Interview mit Sully Omar von District Unknown (Afghanistan)

Mit Afghanistan assoziiert man hierzulande in erster Linie Krieg, Taliban und Mohnfelder. Aber Metal? In Teil 13 unseres Specials berichtet Sully Omar von DISTRICT UNKNOWN aus einem Land, in dem Livemusik generell verpönt und schon das Zeigen der Devilhorns strafbar ist.

Unseren Recherchen zufolge seid ihr die einzige aktive Metal-Band aus Afghanistan. Stimmt das – und wenn ja: Macht euch das traurig oder stolz?
Soweit ich weiß, sind wir tatsächlich momentan die einzige Metal-Band in Afghanistan. Es gibt noch eine Hard-Rock-Gruppe namens White Page, aber ob die noch aktiv ist, weiß ich nicht. Wir sind natürlich stolz, dass wir sozusagen der Goldstandard für afghanischen Metal sind, aber das ist natürlich nicht unser primäres Ziel. Ich bin mir zwar darüber im Klaren, dass vor allem das unsere Band einzigartig macht, aber eigentlich ist es nebensächlich. Ich würde mir wünschen, es gäbe mehr Metal-Bands in Afghanistan!

Aber es gibt zumindest noch mehr Metalheads, mit denen ihr eure Musik teilen könnt, vielleicht sogar so etwas wie eine Metalszene?
Es gibt einen ausgewählten und sehr exklusiven Kreis von Metalheads in Afghanistan – die meisten von ihnen kennen wir persönlich. So etwas wie eine Metalszene gibt es in Afghanistan aber nicht. Für Rock-Musik gibt es eine kleine Szene mit ein paar wenigen Bands, aber die meisten agieren von außerhalb des Landes. Wir teilen unsere Musik mit unserer Fanbase – da diese Gruppe gut vernetzt ist, bekommen diese Leute unser Material zumindest schnell zu hören.

Afghanistan hat einen jahrelangen Krieg durchgemacht. Hat sich dadurch etwas für euch und andere liberal denkende Menschen zum Besseren gewendet?
Indirekt ja. Die Veränderung der politischen Landschaft hat den Boden für die vorwärtsdenkenden Teile der Gesellschaft bereitet, um Afghanistan weiterzuentwickeln und aufzubauen. Der Krieg hat aber weder unsere Musik beeinflusst, noch irgendetwas wirklich zum Besseren gewendet. Aber er hat zumindest ermöglicht, dass unsere Musik heute besser verfügbar ist und dass die Gefahr, die von ultra-konservativen Gruppierungen ausgeht, etwas kleiner geworden ist.

DistrictUnknown BandKönnt ihr heute in der Öffentlichkeit zeigen, dass ihr Metalfans seid, beispielsweise durch den Kleidungsstil?
Wir sind keine typischen Metalheads in dem Sinne, dass wir uns auf bestimmte Art und Weise kleiden oder bestimmte Accessoirs tragen, um unsere Szenezugehörigkeit kundzutun … ich verbinde auch nicht automatisch Keider oder Style mit Metal. Wir sind alle vielseitige Künstler und wir würden uns nicht auf schwarze Hosen, Ketten und schwarze Shirts limitieren wollen, um in das Metal-Klischee zu passen.

Wie seid ihr mit Metal in Berührung gekommen?
Jeder bei uns in der Band hat eine eigene Geschichte dazu, wie er zum Metal gekommen ist und wie ihn der Metal beeinflusst hat, bevor unsere Band gegründet wurde. Die Gründungsmitglieder der Band sind zwei Brüder – da ging es mit Metallicas „S&M“-Album los und von da weiter … neue Musik von Freunden, neue Genres entdeckt und so weiter. Unser Schlagzeuger Pedram ist dann tiefer in speziellere Metal-Genres abgetaucht und hat seine Sammlung an unseren Bassisten weitergegeben, seinen Bruder Quasem, der 2004 vom Iran nach Afghanistan gekommen ist. Ich selbst bin, wie auch unser Sänger, über die Nu-Metal-Bands der 90er, wie Tool, System Of A Down, Korn und die Deftones zum Metal gekommen – geprägt von meiner Kindheit in den USA.

Steht ihr mit Metalheads außerhalb von Afghanistan in Kontakt?
Wir haben Kontakt und Korrespondenzen mit viele Künstlern in und außerhalb von Afghanistan. Über das Internet sind wir mit Künstlern vieler Nationalitäten aus allen möglichen Ländern in Verbindung, in Afghanistan selbst sind wir mit vielen Künstlern in Kontakt, die Teil der lokalen und internationalen Metal-Gemeinschaft sind.

Du hörst nicht nur Metal, sondern spielst auch in der Band DISTRICT UNKNOWN. Was bedeutet es, in Kabul in einer Metalband zu spielen?
Wie du dir vorstellen kannst, ist es in Kabul schon schwierig, einen Proberaum zu finden – die Leute hier in Afghanistan reagieren nicht sonderlich gut auf laute E-Gitarren und Screams. Das Beschaffen der nötigten Ausrüstung mag etwas schwieriger sein als in anderen Ländern, aber wir hatten das Glück, Musiker aus der Expatriaten-Community zu kennen, die Zugang zu Equipment hatten. Nachdem unsere Band ansonsten im Großen und Ganzen noch in Besetzung um das Gründer-Bruderpaar herum besteht, hatten wir nicht oft das Problem, neue Bandmitglieder finden zu müssen, auch wenn ab und zu auf einer Position gewechselt wurde. Die Musik hat sich so zwar stark verändert, aber trotz aller neuen Einflüsse ist der Grundgedanke dahinter erhalten geblieben.

