Metal1.info – Ein Blick in (rot-)graue Vorzeit

METAL1.info wird in diesem Jahr 20. Und wie so vieles andere begann auch METAL1.info als Schnapsidee, bei der es einem kleinen Wunder gleicht, dass es das Magazin heute in dieser Form (noch) gibt. Um angemessen auf die Entstehung zurückblicken zu können, muss ich etwas persönlicher werden.

Der Moment, der mich im Alter von 16 Jahren für härtere Musik begeistern konnte, war eine Episode „Top Of The Pops“ im Jahr 2000. Für die Jüngeren unter euch: Das war eine Musiksendung im linearen Fernsehen  – bei uns ausgestrahlt auf RTL – in der vor allem Rock- und Pop-Künstler aus den Charts auftraten. Selbstverständlich mit Playback. Ein Act namens Papa Roach mit ihrem Hit „The Last Resort“ hatte es mir bei dieser einen Sendung angetan, ich war hin und weg von der Energie und Härte dieser Band. Während mein allenfalls an nebenher dudelnder Radiomusik interessierter Vater neben mir nur den obligatorischen Vater-Satz „Das ist doch keine Musik“ sagte, war ich gebannt und wusste direkt, dass ich davon mehr will.

Nach einiger Zeit mit den Einstiegsbands Limp Bizkit, Linkin Park und den Toten Hosen entdeckte ich recht schnell ein Genre, das auch heute wohl noch meine Musik ist: Heavy beziehungsweise Power Metal. „Rebellion“ von Grave Digger hatte es mir beim ersten Hören so angetan, dass ich am Tag darauf nach der Berufsschule im Elektronikmarkt die letzten drei Grave-Digger-Alben gekauft (und es nie bereut) habe. Wenig später fand ich durch „Nightfall In Middle-Earth“ mit Blind Guardian meine Lieblingsband – auch daran hat sich bis heute, über 20 Jahre später, nichts geändert: Damals festigte die Vielschichtigkeit ihrer Kompositionen meine Begeisterung für den Heavy Metal vollends.

Der Traum: den Spirit des Heavy Metal einfangen

Ein knappes Jahr war vergangen, seit Papa Roach den metallischen Funken in mir ausgelöst hatten, als ich einen „folgenschweren“ Entschluss fasste: Ich will meine Leidenschaft und Begeisterung für diese Musik teilen! Schnell stand eine billig zusammengeschusterte Internetseite unter der Domain www.metal-spirit.com – schließlich wollte ich mit meiner monatelangen Metal-Erfahrung nicht nur meine Leidenschaft, sondern auch den gesamten Spirit des Heavy Metal einfangen und teilen!

Meine Ideen und Pläne teilte ich mit einem ICQ-Freund, der irgendwann sagte: „Ich kenne da jemanden, der hat praktisch das gleiche vor wie du. Ich stell euch mal vor“. Dieser Jemand war Andi Althoff – und bald nicht nur ein enger Freund, sondern auch Mitbegründer von METAL1.info: Der Name unseres Magazins stammt von ihm – angelehnt an damalige Top-Domains der Szene wie slipknot1.com und machinehead1.com; die Endung .info sollte unserem Willen, ein informatives Magazin auf die Beine zu stellen, Ausdruck verleihen.

So begannen wir, ohne geringste Vorkenntnisse, eine Internetseite in PHP zu programmieren und eine MySQL-Datenbank anzubinden. Das war zwar weit entfernt von jeglicher Professionalität, aber es reichte, um eine für unsere Ziele taugliche Plattform zu kreieren. Im Laufe der nächsten Monate wurden begeisterte Hobbyredakteure gesucht: Nach wenigen Monaten hatten wir bereits eine Teamstärke von knapp 20 freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Fluktuation war hoch, Erfahrung auf diesem Gebiet hatte freilich niemand – aber fast alle brachten die nötige Leidenschaft und das Interesse mit. Schon vor dem Launch wurde viel geplant und viel geschrieben, um zum offiziellen Start am 5. Dezember 2002 ein ordentliches Paket an „Artikeln“ vorzeigen zu können.

Immerhin: Wir haben alles ernst gemeint

„Artikel“ steht oben bewusst in Anführungszeichen: Unsere Texte hatten mit Journalismus, unser Tun mit einer redaktionellen Tätigkeit so viel am Hut wie Tom Bombadil mit dem Einen Ring der Macht. Die Reviews, durchweg in der Ich-Form geschrieben, entbehrten meist jeglichen Hintergrundwissens und zeichneten sich bestenfalls dadurch aus, dass sie von Fans für Fans geschrieben waren. Doch egal, wie mäßig die Qualität der Texte war, egal, wie wenig wir über das wussten, worüber wir schrieben, und egal, wie sehr wir uns heute schämen, wenn mal wieder einer unserer Ergüsse aus der damaligen Zeit zu Tage gefördert wird: Wir haben alles ernst gemeint. Unser Tun war der Ausdruck unserer Leidenschaft, voller Überzeugung, Herzblut und Begeisterung für den Metal. Unsere Konzertberichte waren eher tagebuchartige Erlebnisberichte denn Konzertkritiken. Wir hatten das unerreichbare Ziel, eine allumfassende Informationsplattform für den Metal zu erschaffen – Rubriken wie Genrebeschreibungen, ein Metal-Lexikon und Bandinfo-Seiten ließen sich allerdings nie lange aktuell halten und mussten bald wieder eingestellt werden.

