Eurovision Song Contest – „place to be“ für Metalbands?

Aufruhr in Musik-Deutschland – ESKIMO CALLBOY dürfen nicht am Vorentscheid zum Eurovision Song Contest [ESC] 2022 teilnehmen [1]. Diese Entscheidung der Jury des NDR hat eine ungeahnte Welle der Entrüstung ausgelöst  – inklusive einer Online-Petition mit nunmehr über 125.000 Unterschriften [2] dafür, die Trancecore-Band doch noch zum Vorentscheid zuzulassen [3]. Wäre Volkes Wille hier nicht oberstes Gebot? Oder ist es völlig richtig, dass dem Treiben ein Ende bereitet wird? Und warum sollte man als Metalband überhaupt zum ESC wollen? Fragen über Fragen, über die sich trefflich diskutieren lässt. Ring frei für ein PRO und CONTRA!

Pro

Nicole hat 1982 mit „Ein bisschen Frieden“ als erste deutsche Gewinnerin trotz Kritik aus der Heimat den Zeitgeist getroffen. Dieser Zeitgeist und der Musikgeschmack der Masse haben sich aber geändert, auch der ESC ist dadurch nicht mehr der reine Schlagerwettbewerb, der er mal war. Seinen Ruf ist er aber noch nicht ganz losgeworden, auch wenn Stefan Raab mit „Guildo hat euch lieb“ (Platz 7 für Guildo Horn, 1998) und „Wadde hadde dudde da?“ (Platz 5, 2000) mit quatschigem Klamauk die Ralph-Siegel-Schlager-Dominanz etwas gebrochen hat. Vor allem hat Raab bewiesen, dass es auch anders geht. Und genau in diesem Punkt versagt der NDR. Der öffentlich-rechtliche Sender entscheidet seit 1996 über die Teilnehmer, die für Deutschland am Vorentscheid teilnehmen dürfen. Drei Jahre dazwischen war Raab mit an Bord und führte Lena 2010 mit „Satellite“ zum Sieg. Mit dem NDR kam die Flaute zurück: Nur zwei deutsche Teilnehmer landeten in den letzten neun Jahren nicht im letzten Drittel des Rankings. Deutschland schaffte es 2015/2016 gar, als zweites Land nach Malta (1971/1972) zweimal in Folge Letzter zu werden. Danach folgten sogar noch drei vorletzte Plätze.

Der NDR setzt seinen Kurs aber stoisch fort und entschied sich aus 944 Bewerbern für die musikalisch langweilige „Nummer Sicher“. Die sechs ausgewählten Künstler bewegen sich allesamt im musikalischen Bereich Pop, seichtem Rock und ebenso seichtem Rap. Die Lieder sind durchweg massentauglich und gleichförmig und damit im Wettbewerbskontext unauffällig, langweilig und werden gnadenlos in der Masse untergehen – mal wieder. Keiner der Beiträge hat das Potenzial dazu, nach den maximal drei Minuten Auftrittszeit im Gedächtnis zu bleiben. Doch warum? Will man als Teilnehmer bei einem Wettbewerb nicht möglichst gut abschneiden? Immerhin zeigen die Sieger der letzten Jahre, dass die Zuschauer keine große Lust auf radiokonforme Durchschnittstracks ohne Ecken und Kanten haben: Ob der auf außergewöhnliche Weise berührende Sänger Salvador Sobral (2017, Portugal), Netta mit dem irrwitzigen „Toy“ (2018, Israel) oder die gefühlvoll-erhabene Atmosphäre von Duncan Laurence (2019, Niederlande) – sie alle haben Charakter und Individualität. 2021 gewann mit den Italienern Måneskin sogar mal wieder eine Rockband.

