Interview mit Agni, Yaga, und Sime von Black Spikes

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Mit ihrem neuen Album „Ydos“ feiern die litauischen Modern-Metaller BLACK SPIKES, nicht nur ihren Einstand bei NAPALM RECORDS. „Ydos“ ist überdies ein sehr starkes Label-Debüt geworden, das mit seiner Mischung aus düsteren Ambients und brachialem Metal voll überzeugt hat. Das nahmen wir zum Anlass um mit Sängerin Agni und den Gitarristen Yaga und Sime über das neue Album, ihre kreative Vision, visuelle Feldversuche und absurde Tourerlebnisse zu sprechen.

Euer neues Album „Ydos“ ist eure erste Veröffentlichung bei einem der renommiertesten Labels in Europa. Wie fühlt es sich an, Teil der Napalm-Familie zu sein?
Yaga: Sie wirken eigentlich wie ziemlich anständige Jungs – eine lustige Truppe. Sie haben uns sogar etwas Geld gegeben und noch eine Tour dazugepackt. Chris ist allerdings ein stabiler Typ.

Black Spikes; © Lunaria (Augustina Mikneviciute)

Was seht ihr als die größten Vorteile daran, mit Napalm Records zu arbeiten?
Yaga: Die haben ziemlich solide Erfahrung in der Branche, und sie haben auch Geld (lacht). Die haben ein paar gute Kontakte, genauso wie ihr eigenes Publikum. Die haben unsere Songs an ziemlich viele Leute rumgeschickt – und es stellt sich raus, dass wir in den Staaten schon im Radio gespielt werden. Wer hätte das gedacht (lacht).

Davor habt ihr eure Alben unabhängig veröffentlicht. Das bedeutete zwar ohne Frage deutlich mehr Arbeit, gab euch aber auch komplette künstlerische Freiheit. Wie hat sich das jetzt verändert?
Yaga: Klar, das Label hat sich „Ydos“ angeschaut, bevor sie angefangen haben, es rauszubringen – aber offenbar mögen sie, was sie bislang hören. Mal sehen, wie sie auf unser nächstes Album reagieren, mit Kollabos mit Post Malone und Ariana Grande.

Lasst uns über euer neues Album sprechen. Im Vergleich zu „NIL“ (2025) wirkt „Ydos“ noch atmosphärischer – fast schon filmisch. Wo seht ihr die größten Entwicklungen im Vergleich zu allem, was ihr in den letzten sechs Jahren gemacht habt?
Yaga: Ich hab endlich mehr Freiheit, Musik zu schreiben. Außerdem weniger Angst vor Strange-ness und Experimenten. Wenn „NIL“ ziemlich hart geschrieben wurde, weil wir noch am Lernen waren und nach unserer eigenen Methode beim Musikschreiben gesucht haben, ging bei „Ydos“ alles schneller, weil wir unsere Positionen aufgeteilt und gelernt haben, objektiv über unsere Musik nachzudenken statt subjektiv zu sein und endlos auf das perfekte Ergebnis zu warten.

Worum geht es beim neuen Album auf der Textebene?
Agni: Auf der Textebene ist „Ydos“ eine Reise durch menschliche Laster. Wir haben ein Universum aufgebaut, in dem jedes Laster zu einem Dämon wird – komplett mit eigener Story, eigenem Charakter und eigener Mythologie. Das Album erkundet Gier, Rache, Lügen, Stolz und andere zerstörerische Kräfte der menschlichen Natur – nicht, indem wir sie beschreiben, sondern indem wir sie in Geschichten verwandeln.
Auch wenn „Ydos“ als düsteres Märchen existiert, sind seine Wurzeln zutiefst menschlich. Die Dämonen sind fiktiv, aber das, was sie verkörpern, ist real: Emotionen und Schwächen, denen wir alle begegnen.

