Amorphis: Erste Eindrücke zu „Halo“ aus der Listening Session

In Zeiten von Covid-19 müssen sich auch die Plattenfirmen an die Gegebenheiten anpassen. Eine große Listening Session zu einer Albumankündigung ist aufgrund sich weiterhin ständig ändernder Vorgaben und Beschränkungen kaum durchführbar, erst recht nicht, wenn die Vorführung international ausgelegt ist. Atomic Fire Records machen nun also Gebrauch von aus der Arbeitswelt bekannten Zoom-Meetings. Dankenderweise hatten wir die Möglichkeit, so an der Pressevorstellung des am 11. Februar 2022 erscheinenden neuen AMORPHIS-Albums teilzunehmen und für euch vorab die Platte zu hören.

Neben Gastgeber und Labelchef Markus Wosgien war die gesamte Band anwesend. Außerdem fanden sich Coverartist Jean-Emmanuel „Valnoir“ Simoulin sowie Produzent Jens Bogren mit den etwa 40 internationalen Journalisten ein, um „Halo“ zu hören. 

Amorphis Halo Coverartwork

Unsere Eindrücke zu den Songs von „Halo“ im Track-by-Track-Review:

01. Northwards (5:30)

Nach einem einminütigen, atmosphärischen Intro legen AMORPHIS schnell und heavy los. Auf harte Strophen mit Growls folgt ein clean gesungener Refrain und sofort fällt auf, dass Tomi Joutsens Klargesang heller, klarer, geschmeidiger ist als bisher und viel Raum bekommt. Ein spaciges Keyboardsolo und symphonischer Chorgesang ergänzen das typische AMORPHIS-Soundbild. „Northwards“ wirkt wie eine repräsentative Nummer für den modernen Sound der letzten Jahre der Band.

02. On The Dark Waters (4:47)

Der verspielte Anfang und jazzige Prog-Spielereien machen deutlich, dass es sich um den „Queen Of Time“-Nachfolger handelt. Joutsen geht mit seinen Growls zu klassischen Heavy-Metal-Riffs unglaublich tief und sorgt im klar gesungenen und hitverdächtigen Refrain für Gänsehaut.

03. The Moon (5:57)

Eine verträumte Melodie und 80s-Hard-Rock-Elemente eröffnen einen spannenden Feel-Good-Song. Durch den galoppierenden Bassrhythmus und die langsamen Leads entstehen zwei nebeneinander existierende Harmonien, die durch dominante Synthesizer-Klänge, orchestrale Elemente und einen hochmelodischen Refrain gute Laune ausstrahlen.

04. Windmane (4:49)

Der sperrigste Song des Albums. Nach dem Prog-Rock-Beginn bestimmen langsam getaktete Djent-Riffs das Soundbild, der Rhythmus ändert sich alle paar Sekunden. Dazu passt, dass das Gitarren- in ein Keyboard-Solo mündet und der getragene Refrain seltsam anmutet.

05. A New Land (4:36)

Sehr AMORPHIS-typisch und wohl ein neuer Bandhit. Schnell getakteter Song mit einem catchy Refrain, sehr kraftvoll und hoffnungsfroh, strahlt ein Gefühl der Aufbruchstimmung aus. Starke Nummer.

06. When The Gods Came (4:56)

Keyboards dominieren von Beginn an. Das Riffing klingt etwas nach modernen Blind Guardian und der Song spielt viel mit Synthesizer-Sounds und dem Wechsel zwischen Growls und Klargesang. Der Refrain ist wieder catchy, eingängig und tanzbar und versprüht wieder gute Laune.

07. Seven Roads Come Together (5:38)

Das Albumcover mit der Hell-Dunkel-Thematik wird hier perfekt widergespiegelt. Schwere, doomige Riffs treffen auf schnelle Leadgitarren, Growls zu symphonischen Klängen wechseln sich abrupt mit Klargesang zu scheppernden Drums. Häufige Breaks und das ständige Umschalten zwischen Growls und cleanen Vocals machen den Track anspruchsvoll und spannend.

08. War (5:24)

Beginnt mit düster-orientalischer Stimmung. Ein Growl-Chor geht über in einen langsamen proggy Refrain und „War“ ist eher ein gemächlicher Song, eher die Ruhe vor dem Sturm als Krieg selbst, auch wenn kurz ein „Kriegschor“ für Chaos sorgt.

09. Halo (4:40)

Der Titeltrack beginnt mit epischem, mächtigem Sound. Joutsens Klargesang ist auf höchstem Niveau, er singt durchaus poppig und produziert gefällige, eingängige Gesangslinien. Growls sind nur unterstützend dabei, dafür säuselt eine Frauenstimme zu experimentellen Keyboardklängen. Wohl einer der melodischsten und massentauglichsten Tracks der Bandgeschichte.

