdacht werden. „The Seraphic Clockwork“, das neue Album der deutschen Frickelhelden VANDEN PLAS, ist wieder mal ein gutes Beispiel dafür.

Gut festhalten: Es geht (wie schon beim grandiosen Vorgänger „Christ 0“) wieder um ein religiöses, christliches Thema. Es geht um selbst gebaute Windmühlen, mit denen der Hauptprotagonist durch die Zeit reisen kann. Es geht um Tod und Teufel, um die große Liebe des Lebens, Seelenwanderungen, Prophezeiungen, Bestimmungen und – natürlich – um Bücherstädte mit alten Schriftrollen und Papierdämonen. Ganz wie bei „Die Stadt der träumenden Bücher“ von Walter Moers. Bei aller Liebe, aber ist das nicht etwas zu viel des Guten? Muss das wirklich sein? Ich kann mich darüber – und über die Tatsache, dass die Promofirma der Platte fast drei vollgeschriebene DIN A4-Seiten Infos zur Story beilegt – nur schmunzeln und leise lächeln. Insbesondere auch deswegen, weil VANDEN PLAS traditionell eine jener Bands ist, die geniale Kompositionen schreiben, aber es leider nicht schaffen, eine Konzeptalbum-Atmosphäre aufkommen zu lassen. An wiederkehrende Motive ist da gar nicht erst zu denken. Musik und Story bilden keine Einheit.

Vier Jahre sind vergangen seit „Christ 0“. Vier Jahren, die Sänger Andy Kuntz & Co. hauptsächlich in ihrer zweiten Heimat, dem Pfalztheater Kaiserslautern, verbracht haben. Dort haben sie unter anderem „Christ 0“ als Musical aufgeführt. Nun haben Vanden Plas schon seit einiger Zeit einen Hang dazu, ihre Musik mit musicalartigem Kitsch und orchestralem Bombast zuzustopfen, ja geradezu zu überladen. Das muss man zweifellos mögen, zumal Kuntz‘ relativ dünne, aber absolut eigene und charakteristische Stimme gegen die übermächtige Instrumentalphalanx nur selten eine realistische Chance hat. Deswegen, aber sicher nicht nur deswegen, gibt es auch auf dem aktuellen Werk wieder ein paar schöne altertümliche Chorpassagen, die liebevoll von progmetallischen Rhythmen und Riffs umgarnt werden. Musikalisch haben die Jungs zweifellos noch eine Schippe Härte draufgelegt – die acht neuen Tracks pusten dem Hörer die Gehörgänge stellenweise ganz schön durch. Das macht Spaß und reißt mit!

Die große Stärke von VANDEN PLAS ist es, aus zunächst völlig unscheinbarem, ja sogar nervigem Material musikalische Diamanten entstehen zu lassen. Die Band hatte nie das Ziel, den Progmetal zu revolutionieren, sodass es nicht verwunderlich ist, dass der erste Track „Frequency“ in einigen Parts überaus deutlich an Dream Theaters „The Glass Prison“ erinnert und das Riff aus „Holes In The Sky“ gefährlich nahe an einen Track von Ayreons „The Human Equation“-Album kommt. Ganz ehrlich, die ersten Hördurchgänge dieses Machwerks waren eine Katastrophe: Alles klingt gleich, alles ist vollgestopft, nichts ist echt – die Musik vermittelt keine wahrhaftigen Emotionen, präsentiert nichts Neues. Die Riffs stehen so im Progmetal-Lehrbuch und sind schon tausendmal gehört.

Dummerweise aber wissen die Jungs, was sie tun. Wie schon bei „Christ 0“ entwickeln die anfangs noch völlig beliebigen Melodien der 66-minütigen Scheibe plötzlich Ohrwurm-Potential, entfalten sich zum Leben, statten sich wie selbstverständlich mit einer Dynamik aus, die selbst Bands wie Dream Theater heute fehlt. Die Riffs reißen plötzlich mit, wollen nicht mehr aus dem Kopf. Sie sind zwar tausendmal gehört, aber eben aus dem Lehrbuch. Und in dem stehen bekanntlich nur die wirklich guten Sachen drin. Wenn wir also die Konzeptidee einfach mal vergessen, und das neue Material für sich alleine sprechen lassen, kommt man nicht umhin zu sagen, dass die Band „Christ 0“ noch einmal toppen konnte. Das hier ist wirklich gut. Wer klassischen Progmetal der alten Schule, ohne diesen sensiblen, intellektuellen „Ballast“ von Bands wie Pain Of Salvation oder Dark Suns hören will, der kaufe sich schleunigst „The Seraphic Clockwork“. Ich höre das Album seit vielen Wochen rauf und runter und kann es einfach nicht beiseite legen.

Anspieltipps: Dank gleichbleibender hoher Qualität eigentlich egal, aber „Quicksilver“ und „On My Way To Jerusalem“ sind schon spitze!

Bewertung: 9.5 / 10

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