(Zu) viel Raum für Interpretationen. Oder: Ein Appell zu mehr Offenheit.

In einem Interview sollte es um Inhalte gehen: Informationen, Hintergründe, Fakten. Soweit die Theorie. Doch ausgerechnet, wenn man Musiker nach den Inhalten ihrer Texte fragt, nach den Ideen hinter einem Albumkonzept oder dem Grundgedanken, der in einem Artwork steckt, wird es oft still. Beziehungsweise leer. Denn still sind dann die wenigsten. Vielmehr wird dann der große Floskeleimer unter dem Tisch hervorgeholt, mit beiden Händen hineingegriffen und inhaltsleer daherschwadroniert.

„Wir wollen, dass sich jeder seine eigenen Gedanken dazu macht“, hört man dann oft. Oder: „Die Texte sind frei zur Interpretation – jeder kann darin etwas anderes finden“. Oder es wird gar indirekt die Meinungsfreiheit als Ausrede bemüht: „Wir wollen dem Fan nicht vorschreiben, was er zu denken hat“. Das liest sich verdächtig nach antiautoritärer Erziehung. Und hat vermutlich den gleichen Effekt, wie Birte und Torben nicht vorschreiben zu wollen, was sie über das Werfen mit Katzenkacke im Sandkasten zu denken haben.

Denn sind wir ehrlich: Die Zahl derer, die sich heute noch mit dem Booklet hinsetzen und die Texte eines Albums studieren, ist in den meisten Genres gering. War sie wohl immer schon, doch je mehr Releases erscheinen, je öfter nur noch im Stream gehört wird, desto weniger Aufmerksamkeit erfahren die Texte. Werden diese in der Musik dann auch noch unverständlich vorgetragen, wie das etwa im Black Metal gemeinhin der Fall ist, dürfte die Lyrik oder gar – so vorhanden – das Konzept eines Albums nur die wenigsten Fans erreichen.

Ganz abgesehen davon, dass man als veröffentlichender Künstler eigentlich jedem dankbar sein müsste, der sich für das eigene Schaffen interessiert, ist kaum verständlich, warum ausgerechnet aus den Texten ein Spielplatz für Interpretationsfreudige gemacht werden soll.

Wenn ich einen großen Gedanken habe, in meinen Text ein Zitat einfließen lasse, über einen Song oder ein ganzes Album ein Konzept verfolge – warum will ich nicht, dass das jeder erfährt? Interpretationsspielraum bliebe dann schließlich immer noch genügend. Fehl- oder Überinterpretationen hingegen ließe sich so leicht das Wasser abgraben. Schließlich gibt es für einen Künstler doch kaum etwas Schlimmeres als missverstanden zu werden, oder?

Viel wahrscheinlicher ist deswegen, dass – zumindest in vielen Fällen – am Ende eben doch nicht so viel dahintersteckt, als sich darüber ausgiebig referieren ließe. So nutzt man das Vage, die „heilige Freiheit für eigene Interpretation“, um darüber hinwegzutäuschen, dass es vielleicht gar kein Konzept gibt. Oder dass ein Text zumindest nicht mehr ist, als die Worte, aus denen er besteht.

Doch wäre das zuzugeben wirklich schlimm? Warum nicht einfach ehrlich sein: „Es klingt gut“ wäre als Begründung für einen Titel, eine Formulierung doch völlig ausreichend. Und mit dem Wissen, nichts „falsch“ interpretieren zu können, wären die Gedanken des Rezipienten dann wenigstens wirklich frei.

9 Kommentare zu “(Zu) viel Raum für Interpretationen. Oder: Ein Appell zu mehr Offenheit.”

  1. Malcolm Old

    Hallo Moritz,
    sehr interessanter Ansatzpunkt von Dir, aber ich würde als Musiker heutzutage auch keine Texte mehr erklären wollen. Ein falsches Wort oder Thema und Du bist Zielobjekt von irgendwelchen Links-bzw. Rechtsfaschisten oder Ökospinnern. Im schlimmsten Fall werden Deine CDs zensiert oder verboten, Konzerte abgesagt, boykottiert und Du bekommst bei den meisten Veranstaltern kein Bein mehr auf den Boden. Beispiele gibt es genug…..Wäre es Dir das wert? Denke nicht…..
    Rock on

    1. Moritz Grütz Post Author

      Kunst lebt von der Kontroverse – wenn ich also etwas abliefere, sollte ich meiner Ansicht nach auch soweit dazu stehen, dass man darüber sprechen kann. Ich weiß, dass das auch in den bildenden Künsten viele anders sehen, aber ich finde gerade bei Songtexten wäre mehr Ehrlichkeit eine schöne Sache. Vor allem, wenn eben nicht der große geniale Gedanke dahintersteckt.

