Interview mit Balc von Balmog

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Die spanischen Black-Metaller von BALMOG stimmen auf ihrer neuen Veröffentlichung „Laio“ ein Manifest der Klagelieder an. Warum das gerade heute Sinn ergibt, wo die Unterschiede zu „Eve“ von 2021 liegen und wie David Lynch das Schaffen von BALMOG beeinflusst hat – darüber sprachen wir mit Bandkopf Balc.

 

Zuerst einmal: Glückwunsch zu eurem neuen Album. Es ist fantastisch. Kommen wir gleich zur Sache: Für alle, die euch noch nicht kennen – wer sind BALMOG?
Diese Frage ist einfach! BALMOG ist eine dunkle und gewalttätige Rock’n’Roll-Band aus einem abgelegenen Winkel Europas – Galicien. Wir sind seit etwa zwei Jahrzehnten aktiv und haben immer versucht, die dunkelstmögliche und aggressivste Musik zu erschaffen. Ach, und danke für deine netten Worte zu Laio!

Euer neues Album heißt „Laio“. Übersetzt bedeutet das „Klage“. In welchem Zusammenhang taucht dieses Wort auf dem neuen Album auf?
Laio ist zwar kein Konzeptalbum, aber es gibt definitiv einen rebellischen Geist in allen Texten. „Laio“ bedeutet „Klage“, aber in unserer Sprache kann es auch als Aufschrei gegen etwas verstanden werden – in diesem Fall als Schrei gegen das Göttliche, als Akt der Rebellion und Angriff auf die Schöpfung selbst. Interessant ist, dass – wenn ich mich recht erinnere – wir alle unsere Albumtitel immer erst nach der Aufnahme vergeben haben. Das ist eine Tradition, die wir bis heute beibehalten. Diesmal dachten wir, es wäre spannend, einen kurzen Titel in unserer Muttersprache Galicisch zu wählen, und „Laio“ passte klanglich wie inhaltlich perfekt.

Unsere Welt hat sich verändert. Kriege, geopolitische Umwälzungen, ein zunehmender Egoismus – würdest du zustimmen? Und wenn ja, woran liegt das deiner Meinung nach?
Ich denke, das sind einfach zyklische Prozesse. Auf eine Aktion folgt immer eine Reaktion, und jetzt erleben wir eben diese Phase – aber es wird auch wieder eine Veränderung geben; das ist Teil des historischen Prozesses. Ich habe Geschichte studiert, und obwohl wir sie oft nur als eine Abfolge von Konflikten und Spannungen wahrnehmen, ist die Realität: Der Mensch als Spezies hat nicht wegen Individualismus überlebt, sondern durch Teamarbeit. Was ich sage, klingt vielleicht nicht sehr „Black Metal“, aber es ist ein empirischer Fakt. Es gab Momente, in denen wir kurz vor dem Aussterben standen, und unser Überleben basierte auf kollektiver Verpflichtung, nicht auf Egoismus. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch eine gewalttätige Seite in uns gibt – Konfrontation, Kampf und Gewalt waren auch Triebfedern der Geschichte und sind manchmal sogar notwendig.

Inwiefern beeinflussen solche Entwicklungen die Texte auf „Laio“?
Wahrscheinlich sehr stark. „Laio“ spiegelt die ständige Spannung wider, die wir als Menschen erleben – dieses fragile Gleichgewicht zwischen Erschaffen und Zerstören. Wir Menschen haben eine fast göttliche Fähigkeit zur Wahl, und das führt oft zu Fehlern – sowohl individuell als auch kollektiv. Aber ich denke, wir haben das Recht, Fehler zu machen. „Laio“ spricht von der Rebellion gegen das Göttliche, gegen diese paternalistische und beschützende Haltung, die wir uns selbst auferlegen. Wir haben das Recht auf Rebellion, auf Widerspruch, auf Irrtum – das gehört zur menschlichen Essenz. Chaos ist ein Teil von uns. Durch Religion, Moral und Kultur versuchen wir, diesem Chaos eine Form zu geben – aber das Chaos ist immer da, manchmal zeigt es seine Zähne. „Laio“ handelt auch von dieser Komplizenschaft mit dem Chaos.