2022 hätte Deutschland die Chance gehabt, mal wieder etwas Aufregendes zu versuchen: ESKIMO CALLBOY als Vertreter für Deutschland wären mutig gewesen – und klug. Schon bei ihrer Bewerbung mit „Pump It“ im Dezember 2021 löste die Metalcore-Combo eine wahre Welle der Euphorie für den ESC aus. Laut Kommentaren in sozialen Medien freuten sich darüber nicht nur Metalfans, sondern auch ESC-Fans im Allgemeinen und auch aus dem Ausland gab es viel Unterstützung.  Die Band aus Castrop-Rauxel schwimmt spätestens seit „Hypa Hypa“ auf einer unbeschreiblichen Erfolgswelle, das „Pump It“-Video hat innerhalb von zweieinhalb Monaten mehr als neun Millionen Aufrufe generiert. Sie hätten mit einem unterhaltsamen Song wie „Pump It“ Spaß gemacht, in 180 Sekunden durchgehend für Over-the-top-Action gesorgt und – vor allem – wohl viel mehr Punkte eingefahren. Auch wegen einer großen internationalen Fanbasis.

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Doch ESKIMO CALLBOY seien nicht radiotauglich genug, sagte der NDR. Gregor Friedel, Musikchef des SWR3 und eines der Jurymitglieder, die die Teilnehmer für den Vorentscheid ausgesucht haben, nennt im Eurovision.de-Podcast weitere Gründe [4]. Jeder Song des Vorentscheids soll häufig im öffentlich-rechtlichen Radio gespielt werden, damit sich „die deutschen Hörer mit einem Song identifizieren und beim ESC geschlossen hinter ihm stehen“. Dazu müsste man einen der gewählten Tracks im Radio erstmal vom restlichen Einheitsbrei unterscheiden können. Zudem behauptet Friedel, Musik wie die von ESKIMO CALLBOY werde „von der breiten Masse nicht wahrgenommen, geschätzt und geliebt“ – diese Beurteilung nehmen er und seine Jury den Hörern ab. Eine wahnwitzige Behauptung in Zeiten, in denen allein in den ersten Wochen 2022 Bands wie Feuerschwanz und Versengold auf Platz 1 und Kissin’ Dynamite auf Platz 2 der deutschen Albumcharts landeten. Außerdem wolle er Künstler schicken, die sich mit dem Wettbewerb identifizieren und nicht nur als Rampe für eine große Karriere nutzen wollen. Als Rampe und Karriereboost konnte den ESC abgesehen von Lena und Michael Schulte zuletzt eh niemand nutzen, dafür sorgt der NDR bei seiner Auswahl ganz zuverlässig.

Etwas selbst im Weg standen sich ESKIMO CALLBOY wohl mit ihrer Vergangenheit. Der Bandname, so Friedel, sei diskriminierend und manch ältere Texte geschmacklos – womit er nicht ganz unrecht hat. Eskimo Callboy selbst haben Ende 2021 bekannt gegeben, einige der älteren Songs offline zu nehmen, da sie sich damit nicht mehr identifizieren könnten und würden sich zudem Gedanken um einen neuen Bandnamen machen [5]. Ob dies nun Aktionismus im Zuge der ESC-Bewerbung oder ein Fall von Self-Awareness ist, darüber kann nur spekuliert werden. Friedel und der NDR jedenfalls haben damit ihr ultimatives und alles andere überschattende Argument: „Wir wollen nicht, dass Deutschland von Künstlern repräsentiert wird, die mit solchen Werten in Verbindung gebracht werden“.

Zum ersten Mal war unsere Musik so richtig 2006 mit LORDI beim ESC vertreten – und prompt hat sich die Rock- und Metalgemeinde Europas vereint, um „Hard Rock Hallelujah“ zum Sieg zu wählen. Die ESC-Verantwortlichen selbst haben das mit einem amüsanten wie überforderten Text kommentiert [6]. Metal beim ESC hätte es jedoch schon eher geben können: 2000 scheiterten Nightwish (trotz den meisten Publikumsstimmen an der finnischen Jury) für Finnland und Knorkator für Deutschland (ebenso wie 2016 Avantasia) in den Vorentscheiden, dieses Jahr haben es Trollfest für Norwegen nicht ins Finale geschafft. Das Zauberwort bei all diesen Fällen ist „Publikum“: In einer am Ende (je nach Jurybeteiligung mehr oder weniger) demokratischen Entscheidung sind diese Kandidaten gescheitert, durften es aber versuchen. Mit Teräsbetoni (Platz 22 für Finnland, 2008) und MaNga (Platz 2 für die Türkei, 2010) waren immerhin noch zwei Rock-/Metal-Combos dabei. 2021 schaffte es die finnische Post-Hardcore-Band Blind Channel auf Platz 6 – dieses Jahr wollen sie mit ESKIMO CALLBOY auf Tour gehen.

