„Adria“ ist der zweite Longplayer der Noise-Krautrocker ZAHN und beeindruckt schon durch seine Laufzeit von rund 80 Minuten. Mutig, immerhin tendiert die Zuhörerschaft heutzutage aufgrund eines quasi unbegrenzten Streamingangebotes dazu, schneller zum nächsten Song, Album oder Interpreten zu skippen als noch vor 20 Jahren. Es wird weniger Zeit in die Auseinandersetzung mit einem kompletten Album investiert – was die Frage aufwirft, ob das Experiment für das Berliner Trio aufgehen kann.
Und um die Frage auch direkt zu beantworten: Ja, kann es. Es ist beeindruckend, wie facettenreich Felix Gebhard (Gitarre), Chris Breuer (Bass, Elektronik) und Nic Stockmann (Schlagzeug) auf „Adria“ unterwegs sind. Ob rockig-treibend mit messerscharfen Riffs („Zehn“ oder das mit elf Minuten längste Stück „Faser“), beinahe loungig-verspielt („Schmuck“), technoid-elektronisch („Apricot“) oder stoner-doomig („Amaranth“): ZAHN wissen in jedem Moment und innerhalb jeder Schublade genau, wie sie geneigte Zuhörer*innen mitreißen können.
„Adria“ hat viel von einer leicht angekifften Jam-Session, kommt also sehr organisch und verspielt daher, weist aber eine Menge Hirnschmalz und Feinschliff auf, wenn es um die Arrangements der Kompositionen geht: Jede Steigerung, jede Veränderung kommt (natürlich subjektiv gefühlt) zum exakt richtigen Zeitpunkt und macht die Platte zu einem perfekten Kopfkinosoundtrack ohne Ausfälle. Entsprechend dem analog anmutenden 70er-, 80er-Jahre-Artwork bietet auch die Musik von ZAHN, nicht zuletzt durch die Wahl der Synthesizer, Reminiszenzen an besagtes Jahrzehnte, ohne dabei angestaubt zu klingen.
Der Einsatz verschiedener Tempi sowie ein Händchen für Riffs und Ohrwürmer (die es trotz des Umstandes gibt, dass „Adria“ ein Instrumentalalbum ist – charakteristische und clever programmierte Synthesizerleads sei Dank) sind hauptverantwortlich dafür, dass ZAHN auf ihrem neuestem Output in keiner Sekunde langweilen. Auch an der Produktion gibt es nix zu meckern: Die Aufnahmen von Peter Voigtmann (Ex-THE OCEAN, DEATH BY GONG, Ex-HEADS.) sind gelungen, Mix und Master von Magnus Lindberg (CULT OF LUNA) wie erwartet druckvoll, dynamisch und transparent.
Der Sprung vom selbstbetitelten Debüt zu „Adria“ ist, sowohl qualitativ als auch quantitativ mehr als beachtlich. ZAHN ist ein außergewöhnliches Album gelungen, das sowohl Stoner-/Desert-Rocker, als auch Progressive-, Post- und Krautrock-Fans – ach, eigentlich alle Rockmusikfreunde ohne Gatekeeper-Attitüde – ansprechen müsste. Uneingeschränkte Empfehlung und vielleicht eine neue Messlatte in Sachen Instrumentalmusik, von der sich auch die ein oder andere inzwischen generisch anmutende Postrock-Band gerne ein Scheibchen abschneiden dürfte.
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Wertung: 10 / 10


