Bisher war Serena Cherry vor allem als Sängerin und Gitarristin von SVALBARD in Erscheinung getreten. Mit deren Auflösung rückt ihr Solo-Projekt NOCTULE in den Fokus: Warum sie sich entschieden hat, für das zweite Album „Extinguish Thy Flame“ alle Fäden in der Hand zu behalten, warum Videospiele für sie gut zur Black-Metal-Ästhetik passen und wie KI diese beiden Welten bedroht, verrät die freundliche Britin im Interview.

Ihr habt das Projekt NOCTULE 2020 während der COVID-Pandemie gestartet. War das eine Idee, die in dieser Zeit entstanden ist, oder wolltet ihr das schon lange machen und hattet damals einfach die Zeit dafür?
Tatsächlich hatte ich, als ich ein Teenager war, ein kleines Black-Metal-Projekt, bei dem ich Musik auf einem kleinen Tape-Vierspurgerät mit einer Drum-Machine aufgenommen habe. Also ist das etwas, das ich früher schon gemacht habe, und ich habe immer daran gedacht, dass ich da wieder hin zurückwill. Mich hat diese Aussicht immer sehr gereizt, Musik zu machen, nur ich – nicht mit anderen Leuten arbeiten zu müssen, keine Kompromisse eingehen zu müssen. Was mich vor der Pandemie hauptsächlich davon abgehalten hat, war, dass SVALBARD einen vollen Tourplan hatten und ich außerdem auch einen stressigen Dayjob habe. Also hatte ich nie wirklich die Zeit oder die Chance, mich hinzusetzen und einfach meine eigenen Ideen zu entwickeln … bis der erste Lockdown kam. Damals habe ich meinen damaligen Job verloren. Also hatte ich plötzlich viel mehr freie Zeit, und so konnte ich mich einfach hinsetzen und Musik schreiben. Am Anfang habe ich nicht mal gemerkt, dass es Skyrim-themed ist. Ich habe zufällig gerade Skyrim gespielt, während ich gleichzeitig ein paar Black-Metal-Riffs geschrieben habe. Und dann habe ich gemerkt, dass das Spiel sehr stark beeinflusst hat, welche Musik ich zu der Zeit geschrieben habe. Also habe ich mich dazu entschieden, ganz bewusst Black Metal über Videospiele zu machen.

Wenn du sagst, dass es dir Spaß gemacht hat oder du dich darauf gefreut hast, alleine Musik zu machen, ohne Kompromisse eingehen zu müssen, dann klingt da ja auch Kritik am Arbeiten in einer Band mit. Vermisst du es also gar nicht, Feedback zu bekommen oder auch mit den Ideen anderer Leute herumzuspielen?
Mein Traum-Szenario wäre, beides gleichzeitig zu haben. Also ein Solo-Projekt, bei dem ich mich in all meinen Ideen ausleben kann, ohne von irgendwem sonst ein Ja oder Nein hören zu müssen. Und eine Band, mit der man herumexperimentieren kann – denn ein großer Teil der Magie beim gemeinsamen Songwriting ist diese Synergie: Die anderen haben vielleicht Ideen, mit denen du nicht rechnest, oder sie haben Ideen, die dich dazu zwingen, anders darüber nachzudenken, was du spielst. Also ich finde schon, dass das Arbeiten mit anderen Leuten ein integraler Bestandteil davon ist, Musik zu machen. Und ich hasse es, dass es jetzt so schwierig ist. Ich hasse es, dass Arbeiten mit anderen Leuten bedeutet, Dateien an einen Computer zu mailen. Denn mein Traum beim Arbeiten mit anderen Leuten ist, wieder dahin zurückzukommen, wie es früher war, als SVALBARD angefangen haben und wir einfach alle in einem Raum zusammengekommen sind und Ideen gejammt haben. So arbeite ich am liebsten mit anderen Leuten zusammen. Ich spüre ziemlich viel Distanz, wenn man Gruppenarbeit, kollaboratives Arbeiten, digital macht, weil es sich einfach so anfühlt, als wärst du auf dich allein gestellt. Aber dann hast du trotzdem all die Kompromisse, dieses Ja oder Nein von anderen Leuten. Das nimmt dem Ganzen eine Menge Magie. Also ja, mein Traum-Szenario ist: Ich hätte eine Band als Gruppe, etwas Neues, vielleicht eine Power-Metal-Band. Das ist das, was ich wirklich machen will. Wo wir jede Woche in einem Proberaum abhängen und Ideen jammen – und parallel dazu NOCTULE, wo ich einfach wirklich mit meinen eigenen Ideen loslegen kann.