Die Möglichkeit des Versuchs wird ESKIMO CALLBOY verwehrt: Hier haben ein paar wenige Radiomacher für die deutschen Musikfans entschieden, dass diese Band nicht dem Massengeschmack entspricht und im Wettbewerb nicht bestehen können wird. Es wäre ein Zeichen der Offenheit und des Mutes gewesen, nicht sechs gleichförmige Feeldgood-Songs zu nominieren, sondern sich genremäßig weiter zu öffnen und den Zuschauern die Wahl aus einer breiteren Palette zu geben. Die Wahrheit ist: Diese Radiomacher befürchteten, wenn ESKIMO CALLBOY beim Vorentscheid antritt, könnten sie diesen auch gewinnen. Die zahlreichen Unterschriften der Petition zeigen das Potential auf, aber natürlich darf einer Band nicht die Teilnahme gewährt werden, nur weil die Fans besonders laut schreien. 

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2022 wird es keinen ESC-Sieger aus dem rockigen Bereich geben – das orakelt Friedel: „Letztes Jahr hat Måneskin gewonnen, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Jahr wieder ein Rocktitel gewinnt?“ Hier geht es nicht mal um Rock, es geht nicht mal speziell um ESKIMO CALLBOY: Es geht darum, mutige und zeitgemäße Entscheidungen zu treffen und zu erkennen, was die Menschen aus Deutschland und Europa bei diesem Unterhaltungswettbewerb sehen und hören wollen. Der ESC ist schließlich auch ein Musikwettbewerb, der für Diversität auf allen Ebenen stehen will. Das darf nicht nur für Geschlechterrollen und Teilnehmer wie Conchita Wurst (Siegerin 2014 für Österreich) oder der französischen LGBT+-Ikone Bilal Hassani (2019) gelten. In dieser Hinsicht versagt der NDR auf ganzer Linie. Vielleicht ist der ESC für Rock und Metal nicht die richtige Bühne – ein paar Gegenbeispiele gibt es aber und wenn der NDR es nicht mal versuchen will, zeugt das von Feigheit. Was soll schon Schlimmeres passieren, außer dass Deutschland mit Metal ebenso scheitert, wie mit dem ganzen anderen Käse davor und dem kommenden Mainstream-Käse? Vielleicht ist der Trubel um ESKIMO CALLBOY gerade auch deshalb so groß, weil sich viele Hörer, Zuschauer und auch Mainstream-Medien mehr Mut und Individualität statt glattem Plastik wünschen. Eskimo Callboy können den ESC nun ganz entspannt vor den TV-Geräten verfolgen und bitterlich lachen, wenn Peter Urban konsterniert und wiederholt „und wieder keine Punkte für Deutschland“ sagen muss.

[Stefan Popp]


Con

Wir schreiben den 20. Mai 2006 – eine Clique junger Metalheads sitzt gespannt vor dem Fernseher, der zu diesem Zwecke nicht ohne Aufwand aus dem Wohn- ins „Kinderzimmer“ verfrachtet wurde, und erträgt als unerträglich geltende Musik. Wählt immer wieder eine kostenpflichtige Nummer, sobald diese das erste Mal eingeblendet ist – noch lange bevor „die Leitungen freigegeben“ sind, wie es so schön heißt. Und am Ende gewinnen LORDI den ESC.

Bis heute im Schrank des Autors, wenn auch seitdem ungetragen: Das LORDI-ESC-Shirt.