Wie habt ihr den Songwriting-Prozess erlebt, besonders mit Blick auf die Texte?
Welche Ereignisse oder Erlebnisse aus dieser Zeit haben euch am stärksten beeinflusst, kreativ oder persönlich?
Agni: Der Songwriting-Prozess für „Ydos“ war ziemlich intensiv und hat einen total reingezogen. Da wir ein fiktives Universum aufgebaut haben, fühlte sich das Schreiben von Texten weniger so an, als würden wir einzelne Songs machen, und mehr so, als würden wir Charaktere entwickeln und ihre jeweils eigenen Geschichten.
Gleichzeitig kamen viele Ideen aus echten Erfahrungen und Beobachtungen. Wir haben über menschliches Verhalten nachgedacht – wie leicht wir von Ego, Gier, Wut oder diesem dauernden Gefühl angetrieben werden können, dass irgendwas fehlt. Manche Stories haben mit persönlichen Erlebnissen, Gesprächen oder Emotionen angefangen, aber wir haben sie in etwas Symbolischeres geformt.
Dieser Kontrast zwischen einer fiktiven Welt und echten Emotionen hat die Texte am meisten beeinflusst. Er hat es uns ermöglicht, etwas Persönliches in eine märchenhafte Geschichte zu verwandeln.

Verglichen mit „Nil“ ist euer Sound noch härter geworden, und gleichzeitig habt ihr nie so elegant geklungen. „Zelvar“ ist dafür ein perfektes Beispiel. Ist diese noch stärkere Kollision der Gegensätze im kreativen Prozess ganz natürlich entstanden, oder wusstet ihr von Anfang an, wohin ihr „Ydos“ führen wolltet?
Yaga: Ich mag einfach 808 und Reese-Bass so sehr, und auch schönen Ambient, keine Metal-Musik. Die Musik für „Ydos“ wurde unterwegs geschrieben, also ist alles organisch zu seiner Zeit entstanden.

Inwiefern hat eure Nominierung bei den M.A.M.A. AWARDS die Entstehung des neuen Albums beeinflusst?
Yaga: Gar nicht.

Moderner Metal hat in den letzten Jahren enorm an Popularität gewonnen. JINJER, SPIRITBOX, SLEEP TOKEN, VOLA – das sind heute alles große Namen. Wo würdet ihr BLACK SPIKES stilistisch einordnen, und seht ihr irgendwelche Verbindungen zu diesen Bands?
Yaga: Wäre interessant, mit denen Musik zu schreiben, als Kollaboration – all diese Bands haben coole Musikstile. Ich würde uns wahrscheinlich irgendwo zwischen diesen Bands sehen, da ist etwas Einzigartiges an unserem Sound. Wenn das Publikum wächst und wir im richtigen Moment zur richtigen Zeit da sind…

Eine Sache, die euch meiner Meinung nach wirklich abhebt, ist, dass eure Musik von einem ausgefeilten, düsteren visuellen Konzept begleitet wird. Wenn wir „Zelvar“ als Beispiel nehmen: Wie war der Videodreh für euch, und wie seid ihr auf dieses ziemlich außergewöhnliche visuelle Framing gekommen?
Yaga: Jedes unserer Videos hat diese Vibes, unsere Mädels lieben diesen dunklen Stil mit den Noten von romantischem Stil. Die Musik ist ziemlich traurig oder sogar tragisch, mit Noten von Zorn, also könnten diese Dinge, denke ich, zusammenhängen.

Black Spikes; © Lunaria (Augustina Mikneviciute)

Woher nehmt ihr die Inspiration für eure visuellen Konzepte? Eure Videos haben eine deutlich cineastische Qualität.
Sime: Die Inspiration kommt aus unzähligen Filmen, die wir geschaut haben – meistens Horrorfilme – sowie aus Musikvideos, Fashion Shows und unseren eigenen Lebenserfahrungen. Wir wurden auch durch unsere Interaktionen mit Leuten aus vielen unterschiedlichen Bereichen der Kunst beeinflusst: Maler, Fotografen, Musiker, Filmproduzenten, Designer und andere. Von Anfang an, seit es die Band gibt, wollten wir Bild und Sound zusammenbringen. Wir glauben, dass diese zwei mächtigen Sinne etwas wirklich Eindrucksvolles erschaffen können. Daran glauben wir immer noch stark und wir ziehen das bis heute durch. Als wir unsere Musikvideos gemacht haben, war es uns außerdem sehr wichtig, jemanden zu finden, der durch dasselbe visuelle Spektrum fühlen und sehen kann wie wir. Wir hatten Glück, unseren Kameramann, Rokas, zu finden, und es hat sofort gepasst. Er ist auch tief mit der Heavy-Music-Welt verbunden. Indem er zu unseren Ideen und Beobachtungen seine eigenen Ideen und Beobachtungen dazugefügt hat, haben wir das erschaffen, was ihr heute seht.