Also war das bei SVALBARD am Ende nicht mehr so? Habt ihr in den letzten Jahren bei SVALBARD größtenteils remote gearbeitet?
Es wurde für uns immer schwieriger, dass wir alle im selben Raum zusammenkommen, weil wir jetzt alle in unterschiedlichen Städten leben und sich das Leben für alle in dieser Band verändert hat. Also allein schon die Zeit zu finden, um zusammen zu sein – sogar nur die Zeit zu finden, um für Touren zu proben –, wurde immer und immer schwieriger. Logistisch gesehen war es dann so, dass wir eigentlich gar nicht mehr wirklich geschrieben haben. Wir haben einen Song geschrieben, „If We Could Still Be Saved“, den letzten Song. Danach hatten wir nichts mehr. Es gab nichts, was noch auf dem Schneidetisch liegen geblieben wäre, weil wir bis zum vierten Album tatsächlich zusammen in einem Raum geschrieben haben – aber das wurde zunehmend schwieriger zu organisieren.
Ich habe ein Zitat von dir gelesen: „‚Lord Of Blood‘ steht für die Freude und Freiheit, die eigene Musik komplett unter Kontrolle zu haben, ohne irgendwelche Kompromisse mit Bandkollegen oder Manager eingehen zu müssen.“ War SVALBARD wirklich groß genug, dass ein Manager versucht hat, Einfluss auf eure Musik zu nehmen?
Nicht direkt, aber es gab definitiv Richtungen, die uns sehr stark nahegelegt wurden. Es gab definitiv Songs, die Leute aus der Industrie, mit denen wir gearbeitet haben, gern zu Singles machen wollten. Es gab definitiv Diskussionen darüber, mehr Klargesang in Songs zu packen. Es war also nie so, dass Außenstehende die volle, entscheidende Kontrolle hatten, aber es gab viele ziemlich dringend ans Herz gelegte Vorschläge und dieses Drängen in bestimmte Richtungen und zu bestimmten Stilmitteln und solche Sachen.
Du bringst das neue NOCTULE-Album nun im Alleingang heraus. Ist es für dich eine Erleichterung, dass nicht mehr so viele Leute involviert sind?
Ja, offen gesagt schon. Die Leute haben mir das ständig gesagt: „Oh, warum?“ Weil ich bei einem Label hätte veröffentlichen können. Ich hätte mit NOCTULE wieder genau dasselbe machen können, und ich habe mich dagegen entschieden. Und ich habe gesehen, dass es nur einen kleinen Prozentsatz an Views bekommt. Das Video hat im Vergleich zu SVALBARD kaum Views. Auf Spotify hat es kaum Plays. Aber das alles ist mir egal. Was mir wichtig ist, ist die Freiheit zu haben, nur mir selbst Rechenschaft schuldig zu sein und einfach aus Freude am Kreieren zu erschaffen und etwas zu machen, das eine Verbindung zu mir hat, und etwas zu machen, auf das ich stolz bin – und nicht durch all die Reifen springen zu müssen, die einem die Musikindustrie hinhält. Für mich ist das das Gegenteil von Kreativität, und ich bin nicht hier, um berühmt zu sein. Ich bin nicht hier, um ein Rockstar zu sein. Ich bin das Gegenteil davon. Ich bin wirklich von nichts davon getrieben. Insofern ist es einfach schön, wirklich das machen zu können, was ich will. Ich finde, darum sollte es bei Metal gehen.
Ich bewundere diesen Ansatz: Es ist selten, dass jemand künstlerische Freiheit über die Vorteile stellt, die man bekommt, wenn man das Spiel der Industrie mitspielt. Andererseits will wohl jeder zumindest bis zu einem gewissen Grad, dass die eigene Musik und Kunst gesehen, gehört wird. Tut es da nicht auch weh, dass du von diesem großen Popularitätslevel, das du mit SVALBARD hattest, wieder zurückgefallen bist auf den Underground-Status eines Solo-Projekts? Hättest du erwartet, dass es vielleicht auch leichter wäre, mehr Fans von SVALBARD zu NOCTULE herüberzuziehen?