Die belächelten Außenseiter sprengen die Mainstream-Party. Es ist eine kleine Sensation, der EMP (damals noch ein echter Metal-Mailorder) druckt Event-Shirts, für die natürlich direkt eine Sammelbestellung rausgeht. Wir sind stolz. Wir waren dabei. Wir haben mitgeholfen: Eine Rockband gewinnt diesen schnarchigen Popschnulzenwettbewerb, diese verachtenswerte Veranstaltung, bei der Jahr um Jahr der immer irgendwie abstoßende Ralph Siegel seinen Dreitagebart semiübergriffig an irgendeinem Popsternchenbäckchen reibt, für das er wieder einen neuen, alten, immer gleichen und am Ende wenig erfolgreichen Song geschrieben hat.

Denn wenn sie auch nicht alle Ralph heißen: Am Ende hat wohl jedes Land einen Produzenten dieser Sorte am Start: Der ESC ist dominiert von alten, weißen Männern, die auf Erfolg und Massentauglichkeit hin konzipierte „Hits“ komponieren und diese von austauschbaren Sänger*innen möglichst „ansehnlich“ präsentieren lassen. Wohl auch, damit am Fliesentisch Tante Karin nicht alleine Eierlikör trinken muss, sondern Karl-Heinz auch wie gebannt Richtung Eichenholz-Einbau-Fernsehschrank starrt. Und jetzt eben: auf wilde Finnen in Monster-Kostümen, mit Pyrotechnik und dem fulminanten Schlachtruf „Hard Rock Halleluja“. Die Teilnahme am ESC mag auch von LORDI damals schon reines Kalkül im Sinne einer gelungenen PR-Aktion gewesen sein; der weitere Weg der Band legt diesen Gedanken nahe. Für uns aber war es Rebellion.

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Dieser Tage gibt es wieder eine Art Rebellion, allerdings geht es diesmal um den Vorentscheid zum ESC – und die deutsche Metalcore-/Trancecore-Band ESKIMO CALLBOY aus Castrop-Rauxel. Die wurde nämlich aus der Vorauswahl gestrichen und darf jetzt sehr zum Ärger ihrer Fangemeinde nicht mitklamauken. Die Begründung seitens des NDR, der für die Vorauswahl der Künstler verantwortlich ist: ESKIMO CALLBOY seien „nicht radiotauglich“ genug. Und jeder vernünftige Metalhead wäre auf dieses Prädikat stolz – schließlich gilt „was im Radio läuft“ als Musikgeschmack in der Szene als charakterliches Todesurteil. Doch statt allein in dieser Begründung des NDR den letztendlichen Beweis dafür zu sehen, dass der ESC auch 2022 noch auf eine andere  Zielgruppe ausgerichtet ist und jeden Freund alternativer, ernst gemeinter und handgemachter Musik allenfalls dazu bringen sollte, verständnislos den Kopf zu schütteln, steht der NDR nun in einem ziemlich ungerichteten Shitstorm – Onlinepetition und Buzzwordoffensive (Zensur, Zwangsgebühren, steuergelderfinanziert!!111) inklusive. Wer verarscht hier eigentlich wen?

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Es ist ja nun nicht so, dass die Teilnahme von ESKIMO CALLBOY einem Siegeszug des Metal hinein in den Mainstream gleichgekommen wäre. Denn ESKIMO CALLBOY sind dort schon lange angekommen. Der Song „Pump It“, mit dem sich die Truppe beworben hatte, ist an Metal-Maßstäben gemessen so „poppig“, dass man als Metalhead eigentlich direkt „Ausverkauf“ und „Verräter“ plärren müsste. Das Video zum Song hat an die zehn Millionen Aufrufe generiert. Und Schlagzeuger David Friedrich kennt der durchschnittliche ESC-Zuschauer ja auch schon aus dem Trash-TV: 2017 „gewann“ er Die Bachelorette auf RTL, 2018 ging es dann direkt mit Dschungelcamp weiter. Nun also der  Versuch, ins nächste Trash-TV-Format zu kommen – irgendwie konsequent, oder?