Wie läuft bei euch der kreative Prozess ab – wie ist „Laio“ entstanden?
Wir fangen meistens direkt nach der Aufnahme eines Albums mit dem Schreiben neuer Musik an. Das ist ein interessanter Moment, weil man einen Überblick über das hat, was man gerade gemacht hat – wie wenn man auf einen Hügel steigt und zurückblickt. Bei „Laio“ war es genauso. Kurz nach den Aufnahmen zu „Eve“ begannen wir mit den ersten Ideen – „Mud to Gold“ und „Tongue in Pieces“. Doch bald merkten wir, dass manche Ideen nicht zum neuen Album passten, aber gut zu einem Nachfolger von „Pillars of Salt“ – so entstand „Covenants of Salt“. Dann hatten wir plötzlich nur noch ein halbes Jahr bis zum Studiotermin – ohne fertiges Album. Also gingen wir sehr spontan ans Werk. Einige Songs entstanden in ein, zwei Proberaumnachmittagen. Diese Spontanität hört man dem Album an. „Laio“ ist direkter, frischer – nicht besser oder schlechter, einfach anders als vorherige Werke.

Was sind die größten Unterschiede zwischen „Eve“ von 2021 und „Laio“?
„Eve“ war reflektierter und tiefgründiger, „Laio“ ist explosiver. Jetzt, wo wir „Laio“-Songs ins Liveset aufnehmen, merken wir: Sie funktionieren live hervorragend. Ich wiederhole: Nicht besser oder schlechter – einfach zwei Seiten derselben Medaille. Wir mögen es, mit verschiedenen Facetten zu spielen. Das hält uns offen – wir wissen selbst nicht, wie das nächste Album klingen wird. Das ist auch der Zauber von BALMOG: zu tun, worauf wir Lust haben, ohne an Konsequenzen oder Erwartungen zu denken.

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Vor einigen Monaten habt ihr die EP „Mud to Gold“ vorab veröffentlicht. Was war die Idee dahinter?
Wir sind mit dem Konzept aufgewachsen, vor dem Album eine Single zu veröffentlichen – das fühlt sich für uns ganz natürlich an. Das haben wir auch bei „Eve“ gemacht und wollten es bei Laio wiederholen. Uns ist klar, dass 7″-Platten für viele nicht reizvoll sind, aber wie gesagt: BALMOG ist unser Ding, und wir machen, was wir wollen. „Mud to Gold“ repräsentiert einen Teil der Essenz des Albums, daher war es ein guter Vorgeschmack. Ergebnis und Artwork sind großartig – wir sind sehr zufrieden. Und ja, wir werden das wohl wieder so machen.

Auf der EP habt ihr „Who By Fire“ von LEONARD COHEN neu interpretiert. Gibt es Künstler, die euch – jenseits vom Songwriting – besonders beeinflussen, gerade auch im Hinblick auf Laio?
Ich versuche, mich von allem um mich herum inspirieren zu lassen – musikalisch wie künstlerisch. Wenn ich irgendwo eine interessante Melodie höre, zum Beispiel im Fernsehen, in der Werbung, nehme ich sofort die Gitarre und entwickle daraus etwas Eigenes. Viele BALMOG-Melodien entstehen so. Ich höre die Melodie nicht wieder und wieder, sondern arbeite mit dem, was in meinem Kopf geblieben ist – wie eine innere Vision. Man sieht ein Bild, schließt die Augen, und was man dann „sieht“, ist eine Interpretation. Das mache ich oft mit Musik oder auch Geräuschen, Atmosphären. LEONARD COHEN ist natürlich ein großer Einfluss – seine Spiritualität ist beeindruckend. „You Want It Darker“ ist eines der besten Alben der letzten zehn Jahre.

In eurem Instagram-Profil habt ihr euch von David Lynch verabschiedet. Was schätzt du an seiner Arbeit?
Seine Fähigkeit, Chaos innerhalb von Ordnung greifbar zu machen. Die Dunkelheit dieser Welt als Voraussetzung für Licht zu akzeptieren. Den Zerfall des Menschen als notwendige Nahrung für das Leben zu begreifen.