Man kann in der Musik und bei Fans nie irgendetwas als gesetzt ansehen, vor allem heutzutage, mit der Übersättigung durch gesponserte Playlists und Werbung und so, wie Social Media funktioniert. Es ist sehr, sehr schwer, durchzubrechen oder überhaupt irgendwas den Leuten zugänglich zu machen, die dir folgen – die sich vielleicht sogar wirklich dafür interessieren. sie folgen dir, weil sie auf dem Laufenden bleiben wollen, was du machst, aber sie bekommen es vielleicht nicht mal mit, weil inzwischen so vieles gedrosselt wird. Ich erinnere mich, als ich den ersten Song vom zweiten Album veröffentlicht habe, „Lord Of Blood“: Am Anfang war ich wirklich sehr niedergeschlagen, weil der kaum Views bekommen hat, kaum Plays. Dabei ist dieses Album mein absolutes Lieblingswerk, das ich musikalisch je geschaffen habe.
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Das ist das Album, auf das ich am meisten stolz bin, und es wird wahrscheinlich die wenigsten Leute erreichen. Aber wenn Leute zu erreichen bedeutet, zu bezahlen … verstehst du, was ich meine? Ich bezahle schon für so viele verschiedene Dinge. Ich will einfach, dass es echt ist, ich will, dass die Fans da sind, weil sie es wollen. Aber mir ist auch die Kehrseite bewusst: Das ist eine unglaublich idealistische Art, das zu sehen. Du musst heutzutage Taktiken nutzen, wenn du diese Views willst und wenn du diese Plays willst. Du musst Wege finden, über Social Media und PR-Hilfe und Presse und so dein Zeug pushen zu können. Nur weil SVALBARD etwas Erfolg hatte, heißt das nicht, dass ich für alles andere auch Anspruch darauf habe. Ich fände es wirklich toll, wenn NOCTULE ganz natürlich über Mundpropaganda wächst. Und ich hoffe, dass das passiert, sobald das Album draußen ist.
Ein Album auf eigene Faust zu veröffentlichen, heißt auch, dass eine Menge Arbeit nicht von irgendwem anders erledigt wird. Ist das mehr Arbeit als erwartet?
Es ist interessant, weil wir, als SVALBARD angefangen haben, DIY waren. Wir haben so ziemlich alles selbst gemacht. Es ist also nicht so, dass ich nie zuvor in dieser Situation gewesen wäre. Aber ich glaube, meine Energie für vieles von dem Kram hat sich verändert. Ich habe einfach keine Energie mehr für Social Media. Es fühlt sich an, als würdest du in ein Nichts schreien, und es fühlt sich zu sehr an wie: „Schaut mich an, schaut mich an“ – immerzu. Ich bekomme einfach nicht die Energie zusammen für all diese Sachen, die man machen müsste, um das Album zu promoten. Was den Arbeitsplan angeht … hier direkt hinter mir, du kannst es wahrscheinlich nicht sehen, habe ich kistenweise Alben und T-Shirts, und sobald ich mit meinem Dayjob fertig bin, werde ich das ganze Wochenende damit verbringen, Bestellungen zu packen und zu verschicken. Mailorder-Kram haben wir mit SVALBARD auch immer gemacht, aber wir haben es aufgeteilt und wir hatten unterschiedliche Aufgaben und so weiter. Wenn das alles nur an mir hängt, ist das auf jeden Fall eine Menge Arbeit.

Du bist nicht nur für diese Aufgaben verantwortlich, sondern auch für die gesamte Entstehung des Albums. Erzeugt das eine andere Art von Druck – in dem Sinne, dass jemand, der das Album kritisiert, nicht die Arbeit eines Teams kritisiert, sondern eher deine ganz persönliche eigene Schöpfung?
Ich hoffe wirklich, dass es den Fans gefällt. Ich hoffe wirklich, dass die Fans in keiner Weise enttäuscht sind. Wenn man bedenkt, dass die Resonanz von den Leuten, die die ersten zwei Songs gehört haben, die ich veröffentlicht habe, echt positiv war, hoffe ich einfach, dass das auch für den Rest gilt. Es gibt ein paar Überraschungen auf dem Album. Ein paar Parts gehen sehr in Richtung typischen Death Metals – das ist nicht wirklich etwas, wofür man mich als Musikerin bisher gekannt hat. Das Album hat viele symphonische Arrangements, die von der guten Ära von CRADLE OF FILTH inspiriert sind. Ich habe als Musikerin nie Angst davor, Sprünge zu machen. Ich will nie zu sehr darauf aus sein, es den Leuten recht zu machen mit dem, was ich kreiere. Aber gleichzeitig bin ich super stolz auf dieses Album. Weil es nur ich bin, hätte viel Kritik natürlich schon das Potenzial, mich ziemlich zu treffen, weil man sich wirklich verletzlich macht, wenn man etwas komplett alleine erschafft und es dann einfach in die Welt hinausschickt – um dann Feedback zu bekommen. Ich habe auch schon etwas negatives Feedback bekommen, so Leute, die sagen, das sei kein richtiger Black Metal und so, worauf ich sage: Na ja, was ist denn jetzt echter Black Metal im Jahr 2026, so? (lacht)
Aber fühlt es sich auch anders an, ein Soloalbum den engsten Freunden oder der Familie zu zeigen, im Vergleich dazu, ihnen das zu zeigen, was man als Band erarbeitet hat?