10. The Wolf (4:46)

Wie auf dem Coverartwork ist „The Wolf“ das Gegenteil zu „Halo“: Ein düsterer, stampfender Rhythmus dominiert, schnell und direkt geht es zur Sache, die Riffs sind direkt schon thrashig. Die langsamen Strophen und schnellen Refrains sowie die harten Rhythmen und ein Kirchenchor sorgen auch innerhalb des Songs wieder für harmonierende Gegensätze.

11. My Name Is Night (4:43)

Der letzte Song beginnt mit sanften Akustikgitarren und anschwellender Orchestrierung, bis glockenklarer Frauengesang einsetzt. Ein sehr langsamer, melancholischer und verträumter Track mit einfacher Struktur. Erst zur Hälfte stößt Joutsen dazu, wechselt sich mit der Sängerin ab oder agiert mit ihr im Duett. Ein äußerst gelungener Abschluss.

Amorphis Halo Band

Unser erstes Fazit zu „Halo“

Die insgesamt 55 Minuten waren ein ziemlich wilder Ritt, die Gegensätzlichkeit des Coverartworks mit der hellen und dunklen Seite wurde oft akustisch umgesetzt. „Halo“ wirkt progressiver und anspruchsvoller als „Queen Of Time“. Viele der experimentellen Elemente des Vorgängers wurden wieder aufgegriffen, etwa spacige Keyboardklänge und orientalische Momente. Diese Elemente machen AMORPHIS neben der allgemeinen musikalischen Grundausrichtung eh einzigartig, die Band agiert weiter außerhalb aller gewöhnlichen Genreschubladen in ihrem eigenen Kosmos. Der epische Bombast von „Queen Of Time“ wurde allerdings zurückgefahren, überbieten konnte und wollte man diesen wohl nicht mehr. Esa Holopainen scheint dafür Einflüsse seines verträumten, anspruchsvollen Soloprojektes Silver Lake mit zu seiner Hauptband genommen zu haben. „Halo“ zeigt beim ersten Durchlauf große Qualitäten und wird auf jeden Fall mehrere Hördurchgänge benötigen, um sich vollständig zu entfalten.

Nochmals stark verbessert zeigt sich Sänger Tomi Joutsen, der offenbar an seiner Stimme gearbeitet hat. Sein Klargesang ist heller, geschmeidiger und stabiler als je zuvor und sorgt des Öfteren für Gänsehautmomente. Folglich sind auch mehr Clean-Vocals als auf den Vorgängeralben zu hören:  Ausnahmslos jeder Refrain auf „Halo“ ist klar gesungen. In tiefen Growls zeigt er außerdem ein bisher unbekanntes Volumen – Joutsen scheint in der Form seines Lebens. Durch den oft hellen, geschmeidigen Klargesang wird deutlich, warum Jens Bogren das Album poppiger empfindet: Viele Melodien und Gesangsharmonien sind unverschämt catchy, eine Hand voll der neuen Lieder haben großes Potenzial zu neuen Bandhits. Esa Holopainen hält dagegen und findet das Album heavier als die Vorgänger – irgendwie haben aus verschiedenen Sichtweisen beide recht, was die Platte umso interessanter macht.

Ob „Halo“ nun besser als „Under The Red Cloud“ und „Queen Of Time” ist und wie sich das Album in der Diskografie einordnen wird, ist nach dem ersten Hören schwer zu sagen. AMORPHIS zeigen aber deutlich, dass sie sich immer weiter verändern wollen und neue Elemente in ihren Sound einfließen lassen, um sich nicht zu wiederholen. „Halo“ hat seinen ganz eigenen Charakter und wird ein großartiges Geschenk für AMORPHIS-Fans werden.

Amorphis Halo Listening Session

Anschließend wurden weitere Details zum Album verraten

Nach „Under The Red Cloud“ und „Queen Of Time” ist „Halo” übrigens das dritte Album mit dem Produzententeam um Jens Bogren und Coverartist Valnoir. Bogren habe deswegen bereits überlegt, ob er bei AMORPHIS aussteigen möchte, damit die Band sich nicht irgendwann selbst kopiert. Da er laut Esa Holopainen aber bereits mit ihm über das nächste Album gesprochen hat und AMORPHIS zu den Top-3-Bands zählt, mit denen er jemals gearbeitet hat, scheint eine weitere Zusammenarbeit nicht unwahrscheinlich. Er und die Band seien auf einer Wellenlänge und zusammen können sie alles machen, was Metal bietet.

Bogren entscheidet am Ende auch über die Songauswahl, wenn die Band sich nicht einig ist: Aus etwa 30 geschriebenen Tracks wurden zehn ausgewählt, in denen er das beste Potential sah. Dazu kam noch „My Name Is Night“, das aus den „Under The Red Cloud“-Session von 2015 stammt, hier endlich seinen Platz fand und als abschließender Titel wunderbar funktioniert.

Valnoir arbeitet unterdessen bereits an einem ersten Musikvideo, verriet aber nicht, zu welchem Song. Während der Entstehung des Albums sprach er mit AMORPHIS über Konzept, Texte und das Thema des Albums. Die Band wollte für das Albumcover schließlich etwas Nordisches mit nordischen Elementen – mit diesen Vorgaben hat er herumgespielt und danach das Artwork erstellt.