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Wenn man das „Ydos“-Konzept im Kopf hat: Gab es visuelle Ideen, die am Ende einfach nicht funktioniert haben? Aus meiner eigenen Erfahrung bleiben manche Ideen Experimente – bis zum Tag des Drehs.
Sime: Oh ja, es gibt definitiv viele Ideen, die wir nicht zum Leben erwecken konnten, meistens wegen Zeitmangel. Ein paar Tage vor jedem Dreh testen wir immer zu Hause Sachen, um zu sehen, wie alles funktioniert, damit es am Drehtag keine Fragen gibt und wir keine wertvolle Zeit verschwenden. Eine Sache, an die ich mich erinnere: Wir haben mal versucht, Menschen in eingefrorene Statuen zu verwandeln. Am Tag vor den Dreharbeiten zum „Dulkių“-Musikvideo hat Mavžis zu Hause eine starke Gipsmischung angerührt und sie auf seinen Arm aufgetragen. Der Gips ist sehr schnell hart geworden und sah wirklich effektiv aus. Aber als er versucht hat, ihn wieder zu entfernen, hat er alle Haare von seiner Haut mit abgerissen. Dann kamen wir auf die Idee, die Haut vorher erst mit Frischhaltefolie zu bedecken. Wir haben es ausprobiert, und es sah tatsächlich ziemlich gut aus. Am Tag des Drehs wurde die Gips-und-Wasser-Mischung aber falsch gemischt, weil wir gehetzt haben, und sie hat dann extrem schnell angefangen hart zu werden. Wir haben uns beeilt, sie auf den Körper aufzutragen, aber am Ende sah alles ziemlich unprofessionell aus. Schließlich mussten wir die Idee aufgeben. Ein anderes Beispiel war, als wir das „Revana“-Musikvideo gedreht haben. Wir wollten eine krasse Szene machen, in der eine Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird [lacht]. Am Ende haben wir nur Fotos gemacht, die die Silhouette einer brennenden Person zeigen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass ihr vor Kreativität nur so sprüht – sowohl musikalisch als auch visuell. Wie sehr beschäftigt oder inspiriert euch der wachsende Einfluss von künstlicher Intelligenz in Film und Musik?
Sime: Wir haben gemerkt, dass heutzutage immer mehr Bands Greenscreens nutzen und sich darauf verlassen, dass künstliche Intelligenz ihre Musikvideos erstellt. Auf den ersten Blick sehen manche dieser Videos vielleicht ziemlich beeindruckend aus, aber ein wirklich hohes Level zu erreichen – so etwas wie die Musikvideos von BEHEMOTH oder eine Serie wie „House Of The Dragon“ – davon sind wir noch weit entfernt. Viel zu oft fühlt sich das Ergebnis an wie ein Stück Plastik, ohne jede Seele. Wir haben uns entschieden, den Weg über echtes Filmmaterial zu gehen, aber wir können definitiv nicht sagen, dass wir in Zukunft niemals KI nutzen werden. Das können wir im Moment einfach nicht vorhersagen. Was wir sicher wissen: Wenn wir sie einsetzen, dann wollen wir das auf einem sehr hohen Level machen.

Ich habe mehrere eurer Live-Auftritte gesehen, und ihr habt es ganz offensichtlich geschafft, einen großen Teil eurer visuellen Identität auf die Bühne zu bringen. Yaga zum Beispiel ist überhaupt nicht zu erkennen. Glaubst ihr, BLACK SPIKES würde auch ohne die visuellen Elemente funktionieren – Make-up, futuristische Ästhetik und Choreografie – oder sind diese Aspekte inzwischen essenziell für die Identität der Band?
Yaga: Das würde nicht funktionieren.