Ich zeige meine Musik meinen Freunden oder meiner Familie nie. Meine Familie interessiert sich nicht wirklich dafür. Die müssen das im Internet finden. Bei meinen Freunden ist es auch so: Viele von denen stehen nicht wirklich auf Metal. Ein paar schon, und einigen habe ich es gezeigt, die waren dann total gehypt, was echt schön war. Aber ich habe nie diesen Drang … ich möchte es den Leuten nicht aufdrücken. Ich will nicht so sein wie: „Hey, hör dir mal dieses Ding an, das ich gemacht habe.“ Wenn sie interessiert sind und fragen, klar. Aber für jemanden, der so viel Musik öffentlich macht, bin ich damit irgendwie seltsam privat.

Du hast diese Death-Metal- oder Melodic-Death-Metal-Einflüsse ja schon erwähnt, die auf dem neuen Album ganz offensichtlich sind, gerade im Vergleich zum ersten. Wie kam das? Hast du andere Musik gehört, die dich dann beeinflusst hat, oder wurde das eher durch das Thema des Albums beeinflusst?
Ich wollte schon ziemlich lange mehr Melodic-Death-Metal-Einflüsse einbauen. Ich bin stark inspiriert von Bands wie BRYMIR, KALMAR, CHILDREN OF BODOM, INSOMNIUM und so. Ich wollte diese Elemente da hineinbringen. Und dann ist da auch der Produzent, mit dem ich gearbeitet habe – der heißt Keir Campbell –, der kommt aus einer Band namens BOUND IN FEAR. Und die sind wirklich heavy … ich schätze, Deathcore wäre das passende Genre. Ich bin mir aber nicht sicher, ich will da nichts Falsches sagen. Er hat da jedenfalls wenig Berührungsängste und es gab definitiv Momente, wo ich mein übliches Ding gemacht habe, überall sechs Gitarren-Leads übereinander zu packen, und er meinte dann: „Warte mal kurz. Warum probierst du nicht mal, hier unten was zu machen, was Tiefes?“ Und wir haben zusammen an ein paar Ideen gearbeitet. Er hat mir diesen eher geradlinigen Death-Metal-Stil sozusagen eröffnet. Und ich finde, das betont die Leads und so Zeug wirklich.
Wenn du sagst, dass du viele Spuren übereinanderlegst: Macht das einen Unterschied für euer Songwriting für NOCTULE, dass du weißt, dass du nicht für ein Band-Arrangement schreibst, dass der Song nicht funktionieren muss, wenn er von einer vier- oder fünfköpfigen Band live auf der Bühne gespielt wird?
Absolut – und genau das liebe ich daran. Ich liebe die Freiheit, einfach immer mehr und mehr und mehr Layer draufzupacken und dabei nicht die Logistik berücksichtigen zu müssen, wie man das dann live umsetzt. Das ist für mich sehr befreiend. Das Problem, das ich im Moment damit habe, NOCTULE auf Tour zu bringen, ist: Ich will eigentlich nicht zu 60 Backing-Tracks spielen. Das ist einfach nicht mein Stil. SVALBARD haben nie Backing-Tracks benutzt. Ich weiß, die meisten Bands machen das inzwischen. Ich verurteile das nicht. Es ist nur nichts für mich. Ich mag es, wenn Dinge atmen können und diesen Push haben und dieses Ziehen, das du bekommst, wenn etwas komplett live ist.
Aber ich habe mir mit diesem NOCTULE-Album irgendwie selbst ein Grab geschaufelt, weil es, um es live auch nur ansatzweise wie auf dem Album klingen zu lassen, entweder viele Musiker oder viele Backing-Tracks brauchen wird. (lacht) Und beides kostet eine Menge Geld. Also überlege ich gerade, wie ich das logistisch umsetzen soll … Man will ja die größtmöglichen Stücke schreiben. Also ich zumindest. Ich will so viele Layer wie möglich in ein Werk packen und mich durch nichts einschränken lassen. Aber sobald du darüber nachdenkst, das auf die Bühne zu bringen, verändert das, wie du darüber nachdenkst, was du schreibst. Es ist so ein wenig ein Henne-Ei-Szenario, bei dem ich will, dass die aufgenommene Musik das ist, was zuerst kommt, statt der Frage, wie das live funktionieren soll.
