Interview mit Einar Selvik von Wardruna

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Die norwegische Band WARDRUNA bedarf wohl keinerlei Vorstellung mehr. Spätestens seit ihrer beeindruckenden „Runaljod“-Album-Trilogie und Einar Selviks Mitarbeit am Soundtrack zur amerikanischen TV-Serie „Vikings“ dürfte sie in weiten Teilen Europas und der USA bekannt sein. Kürzlich haben WARDRUNA eine kurze Tour durch Europa beendet, welche für Deutschland nur zwei Konzerte auf dem Plan hatte. Vor dem Auftritt in Heidelberg am 17.10.2017 trafen wir WARDRUNA-Vordenker Einar Selvik zum Gespräch.

Wir befinden uns hier in diesem wunderschönen Gebäude (Kongresshaus Heidelberg), in welchem heute das WARDRUNA-Konzert stattfinden wird. Auch die anderen Locations sind prachtvolle Gebäude. Wer hat all diese bildgewaltigen Orte für die Konzerte ausgesucht?
Seit unserem allerersten Konzert war es sehr wichtig für mich, an Orten zu spielen, die die Musik vervollständigen. Ich glaube fest daran, dass es dann ein Erlebnis für das Publikum ist, und auch für uns erhöht es den Wert der Veranstaltung, wenn wir an einem Ort auftreten können, der die Musik unterstreicht und verbessert. Es ist also ein Gewinn für beide Seiten, daher versuchen wir immer, eine besondere Auswahl zu treffen, sofern wir können.

Im Internet finden sich auch Aufnahmen von euch mit Aurora und dem Osloer „Fagottkor“, irgendwo draußen vor einer gewaltigen Felswand.
Ja, das ist eine altertümliche Höhle, die früher tausende Jahre lang ein heiliger Ort war, ein sakraler Platz in Nord-Norwegen. Er wurde von den Menschen dort verschiedentlich genutzt, zum Beispiel als Friedhof, aber zeitweilig auch als Kirche. Es ist ein sehr besonderer Ort. Er ist wunderschön. Ich wollte schon seit vielen Jahren immer mal dort auftreten. Ich war so unglaublich glücklich, als wir dorthin eingeladen wurden.

Dürfen wir auf Ähnliches auch für Deutschland hoffen?
Ja, ich bin auch in Deutschland auf der Suche nach ähnlichen Orten, ihr habt ja auch Besonderheiten, sowohl Höhlen als auch andere ausgefallene Orte. Das ist definitiv etwas, was ich immer im Hinterkopf habe, und dankenswerterweise senden mir manche Leute auch passende Vorschläge zu, weil sie wissen, dass wir gerne in außergewöhnlicher Umgebung spielen.

Würdest du auch in einer christlichen Kirche auftreten, wenn sie besonders schön aussieht?
Ich denke, die Kirche hätte größere Probleme damit als ich. Wenn man für seinen Glauben und seine Traditionen respektiert werden will, wenn man für vieles offen sein will und mit Respekt behandelt werden will, muss man umgekehrt auch das Gleiche tun. Ich habe kein Problem damit. In Norwegen wäre es sicher ein noch größeres Problem. Ich habe zwar keine Konflikte mit dem Christentum oder anderen Religionen oder sonstigen persönlichen Glaubensrichtungen, aber in Norwegen ist die Institution der staatlichen Kirche problematischer, weil dort Politik und Religion vermischt werden, was nicht sein sollte. Aber das würde jetzt zu weit führen, das auszudiskutieren, denke ich. Also, prinzipiell wäre es problematischer, wenn die Politik im Spiel ist. Aus der möchte ich mich raushalten.

In vergangenen Interviews hast du auch ausgeführt, dass die Menschen in Norwegen beinahe Angst vor ihrer eigenen Geschichte haben.
Ja, in gewisser Weise ist sie schambehaftet und die Menschen fürchten sich vor ihr. Da gibt es verschiedene Gesichtspunkte. Auf der einen Seite ist es ein Fakt, dass unsere Geschichte oftmals als primitive Kultur abgetan wird, es geht um Vergewaltigung und Plünderung und es ist sehr kämpferisch gehalten. Es wird auf den engen Kreis der Wikinger reduziert. Das hat offenbar der ganzen Gesellschaft und Kultur einen Stempel aufgedrückt, obwohl es in der Realität nur ein kleiner Teil der ganzen Historie ist. Und wenn die Geschichte aus Sicht eines mittelalterlichen, christlichen Mönchs von Britannien oder auch Deutschland erzählt wird, spiegelt es nicht unbedingt ein gutes Image wider, geschweige denn ein wahres.
Das ist die eine Seite. Die andere ist natürlich, dass einer Menge Symbolen irgendwie noch der Nazigeruch anhaftet, was traurig ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist es vielen Menschen unangenehm, Teil dieser Geschichte zu sein, sie haben Angst, Runen zu benutzen, da das sehr oft mit der Subkultur von ganz rechts verbunden wird. So langsam bessert es sich aber. Die Menschen trauen sich wieder vermehrt, stolz auf ihre Vergangenheit zu sein. Sie wollen ihre eigene Geschichte zurück.