Lynchs Filme haben oft einen metaphysischen Kern. Filme wie „Eraserhead“ oder „Blue Velvet“ passen gut zu eurer spirituellen Ausrichtung – oder?
Definitiv. Wir lassen uns nicht nur von Musik inspirieren. Lynch hat es geschafft, Atmosphären und Gefühle einzufangen, die wir mit BALMOG zu erzeugen versuchen. Das mag für Außenstehende seltsam klingen, aber für uns ist es sehr klar. „Blue Velvet“ und die Atmosphäre von „Twin Peaks“ sind besonders stark in „Eve“ und auch „Laio“ spürbar. Badalamentis Musik war ein zentraler Bestandteil dieser Welt und hat uns ebenfalls beeinflusst.

Spiegelt sich euer philosophischer Ansatz auch auf der Bühne wider? Nutzt ihr besondere visuelle Elemente?
Wir tragen auf der Bühne meistens unser eigenes Blut. Das ist intensiv – den eigenen Blutgeruch zu riechen, verändert die Einstellung, mit der man auf die Bühne geht. Ansonsten sehen wir wie eine klassische Rock’n’Roll-Band aus. Nicht sehr originell, aber so kleiden wir uns, seit ich 14 bin. Wenn möglich, nutzen wir auch echte menschliche Knochen. Bei einem Konzert wurde mir mal ein Schädel gestohlen, der normalerweise in meinem Wohnzimmer hängt – ich habe ihn glücklicherweise später wiederbekommen.

Ihr habt letztes Jahr beim De Mortem et Diabolum gespielt, nicht zum ersten Mal. Wie war die Atmosphäre dort, und was schätzt ihr an der deutschen Szene?
Wir haben oft in Deutschland gespielt und fühlen uns dort wie zu Hause. Viele Freunde, großartige Organisation, tolle Festivals wie Partysan, Der Detze Rock, De Mortem et Diabolum. Dort als Musiker und Fan aufzutreten ist etwas Besonderes. Die deutsche Szene ist stark, und wer sagt, das Publikum sei kälter – dem kann ich nicht zustimmen. Wir haben uns immer unterstützt gefühlt. Die Professionalität der Veranstalter erleichtert einem als Band vieles. Wir sind sehr dankbar und hoffen, bald wieder in Deutschland zu spielen.

Gibt es Unterschiede zwischen der deutschen und der spanischen (Black-)Metal-Szene?
Natürlich gibt es Unterschiede – aber keine ist besser oder schlechter. Ich kenne die deutsche Szene seit 20–25 Jahren und sehe auch dort Veränderungen. In Spanien hat sich in den letzten 15 Jahren viel getan. Bands wie AVERSIO HUMANITATIS, TEITANBLOOD, VOIDDESCENT, MARTHYRIUM – und das Publikum bei Underground-Konzerten ist zahlreicher geworden. Früher war das nicht so. Aber: Der Fanatismus, der einst im Black Metal herrschte, ist nicht mehr derselbe. Aber so ist es – nichts ist für ewig.

In ein paar Wochen spielt ihr beim Destroying Texas Fest in Houston. Wie fühlt es sich angesichts der aktuellen Lage an, in die USA zu reisen?
Vielleicht machen wir gleich im Anschluss eine Tour durch Gefängnisse in El Salvador oder Honduras… mal sehen…

Was steht sonst 2025 bei BALMOG an?
Wenn wir heil aus den USA (oder Honduras) zurückkommen, spielen wir einige Festivals und Shows im Herbst und Winter. Und wir beginnen, neue Ideen für zukünftige Veröffentlichungen zu sammeln. Ein Projekt haben wir schon im Kopf. Aber jetzt steht erstmal Laio im Mittelpunkt – live so oft es geht, dieses und die nächsten zwei Jahre.

Zum Abschluss noch unser Metal1-Brainstorming:

Gustavo Bueno Martínez: Eine sehr medienpräsente und kontroverse Figur… Ich denke, seine Persönlichkeit hat sein philosophisches Werk etwas überstrahlt, aber es bleibt interessant.
Lieblings-Lynch-Film: Ich liebe es, in der klaustrophobischen Luft von „Blue Velvet“ zu ersticken. Ich fürchte die Atmosphäre von „Mulholland Drive“. Und ich kann menschliche Gefühle nicht mehr anders verstehen als durch „Twin Peaks“. No hay banda.
Beste spanische Black-Metal-Band (außer BALMOG): Primigenium.
Letztes gekauftes Non-Metal-Album: Ein Live-Album – Suede – Autofiction: Live.
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Philipp Sorger

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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