Ist es leichter oder schwerer, einen Song zu schreiben, der nicht durch eine Bandbesetzung limitiert ist? Zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, wann es genug Spuren sind?
Naja, genau da kam Keir, der Produzent, richtig gut ins Spiel, weil ich manchmal nicht weiß, wann ich aufhören soll. Und er hatte diese Objektivität. Er hat ein ausgezeichnetes Ohr dafür, was funktioniert und was nicht. Er hat mich dann eingebremst und gesagt: „Vielleicht braucht dieser Part keine sieben Layer. Vielleicht braucht er nur fünf!“, so in der Art. Ich glaube, die Arbeit mit ihm hat echt, echt geholfen, die Grenzen zu finden, was den jeweiligen Songs am besten zu Gesicht steht.
Also habt ihr im Studio noch an den Songs gearbeitet? Habt ihr einfach nur ein paar Spuren gelöscht, oder habt ihr auch noch was hinzugefügt?
Ich hatte drei Songs schon ziemlich fertig, bevor es ins Studio ging. Aber wir haben nicht so einen langen Studioaufenthalt am Stück gemacht, weil wir beide ganz normale Day Jobs haben und so – also haben wir vielleicht mal hier einen Tag gemacht, da einen Tag am Wochenende. Im Grunde sind wir das Album als einzelne, isolierte Songs angegangen. Aber noch bevor ich überhaupt angefangen habe, mit Keir zu arbeiten, hatte ich diese Demo-Songs, und ich habe sie ihm geschickt und ihn gefragt, ob er Interesse hätte, mit mir daran zu arbeiten. Wir haben zuerst an denen gearbeitet, und das bedeutete, ein paar der Layer rauszunehmen, ein paar Layer zu verändern, ein paar Parts zu ändern und einfach die einprägsamsten Melodien darin stärker herauszuholen. Ab da bin ich dann einfach mit neuen Ideen bei ihm zu Hause aufgetaucht … Ich erinnere mich an eine Situation, da hatte er über Pianos und so was nachgedacht, und ich bin einfach hereingekommen, da hat er gerade versucht, etwas auf einem Keyboard zu spielen. Ich habe seit meinem vierten Lebensjahr Klavier gelernt. Und ich meinte so: „Oh, na ja, ich habe da so eine Sache im Kopf“ – und habe mich hingesetzt und einfach das ganze Ding gespielt. Und er so: „Oh, ich fühle mich so dumm. Ich wusste nicht, dass du Klavier spielen kannst.“ Es gab viele lustige Momente wie den, und wir haben super zusammengearbeitet. Den Gesang aufzunehmen, war auch eine richtig spaßige Erfahrung, weil er SVALBARD noch nie gesehen oder irgendwas davon gehört hatte. Ich glaube, er war wirklich ziemlich überrascht von der Power meiner Stimme.

Heutzutage wäre es einfach, alleine zu Hause Home-Recordings zu machen und die Tracks dann ins Studio zu geben. Aber du hast mit ihm zusammen aufgenommen – bevorzugst du es, beim Aufnehmen jemanden um dich zu haben?
Ich bevorzuge das total – ich hasse es, diese ganzen Buttons und Tasten zu bedienen. Ich finde, da mit der Gitarre zu sitzen und dann zu versuchen, Strg V, Strg dies und das – ich bin nicht der Beste in Logic. Diese kreative Person zu sein, die über Ideen nachdenkt und Layer aufbaut, und dann die Computer-Person, die darauf achtet, dass die ganze Produktion, also dieses ganze Interface-Zeug, richtig läuft … das sind zwei verschiedene Seiten meines Gehirns. Und wenn ich jemanden neben mir sitzen haben kann, der diesen Teil übernimmt, also im Grunde das ganze Herumklicken mit der Maus, und ich kann einfach nur sitzen und spielen, macht das für mich wirklich einen Unterschied. Außerdem wird menschliche Interaktion von Angesicht zu Angesicht heutzutage immer seltener. Ich arbeite in meinem Dayjob allein aus dem Homeoffice. Also, wenn ich die Chance nutzen kann, wirklich mit Leuten abzuhängen und beim Musikmachen Spaß zu haben, tatsächlich kreativ im selben Raum zusammen zu sein, ist das für mich Gold wert. Genau das ist es, was ich verfolgen will, selbst wenn es teilweise unpraktischer ist.