Hast du das Gefühl, dass deine Musik einen Teil dazu beiträgt, das Denken der Menschen wieder in diese Richtung zu lenken?
Einen Teil sicher, ja. Es ist ein Teil des Puzzels, daran glaube ich. Aber da gibt es natürlich noch mehr. Für mich geht es darum, der Geschichte Nuancen zu geben. Es geht nicht darum, die Geschichte zu beschönigen. Die Art, wie wir heutzutage unsere Kinder in diesen Dingen unterrichten, macht es schwer, die Sache ernst zu nehmen. Ich verstehe auch, warum. Schließlich ist es ein komplexes Thema. Unsere Geschichte ist aus so vielen einzelnen Fragmenten zusammengesetzt, daher ist sie nicht leicht verständlich. Und da möchte ich behilflich sein, wieder einen leichteren Zugang dazu zu finden, es zu erklären und zu veranschaulichen, und zwar auf eine Weise, die es ermöglicht, sich wieder mit ihr verbunden zu fühlen. Und das ist es, worum es bei WARDRUNA geht. Es geht nicht um Reenactment oder Romantisierung der Vergangenheit. Es geht darum, etwas Altes, was in uns Menschen heute noch nachhallt, mit etwas Neuem zu verbinden. Es geht nicht darum, von der Vergangenheit zu träumen, es geht um Dinge, die heute noch genauso aktuell sind wie damals, vor 2000 Jahren. Davon gibt es viele. Das ist die Kernaussage.

Am Anfang der Band hast du gesagt, dass du die Musik nur für dich selbst schreibst, und sollte es jemandem gefallen, wäre es auch okay …
Ja, das ist ein Bonus. Ich meine das immer noch so. Es geht mir tatsächlich nicht darum, als Wortführer zu agieren. An erster Stelle steht, dass ich die Musik schreibe, die ich in meinem Kopf höre, in meinem Herzen trage und mit meinen Augen sehe. Die Tatsache, dass so viele Menschen die Musik mögen und in der Lage sind, sich ihr verbunden zu fühlen, ist eine gigantische Zugabe. Ich würde an der Musik nichts ändern, um sie dem Geschmack der Leute anzupassen. Ich gebe mich der Schöpfung hin. Am Anfang war ich wirklich überrascht, dass es sofort so viele Liebhaber gab.

Hat sich das zumindest insofern gewandelt, als die Band heute deinem Leben einen tieferen Sinn gibt, nämlich das Denken der Menschen zu ändern?
Nein, ich bin kein Prediger. Wenn mich Leute etwas fragen, werde ich ihnen meine Gedanken dazu mittteilen. Aber es geht nicht darum, einer tieferen Wahrheit zu dienen oder etwas als Wahrheit zu beanspruchen oder die Leute zu bekehren. Das überlasse ich den ethnozentrischen Religionen. Die praktizieren das ja leider. Darum geht es hier nicht. Aber natürlich tue ich es auch zum Teil deshalb, weil  ich das Gefühl habe, dass die Dinge zu neuen Höhepunkten finden. Ich habe das Gefühl, dass es da so viele Schätze in der Vergangenheit gibt, die Staub ansetzen, denen man wieder eine Stimme geben muss. Das hat sich nicht geändert. Ein Großteil der Motivation war natürlich die Hoffnung, dass andere Leute auch so fühlen, dass andere Menschen das auch hören möchten. Und offensichtlich tun sie das. Das beeindruckt mich immer wieder aufs Neue bei jeder Show.

Wird es eine Live-DVD geben, vielleicht sogar von dieser Tour?
Nein.

Warum nicht?
Weil ich für die Besucher spiele, die da sind. Später irgendwann werde ich es sicher tun, aber wohl eher nicht in einem Club oder Konzerthaus aufgenommen. An einem gewissen Punkt wird da etwas realisiert werden. Aber momentan ziehe ich es vor, dass der Konzertbesuch ein einzigartiges Erlebnis ist. Natürlich spielen wir nur wenige Shows und es gibt viele Fans, die nicht zu unseren Gigs kommen können. Sicher wäre es für sie eine gute Sache, wenn sie eine Liveaufnahme in guter Qualität hätten. Und eines Tages wird es die auch geben. Aber dieser Tage schiebe ich es aus verschiedenen Gründen auf.

