Konzertbericht: Wave-Gotik-Treffen 2025

06.06.2025 - 09.06.2025 Leipzig

Das Wave-Gotik-Treffen (WGT), der wohl schönste Ort für alle Anhänger der Finsternis rund um das Pfingstwochenende, fand dieses Jahr bereits zum 32. Mal statt und lockte erneut über 18.000 Besucherinnen und Besucher nach Leipzig. Wie es bereits seit langer Zeit Tradition ist, bietet das Festival nicht nur Konzerte in verschiedenen Locations über die ganze Stadt verteilt, sondern hat auch allerlei Lesungen, Märkte, Ausstellungen, Filmaufführungen und Theater auf dem Programm.

Offizieller Beginn des Festivals ist prinzipiell Freitag, doch bereits Donnerstag pilgern viele Gothics in die Messestadt, um sich ihr Bändchen zu sichern, eine der Pre-Partys zu besuchen und, wie es der Festivalname schon verrät, das fast schon familiäre Treffen einzuläuten. So ist an der Bändchen- und Ticketausgabe vor dem Bahnhof schon am Donnerstag großer Andrang zu beobachten. Das gesamte Festivalprogramm wird im sogenannten Pfingstboten detailliert studiert, den es an jeder Ausgabe zu erwerben gibt und der als gebundenes Buch wirklich einiges hermacht.

Schon der offizielle Auftakt ließ die besondere Atmosphäre spüren: Beim traditionellen Viktorianischen Picknick im Clara-Zetkin-Park strömten Hunderte Besucher*innen in aufwendig gestalteten Kostümen zusammen – von viktorianischer Eleganz über Steampunk-Elemente bis zu avantgardistischen Gothic-Kreationen. Dieses bildgewaltige Ritual markiert jedes Jahr den inoffiziellen Beginn des Treffens und symbolisiert das, was das WGT so einzigartig macht: die Verbindung von Ästhetik und Gemeinschaft.

Musikalisch zeigte sich das WGT 2025 in Bestform. Im Vergleich zu 2024 wurden auch einige Acts mehr gebucht, was jedoch das Zeitmanagement vor Ort nicht leichter macht.
THE 69 EYES aus Finnland lieferten auf der großen Bühne der Agra-Halle ein spektakuläres Set ab. Ihr düster-romantischer Gothic Rock, getragen von Jyrki 69s charismatischer Baritonstimme, sorgte für ausgelassene Stimmung und erinnerte daran, warum diese Band seit den 1990ern ein fester Bestandteil der Szene ist. Zwischen Klassikern wie „Brandon Lee“ und neueren Songs vom aktuellen Album zeigte sich die Band spielfreudig und publikumsnah. Ein Höhepunkt des Wochenendes.

Ganz anders, aber nicht weniger eindrucksvoll, präsentierte sich L’ÂME IMMORTELLE. Das österreichische Duo rund um Sonja Kraushofer und Thomas Rainer zeigte in der Kuppelhalle, dass elektronische Melancholie und emotionale Intensität perfekt zusammengehen können. Ihre Show war theatralisch, atmosphärisch dicht und von einer fast liturgischen Intensität.

Auch abseits der großen Namen entdeckten viele Besucher musikalische Perlen. Die brasilianische Darkwave-Band PLASTIQUE NOIR gab ihr Europadebüt und überraschte mit hypnotischen Gitarrenflächen und einer düster-tanzbaren Mischung aus Post-Punk und Coldwave. In einem kleinen Club in der Leipziger Südvorstadt schafften sie es, das Publikum in eine tranceartige Bewegung zu versetzen.

Nicht zu vergessen HALLOWED HEARTS aus den USA, die in der Moritzbastei mit atmosphärischem, gitarrenlastigem Gothic Rock überzeugten. Ihr Sound, irgendwo zwischen CHAMELEONS und FIELDS OF THE NEPHILIM, traf den Nerv der klassischen Szene, ohne altmodisch zu wirken. Besonders ihr Song „Like Ghosts“ sorgte für Gänsehaut-Momente.

Gerade diese Mischung aus etablierten Acts und jungen Bands ist es, die das WGT so lebendig hält. Es ist kein reines Nostalgiefestival, sondern eine stetig wachsende Plattform für musikalische Vielfalt innerhalb der dunklen Szene.

Neben der Musik spielt die Stadt Leipzig selbst eine Hauptrolle. Anders als viele Festivals findet das WGT nicht auf einem abgegrenzten Gelände statt, sondern verteilt sich über Dutzende Orte in der ganzen Stadt. So wird der Festivalbesuch zu einer Entdeckungsreise durch Leipzig: mal in der Agra-Halle zu treibenden Beats tanzen, dann in der Kirchenruine Wachau melancholischen Darkwave-Klängen lauschen oder in einem Innenhof bei Kerzenschein ein Akustik-Konzert erleben. Diese urbane Vielfalt schafft eine Dynamik, die kein anderes Festival in dieser Form bietet. Hinzu kommt die hervorragende Integration des öffentlichen Nahverkehrs – das Festivalticket berechtigte auch 2025 wieder zur kostenlosen Nutzung von Bussen und Bahnen in der Stadt, was die Wege zwischen den Spielorten deutlich erleichterte.

Das Rahmenprogramm war ebenso beeindruckend: Lesungen, Kunstausstellungen, Mittelaltermärkte, Filmvorführungen, Modeschauen und Partys bis in die frühen Morgenstunden. Besonders beliebt waren auch die Veranstaltungen in der Moritzbastei und im Heidnischen Dorf, wo sich Musik, Handwerk und Szene-Kultur auf authentische Weise verbanden.

Natürlich bringt ein derart umfangreiches Programm auch Herausforderungen mit sich. Mit der Vielzahl an Konzerten und Events ist es unmöglich, alles mitzuerleben. Viele Besucher berichteten von der Qual der Wahl, da sich großartige Auftritte oft zeitlich überschnitten. Auch die Wege zwischen einzelnen Veranstaltungsorten können, je nach Zeitplan, logistisch anspruchsvoll sein. Dennoch überwiegt der positive Gesamteindruck deutlich: Das WGT bleibt hervorragend organisiert, freundlich im Umgang und bemerkenswert friedlich.

Und so bleibt das Fazit erneut: Im Gegensatz zu anderen Festivals steht hier jedoch nach wie vor das Treffen Gleichgesinnter im Vordergrund, weshalb auch auf den Verkauf von Tagestickets verzichtet wird. Alle Fans, die nur einzelne Acts sehen wollen, sind daher beim WGT falsch. Wer jedoch eine familiäre Atmosphäre, ganz besondere Locations und viel Liebe zum Detail zu schätzen weiß, ist auf dem WGT nach wie vor richtig.

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Samir Kharboutli

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