Du hast vermutlich alle Gitarren und den Bass aufgenommen, aber die Drums sind, nehme ich an, programmiert – warum?
Die Drums sind programmiert, ja. Ich bin damit vielleicht eher in der Minderheit, aber ich mag programmierte Drums wirklich. Ich weiß, das ist nicht für jeden was. Ich habe schon ein paar Kommentare gesehen wie: „Oh nein, programmierte Drums.“ Na ja, für mich klingen sie gut. Ich mag, wie sie klingen. Ich kann selbst Schlagzeug spielen, nicht gut genug, um das NOCTULE-Album einzuspielen, aber ich habe früher in verschiedenen Bands Schlagzeug gespielt. Also habe ich ein Gefühl dafür, was ich genau will. Keir hatte ein elektronisches Drumkit, also habe ich mich hingesetzt und so die Grundidee von dem festgehalten, was ich wollte, und dann haben wir das programmiert. Ich war einfach total happy damit, den Weg übers Programmieren zu gehen: Manchmal kannst du mit Programmierung Sachen machen, die für einen Menschen unmöglich wären, was wiederum ziemlich nice ist, ziemlich befreiend – auch wenn das bedeutet, dass es jetzt echt schwierig ist, einen Drummer zu finden, der die Live-Shows spielt.

Da das Live-Thema jetzt schon zweimal aufgekommen ist: Du hattest eine Tour geplant, aber die wurde dann abgesagt – hast du die Songs bisher überhaupt mal auf die Bühne gebracht, und planst du das für die Zukunft immer noch?
Ich habe vor langer Zeit, nach dem ersten Album, zwei NOCTULE-Shows gespielt. Die allererste NOCTULE-Show war gemeinsam mit EMPEROR, was vollkommen verrückt ist, wenn man darüber nachdenkt. Ich war so nervös – ich glaube, so nervös war ich noch nie vor einer Show –, aber es lief richtig gut. Und dann haben wir auch noch eine Show in London zum Jubiläum von Church Road Records gespielt, so ein kleines Festival-Ding. Diese Shows waren beide 2022. Insofern ist das jetzt schon echt lange her. Ich fand das schwierig, weil es natürlich eine ganz andere Dynamik ist: Bei SVALBARD waren wir vier Leute, die alle Mitglieder der Band waren, und die da waren, weil sie es wollten – sie waren gänzlich Teil der Band. Eine Live-Band zu haben, bei der ich die Arbeitgeberin bin und Leute anheuere, hat eine ganz andere Dynamik. Zu lernen, wie man das effizient macht, braucht Zeit, und auch die richtigen Leute dafür zu finden, braucht Zeit. Also, es ist nicht vom Tisch – da sind einige Dinge in Arbeit, ich arbeite daran, dass Sachen passieren –, aber finanziell ist es ziemlich herausfordernd, wenn man all die anderen Mitglieder bezahlen muss, und zu versuchen, die Logistik dafür zu verstehen, um das live umzusetzen … Aber es ist etwas, das ich eines Tages wirklich gerne machen würde.
Lasst uns zum thematischen Bereich eurer Lyrics wechseln. Das erste NOCTULE-Album basierte auf dem Elder-Scrolls-Spiel. Du hast ja schon erwähnt, dass das eher zufällig passiert ist, weil du Musik geschrieben und das Spiel gezockt hast, und das dann einfach zusammengefallen ist. An welchem Punkt beim Schreiben der Musik hast du gemerkt, dass das ein starkes Konzept wäre, diese beiden Ideen miteinander zu verbinden?
Ich schreibe immer erst die komplette Musik. Das ist bei SVALBARD genauso, und das ist bei NOCTULE genauso. Erst kommt die ganze Musik, und wenn das ganze Album fertig ist, gehe ich zurück und mache die Lyrics, weil ich finde, dann kann man sich das Ganze musikalisch als Ganzes anhören und die Atmosphären, die Vibes und die Emotionen darin herauspicken – und sicherstellen, dass das, was man lyrisch oben drüberlegt, wirklich passt. Beim ersten NOCTULE-Album habe ich also ohnehin erst mal drei Songs rein instrumental geschrieben, und dann hatte ich die Idee, dass dieses Album ganz klar von Skyrim inspiriert ist. Dann habe ich den Rest des Albums instrumental geschrieben und bin am Ende zurückgegangen und habe alle Lyrics gemacht und das irgendwie jeweils zugeordnet. Ich hatte so kleine Notizen wie: „Oh, ich glaube, dieser Song handelt von diesem Dungeon“, „Ich glaube, dieser Song handelt von diesem Drachen“ – aber ich habe mich ganz am Ende, direkt nach dem Schreiben der gesamten Musik, hingesetzt und die Lyrics geschrieben, die dann über jeden Song drüberkommen.