Amorphis Halo Listening Session

Esa Holopainen

Über den experimentellen Aspekt von „Halo“ sagte Bogren, dass manche Melodien auf einer Gitarre komponiert wurden, es dann aber interessantere Möglichkeiten gab, diese zu spielen, zum Beispiel auf einem Keyboard. Das ist nicht immer einzigartig, aber etwas, das man nicht oft hört, und damit interessant. Man könne nicht immer alles neu machen, aber wenn nichts Neues dabei sei, sei es langweilig.

Esa Holopainen bestätigt zum Entstehungsprozess des Albums, dass es durch Corona mehr Zeit für das Songwriting gab und dadurch auch so viele Songs entstanden sind. Die Tracks haben die Musiker zum großen Teil selbst und in Remote-Arbeit geschrieben, da Reisen über weite Strecken nicht möglich waren. Aufgenommen wurde dann aber alles in einem Studio in Schweden, die intime Situation, zusammen ein Album aufzunehmen, sei sehr wichtig. Dadurch, dass viel Zeit mit den Songs verbracht werde, entstehe eine gewisse Verbindung dazu, daher sei es immer schade, wenn ein Lied nicht so gut bei den Bandkollegen oder Bogren ankomme. Drummer Jan Rechberger bestätigt dazu, dass die Songs wie eine Sammlung an Emotionen und Inspirationen der einzelnen Musiker und daher sehr emotional seien. Dass die Songs alle um die fünf Minuten lang sind, ist laut Bogren kein Zufall und auch nicht vorab geplant: Die Geschichte, die ein AMORPHIS-Song erzählen will, könne in drei Minuten einfach nicht erzählt werden und benötige eine gewisse Zeit, um sich zu entfalten.

Während des Songwritingprozesses dachte Holopainen noch, „Halo“ würde eine direkte Fortsetzung zu „Queen Of Time“ werden, das Album wurde aber aggressiver und sehr Metal, habe gleichzeitig aber eine fragile Seite und viele Kontraste – das spiegele auch das Albumcover mit seiner schwarzen und weißen Seite wider. Jens Bogren ergänzt zur Entwicklung, dass AMORPHIS-Songs oft mehrere eigentliche Songs in sich vereinen, da man aufgrund der emotionalen Bindung keine Lieder „wegschmeißen“ wolle. So fließen Elemente eines nicht verwendeten Songs oft in einen anderen ein. Auch nehmen manche kleinen Elemente am Ende mehr Raum ein, da sie sich im Verlauf als so gut darstellen, dass sie von der Neben- zur Hauptrolle werden.

Amorphis Halo Listening Session

Tomi Joutsen

Dass übrig gebliebene Songs irgendwann in irgendeiner Art und Weise veröffentlicht werden, sei dabei nicht unmöglich. Auf der japanischen Veröffentlichung gebe es eh immer einen ansonsten unveröffentlichten Bonustrack und auch der eigenständige Release einer weiteren Single aus den Albumsessions sei möglich. Laut Tomi Joutsen gibt es inzwischen sogar um die 100 unveröffentlichte Lieder, die nie veröffentlicht wurden.

Dass die Entwicklung hin zum Streaming für AMORPHIS negative Seiten hat, stellt Esa Holopainen heraus. Ein Album wie „Halo“ wurde dafür gemacht, als Ganzes gehört zu werden, da es sich wie eine Reise anfühle und den Hörer darauf mitnehmen wolle. Dass heutzutage viele (vor allem junge) Hörer einzelne Songs in Playlisten konsumieren, würde dem Album nicht gerecht. Daher sei „Halo“ vielleicht eher ein Album für die Zielgruppe älterer Hörer.

Abschließend hebt Holopainen die positiven Seiten der Virtualisierung hervor. Listening Sessions wie diese wären ohne digitale Wege momentan nicht umsetzbar, insofern sei diese Entwicklung in der aktuellen Zeit eine tolle Sache. Streaming-Shows, wie sie viele andere Bands umgesetzt haben, waren für AMORPHIS aber keine Option: Auch wenn es eine nette Sache sein könne, haben Musiker und Zuschauer keine vergleichbare Erfahrung zu einem echten Konzert, es fühle sich eher an wie das Drehen eines Musikvideos mit virtuellen Spielereien. Ein Verlangen nach echten Shows mit der Zusammenkunft mit anderen Fans werde es immer geben.

Amorphis Halo Listening Session

Jens Bogren

In diesem Sinne hoffen wir darauf, dass uns im Jahr 2022 weniger Absagen die Laune verhageln und die Entwicklung zu sicheren, durchführbaren Konzerten, Touren und Festivals geht. Zumindest können wir uns sicher sein, dass uns im Februar 2022 mit „Halo“ ein großartiges Album einer großen Band erwartet.

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