Du hast alle deine Instrumente selbst gebaut. Hast du dabei, vielleicht nur versehentlich, ein komplett neues Instrument erfunden?
Vielleicht. Nicht zwingenderweise. Als ich damit angefangen habe, war ich sehr bedacht darauf, dass ich niemanden anderes auf diesen Instrumenten spielen hören wollte. Ich wollte aus einer komplett neuen Perspektive an die Sache herangehen, wie ein Kind, das sich ein Instrument selbst beibringt. Es sollte alles ohne vorherige Erwartungen geschehen. Wenn ich zum Beispiel meine Taglharpa einem traditionellen, norwegischen Fiddle-Spieler gegeben hätte, hätte er norwegischen Folk darauf gespielt. Somit hätte ich eine klare Vorstellung davon gehabt, wie es klingen muss. Und das wollte ich unbedingt vermeiden. Daher habe ich für mich selbst festgelegt, vorher nichts anderes auf diesen Instrumenten anzuhören. Ich wollte die ursprüngliche Seele des Instruments selbst erkunden. Dadurch sind die Chancen viel größer, etwas Einzigartiges zu kreieren und die eigene, spezielle Spielweise eines Instruments zu finden. Aber man muss auch dazusagen, dass viele der Instrumente ihre Grenzen haben, hinsichtlich dessen, was man darauf spielen kann und was nicht. Deshalb wird, was auch immer man darauf spielt, auch immer irgendwie authentisch klingen.

Du findest oftmals Inspiration, wenn du in der Natur unterwegs bist. Nimmst du dir während der Tour die Zeit, die Landschaften der Konzertstädte zu erkunden?
Ja, ich versuche es. Was die Natur betrifft, so schreibe ich viel Musik, wenn ich draußen unterwegs bin. Nicht notwendigerweise in der Natur. Manchmal kann dich das Fehlen der Natur ihr näherbringen. Die Abwesenheit deiner Heimat oder Familie kann dich ihr gefühlsmäßig näher bringen. Manchmal funktioniert es also genau umgekehrt, als manch einer denken würde. Aber ich versuche es. Wenn ich an neuen Orten bin, versuche ich definitiv, die Welt zu sehen – sofern ich die Zeit dafür habe. Ein wichtiger Bestandteil davon, andere Menschen und andere Kulturen verstehen zu können, ist natürlich, dass man es gewissermaßen selbst erlebt hat.

Werden wird dich wohl in “Vikings” Staffel 5 wiedersehen und –hören?
Ihr werdet mich hören, aber nicht sehen. Ja, ich arbeite tatsächlich an Staffel 5.

Gab es jemanden bei den Dreharbeiten zu Vikings, mit dem du in Kontakt geblieben bist, der/die vielleicht sogar irgendwann mal in einem deiner Musikvideos mitspielen könnte?
Nein, das ist nicht der Fall. Aber zusätzlich dazu, dass ich an der Filmmusik arbeite, bin ich noch für andere Dinge zuständig. Wenn es musikalische Elemente während des Drehs gibt, die von den Schauspieler(inne)n kommen, zum Beispiel Schlachtrufe, Sauflieder, Bootslieder, Beerdigungslieder, religiöser Gesang oder dergleichen, dann schreibe das im Normalfall ich für sie. Manchmal arbeite ich dann direkt mit den Schauspielern, probe mit ihnen, bringe ihnen bei, wie man es korrekt ausspricht. Mit einigen Schauspielern habe ich Kontakt gehalten, es sind wirkliche tolle Menschen.

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Woran arbeitest du sonst noch, außer für “Vikings 5“?
Ivar von Enslaved und ich arbeiten gerade zusammen. Dieses Jahr haben wir zum Beispeiel dieses riesen Projekt für das Bergen International Festival in Norwegen realisiert. Wir haben Musikstücke geschrieben über spezielle Orte entlang der Küste von Norwegen – so eine Art Vertonung ihrer Geschichte unter historischen Gesichtspunkten. Nächstes Jahr werden wir wieder daran arbeiten und es weiterentwickeln. Das Projekt nennt sich HUGSJÁ. Damit werden wir auch auf dem Roadburn-Festival in den Niederlanden auftreten.

Hast du schon mal ehrenamtlich einen Gig gespielt, um Mittel für die Erhaltung der Natur (bestimmter Landstriche oder Tiere) aufzubringen beziehungsweise würdest du sowas tun?
Ich bin offen für eine Menge Dinge. Der Erhalt der Natur ist natürlich ein sehr wichtiges Anliegen in dieser Welt, daher könnte es durchaus sein, dass ich das mache, wenn mich jemand in dieser Richtung um Hilfe bittet.

Vielen Dank für das Gespräch!

Geschrieben am

Fotos von: Uta A. (Gastredakteurin)

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