Doch statt der Band diesen Move anzukreiden, bekennen sich ihre Fans allein durch ihr Interesse an der Veranstaltung zu ihrem inneren Spießertum – mit der Familie ESC gucken war ja doch immer schön! – sind dann aber beleidigt, dass Spießer nach spießigen Regeln entscheiden. Zumal ESKIMO CALLBOY – und hier haben die Verantwortlichen tatsächlich einen Punkt – mit ihrem Bandnamen, der im Jahr 2022 nicht nur in besonders woken Kreisen für Stirnrunzeln sorgen sollte, auch nicht zum „weltoffeneren“ Bild gepasst hätten, das der ESC neuerdings von sich zu zeichnen versucht.

ESKIMO CALLBOY dürfte es egal sein – als PR-Stunt hat sich die Bewerbung allemal gelohnt. Und vielleicht ergattern sie ja mit dem Shitstorm ihrer Fans in den Segeln einen Auftritt im ZDF Fernsehgarten. Ansonsten darf Friedrich sicher mal wieder ein Promidinner ausrichten. Kommt sicher gerne: Ralph Siegel.

[Moritz Grütz]

 

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5 Kommentare zu “Eurovision Song Contest – „place to be“ für Metalbands?

  1. Ich persönlich finde ja, dass der Contra-Beitrag eindeutig nach jemandem klingt, der den ESC und die dazugehörigen Beiträge schon lange nicht mehr ernsthaft mitverfolgt hat ;) Viele Gewinner und/oder hochplatzierte Songs der letzten zwei drei Jahre waren „handgemachte“ bzw selbstgeschriebene Musik, die auf Teufel komm raus auf Pop-Radiotauglichkeit getrimmten Songs werden nicht selten abgestraft. Stattdessen kehrt die Vielfalt wieder zurück zum ESC, mehr Muttersprache, mehr Wagnis. Da passt es so gar nicht, dass die Entscheider für Deutschland mal wieder auf „Nummer sicher“ (und damit auf Nummer sicher letzter Platz) gehen wollen. Und deshalb wird sich, zurecht, auch aufgeregt. Der ESC ist nicht nur ein Event für die Hausfrau aufm Land, die das immer „so nett“ findet, sondern längst eine Veranstaltung geworden, die zb für LGBTQ+ einen ungemeinen Stellenwert hat. Dementsprechend wollen die heutigen Fans der Veranstaltung auch ein möglichst diverses Teilnehmerfeld sehen. EC hätten da wirklich gut dazu gepasst.

  2. Danke für diesen Beitrag. Ich möchte vorab anmerken, dass ich weder ein Fan von Eskimo Callboy noch vom Eurovision Song Contest bin. Letztes Jahr habe ich lediglich beim Finale des Eurovision Song Contests eingeschaltet, weil ich am selben Tag erstmals den Beitrag Finnlands gehört habe und ernsthaft dachte: „Wow, das wird gewinnen!“ Und genau das wollte ich dann auch miterleben. Von Italiens Beitrag (oder überhaupt irgendeinem Beitrag) wusste ich bis dahin auch noch nichts. Lange Rede, kurzer Sinn: Italiens Måneskin fand ich noch viel toller und gönne ihnen den Sieg daher auch von ganzem Herzen. Finnlands Blind Channel schnitten ebenfalls super ab. Und auch einige der nicht-rockigen Beiträge gefielen mir teils sehr gut. Die Konkurrenz war 2021 teilweise wirklich heftig. Das hätte ich dem Eurovision Song Contest gar nicht zugetraut. Trotz allem „Wow“ kam ich schnell zu der Erkenntnis, dass a) der Eurovision Song Contest 2021 ingesamt eine positive Ausnahme gewesen sein könnte und b) denke ich ebenfalls wie Gregor Friedel, dass es 2022 keinen Sieger aus dem rockigen Bereich geben wird. Rock und Metal bleibt bei dieser Veranstaltung eher eine Ausnahmeerscheinung.