  2. W. W.

    Ein sehr spannendes Thema, welches mir direkt aus der Seele spricht. Ich lege nach wie vor sehr viel wert auf die Texte. Ein Beispiel sind die (nicht nur in meinen Augen) schlecht geschriebenen Texte des aktuellen Albums von Der Weg Einer Freiheit, die mir den Spaß an dem ansonsten guten Album dermaßen trüben, dass ich es mir einfach nicht anhören kann. Aber so viel zu meinen eigenen Befindlichkeiten. Ich bin der Meinung, dass auch Musik-Magazine dem Trend(?) des lyrischen Desinteresses entgegen wirken helfen könnten, indem die Texte eines Albums integraler Bestandteil der Gesamtwertung des Albums werden. Diese Diskussion habe ich hier an anderem Ort schon einmal kurz geführt (ich glaube es war sogar unter dem Review zur „Finisterre“ von Der Weg Einer Freiheit). Bisher scheinen mir Texte nur fragmentarisch in die Bewertung einzufließen, wenn sie entweder herausragend gut oder aber nicht so gut geschrieben sind (wie auch hier z.B. bei der neuen Rammstein geschehen). Warum also nicht immer auf die Texte eines Albums, unabhängig von ihrer Güte, gesondert im Review eingehen? In der langen Frist, da bin ich überzeugt, würde es die Leser, die bisher vielleicht nicht so sehr auf Texte achten, durchaus sensibilisieren dies (wieder) zu tun. Vielleicht würde es auch jene Bands, die das bisher nicht getan haben (wieder) dazu bringen, noch einmal mehr Wert auch auf die textliche Gestaltung eines Albums zu legen. Mich jedenfalls würden damit (auch für mich genre-fremde) Reviews weitaus mehr interessieren. Vielen Dank noch einmal für das Ansprechen dieses wichtigen Themas!

    1. Simon Bodesheim

      Hi W.W.,

      das Problem ist meist, dass wir vorab zwar die Promos als Download (oder Stream) bekommen, neben den mp3s aber meist nur Bilder (Albumcover und Bandfotos) oder maximal noch ein Presse-/Infotext mitgegeben wird. Dass Lyrics mit angeboten werden, kommt sehr selten vor.

      Da vor der Veröffentlichung eines Albums die Texte online nirgendwo zu finden sind und es auch nach Veröffentlichung (je nach Band) auch noch mehrere Tage bis Wochen dauern kann, bis sie verfügbar sind, müssen wir für die Reviews meist den Aspekt „Texte“ herauslassen. Gerade bei gutturalem Gesang würde es zu viel Zeit kosten, alles herauszuhören. Bei manchem, gut verständlichen Gesang mag das gehen, dass man den Großteil heraushört. Aber meist lohnt sich die Extraarbeit nicht wirklich.

      Ich finde es persönlich auch sehr schade, dass die Lyrics selten beachtet werden. Ich sehe das auch so, dass sie ein relevanter Bestandteil des Gesamtwerkes sind.

  3. W. W.

    Guten Morgen Simon, vielen Dank für die Antwort. So etwas habe ich mir schon gedacht und das kann ich auch absolut nachvollziehen. Ich stelle mir für diesen Fall allerdings zwei Lösungsalternativen vor. Die erste Alternative könnte man sogar noch aufspalten: entweder man erwähnt es schlicht im Review, dass die Texte zum Zeitpunkt des Reviews noch nicht vorlagen und in einem späteren, bei vorliegenden Texten „geupdateten“ Review (mit entsprechender Berücksichtigung in einer neuen Punktzahl) noch einmal berücksichtigt werden. Oder aber man bewertet das Album aufgrund fehlender Texte mit „keine Wertung“. Ich könnte mir aber vorstellen das hierbei die meisten (Underground-)Alben „keine Wertung“ bekommen würden, so dass die Möglichkeit sicher nicht praktikabel ist. Zweite Alternative: Man wartet einfach so lange mit einem Review, bis Texte vorliegen. Schließlich gibt es eigentlich gar keinen Grund, Alben sofort bei Veröffentlichung zu reviewen. Warum also nicht erst einen Monat später? Mir ist aber bewusst, dass das wahrscheinlich die Leser-Aufmerksamkeit für das Magazin beeinträchtigen könnte, da man im Gegensatz zur „Konkurrenz“, die das nicht so handhabt, eben nicht aktuell wäre. Die Leserschaft würde sich also auf jene reduzieren (oder auch anwachsen?), denen umfangreiche Reviews inkl. Texte wichtig sind. Ein weiteres Problem bleibt aber: was macht man mit Alben, zu denen niemals Texte vorliegen (Gorgoroth bspw.) oder Bands, deren Textsprache man gar nicht beherrscht (das Problem besteht eigentlich bei allen Alternativen)? Keine Ahnung… :) Daher scheint mir Alternative 1.1. ein guter Kompromiss, also Alben einfach noch einmal auch per Review aus dem Schrank holen, wenn die Texte da sind. Aber bei der Veröffentlichungsflut, die heutzutage herrscht, ist es bestimmt schwierig (gerade für ein Fan-Zine) Alben wiederholt zu rezensieren. Vielleicht geht es auch ein Stück pragmatischer: 2-3 verschiedene Punktekategorien (Musik, Texte, Artwork) die relativ unabhängig voneinander bewertet werden. Bei den Promos, bei denen keine Texte vorliegen, gibt es eben auch keine Bewertung für die Texte. Versteht mich nicht falsch: ich möchte hier keinesfalls eure Arbeit herunterreden o.Ä. Zumal ich selbst nicht für ein Magazin schreibe und mir das alles ganz sicher einfacher vorstelle, als es ist. Es geht mir generell ums Nachdenken darüber, wie man Texte sinnvoll in eine Rezension einbauen kann und dabei trotzdem den Anforderungen der Zeit gerecht wird. Schließlich kenne ich kein einziges Magazin, welches das bisher probiert hat.

