Interview mit Murad Jaymz von Dark Phantom (Irak)

Seit der Irak-Krieg für beendet erklärt wurde, hört man nur noch wenig aus dem Land, das bis heute als Wiege der Zivilisation gilt. Was sich seitdem getan hat, und wie es sich als Metalhead auf dem Gebiet des alten Mesopotamien lebt, berichtet Murad Jaymz von DARK PHANTOM im 18. Teil unserer Serie „Metallisierte Welt – auf den Spuren einer Subkultur“.

Als Death-Metal-Band sehen euch in eurer Heimat sicherlich viele Leute als Satanisten. Wie geht ihr damit um?
Ja, das stimmt. Aber wir kümmern uns nicht um ihre Meinung – aber am Ende sind wir ja auch gegen das, woran sie glauben.

Wie reduziert ihr das Risiko, das ihr damit eingeht?
Wir nutzen einfach unsere Chancen. Wir leben hier in einem Land, in dem du auch mal in deiner Wohnung getötet oder entführt wirst – nichts ist hier sicher. Wir warten einfach ab und hoffen, dass nichts passiert.

Wie ist es generell – kommt man auch mit dem Gesetz in Konflikt, wenn man im Irak Metal spielt, droht euch dafür eine Strafe oder gar Verhaftung?
Bislang gab es im Irak noch keinen solchen Fall, aber kürzlich erst wurde ein Konzert von uns von der Kulturabteilung der Regierung abgesagt – wegen unserer musikalischen Ausrichtung. Ein großes Risiko gehen wir also nicht ein, aber das Kulturministerium und seine Musikabteilung schränken uns stark ein. Sie sehen Metal nicht als Musikrichtung an, das macht es schwer, Fans dazuzugewinnen oder den Bekanntheitsgrad zu steigern.

Könnt ihr im Irak offen zeigen, dass ihr Metalfans seit, beispielsweise durch euren Kleidungsstil oder lange Haare?
Bis zu einem gewissen Grad ist das möglich, ja. Aber vor zwei Jahren gab es eine Hetzkampagne von Islamisten, nach der jeder, der ein schwarzes Shirt trägt oder lange Haare hat oder sonst irgendetwas macht, das nicht normal erscheint, auf der Straße getötet werden sollte. Damals wurden viele Leute von Islamisten ermordet, weil man sie für Emos oder Metalheads hielt.
In den Tagen nach unserem ersten Konzert (2011) haben viele in der Moschee über uns gesprochen: Sie behaupteten, Satanisten wären in unserer Stadt. Wir wurden von vielen Islamisten angegriffen, bekamen Drohungen auf Facebook und wurden aus unserem Proberaum geschmissen – weil alle immer denken, wir würden Satan anbeten. Sie verstehen nicht, was wir machen. Wir haben unseren Facebook-Account dann 2012 für ein paar Monate geschlossen. Bis heute gibt es keine Location im Irak, um mit einer Metalband aufzutreten. Unser letztes Konzert wurde wie gesagt vom Kulturministerium abgesagt. Die meisten Leute hier hassen unsere Musik oder unser Auftreten, wenn wir schwarze T-shirts oder einen langen Goatee tragen oder tätowiert sind. 2012 wurden in Bagdad viele Metalheads getötet.

Was treibt dich an, trotzdem in einer Band aktiv zu sein?
Unsere Liebe zur Musik, aber auch die Message, die wir haben, motiviert uns! Wir haben keine Angst.

Hat sich die Situation für eine Metalband mit der politischen Situation im Irak über die Jahre geändert?
Ja, die Zustände hier haben sich vielfach geändert – aber in einer Death-Metal-Band zu spielen war immer riskant. Weißt du, unser Problem ist nicht, was im Großen passiert, sondern eher das direkte Umfeld: Die Leute aus unserer Nachbarschaft sind am ehesten die, die uns Probleme bereiten könnten, wenn wir offen über religiöse Dinge und die politische und religiöse Situation hier sprechen.

Hat der Krieg und die Entmachtung von Saddam Hussein die Situation für liberal denkende Menschen wie Metalheads geändert?
Ja, das Regime von Saddam hätte uns vermutlich dafür hinrichten lassen, dass wir Metal spielen. Dieses kleine Stück Freiheit haben wir nur wegen der Peschmerga – wären da nicht die Islamisten, die uns jetzt bedrohen.

Dark Phantom - Band

Wie stehst du als Metalhead zur westlichen Welt?
Als Metalband sind wir natürlich von der westlichen Welt beeinflusst – wir sehen den Westen nicht als schlechten Einfluss wie manche andere Leute hier. Der Westen hat viele gute Seiten!

Wissen eure Familien, dass ihr in einer Metalband spielt und wenn ja, was denken sie darüber?
Ja, das wissen sie. Sie haben sich unsere Musik auch schon angehört und unterstützen uns, so gut sie können. Wenn auch nicht gleich zu Beginn, als wir mit all dem angefangen haben.

War es schwer, sie von der Sache zu überzeugen? Wie standen sie zuvor zum Thema Metal?
Wie viele Leute hatten sie zunächst ein sehr schlechtes Bild von Metal. Aber manche kommen auf den Trichter, wenn sie die Texte verstehen oder vielleicht sogar die Musik.