    Ob man mit diesem Gedanken im Hinterkopf Eskimo Callboy dann gleich von vorneherein keine Chance gibt und stattdessen sechs komplett belanglose Beiträge im Kampf um den letzten Platz ins Rennen schicken muss… Zweifelhaft. Wirklich zweifelhaft. Ein „Menschen Leben Tanzen Welt“ von Jim Pandzko feat. Jan Böhmermann wäre wenigstens noch ironisch und somit unterhaltsam gewesen. Was da jetzt an seelenlosem Gedudel an den Start geht… Einfach nur bitter. Aber schaut euch mal das Musikvideo von Eros Atomus genauer an. Bei diesem Coldplay-Abklatsch findet ihr gleich drei (ehemalige?) Rock-/Metal-Heads im Hintergrund, was meiner Meinung nach nicht weniger bitter ist.

    Deutschland kann froh sein, von Anfang an fürs Finale qualifiziert zu sein, obwohl vielleicht auch gerade das das Problem ist. Es wird sich überhaupt keine Mühe gegeben.

    Ich will hier aber nicht nur auf Deutschland schimpfen. Finnland empfinde ich mit The Rasmus als nicht weniger blamabel, vor allem nach dem starken Auftritt von Blind Channel im vergangenen Jahr. Die schwarzen Federn aus „In The Shadows“-Zeiten wieder in die Haare gesteckt, viel nackte Haut, schnell noch ein neues, weibliches Bandmitglied an die Gitarre (Haben Måneskin schließlich auch)… Und der Song nervt nach 2-3 Mal hören wirklich unglaublich. Und dabei gab es wirklich starke Kandidaten im finnischen Vorentscheid. Bess zum Beispiel. Zwar kein Rock / Metal, aber eben ein starker Song. Ich hoffe, The Rasmus fliegen im Halbfinale raus. Das hängt aber eben auch von der Konkurrenz ab.

    Deutschland lässt 2022 Rock und Metal gleich von vorneherein nicht zu, Finnland wiederum biedert sich Måneskin-Elementen an. Und zur eigentlichen Frage, ob der Eurovision Song Contest ein „place to be“ für Metalbands sei: Fragt doch mal die drei Herren hinter Eros Atomus, die sich selbst für „Menschen Leben Tanzen Welt 2“ nicht zu schade sind, um dabei sein zu können.

    1. Danke für deinen Kommentar. Das stimmt schon, dass letztes Jahr besonders viele spannende Beiträge dabei waren. Ich habe mir die bisher feststehenden Halbfinal-Teilnehmer mal durchgehört und das Feld scheint diesmal tatsächlich nicht so stark zu sein. Besonders gut haben mir auf Anhieb die Songs von Albanien, Bulgarien, Moldau und Norwegen gefallen – Subwoolfer dürften auf jeden Fall große Favoriten sein.
      Der Beitrag von The Rasmus ist wirklich peinlich, genau wie du sagst ein kalkulierter und seelenloser Track, gesanglich außerdem meilenweit hinter dem, was der Sänger mal drauf hatte.
      Bei Eros Atomus habe ich zumindest Chris Harms von Lord Of The Lost entdecken können. Daran finde ich prinzipiell nichts verkehrt, auch als Metal- bzw. Gothic-Musiker kann man ja mal poppige Musik machen, aber stolz braucht da keiner sein.

      1. Danke für die Rückmeldung. In die erwähnten Beiträge höre ich mal rein. Ich möchte es mir aber nicht nehmen lassen, noch die Identität der anderen zwei Herren hinter Eros Atomus aufzulösen. Chris Harms von Lord Of The Lost war natürlich richtig, hätte ich aber ohne die ganzen YouTube-Kommentare von den hiesigen Fan-Girls auch nicht mitbekommen. ;) Nach etwas Recherche stieß ich dann noch auf Marcel Zürcher (Die Krupps) und Eike Freese (Dark Age), die beide auch an Komposition und Text beteiligt waren.

        1. Sehr interessant, das ist ja ein wirklich profiliertes Line-up, dass der Herr Atomus da hinter sich versammelt hat. Hilft aber nix – das Lied hat nix getaugt und zurecht gabs wenig Punkte. Mit Malik Harris hat tatsächlich das kleinste der üblen Übel gewonnen, aber auch der wird nix reißen können.

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