Den Underground zu stärken war (und ist) uns ein wichtiges Anliegen – in den Anfangstagen zugegebenermaßen auch aus der Not heraus: Ohne etablierte Kontakte zu Labels ist es natürlich auch einfacher, Newcomern ohne Label habhaft zu werden. So entwickelten sich unsere ersten längerfristigen und engeren Kontakte, 2004 entstand der Sampler „Into The Underground“: 16 lizenzfreie Songs mit Genehmigung der Künstler (u. a. mit Equilibrium und Gernotshagen) auf einer selbstgebrannten CD, ganz im Stile der Heft-CDs der großen Printmagazine. Bis heute erreichen uns gelegentlich Anfragen verzweifelter Sammler – aber um das ein für allemal klarzustellen: Leider haben wir selbst kein einziges Exemplar mehr. 2007 folge der METAL1.info-Underground-Contest mit 60 vertragslosen Bands, die sich jeweils mit ihrer Demo und im Interview vorstellen konnten. Die durch Leserwahl ermittelten Gewinner Eradicator gibt es übrigens bis heute: die Lennestädter Thrasher haben heute 13.000 Fans auf Facebook und stehen bei Metalville Records unter Vertrag. Gratulation! Wichtiger Teil unseres Magazins war (und ist!) unsere Community und Stammleserschaft: In der damaligen Zeit lief Online-Kommunikation zu einem beträchtlichen Teil über Foren ab – so auch bei uns. Immerhin bis 2015 wurde im Forum von Metal1.info über Metal, das Universum und den ganzen Rest diskutiert. Und wenn ich auch mit etwas Wehmut auf diese lange vergangene Zeit eingeschworener Forengemeinschaften mit freundschaftlicher Diskussionskultur zurückblicke, hat sich an einer Sache nichts geändert: Die kritischen und lobenden Kommentare unserer Leser – heute eben in Kommentarspalten und den sozialen Medien – bestärken uns darin, mit unseren Beiträgen auf METAL1.info das zu tun, was wir lieben und dafür einen beträchtlichen Teil unserer Freizeit zu investieren.

Völlig blauäugig in eine große Zukunft

Noch heute bereitet es jedem von uns Hochgefühle, einen angesehenen Musiker interviewen zu dürfen. Man kann sich also vorstellen, wie stolz wir in den Anfangstagen auf unsere ersten Interviews mit „großen Bands“ von METAL1.info waren – wir jungen Burschen, ohne Standing, Erfahrung und Kontakte, haben Bands interviewt, die wir verehrten! Völlig blauäugig hatten wir unsere Lieblingsbands angeschrieben – sofern diese damals überhaupt schon eine Internetseite und/oder Mailadresse hatten. So konnten wir schon zum Seitenstart mit ganzen zehn Interviews aufwarten – unter anderem mit Grave Digger, Sonata Arctica und In Extremo. Deren Bassist Kay Lutter sagte uns zum Thema Online-Magazine: „Wenn Du meine gaaaanz persönliche Meinung hören willst: Ich glaube nicht, dass Online-Zeitungen eine große Zukunft haben!“

Diese oder eine ähnliche Meinung vertraten vor 20 Jahren noch viele Musiker, Promoagenturen, Labels und Fans: Printmagazine waren das Maß aller Dinge und das Internet befand sich als ernstzunehmendes Informationsmedium immer noch in den Kinderschuhen. Mit diesem Paradigmenwechsel hat sich unser Chefredakteur Moritz Grütz in seinem Jubiläumsartikel „20 Jahre Metal1.info – Aus Überzeugung unabhängig“ eingehender befasst. Hier nur so viel: Sorry, Kay, der Punkt ging an uns!

Als Mitveranstalter des Ragnarök Festivals 2005/2006 konnte ich weitere Erfahrungen im Musikbusiness sammeln und METAL1.info als Festivalpräsentator und Ausrichter des Autogrammstands zu größerer Bekanntheit und wichtigen Kontakten verhelfen – damit war der Anfang für das so unerlässliche Kontaktnetzwerk zu Promoagenturen, Labels, Konzert- und Festivalveranstaltern gemacht, ohne das METAL1.info heute nicht das Magazin wäre, das ihr kennt.

Der restliche Teil dieser Zukunft bis zum heutigen Tage ist Geschichte: Auch und gerade, weil ich selbst über ein Jahrzehnt lang nicht bei METAL1.info aktiv war, bin ich umso glücklicher darüber, dass aus dem anfänglich idealistischen, kleinen Webzine von völlig unbedarften Fans inzwischen eines der größten und angesehensten Online-Magazine im deutschsprachigen Raum geworden ist. Mein Dank gilt unserem inzwischen langjährigen Chefredakteur Moritz Grütz, allen ehemaligen und aktiven Redakteuren, unseren Kooperationspartnen und vor allem euch, unseren Leserinnen und Lesern – dafür, dass ihr uns über eine so lange Zeit die Treue gehalten habt und haltet!

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