Review Wardruna – First Flight Of The White Raven

Als WARDRUNA 2018 mit „Skald“ ein konzeptionell sicher durchdachtes, musikalisch aber eher belangloses Barden-Album veröffentlichten, dürfte manchem Fan Herz in die Hose gerutscht sein. Mit „Kvitravn“ rückten die Norweger das zum Glück drei Jahre später wieder gerade: Das Album greift die Stärken der „Runaljod“-Trilogie auf und zeigt WARDRUNA in Bestform. Wie alle anderen Bands wurden WARDRUNA auf ihrem weiteren Weg von der Pandemie gestoppt. So musste die Release-Show am 26. März 2021 im Riksscenen-Konzertsaal in Oslo als reine Streamshow ohne Fans abgehalten werden.

Unter dem Titel First Flight Of The White Raven“ erscheint die Aufzeichnung dieser „Live-im-Studio”-Show nun in verschiedenen Fassungen physisch und digital. Als Kernprodukt wird die 2-LP-Fassung (kompletter Konzertmitschnitt) beziehungsweise die 2-CD-Fassung (Konzertmitschnitt und das Studioalbum als Dreingabe) vertrieben, zudem gibt es eine Collectors-Box (inklusive DVD mit Livemitschnitt und Banddokumentation) sowie besagte DVD als Einzelprodukt. Das wirkt entweder undurchdacht, oder – nicht ganz so gutgläubig – wie Geldmacherei, wäre doch das durchaus gängige Package aus Live-DVD und -CD die stimmigere Kombination gewesen als die Live-CD mit einem „Re-Release“ aufzufüllen, die für Fans keinerlei Mehrwert bietet. Ob einem die Banddokumentation (in Teilen auf YouTube) und das Bewegtbild zum Sound weitere 20 € wert ist, muss jeder für sich entscheiden – der Audio-Mitschnitt jedenfalls gehört definitiv in die Musiksammlung jedes WARDRUNA-Fans.

Während die meisten Streamshows eklatant unter dem Fehlen des Publikums litten, leidet ein WARDRUNA-Auftritt grundsätzlich eher darunter, wenn man das Publikum hört. Entsprechend ist die Atmosphäre bei dieser „Pseudo-Liveshow“ ganz ohne Zuhörerschaft schlichtweg perfekt: Soundtechnisch sehr lebendig eingefangen, erklingen hier Stücke von allen fünf Alben in der vollen Kraft einer gemeinsam musizierenden, siebenköpfigen Band – ohne jedwede störenden Hintergrundgeräusche, aber auch ohne übereifrige Nachbearbeitung: „Was man hört, ist das, was wir in diesem Moment in diesem Raum gespielt haben. In der Nachbearbeitung wurden keine Neuaufnahmen gemacht oder Autotune eingesetzt“, bekräftigt Einar Selvik. Bei versierten Sänger*innen wie Lindy-Fay Hella gibt es dafür aber auch schlicht keinen Anlass. Dass die Beteiligten am Konzerttag zum ersten Mal seit über einem Jahr wieder in einem Raum zusammenkamen, hört man First Flight Of The White Raven“ jedenfalls zu keiner Sekunde an.

Im Mittelpunkt der Show steht überraschenderweise gar nicht unbedingt „Kvitravn“, dessen Release hier zelebriert wird. Mit vier Stücken stellt es nur knapp ein Drittel der gespielten Songs. Die „Runaljod“-Teile „Yggdrasil“ (2013) und „Ragnarok“ (2016) sind dafür mit vier respektive drei gespielten Songs (fast) ebenso stark vertreten. Von „Gap Var Ginnunga“ und „Skald“ findet immerhin je ein Song Platz im Set – und tatsächlich stellt sich sogar das von Einar Selvik wie auf „Skald“ solo dargebotene „Voluspá (Scaldic Version)“ als echte Bereicherung heraus. So hüllen WARDRUNA den Hörer von den ersten Klängen von „Kvitravn“ bis zu den letzten Tönen von „Helvegen“ in Atmosphäre wie in eine Daunendecke: Sich nach einer guten Stunde von diesem behaglichen, wärmenden Sound verabschieden zu müssen, ist richtiggehend unerquicklich.

Sieht man von der nicht nachvollziehbaren Trennung von Live-CD und Live-DVD in zwei separate Releases ab, ist First Flight Of The White Raven“ eine absolut runde Sache: Das Video weiß durch warmes Licht und ruhige Schnitte zu gefallen, der Audiomitschnitt lässt technisch keine Wünsche offen und WARDRUNA beeindrucken in ihrer Performance auf ganzer Linie. Absolute Kaufempfehlung!

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Wertung: 9.5 / 10

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