Es muss wehtun! Oder: Warum Interviews nicht sein dürfen, was Musiker erwarten.


Interviews gehören im Musikbusiness zum täglichen Geschäft – für Redakteure, aber auch für Musiker. Wie schade es ist, dass sich viele Bands hinsichtlich ihrer Texte nicht öffnen (möchten), hatte ich erst kürzlich in der letzten Kolumne („(Zu) viel Raum für Interpretationen. Oder: Ein Appell zu mehr Offenheit.“) thematisiert. Doch eigentlich sitzt die Wurzel allen Übels tiefer. Denn viele Musiker verwechseln Interviewanfragen mit von den Redaktionen nachgetragenen Werbetexten.

Das Problem ist, fraglos, vom Musikjournalismus hausgemacht. Wer kennt sie nicht, die ganz augenscheinlich zwischendurch und nebenbei zusammengestöpselten Fragebögen, die von „Warum ist euer neues Album härter als das letzte?“ bis „Wie schreibt ihr eure Songs?“ reichen und seitens des Musikers ein Gefühl von Sicherheit aufkeimen lassen: Die Sicherheit, zehn angenehme, seichte und schon oft beantwortete Fragen zu beantworten, würde reichen, um den eigenen (Band-)Namen mal wieder irgendwo ganz oben zu sehen und so angenehme Aufmerksamkeit zu bekommen.

Wer hier als Magazin frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein – wir sind es fraglos auch nicht, wenngleich wir uns wo immer möglich bemühen, mit etwas „anderen“ Fragen zu verhindern, dass Musiker mit ihren ständig wiederholten Antworten oder gar der guten, alten „C&P-Antwort“-Methode durchkommen. Und doch geht es manchmal nicht anders, aus Zeitmangel oder weil – so böse das nun klingt – manche Band auch schlicht und ergreifend nicht mehr Stoff für „spannendere“ Fragen bietet.

Im Resultat haben wir uns als Journalistengeneration eine Musikergeneration herangezüchtet, die die kritische Frage nicht mehr gewohnt ist und einen kritischen Diskurs nicht mehr von einer despektierlichen Beleidigung unterscheiden kann. Damit unterscheiden sich die Musiker nicht von den Fans, die oft ähnlich reagieren – auch das war zuletzt Thema einer Kolumne („Du – Du hast – Du hasst mich. Oder: Die Mär vom objektiven Review.“), auf die an dieser Stelle nur kurz verwiesen sein soll: Wer heute ein Album nicht im oberen Drittel der Punkteskala einsortiert, bekommt fast unter Garantie von einem verärgerten Fan zu hören, dass man die Band wohl nicht möge. Als hätte das eine mit dem anderen etwas zu tun. Musiker verhalten sich da nun leider nicht viel anders: Stellt der Journalist mit seinen Fragen dem Musiker nicht wie gewohnt die Trittleiter aufs Präsentier-dich-Podium zu Füßen, fallen die Reaktionen oft verschnupft aus. Völlig grundlos, wie folgendes Beispiel zeigen soll.

Die aktuell für ihre authentische Spiritualität so gefeierten Heilung hatten mir ein Interview zugesagt. Nun sind Heilung – ob man sie nun mag oder nicht – unbestreitbar eine spannende Band mit vielen Ecken und Kanten, an denen man sich als Journalist reiben kann. So hatte die Band etwa erst unlängst in einem überaus unterhaltsamen Interview mit den Kollegen von Metal.de erzählt, der Song Svanrandsei von Kai auf dem Hintern seiner Freundin eingetrommelt worden. Eine lustige Anekdote. Oder doch nicht?

Bei einem Album, das, wie der Pressetext einen wissen lässt, als Gegenpart zum „männlichen“ Vorgängeralbum die weibliche Seite darstellen und „den Geist der wilden, weisen Frauen“ einfangen soll, stellt sich dem modernen Menschen nun eventuell die Frage, ob einerseits das Einklatschen eines ganzen Songs auf dem Gesäß einer Frau wirklich deren Körper ehrt oder vielleicht doch eher eine sehr männlich geprägte Interpretation von „Ehre“ darstellt – und ob andererseits generell ein „weibliches“ Album, das mit dem altnorwegischen Begriff, von dem sich nicht zuletzt das despektierliche „Fotze“ ableitet, als Gegenstück zu einem „männlichen“ Album eine ziemlich überholte Geschlechterdivergenz propagiert. Fragen, auf die ich von Heilung, genauer deren Sängerin, gerne Antworten bekommen hätte.

Die Antwort auf den via Mail übermittelten Fragebogen kam prompt: Aus der freundlichen Zusage von Sängerin Maria wurde eine distanzierte Antwort, in der sich Heilung als Band für das Interesse bedanken und um Verständnis bitten, dass sie von der Beantwortung der Fragen absehen möchten, da darin Statements aus anderen Interviews „aus dem Kontext gerissen“ dargestellt würden und die generelle Schlagrichtung zu sehr auf modernen, politischen Themen läge, mit denen sich Heilung nicht befassen möchten. Kurz darauf wurde mir über das Label ausgerichtet, dass das Interview abzuschreiben sei und ich Heilung bitte nicht mehr kontaktieren möge, und zwar nie wieder. Mit anderen Worten: Well, that escalated quickly.

