Review Baest – Colossal

BAEST aus Dänemark sollten derweil als Hausnummer des „modernen Oldschool-Death-Metals“ anerkannt sein. Zumindest ihre bisherigen Veröffentlichungen – und besonders Necro Sapiens von 2021 – haben bewiesen, dass zwischen Tod und Smørrebrød noch jede Menge Platz ist. Wer BAEST bislang für ihren groovig-walzigen Bolzenschuss-Vibe mochte, könnte mit „Colossal“, dem neuen Album der Dänen, allerdings durchaus ein wenig ins Hadern geraten.

Denn wer der Meinung anheimfällt, BAEST ließen mit ihrem vierten Album einfach eine weitere normgerechte Todesblechmaschine los, der muss spätestens beim Auftakt des Openers „Stormbringer“ die Ohren neu ausrichten. Anstatt BOLT THROWER oder ILLDISPOSED schieben sich hier zunächst AC/DC-Gedächtnisriffs vor die Ohrmuschel. Die schmissigen Rock-Einsprengsel werden von ebenso tighten wie schwungvollen Drums getragen und durch ein fein platziertes, maximal stimmiges Gitarrensolo ergänzt. Der Gesang von Simon Olsen ist an dieser Stelle wohl noch am ehesten mit Death Metal zu assoziieren. Das Genre, mit dem sich BAEST ihre Bekanntheit erspielt haben, klingt auf „Stormbringer“ nur dezent an – dafür aber umso überraschender.

Anders verhält es sich beim BOLT THROWER’schen Titelstück „Colossus“. Als wollten die Dänen ihren Fans einen tröstenden Klopfer auf die Schulter geben, wird hier unmissverständlich gezeigt, dass BAEST immer noch eine Death-Metal-Band sind – flirrende Gitarren und durchgetretene Bassdrum inklusive. Dem Opener gegenüber wirkt das keineswegs wie ein Rückschritt, sondern vielmehr wie ein bewusst gesetzter Kontrast. Eine große Stärke der Band ist es ohnehin, ihre Musik nicht nur um Genre-Nuancen zu erweitern, sondern diese auch schlüssig miteinander zu verweben. „King Of The Sun“ belegt das sehr deutlich: Hier kollidiert treibender Death Metal mit der schmissigen Leichtigkeit von Classic Rock. Da ist es nur folgerichtig, D-A-D-Sänger Jesper Binzer als Gast ein Schlaglicht am Mikrofon zu gönnen.

Etwas, das bei BAEST ebenfalls angenehm auffällt, ist die Tatsache, dass sie ihr Genre nicht allein auf dessen Brachialität reduzieren. Ein Song wie „Imp Of The Pervert“ etwa steckt voller Dynamik: Fein eingewobene Melodien in den Gitarren verschmelzen mit genretreuem Charme und variablem Schlagzeugspiel. Gleichzeitig erklärt ein Titel wie „Mouth Of The River“ auf beruhigende Weise, dass es der Band auf „Colossal“ nicht darum geht, gefälliger oder massenkompatibel zu wirken, sondern ihrem ohnehin extrem tighten Death Metal einen frischen Anstrich zu verpassen. BAEST spielen 2025 nicht die „Bösen Buben“ – sie spielen schlicht mit offenen Karten. „Colossal“ macht schlicht Spaß, egal ob es streng nach Genre-Regeln zugeht oder an alte Helden erinnert. BAEST vollbringen das Kunststück, Gegensätze nicht gegeneinander auszuspielen, sondern sie zu konsolidieren.

Es ist also tatsächlich völlig unerheblich, was man erwartet – nicht etwa, weil man enttäuscht würde, sondern weil auf „Colossal“ schwerer Death Metal der Marke „Colossus“ genauso viel Freude bereitet wie das beschwingte Instrumental „Light The Beacons“. BAEST haben mit ihrem neuen Album sicher ein paar Fans fürs Erste verloren, doch ebenso sicher auch neue dazugewonnen. Vor allem aber haben sie eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie inzwischen zu den mutigsten und eigenständigsten Bands ihres Genres gezählt werden dürfen.

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Wertung: 9 / 10

Philipp Sorger

Publiziert am von

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