Black Spikes; © Lunaria (Augustina Mikneviciute)

Anfang des Jahres wart ihr mit INFECTED RAIN und BUTCHER BABIES auf Tour. Gibt es irgendwelche besonders denkwürdigen Momente von diesen Shows, egal ob positiv oder negativ?
Yaga: Da gibt’s ’ne Story aus Southampton. Nach der Show sind Devin, der Schlagzeuger von BUTCHER BABIES, und Sean, der Bassist von BUTCHER BABIES, in unseren Bus gekommen. Wir wurden so laut, dass der Busfahrer, der oben geschlafen hat, uns irgendwann rausgeschmissen hat. Am Ende saßen also ich, Sime, Sean und Devin – bewaffnet mit sechs Cidern – draußen in der Nähe von ’ner Kirche. Nach ungefähr einer halben Stunde Trinken und Quatschen meinte Devin plötzlich, er würde jetzt pissen gehen. Ein paar Sekunden später hörte ich das unverkennbare Geräusch, dass jemand direkt hinter mir pisst. Ich dreh mich um und seh, wie Devin direkt gegen die Kirchenwand pisst. Ich schau ihn an und sag: „Bro… konntest du keinen Busch oder so finden?“ Er antwortet ganz ruhig, er hätte keinen passenderen Ort als die Kirchenwand gefunden. Ungefähr 15 Minuten später verschwand dann auch Sean zum Pissen und – offenbar inspiriert von Devins bahnbrechender Ortswahl – hat er sich exakt denselben Spot ausgesucht. Dann, nach noch einem Cider, hab ich selbst nach ’nem Platz gesucht. Und rat mal?Ich hab auch exakt an denselben Spot gepisst, weil ich auch nicht einen einzigen Busch finden konnte. Irgendwann später ist Sime dann auch noch dem Club beigetreten. (lacht) Aber das Lustigste war, dass wir wegen dem komischen Winkel der Pflastersteine irgendwie einen kompletten Pississippi River erschaffen haben. Dieser großartige Fluss aus Pisse ist dann den Hang runtergelaufen und am Ende in die Jacke von ’nem Obdachlosen eingesickert, der ungefähr 10 Meter weiter geschlafen hat. Also ja… wir haben auf Tour echt absolut durchgedrehten Scheiß gemacht. Bis heute hab ich keine Ahnung, wie wir es geschafft haben, aus sechs Cidern vor ’ner Kirche ein ausgewachsenes Umwelt-Desaster zu machen.Aber hey – wir haben einfach von Tag zu Tag gelebt.

Was glaubst du, was dem Publikum heute mehr wert ist: Authentizität – mit all ihren Unperfektheiten und spontanen Momenten, ganz im Geist von Rock ’n‘ Roll – oder die perfekt geschniegelt-polierte Show?
Yaga: Das ist eine schwierige Frage. Wahrscheinlich ist das bei jedem Publikum anders aufgeteilt. Wenn du das alles kombinierst und es auch noch mit Originalität machst, hast du bessere Chancen.

Ob politisch, persönlich oder einfach durch eure Kunst: Was ist deiner Meinung nach die wichtigste Botschaft, die du deinem Publikum vermitteln willst?
Yaga: Liebt unsere Musik, weil sie das Beste ist, was ihr jemals hören könnt. Und kauft unser Merch! Hab euch alle lieb!

Zum Abschluss würde ich gern unser traditionelles Metal1-Brainstorming mit dir machen. Ich gebe dir fünf Wörter oder Impulse, und ich möchte, dass du mit dem allerersten antwortest, was dir in den Kopf kommt.
Die Zukunft: Liegt in unseren Händen
Menschsein: Finde ich immer noch raus.
Bester Film 2026 bisher: Habe 2026 0 Filme gesehen
Eurovision Song Contest: Vielleicht
BLACK SPIKES in zehn Jahren: litauische RAMMSTEIN

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Philipp Sorger

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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