Die Frage ist: Warum eigentlich? Ein Problem ist fraglos, dass – ebenfalls aus Zeitmangel – ein Großteil der Interviews heute mittels per E-Mail versendeter Fragen geführt werden. Wer halbwegs regelmäßig online kommuniziert, weiß, wie schnell es hier zu Missverständnissen kommt. Auf der anderen Seite zeugt die schnelle Eslakation nicht nur von extremer Dünnhäutigkeit, sondern auch von völliger Ahnungslosigkeit in Sachen PR seitens der Band. Schließlich sind selbst die kritischsten Fragen, die sich ein Journalist ausdenken kann, nur selten aus der Luft gegriffen – sondern ganz im Gegenteil Fragen, die sich auch viele Fans stellen. Etwa, wenn sie das alles in allem durchaus als skurril zu bezeichnende Interview von Heilung bei den Kollegen gelesen haben.

Ein zweites Interview mit den entsprechenden Fragen dazu – so kritisch sie auch sein mögen – wäre deswegen genau das richtige Podium, auf dem Unklarheiten diskutiert und ausgeräumt werden könnten. Und sei es nur mit einem knappen Statement, wie es ohnehin mit der Interview-Absage übermittelt wurde. Aber als normale Antwort, im Rahmen eines ehrlich und, wenn auch vielleicht verärgert, so doch ohne Animositäten beantworteten Interviews. Schlussendlich sind es genau solche Fragen, bei denen sich Künstler profilieren könnten – wenn sie denn wollten.

3 Kommentare zu “Es muss wehtun! Oder: Warum Interviews nicht sein dürfen, was Musiker erwarten.”

  1. Olaf

    Tja, das ist mir schon lange aufgefallen. Die Interviews mit Metall-Bands sind meist nach Schema-F, ohne wirklich kritischen Nachfragen; oberflächlich.
    Eigentlich ist der Inteviewer meist nur Stichwortbeger, an den sich der Befragte abarbeitet bis hin zum Selbstlob.
    Weder musikalisch (woran erkenne ich nun dass dies das innovativste, neuartigste, geilste, balbalba Album ist, da es sich fast genauso wie das letzte anhört) und noch weniger bei den Texten oder Inhalten.
    Da ist es kein Wunder wenn der Interviewte nicht weiß, wie man auf Kritik reagiert.
    Eigentlich komisch in einer Musikrichtung, in der Provokation eigentlich eingebaut ist.
    Da wäre ein provokantes Interview doch die perfekte Promo.
    Aber wahrscheinlich ist Metal schon zuviel „Geschäft“/Mainstream und man betrachtet Kritik als geschäftsschädigend.

    Ein anderer Punkt ist der Inteviewer selber. Der ist oft schon lange im „Geschäft“, kennt den Inteviewten vielleicht persönlich. Da scheut man schon mal Kritik.
    Wenn ich dann noch meine Lieblingsband oder eine Band meines Lieblingstils interviewe ist es wahrscheinlich per se schwer eine kritischen Distanz zu wahren.

    Aber das hattes du ja schon thematisiert.

    P.S.
    Emails sind sowieso nicht für kritische Nachfragen geeignet, ich denke das geht nur Face-to-Face.

    1. Moritz Grütz Post Author

      Ja, in der Tat sollte man in einer so „provokanten“ Szene erwarten, dass Leute sich fast schon freuen, wenn man sie mit kritischen Fragen provoziert – dem ist aber leider fast nie so. Die Günde nennst du ja selbst.

      Was deinen zweiten Punkt angeht, das kennen und kritisieren, muss ich zumindest für mich (und uns bei M1) widersprechen: Gerade wenn man sich kennt, traut man sich vielleicht sogar die eine oder andere Frage, die man sonst nicht stellen würde – und nachdem Kritik ja, wie geschrieben, nichts persönliches, sondern etwas sachliches ist, sehe ich auch nichts, was dagegenspräche, eine mir befreundete oder bekannte Band zu kritisieren (in Interviews, wie auch Reviews).

  2. Reiher / Patrick

    Ich denke, das Problem liegt im heutigen Zeitgeist. Kritik ist verpönt, wird heutzutage wenn überhaupt sachte verpackt Weil sich kaum mehr jemand direkt äußert. Ich arbeite seit mittlerweile fünf Jahren leitend in der Personalberatung und muss mir nur dort anhören wie man den Mitarbeitern Feedback gibt oder wie unternehmen Kandidaten auf die nette Art und weise absagen wollen. Das schafft nur mehr Unverständnis. Direkt ist besser und das fehlt in Sachen Selbstreflektion und wenn ich das nicht kann, kann ich Kritik nicht als solche auffassen.

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