  4. W. W.

    PS: Dies soll auch mein letzter Beitrag zu dem Thema hier gewesen sein, da es ja doch ein bisschen an der Intention des Textes von Moritz vorbeischrammt. Sorry dafür :)

    1. Moritz Grütz Post Author

      Ach, das „off-topic“ ist kein Problem, das Problem ist eher, dass Texte – mehr noch als Musik – deutlich mehr Interpretations- und Geschmackssache sind. Nach über 10 Jahren als Musikredakteur traue ich mir eine halbwegs kompetente Beurteilung von Musik zu – und selbst damit stoße ich selbs bei ähnlich erfahrenen Kollegen anderer Redaktionen oder auch im Team oft auf unverständnis, weil sie eine komplett andere Meinung haben. Das ist normal und in Ordnung, weil auch das nüchternste Review nicht objektiv ist (siehe dazu: https://www.metal1.info/specials/du-du-hast-du-hasst-mich-oder-die-maer-vom-objektiven-review/). Wenn man jetzt aber noch anfängt, IMMER die Texte mit einzubeziehen, wird die Punktzahl für den Fan schlicht nicht mehr nachvollziehbar. Zumal Texte selbst innerhalb eines musikalischen Genres so unterschiedlich ausfallen können, dass es nicht mehr vergleichbar ist, oder aber innerhalb eines Genres auch so gleich sein können, dass man quasi nicht differenzieren kann. Ich würde mir jedenfalls nicht anmaßen, Porngrind-Texte auf ihre lyrische Qualität beurteilen zu wollen, oder aber die Texte von DWEF mit denen von Immortal vergleichbar und nachvollziehbar zu skalieren. Insofern: Klar, wenn sie vorliegen und erwähnenswert sind, werden wir auch künftig darauf eingehen. Am Ende ist es aber eine Band, die Musik macht, und der Gesang (oft leider) nur ein weiteres Instrument, der eben eine Basis (Texte) braucht. Das sollte man in vielen Fällen vielleicht auch einfach darauf beruhen lassen. Aber dann (und hier sind wir wieder bei obigem Text) wäre halt auch cooler, wenn die Band es genau so auch zugibt.

  5. Holle

    „[Der Schriftsteller Urs Widmer sagt] dass man bloß nicht glauben solle, man könne Schriftsteller zu ihrem Werk befragen. Denn was Schriftsteller zu sagen haben, und noch sehr viel mehr, steht bereits im Werk.“
    Harry Rowohlt

    Das fasst meine Meinung dazu sehr gut zusammen.

  6. W. W.

    @Moritz: Sehr gutes Argument. Das habe ich in meinem Punkte-Fokus gar nicht in Betracht gezogen. Ich bleibe aber dabei – und das hast du auch bestätigt – das in Reviews auch immer etwas zu den Texten gesagt werden sollte, sofern das irgendwie möglich ist. Aber auch hier gebe ich dir Recht: bei Genres, in denen Texte ohnehin nur Makulatur sind (Porngrind?), kann man sich die Mühe wohl tatsächlich sparen. Auch hier habe ich meine Scheuklappen zu eng gezogen, da solche Musik aus meiner Lebenswelt völlig ausgeschlossen ist. Danke für den Augenöffner :)

    @Holle: Explizit bei Schriftstellern literarischer Werke gebe ich dir völlig Recht. Wenn da mithilfe des einzig vorliegenden Materials, also dem Buch, nichts rüberkommt – dann ist es einfach kein gutes Buch. Schriftsteller haben in diesem Sinne ja gar keine andere Möglichkeit, sich anders auszudrücken, als über das geschrieben Wort, da ihr Werk aus gar nichts anderem besteht. Bei Musik und insbesondere den Texten in der Musik verhält sich das meines Erachtens nach schon anders. Das scheint mir auch die Kernthese der Kolumne zu sein: manche Bands sehen Stimme und Texte (leider) einfach nur als notwendige Bausteine des Gesamtwerks, mithin sogar als notwendiges Übel. Die geben sich dann vielleicht gar keine Mühe mit den Texten oder wollen mit den Texten auch gar keine besondere Nachricht übermitteln, was total ok sein mag. Wenn sie das tun, dann aber doch bitte auch so offen sein und es in Interviews einfach zugeben und nicht mit den in der Kolumne erwähnten und wirklich immer wieder zu findenden typischen Floskeln um den heißen Brei herumreden. Das scheint mir der hier durchaus nachvollziehbare Appell zu sein.

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