Beim zweiten Album war es ein wenig anders, weil ich die Idee, ein Album über Elden Ring zu schreiben, schon hatte, lange bevor ich überhaupt angefangen habe, die Musik zu schreiben. Also habe ich die Musik mit den Bossen im Kopf geschrieben: Ich wusste, ich will, dass das Album ganz konkret von meinen Lieblingsbossen im Spiel handelt. Also schreibe ich ein Riff und denke: Wie stelle ich Melania in musikalischer Form dar? Wie stelle ich Morgoth in musikalischer Form dar, oder Radahn? Und man vertieft sich da vollkommen rein – auch wenn die Lyrics am Ende wieder zuletzt kamen und ich den Gesang zuletzt aufgenommen habe. Das ist immer das, was ich als Letztes mache – und dann auch in einem Take: Der ganze Gesang auf diesem NOCTULE-Album wurde in einem Rutsch aufgenommen. Das war irre: alle Songs an einem Tag, und die meisten Zeilen im ersten Take.

Metal-Szene und die Gamer-Szene haben eine Menge gemeinsam haben, und viele Metalheads zocken. Deshalb liegt es eigentlich ziemlich auf der Hand, diese beiden Welten zu verbinden. Trotzdem gibt es nicht so viele Bands, die das machen. Klar, alle denken jetzt an WINDROSE und ihren Minecraft-Song, aber wenn man das ernsthaft macht, sind es nicht so viele. Hast du eine Erklärung oder eine Idee, warum das nicht öfter gemacht wird?
Das ist interessant, oder? Ich habe mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht, warum es nicht mehr Bands gibt, die das machen. Weil die meisten Metalheads, die ich kenne, zocken auch Videospiele, und die Welten, das Design … Die meisten Videospiele sehen aus, als würdest du direkt ins Artwork eines IMMORTAL-Albums hereingehen. Insofern gibt es wirklich viele Anknüpfungspunkte, und ich glaube auch, dass viele Bands von Games inspiriert sind. Sie hängen das aber nicht an die große Glocke. Also, es gibt schon viele kleinere Bands, die von Elder Scrolls inspiriert sind. Und ich weiß, dass BOLT THROWER von Warhammer beeinflusst waren … aber das ist Tabletop-Gaming, also ist es nicht wirklich dasselbe. Vielleicht fallen mir noch ein paar andere Beispiele ein … DRAGONFORCE – auf ihrem letzten Album haben sie einen Song über Zelda drauf, und es gibt da ziemlich viele Video-Game-Referenzen. Sie spielen ja sogar mit den großen Arcade-Automaten in ihrem Bühnen-Setup. Und sie haben auch einen Song über Elder Scrolls, „The Last Dragonborn“. Also, ich glaube, das schleicht sich langsam rein. Das gibt es schon, aber es ist noch eher selten. Oft wird es aber auch nicht so offensichtlich umgesetzt, sondern eher nach dem Motto: „Wenn du es weißt, weißt du es.“ Du hörst den Titel, „The Last Dragonborn“, und jeder, der Skyrim gespielt hat, wird wissen, dass das eine Skyrim-Referenz ist. Aber DRAGONFORCE erzählen nicht allen: „Wir haben einen Song über Skyrim geschrieben!“
Es ist interessant, weil viele von diesen Fantasy-Büchern ja eine ziemlich gängige Quelle für lyrische Inspiration sind, Tolkien oder H. P. Lovecraft und so weiter. Aber Games sind vielleicht nicht true genug? Hattest du damit Probleme, als du auf dem ersten Album noch klassischen Black Metal gespielt hast, dass Leute gesagt haben, es sei nicht true, Black Metal mit Games als lyrischem Thema zu spielen?
