EMMA RUTH RUNDLE scheint zu sich selbst gefunden zu haben: Nach dem bemerkenswerten „On Dark Horses“-Soloalbum, der ebenso spannenden Kollabo mit der Sludge-Metal-Band THOU und dem erfolgreichen Aufenthalt in einer Entzugsklinik kam mit dem auf Piano, Akustikgitarre und Gesang reduzierten „Engine Of Hell“ 2021 das introvertierteste Werk der Multiinstrumentalistin. Berücksichtigt man ihr facettenreiches Schaffen im Rahmen anderer Projekte, in denen sie über die Jahre hinweg involviert war (RED SPARROWES oder MARRIAGES seien als Beispiel genannt), ist a) die Messlatte für ihren neuesten Streich „These Killing Times“ sehr hoch und b) völlig offen, wohin die musikalische Reise diesmal geht.
Schon nach den ersten Sekunden auf „These Killing Times“ wird aber klar: EMMA RUTH RUNDLE besinnt sich (auch) auf ihre rockigeren Tugenden zurück, ohne auf intime Momente zu verzichten. Der Opener „Powerless“ geht direkt ins Ohr, überzeugt einerseits durch eine charakteristische Piano- und Gesangsmelodie, andererseits (wieder) durch lediglich angecrunchte, aber dafür überraschend wuchtige E-Gitarren – ein bisschen wie eine Mischung aus dem post-rockigen 2018er Output „On Dark Horses“ und dem akustischen „Engine Of Hell“. Mehr PJ Harvey als A.A. Williams, in manchen Momenten schon fast mehr Post-Grunge als Post-Rock.
EMMA RUTH RUNDLE ist also wieder mit voller Bandbesetzung am Start und geht deutlich opulenter zu Werke als zuletzt. Für Abwechslung sorgen hierbei neben subtilen elektronischen Spielereien auch der Einsatz von Saxophon („God’s Picture“ oder „Enough“) oder Cello und Violine („Powerless“ oder „Anvil“). Dass die zurückgenommenen, ruhigen Songs wie „Oceans Of Time“ dabei ebenso begeistern können, wie das mit achteinhalb Minuten längste Stück auf „These Killing Times“, das wunderbar doomige „Human Kindness“, zeugt von Rundles songwriterischer Qualität. Bonuspunkte gibt es hier für die Vocalunterstützung durch THOUs Bryan Funck, welche den Song stilistisch ein Stück weit in die Nähe der 2020er Kollabo mit den Sludge-Metallern aus Louisiana rückt.
Obwohl nahezu jeder der acht Songs mehr als nur ein bisschen Ohrwurmcharakter hat, kann EMMA RUTH RUNDLE aber auch mal sperriger: Das super-noise-rockige Outro von „Enough“ sei hier als Beispiel genannt. Produktionstechnisch gibt sich „These Killing Times“ durchaus analog anmutend und warm, aber überraschend fett dafür, dass es sich nicht um eine klassische Metalproduktion handelt. So viele Details sind hörbar, wie das Rutschen auf dem Griffbrett der Gitarre, was dem Album einen sehr organischen und akustischen Charakter verleiht. Hier haben Sonny Diperri (Mix) und Stephen Marcussen (Master) wirklich ganze Arbeit geleistet.
Obwohl das Album musikalisch extrem melancholisch, um nicht zu sagen, todtraurig ist, gibt sich Rundle lyrisch zwar nachdenklich, durchaus gesellschaftskritisch, aber nicht (wie der Albumtitel vermuten lassen könnte) völlig hoffnungslos. So ist „These Killing Times“ wirklich ein ganz großer Wurf geworden und vereinigt erfolgreich die Intimität und Emotionalität der akustischeren Werke von EMMA RUTH RUNDLE mit dem Drive ihrer rockigeren Veröffentlichungen, ohne dabei übermäßig aggressiv rüberzukommen. Ein ganz heißer Kandidat für das Siegertreppchen in diesem Jahr und eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die es auch mal etwas ruhiger und atmosphärischer mögen.
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Wertung: 10 / 10


