CD-Review: Heilung - Futha

Besetzung

Kai Uwe Faust
Christopher Juul
Maria Franz

Tracklist

01. Galgaldr
02. Norupo
03. Othan 
04. Traust
05. Vapnatak
06. Svanrand
07. Elivagar
08. Elddansurin
09. Hamrer Hippyer


HEILUNG sind zurück. Mit ihrem Album Fotze. Was sich zunächst nach Gilles-de-la-Tourette-Syndrom liest, ist weder pathologisch bedingt noch ironisch gemeint. Sondern nichts weiter als die Übersetzung des Albumtitels: „Futha“.

Auch HEILUNG leiden nicht unter Tourette-Syndrom, sondern haben durchaus ein Konzept: War „Ofnir“ ein sehr maskulines Album, wie sie es umschreiben, soll nun die weibliche Seite folgen – mit Texten, die etwa auf isländischen Sagen über heilige Frauen mit magischen Kräften basieren. Konkret beziehen sich HEILUNG etwa auf einen Runenfund aus Bergen mit der archäologischen Kategorisierung B011, der die Inschrift „felleg er fuþ sin bylli fuþorglbasm“ trägt – zu Deutsch: „Schön ist die Fotze, möge der Schwanz sie füllen.“

Einmal mehr nutzen HEILUNG thematisch also Originalquellen, versuchen aber (anders als etwa Wardruna) gar nicht erst, authentisch frühzeitliche Musik zu machen. In Anbetracht der Tatsache, dass über die Musik dieser Zeit wenig verbrieft ist, ist dieser Ansatz nur konsequent.

Weniger konsequent sind HEILUNG einmal mehr bei der Verwendung historischer Texte und Symbole. Hier arbeiten sich die Dänen quer durch alle (Vor-)Zeiten: Da wird Maria Franz im Layout der „Norupo“-Single an das Reliefdekor des Kessels von Gundestrup (5. Jhd. v. Chr.) angelehnt dargestellt, während die vier Ecken des Covers irische Frauenreliefs mit weit gespreiztem Schoß (Síle na gcíoch) zieren, wie sie erst im 12. Jahrhundert nach Christus in Mode kamen.

Ähnlich verquer wie HEILUNGs Geschichtsverständnis ist auch ihr musikalischer Stil. Gewohnt kauzig wird gleich zur Begrüßung in „Galgaldr“ eine Minute lang ein Gedicht geröchelt, ehe sphärische Klänge und meditatives Trommeln, Sprechgesang und Frauengesang den Hörer so sehr in ihren Bann ziehen, dass 10:21 Minuten tatsächlich wie im Fluge vergehen. Oder wenn sie auch in „Othan“ über zehn Minuten packend gestalten, diesmal mit wunderschönem Frauengesang.

Doch der Grat zwischen atmosphärisch und affektiert ist bisweilen dünn. Wenn HEILUNG etwa auf Hörspiel machen, mit Geräuschen Szenen nacherzählen  („Vapnatak“) und fast ins Lächerliche überspitzt Gedichte rezitieren („Elivagar“). Oder wenn die rhythmischem Trommeln stampfenden Beats aus der EBM-Disko gleichen („Elddansurin“) und HEILUNG wie ihr eigener Techno-Remix klingen lassen („Hamrer Hippyer“).

Gewollte Überspitzung? Teil des Konzepts? Provokation? Ritual? Man weiß es nicht. Aber eines muss man HEILUNG lassen: Den Hype um altnordische Kultur, Sagen und Klänge haben sie als Sprungbrett genutzt. Doch musikalisch lassen sie sich davon nicht limitieren. So gehen HEILUNG mit „Futha“ einen gänzlich anderen weg als Einar Selviks Wardruna mit „Skald“: Statt auf Purismus setzen HEILUNG auf Pomp (und Beats). Das ist eigenwillig, ja, aber auch einzigartig.

Bewertung: 8 / 10

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