Ich habe nichts gesehen, aber ich sitze auch nicht da und wühle mich durch jeden einzelnen Kommentar. Aber ich habe nichts Negatives darüber gesehen, „Skyrim“ im Black-Metal-Kontext zu benutzen. Ich meine, meine große Frage heutzutage ist: Was ist überhaupt True Black Metal? Die Idee von Black Metal ist jetzt eher eine Zutat als ein einengendes Genre, und ich halte das für etwas Gutes. Und alle Black-Metal-Bands, die ich mag, die mich beeinflusst haben, sind genau die Art von Bands, die die Grenzen von Black Metal ausgetestet haben – Bands wie DODHEIMSGARD. Also nein, ich habe bislang noch keine Beschwerden darüber gehört, dass ich Black Metal mache, der thematisch auf Videogames basiert, aber na ja, es ist ja noch Zeit!
Vielleicht sind sogar Black-Metal-Fans heutzutage liberal genug geworden, um auch moderne Konzepte wie Games als lyrisches Thema zu akzeptieren. Wenn man über die heutige Zeit spricht: KI ist beim Erstellen von Games gerade ein großes Thema – und das schwappt auch in die Musik , zumindest in die eher mainstreamigere, einfacher zu erstellende Art von Musik. Was denkst du darüber – als Gamerin und Musikerin?
Ich stehe KI sehr, sehr stark ablehnend gegenüber, weil ich finde, jede Art von Schaffen sollte in ihrem menschlichen Kern diese Fehler haben. Einer der großen Reize von „Skyrim“ als Game ist, dass es so holprig ist, dass es kaputt ist, dass es irgendwie fehlerhaft ist. „Elden Ring“ ist eines der besten Games, die je gemacht wurden, aber es ist nicht ohne Fehler – und genau diese Fehler sind eigentlich das, was uns mit Dingen verbindet. Sobald wir uns auf diese Art von Perfektion versteifen, die durch einen Maschinenstandard definiert ist, verlieren wir aus den Augen, was es heißt, menschlich zu sein, und was es heißt, etwas zu erschaffen. Ich finde es wirklich interessant, dass irgendjemand irgendeine Befriedigung aus einer kreativen Branche ziehen könnte, in der er einen Roboter an einer Maschine die Arbeit für sich machen lässt – weil die Freude an Kreativität doch das Erschaffen ist.

Ich habe heute in meinem Dayjob an einem langen Text geschrieben, und es wäre so einfach gewesen, meine Notizen in eine KI zu kippen und die KI alles für mich ordnen zu lassen und mich in die richtige Richtung schubsen zu lassen – und es hat mich so viel Zeit gekostet, diesen Text zu schreiben! Aber ich glaube, dass wir eine Ungeduld gegenüber menschlicher Kreativität heranzüchten, weil es Zeit braucht, über die eigenen Ideen nachzudenken; es braucht Zeit, das zu perfektionieren, was man sagen will. Aber wenn du einen Computer fragst: „Was will ich eigentlich sagen?“, was sagst du dann überhaupt? Verstehst du, was ich meine? Das ist ein sehr, sehr gefährliches Werkzeug, und ich glaube, es zeigt einfach, wie sehr wir auf Bequemlichkeit fixiert sind, wie sehr wir auf das schnelle, einfache Produkt fixiert sind. Wir machen uns quasi selbst zu braven, schnellen Roboter-Drohnen, die einfach das tun, was von uns verlangt wird – sodass wir am Ende die Magie verlieren, was es bedeutet, menschlich zu sein, sich mit Games zu verbinden, die von Menschen gemacht sind, und Musik zu hören, die von Menschen gemacht ist. Ich vermisse einfach die Zeiten, in denen man ein Demo gehört hat, und es klang irgendwie scheiße, und es hatte Fehler – und gerade dadurch hatte es etwas Eigenes und Besonderes. Das wird alles weg sein. Wir werden unsere Stimme an die Maschine verlieren.
Du hast eingangs angesprochen, wie hart es für eine kleine Band geworden ist, sich Gehör zu verschaffen. Denkst du, dass das noch schwerer wird, weil Bands künftig auch im Metal mit KI-Musik konkurrieren müssen?
Absolut. KI ist im Metal schon da. Es gibt Bands, die das benutzen. Es gibt Songs, die Playlists verstopfen, die definitiv mit KI entstanden sind, und ja, das wird eine ohnehin schon schwierige Situation für kleinere Bands noch schwerer machen.
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Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.




das vorige album von noctule hunderte mal gehoert, absolute empfehlung auch.
Vielen Dank für das Interview! Von ihrem Soloprojekt wusste ich bisher tatsächlich gar nichts.
Zum Einfluss von Games auf Metal könnte vielleicht noch das Album „Cult of the Lamb: Hymns of the Unholy“ erwähnt werden. :D