Review Witch Ripper – Through The Hourglass

WITCH RIPPER aus Seattle sind eine dieser Bands, aus denen man nicht so recht schlau wird, die aber fast schon trotzig mit jedem Release einen Nerv treffen. 2018 debütierte die Band mit „Homestead“, einem schweren und dennoch melodischen Sludge-Metal-Stampfer. Satte fünf Jahre später folgte mit „The Flight After The Fall“ ein eher progressiv-ausladendes Release, das gegenüber dem Erstling für einige Verwirrung gesorgt haben dürfte.

Stellt sich die Frage: Wie macht man nach zwei so unterschiedlichen Alben weiter? Der erste Gedanke ist vielleicht, die Essenzen der Vorgänger zu destillieren und ein neues Süppchen daraus zu kochen. Und genau das tun WITCH RIPPER auf ihrem dritten Album „Through The Hourglass“. Nach dem atmosphärischen Keyboard-Intro „Odyssey In Retrograde“ eröffnet die Band souverän und melodiös ihr neues Album. Die stimmungsvollen Gitarrenharmonien von Curtis Parker und Chad Fox wirken wunderbar weich, während die tighten Drum-Grooves von Joe Eck dezent an die Anfangstage der Formation erinnern. Vielmehr ist es so, dass die von Beginn an fesselnden mehrstimmigen Melodielinien eine absolute Symbiose mit dem Gesang eingehen, was „The Portal“ nicht zuletzt auch wegen seiner großartigen Soli zu einem wahrhaft opulenten Einstieg macht.

Etwas „erdiger“ und damit weniger ausladend wird es beim folgenden „Symmetry Of The Hourglass“, dessen fiesere Attitüde weit mehr an das Frühwerk von WITCH RIPPER erinnert, was vor dem Hintergrund des großen Openers aber mehr als sinnvoll ist. Denn die hier sehr walzenden Grooves werden mit reichlich Melodik unterfüttert, auch wenn sie diesmal eher in den Hintergrund gestellt wird. Dennoch kommt man auch bei diesem Titel nicht umhin, sich von den gebotenen Soli vereinnahmen zu lassen. Ein wenig erinnert die Truppe hier auch an MASTODON oder spätere SPIRITUAL BEGGARS.

Nachdem sich WITCH RIPPER auf „Echoes And Dust“ von ihrer straight-schmissigen Seite zeigen, folgt ein Dreigespann an absoluten Highlights. Das auch als Single ausgekoppelte „The Clock Queen“ geht zuerst wieder zurück zu ausladenderen Arrangements und einiger progressiver Kopfarbeit. Seichte Synths und Gitarren türmen sich hier binnen Sekunden zu einem dezent vertrackten wie melodisch komplexen Titel auf, der anfangs vielleicht etwas sperrig wirken mag, spätestens mit seinem schönen Refrain aber für die notwendige Erdung sorgt. Und nochmal: die Gitarrenarbeit sorgt durchgehend für aufgestellte Ohren. Wer klassische Build-ups liebt, dem läuft hier das Wasser im Munde zusammen.

„Proxima Centauri“ und „The Spiral Eye“ bilden schließlich einen wunderschönen Abschluss. Die ruhige Melancholie des erstgenannten Stücks kulminiert in einem hochemotionalen Finale mit Gänsehaut-Riffs. Ein Rezept, das der Rausschmeißer „The Spiral Eye“ noch einmal aufgreift und mit jeder Menge Druck sowie choraler Epik an allen Fronten aufwertet. So ist auch dieser Song nichts anderes als eine absolut runde Melange aus dem dreckigen Groove der Anfangstage von WITCH RIPPER, verschmolzen mit einem tadellosen kompositorischen Gespür für Längen und Melodieführung.

„Through The Hourglass“ lässt 2026 jedenfalls keinerlei Zweifel daran, dass die Band nicht nur in allen Belangen weiß, was sie tut. Ihr neues Album ist schlicht nichts anderes als die perfekte Verschmelzung alter Trademarks mit einer Leidenschaft und Größe, die man – so wagt es der Schreiber zu sagen – heute selbst bei vielen Instanzen der großen Bühnen kaum noch geboten bekommt.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Wertung: 9.5 / 10

Philipp Sorger

Publiziert am von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert