Interview mit Cornelia Fuchs von Filia Irata

Vor vielen Jahren gründete Cornelia Fuchs zusammen mit Michael Rhein die heute viel gefeierte Band In Extremo. Leider (?) musste Conny auf Grund von Schwangerschaft ihre Tätigkeit bei In Ex einstellen, ehe sie zusammen mit einigen weiblichen Mitstreiterinnen das Projekt FILIA IRATA ins Leben rief – die einzige rein weibliche Mittelalterband mit ordentlich Feuer unter dem Hintern bzw. in den Sackpfeifen. Neben all dem Feuer bleibt allerdings der Spaß auch nicht auf der Strecke und so entstand auch dieses unterhaltsame Interview.

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
Conny (Cornelia Fuchs) ist seit 1984 auf mittelalterlichen Märkten unterwegs und spielte/spielt seit 1986 als Musikerin in verschiedenen Bands, wie „Saltarello“, „Anno Domini“, „Echt Elior“, „In Extremo“, „Der Schwartenhalß“ und „Filia Irata“. Die unterschiedlichen Musikstile der verschiedenen Gruppen: Musik des Mittelalters und der Renaissance, Musik der Stauferzeit, Musik aus dem Bereich Balkan und Skandinavien.
Amsel (Alexandra Prinz) kommt von der klassischen Musik. Nebenbei gelten ihre musikalischen Interessen geistlicher und weltlicher Chormusik, mittelalterlicher bis neuzeitlicher Instrumentalmusik, sowie Musik der Völker. Jutta (Jutta Weber) spielt seit mittlerweile 25 Jahren Folk, insbesondere vom Balkan und aus Skandinavien; dazu kommen Bal-Folk-Sessions und gelegentlich Jazz und Chorprojekte. Silvi\’s (Silvia Wende) musikalische Wurzeln liegen im Bereich Folk, Klassik, Mittelalter, Crossover und Rock.
Gala (Gala Hummel) ist eine ehemalige Rock- und Hardcore-Thrash-Metal-Schlagzeugerin und auch heute noch Improvisationsmusikerin und Performancekünstlerin aktiv. Seit zwei Jahrzehnten kann man sie sporadisch und in letzter Zeit wieder vermehrt erleben mit ihrem Soloprogramm „Göttin Gala – Trommeln, Stimme und andere Überraschungen“

Wie würdet Ihr „Neulingen“ mittelalterliche Musik erklären?
Aus der Zeit des Mittelalters gibt es erhaltene Notenschriften, die allen Bands
als Grundlage und Inspiration für ihr musikalisches Schaffen dienen. Einige Musiker versuchen, soweit es irgend geht, authentisch zu sein. Andere nutzen die Schriften als Inspiration und schaffen eine Musik, die zwar wegen der Instrumente und/oder bestimmter Harmonien mittelalterlich klingt, aber doch ihren eigenen Weg geht. Von daher ist die mittelalterliche Musik sehr vielseitig und breit gefächert. Es kommt halt drauf an, wie die Musiker es auslegen/umsetzen. Der Klang der Instrumente (Dudelsäcke, Schalmeien, Drehleier, Harfe, Schlüsselfiedel, Krummhorn etc) ist sehr eigen und für den „normalen“ Hörer sehr ungewöhnlich. Das ist wohl das Geheimnisvolle daran.

Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
Indem man den Zuschauer für den Augenblick der Show/Konzertes einfach aus seinem Alltag heraus holt und in eine andere Zeit versetzt. Das Bühnenbild, die Kostüme, Effekte, Feuer, Artistik, in dem man die Texte übersetzt, Witz und Ironie,…es gibt viele Möglichkeiten es interessant zu gestalten..

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Mittelalterbands und was sorgt für Wiedererkennungswert bei eurer Musik?
Wir sind bis jetzt die einzige mittelalterliche Frauen(dudelsack)band, die auch richtig Power auf der Bühne macht. Zum einen ist unser Klang typisch gefärbt durch die Zusammensetzung Dudelsäcke/Gralla (diese Zusammensetzung findet sich sonst eher selten). Und zum anderen heben wir uns ab durch den mittelalterlichen und unter anderem auch bulgarischen, mazedonischen oder finnischen Chorgesang. Wir haben einen ganz eigen Musikstil, unsere eigene Art die Lieder zu arrangieren. Außerdem legen wir viel Wert auf gestimmte Instrumente. Mittelalterliche Musik muss nämlich nicht schief klingenJ.
Und unsere „berühmt, berüchtigte, bekloppte und brutal schöne“ Bühnenshow kann uns keiner nachmachen. Die entsteht nämlich nur, weil genau diese Persönlichkeiten auf der Bühne stehen: die rote Füchsin, die Königin der Gebeutelten und Enterbten, unsere Akkordarbeiterin Wanda Wurzel, die wilde Hummel an der großen Trummel und wechselweise Amsel von Nideggen (ihr Hüftschwung bringt die Männer um!) und das Wahnsinnsweib Vanita Rabenschnabel!

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
Jede von uns bringt ihren eigenen Teil musikalischer Geschichte mit und all das fließt in unsere Musik, in die Kompositionen und die Arrangements, ein.
Wir nehmen mittelalterliche und traditionelle Noten/Vorlagen und bearbeiten sie. Dabei zitieren wir aber auch schon mal gerne augenzwinkernd rockige Elemente. Filia arbeitet gerne mit zeitgenössischen Elementen, Blues, Rock, Folk, Rap, nix ist sicher vor uns – wir verarbeiten alles, was uns gefällt. Da wir ein total bunter Haufen sind, sind auch die Vorbilder, Stilrichtungen etc. sehr verschieden. Bei uns ist alles möglich.

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Viele Leute können erstmal, wenn sie die mittelalterliche Musik hören, nicht so viel damit anfangen. Der Sound ist einfach zu speziell und zu fremd. Oft muss man eine Band und damit verbunden die Bühnenshow sowie die Gewänder erst live gesehen haben. Man kann dann in eine andere Zeit abtauchen. Es hat eine ganz eigene Faszination. Wird dann die Musik von CD/im Radio gespielt, bekommt der Zuhörer einen ganz anderen Bezug dazu Dann entstehen im Kopf Bilder. Die mittelalterliche Musikszene wächst zwar, aber letztlich interessiert die großen Medien doch nur das, was mainstream ist.

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung gegenüber mittelalterlicher Musik widerlegen?
Da sich viele Bands der Szene auf Dudelsäcke und Perkussion spezialisiert haben, schränkt das den musikalischen Radius natürlich ein. Ein Dudelsack ist im Tonumfang begrenzt, die Tonart ist festgelegt. Da klingt natürlich auf Dauer alles gleich. Aber es gibt ja neben dem Dudelsack auch noch viele andere Blasinstrumente und viele Saiteninstrumente, die man einbringen kann. Also verschiedene Instrumente, Tonartwechsel, das Arrangement, Tempowechsel, Auswahl der Stück…es gibt – wie gesagt – so viele Möglichkeiten die Musik interessant zu gestalten. Was da auch immer in den Stücken zusammenfließt – man kann es einfach herunterspielen oder etwas daraus machen. Wer Filia Irata eintönig findet, muss schon zwei linke Ohren haben. J

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für Drehleiern, Dudelsäcke, Geigen, Flöten, usw.?
Das kann man so nicht festlegen. Das Besondere an mittelalterlicher Musik ist, dass sie jede Altergruppe und jede Bevölkerungsschicht ansprechen kann. Der Opa freut sich, das Kind tanzt, der Doktor lacht, die Hausfrau klatscht und der Punk tanzt Pogo…wir kennen keinen anderen Musikstil, der das schafft. Es kommt ja auch noch drauf an, wie die jeweilige Band die Musik interpretiert. Legt man sie eher rockiger aus, macht man sie tanzbar und man findet auf jeden Fall mehr Fans aus der z.B. Gothic-Szene. Ist man eher ein Freund der traditionellen Auslegung, dann spricht es vielleicht mehr die Leute aus der Folk-Szene oder aus dem klassischen Bereich an.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
Die größten Irrtümer: Im Mittelalter hat man nur Dudelsack und Pauken gespielt; die Musik hat sich früher genauso angehört; die Spielmänner von damals trugen geile, kurze Lederröcke (ohne was drunter J); wir leben alle auf einer Burg; wir können nicht von der Musik leben.

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Keep on going. Es ist eine gute Sache, die Menschen aus ihrem Alltag herauszuholen und ihnen ein paar schöne Stunden zu bereiten.
Die Mittelaltermärkte sind allerdings vom Ambiente sehr unterschiedlich. Es gibt so tolle Orte, dass man selber total verzaubert wird, und dann wiederum gibt es Orte, die überhaupt keinen Bezug zum Mittelalter haben. Es kommt ganz auf den Veranstalter an, wie er den Markt gestaltet und welche Handwerker, Händler und Künstler den Markt bestreiten.
Auch das Wetter ist spannend. Da gibt es die Extreme, dass der Dudelsack während dem Spielen einfriert oder man sich auf der Bühne vor Hitze die Fußsohlen (trotz Schuhe) verbrennt. Aber man ist immer schön an der frischen Luft J Man weiß nie wirklich, was einen erwartet und das macht es sehr reizvoll.
Außerdem ist das Spielen auf den Märkten sehr zuschauernah. Nach einem Auftritt kommen die Leute/Fans zu uns und stellen Fragen, machen Fotos oder trinken auch mal ein Bier mit uns. So lernt man einige interessante Menschen kennen.
Und man trifft auf Märkten die Kollegen, Musiker, Gaukler, Tänzerinnen, etc. und das ist klasse. Man kann sich austauschen und gemeinsame Aktionen machen. Das alles hat schon einen ganz besonderen Flair, den wir nicht missen möchten. Und es entstehen unglaublich viele witzige Stories.
Konzerte auf Mittelalter Märkten geben ist oft eine Herausforderung. Was für eine Bühne wird gestellt (da erlebt man schon die unglaublichsten Bühnen: winzig kleine, total
schiefe Bühnen, ohne Dach, zusammengeschusterte Podeste etc.)? Dann die Anlagen, über die man spielen soll, oder kein Licht, etc. Da gibt es viele Überraschungen J
Manchmal, wenn man schon über den Tag Auftritte hatte, kommt man auch mal an seine Leistungsgrenze. Am Ende noch ein Konzert von über 90 Min. zu geben, kann eine Herausforderung sein. Dann kommt es auf das Publikum an, ob die mitmachen und einen mit hochziehen können. Wenn die Stimmung gut ist, dann ist es richtig geil, egal was vorher war oder wie die Umstände vor Ort sind. Dann kann man mit den Leuten auch richtig abfeiern. Und wenn dann das Ambiente stimmt, dann ist es unglaublich schön. Dann schmeckt auch anschließend das Bier richtig gut J

Eine eurer Besonderheiten ist, dass ihr eine reine Frauenband seid. Seht ihr darin irgendwelche besonders Nach- oder Vorteile?
Wir sind Exoten in unserer Branche. Das ist schon mal ein großer Vorteil.
Bis jetzt sind wir die einzige Frauen-Dudelsack-Power-Band der Mittelalter-Szene. Es gibt kaum Frauen, die diesen Dudelsack spielen können (wenn es noch eine Frau gibt, dann kann sie bitte gleich bei uns anrufen!) Wir sind immer auf der Suche nach Power-Frauen.
Ein Nachteil: Wir würden auch gerne mal im Sommer oben ohne auftreten, aber das will keiner sehen, oder??

Könnt ihr euch Filia Irata mit männlichem Gesang bzw. männlichen Mitgliedern allgemein vorstellen?
Nee, dann sind wir ja keine Frauenband mehr.
Aber Gastmusiker gab es bei uns ja auch schon. Das sind dann die unrasierten Damen im schlecht sitzenden BH. Das ist immer wieder klasse und macht riesigen Spaß.
Wir haben überhaupt nichts gegen Männer (grins). Eine männliche Gesangsstimme wäre auch klasse,…aber leider….hinterher vielleicht…(grins)
Ein männliches Mitglied haben wir ja öfters dabei: Philippus der Gaukler, der Superjongleur, der 10-jährige Sohn der roten Füchsin.

Conny, du warst bei In Extremo beteiligt. Wie sah diese Beteiligung aus und wie sehr beeinflusst sie dein heutiges Schaffen mit Filia Irata?
Micha Rhein und ich haben 1995 In Extremo gegründet. Dann wurde ich schwanger.
Im Juli 1996 wurde dann mein Sohn Philipp Aaron geboren. Ich stieg bei In Extremo aus, denn mit einem Säugling waren die Proben in Berlin und die Auftritte einfach nicht mehr realisierbar.
Hm, hat das mein Schaffen mit Filia Irata beeinflusst? Ich mache jetzt dasselbe, wie bei In Extremo auch. Ich gehe auch nicht damit hausieren, dass ich In Extremo gegründet habe. Ich werde zwar noch immer von vielen deswegen angesprochen, aber das ist ja nun auch schon lange her mit In Ex.

In euren ersten beiden Alben seid ihr teilweise auch richtig ironisch. Wie wichtig ist euch dieses Element bzw. Witz in eurer Musik allgemein?
Bei uns wird halt viel gelacht und wir nehmen uns selbst gerne auf die Schippe, Stoff genug dazu gibt’s ja J Das wäre ja sonst auch langweilig. Ein bisschen Spaß muss sein.

Ihr spielt an sich echten Mittelalterrock. Seid ihr die weiblichen Pendants zu In Extremo, Schandmaul, usw.?
Na, das sollen mal die Fans beurteilen. Wir haben schon unseren eigenen Stil.

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Corvus Corax – nix drunter
Schandmaul – soft
In Extremo – find ich klasse
Subway to Sally – würd ich gern mal kennenlernen
Spielmänner und Spielmannsleben – Spielweiber und Spaß
Tradition oder Fortschritt – Hauptsache, es rockt
Plugged oder unplugged – beides geil
Tokio Hotel – ganz niedlicher Kunststoff


Geschrieben am 18. Dezember 2006 von Sigi Maier

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