Review Wardruna – Runaljod – Yggdrasil

Wer glaubt, dass es Wongraven 1995 mit seinem Debüt gelang, die Kraft und den Zauber der norwegischen Natur zu vertonen, der wird mit dem zweiten Teil der „Runaljod“-Trilogie eines Besseren belehrt werden. „Yggdrasil“ lautet nicht nur der Name der Weltesche, sondern auch der des zweiten Albums von WARDRUNA. Einem Projekt von und mit Einar Selvik, welches von der urnordischen Kultur, deren Kulten und der Art des Musizierens verschiedener indigener Völker inspiriert wird.

Bereits der Opener „Rotlaust Tre Fell“ beweist innerhalb der ersten Minute, wie flink es den Norwegern gelingt, mittels einfacher Klänge und eines einsetzenden Kanons den Hörer in den Bann zu ziehen. Ein Opener, der die hohe Qualität der folgenden elf Tracks vorlegt, und auf den mit „Fehu“ einer der am meisten mitreißenden Songs folgt, den Selvik je schrieb; nicht verwunderlich, dass dieses Lied das musikalische Aushängeschild der Serie „Vikings“ wurde. Während die ersten Tracks noch treibend sind, begeben sich WARDRUNA in „NaudiR“ und „AnsuR“ in ruhigere, getragenere Sphären, nur um den Hörer wenig später mit einem rhythmischen „EhwaR“ sowie dem unglaublich packenden „IngwaR“ aus dem Zustand verträumter Lethargie zu reißen.

Unbegreiflich, mit welchem Talent Einar gesegnet ist, dass er lediglich mit mehrstimmigen Gesang und selbstgebauten Instrumenten eine Atmosphäre erschafft, die ein Meer an Gefühlsregungen beim Hörer entfacht – bei jedem noch so häufigen Hören und das von Lied zu Lied. WARDRUNA wohnt eine Kraft und zugleich eine Zerbrechlichkeit inne, welche die Tracks treibend („Fehu“) und ebenso berührend („NaudiR“) wirken lassen. Lässt sich auf dem Debüt „Gap Var Ginnunga“ noch ein Überhang der Instrumente feststellen, tritt die Mehrstimmigkeit auf „Yggdrasil“ glücklicherweise endlich aus deren Schatten und beweist mit einem der gelungensten Tracks der Bandgeschichte, mit „Solringen“, welches Potenzial WARDRUNA besitzt, wenn Gesang und Instrumentierung im idealen Verhältnis stehen. Dank der gleichbleibenden Art des Aufnehmens, nämlich sowohl im Studio als auch an verschiedenen Plätzen in der norwegischen und isländischen Natur, generiert auch der zweite Teil der „Runaljod“-Serie den Eindruck, dass man Natur, obgleich im warmen Sessel im Wohnzimmer sitzend oder die Spülmaschine einräumend, nicht näher sein kann.

Mit 15 Minuten mehr Spielzeit und einem Ausnutzen der Reserven, welche auf dem Debüt noch zu verzeichnen waren, gelingt dem Folk-Projekt das perfekte Album. Ein Stück Musikgeschichte, welche beeindruckender, fesselnder und ergreifender nicht sein kann. Ein Werk, dessen Tiefgang nachdenklich macht, dessen Vitalität einen nicht ruhig sitzen lässt. „Yggdrasil“ ist der Beweis dafür, dass die Verwendung der ältesten überlieferten norwegischen Instrumente keine altbackene Umsetzung von verstaubten Partituren darstellt, sondern dass etwas Historisches auch heute vollends zu verzaubern mag.

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Wertung: 10 / 10

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