Wie reagieren die Leute in eurem Umfeld oder in der Nachbarschaft, wenn sie von eurer musikalischen Vorliebe erfahren?
Sie schneiden ihre verrückteste Grimasse und versuchen nachzuahmen, was der Sänger einer Metalband tut. Am Ende werden sie dir sagen, dass eines Tages genauso verrückt sein wirst.

Gibt es bei euch eine Art Szene, die Bands und Fans verbindet?
Das wäre wohl Facebook. Etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen. Wir nehmen ein paar Jams oder Cover-Versionen auf und posten diese dann auf Facebook. So können wir uns präsentieren, ohne dass uns die Leute uns dafür etwas antun können – von negativem Feedback mal abgesehen. Offiziell oder rechtlich geschützt kann man hier sowieso nichts veröffentlichen. Wir vermarkten unsere Musik ausschließlich selbst.

Kann man im Irak Metal-CDs oder andere Szene-Utensilien kaufen?
Hier im Irak verkauft niemand Metal-CDs oder dergleichen. Aber online können wir dergleichen schon bestellen.

Wie sieht es im Irak mit Medienzensur aus?
Im Internet ist nichts zensiert – und auch in unserem Fernsehprogramm findest du, abgesehen von Pornos und Metal, jeden Müll, den du dir vorstellen kannst.

Dark Phantom - Nation Of DogsIhr habt unlängst euer erstes Album veröffentlicht – wie lief der Aufnahmeprozess ab?
Die Musik haben wir in Murads Schlafzimmer aufgenommen, den Gesang im Schlafzimmer von Mir – so lief das. Zum Proben hatten wir damals einen kleinen Laden in einem aufgelassenen Gebäude gemietet. Derzeit haben wir keinen Proberaum.

In den Texten thematisiert ihr auch Politik, schimpft die Regierung Hunde und dergleichen. Wie wichtig ist euch, mit eurer Musik eine Message zu verbreiten?
„Nation Of Dogs“ spricht ganz deutlich von einer ganzen Nation aus Hunden – nicht bloß von einer Regierung aus Hunden. Am Ende ist es aber egal, ob wir eine klare Message haben oder nicht – die meisten Leute verstehen es eh nicht.

Was war das eindrücklichste, intensivste Erlebnis, das du im Kontext mit Metal bislang hattest, was hat euch geprägt?
Wir sehen hier, wie unschuldige Leute und Kinder vor unseren Augen sterben, wie die Regierung Menschenrechte raubt. All das sind Metal-Erlebnisse, über die wir singen und die unsere Schreie provozieren.

Hörst du auch traditionelle Musik aus dem Irak und hat sie DARK PHANTOM mit geprägt?
Ich mag irakische Folklore, durchaus. Aber auf unseren Sound hatte sie keinen Einfluss.

Wie wichtig ist Musik ganz generell für die Leute im Irak?
Im Leben der meisten Leute spielt Musik keine wichtige Rolle – die meisten halten Musik aufgrund ihrer Religion für verboten.

Wie bist du selbst in diesem Umfeld mit dieser speziellen Musik in Berührung gekommen?
Wir haben über Kassetten und CDs zum Metal gefunden – die waren hier aber wirklich schwer zu finden. In Anlehnung an unsere Einflüsse und die Bands, die wir mögen, hat sich dann unser Sound entwickelt, den wir als Thrash-Death bezeichnen würden.

Welche Bands würdest du zu diesen prägenden Einflüssen zählen?
Metallica, Slayer, Lamb Of God und Behemoth.

Und gibt es im Irak noch andere Metal-Bands, die du uns empfehlen könntest?
Nein. Wir sind hier die einzigen, die Metal spielen.

Dark Phantom

Was bedeutet für dich das Metal-Zeichen, die „Devil-Horns”?
Ich denke, jeder weiß, dass die Devil-Horns viele Bedeutungen haben – aber für uns bedeuten sie Frieden und Einigkeit in der Bruderschaft der Metalheads.

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten! Zum Abschluss ein Brainstorming:
Kirkuk:
Die Stadt von Brüderlichkeit, Frieden und Reichtümern: Sie wird gemeinhin als die reichste Stadt des Irak angesehen – auch wenn der Krieg und viele verschiedene Gruppen von Leuten, die versuchen, dem Ruf der Stadt zu schaden, die Attraktivität dieser großartigen Stadt gesenkt haben.
Georg Bush: George Bushs Ungerechtigkeit. Den Irak zu bezichtigen, Atomwaffen zu besitzen, war eine Lüge, die zum Tod tausender Menschen geführt hat.
Haidar Al Abady: Eine Marionette in der Hand des Iran und derer, die einen Turban auf dem Kopf tragen.
Europa: Ein Kontinent, der viele Kriege und brutale Kämpfe gesehen hat. Aber sie haben es hinbekommen, sich zu vereinen. Die Europäer haben sich erhoben und sind jetzt eine der erfolgreichsten Völkergemeinschaften.
Wacken: Wir können Wacken nur auf YouTube ansehen. Aber wir träumen davon, ein kleiner Teil des Wacken-Festivals zu sein: Das ist unser Traum, auf einer großen Bühne vor tausenden von Leuten spielen zu dürfen.
Metal: Unser Leben. Metal gibt uns ein gutes Gefühl, macht uns stark und lässt uns den ganzen Scheiß hier, den Krieg, das Töten und die Gewalt vergessen.
Dein Lieblingsalbum: Metallicas „Master Of Puppets“