DistrictUnknown CoverGeht ihr damit, dass ihr in der Band spielt, ein persönliches Risiko ein? Wissen eure Familien von eurer Tätigkeit in der Band? Sind sie stolz oder verständnislos?
In Afghanistan in einer Metalband zu spielen – oder eigentlich in jeder beliebigen Band – ist klar eine Gegenkultur-Aktivität. Deshalb gehen wir viele Risiken ein, von Todesdrohungen bis hin zu allen möglichen Sicherheitsproblemen. Und unser Risiko ist durch die Art Musik, die wir spielen, nochmal verstärkt. Unsere Familien wissen aber alle, dass wir in dieser Band spielen. Sie sind sehr stolz auf uns und unterstützen uns. Wenn dem nicht so wäre, gäbe es diese Band nicht. Einige unserer Bandmitglieder haben Verwandte, die selbst Musiker waren – die verstehen beides, die Bewegung der alternativen Musik in Afghanistan wie auch das damit einhergehende Risiko.

Wie handhabt ihr es in diesem Kontext mit Live-Auftritten?
Konzerte sind hier in Afghanistan ein schwieriges Thema… Das ist eine enorme Herausforderung, was die Sicherheit angeht: Jedes Konzert, sogar mit traditioneller Musik, bedarf hoher Sicherheitsstandards. Deshalb finden Konzerte von DISTRICT UNKNOWN (abgesehen von ein paar Festivalauftritten) nur hinter verschlossenen Türen und außschließlich für geladene Gäste statt. Die Anzahl der Fans varriiert, aber sie werden immer kontrolliert und es werden aus Sicherheitsgründen nie mehr eingelassen, als der Kapazität der Location entspricht. Das Risiko einer Racheaktion müssen wir mit dem, was wir tun, in Afghanistan aber in Kauf nehmen. Mit DISTRICT UNKNOWN haben wir deshalb in den letzten sieben Jahren in Afghanistan fast nur auf solchen privaten Underground-Events gespielt und unsere Live-Präsenz insgesamt sehr niedrig gehalten, um diese Gefahren, die damit einhergehen, in Afghanistan in einer Metal-Band zu spielen, möglichst gering zu halten: Hier in Afghanistan halten wir uns aus Sicherheitsgründen von großen Events fern, außerdem vermeiden wir unkontrollierte Berichterstattung. Dafür haben wir beispielsweise auf dem SAARC-Festival in Indien gespielt, was uns die Freiheit gegeben hat, uns einem viel größeren Publikum zu präsentieren.

Ein öffentliches Konzert würde euch also über die Maßen in Gefahr bringen?
Öffentliche Konzerte oder andere Metal-Veranstaltungen zu organisieren, ist nahezu unmöglich – Livemusik ganz allgemein ist in Afghanistan einfach mit einem Stigma behaftet. Da hat sich zwar schon viel getan, aber das zu ändern, ist ein sehr langsam ablaufender Prozess und es gibt noch viel Luft nach oben. Gefahr wäre untertrieben, wenn man sich die Risiken anschaut, die damit verbunden sind, bei einem irgendgeartet „alternativen“ Musik-Event öffentlich zu spielen.

Im Internet kann man lesen, dass ihr früher auf der Bühne Masken getragen habt, um euch vor Extremisten zu schützen.
Früher haben wir Masken getragen, um unsere Identität zu verschleiern, während wir auf der Bühne stehen. Aber diese Zeit ist vorbei. Wir tragen diese Masken jetzt schon seit fünf Jahren nicht mehr. Wie gesagt: Durch den kontrollierten Zugang zu unseren Konzerten haben wir nicht mehr das Gefühl, dass wir uns oder unsere Musik tarnen müssen. Die Masken wurden irgendwann einfach zu einer ungewollten Ablenkung von unserer Musik.

District Unknown 02Könnt ihr euer Album frei verkaufen, beispielsweise auf Konzerten?
Als wir noch Konzerte in Afghanistan gespielt haben, war unser erstes Album noch nicht veröffentlicht. Unser im August 2014 erschienes Album „[Anatomy Of A 24 Hour Lifetime]“ gibt es seitdem online weltweit über viele verschiedene Händler.

Ihr habt euch dem Progressive Metal verschrieben. Welche Bands haben euch dahingehend am meisten beeinflusst?
In unserer Band gibt es eine große Bandbreite an Einflüssen – die alle aufzuzählen, wäre ermüdend. Aber Jonathan Davis von Korn, Mike Akerfeld von Opeth, Steven Wilson von Porcupine Tree, sowie Bands wie Anathema, Metallica und System Of A Down wären definitiv dabei. Für Teile der Band zählen auch Avant-Garde-Künstler wie John Cage und Bjork zu den musikalischen Vorbildern. Mich selbst hat, wie bereits erwähnt, vor allem der Nu- und später der Post-Metal geprägt. Wir versuchen, traditionelle Arrangement-Strukturen zu vermeiden – unsere Musik kann von abstrakten, experimentellen Soundlandschaften bis hin zu harten, fetten, tiefer-gestimmten, dissonanten Power-Akkorden mit invertierten Rhythmen reichen.

Was ist typisch für traditionelle afghanische Musik und in wie weit würdest du sagen, dass diese Musik einen Einfluss auf DISTRICT UNKNOWN hatte?
Was die Instrumentierung angeht, sind Tabla, Rebab und Harmonium typisch für traditionelle afghanische Musik. Musikalisch finden vor allem recht untypische Taktarten wie schnelle 7/8tel mit gestottertem Feeling und eine Mischung indisch und russisch klingender Skalen Verwendung. Aber ich bin kein Experte für traditionelle afghanische Musik. Unsere Musik ist zwar definitiv davon beeinflusst, aber das ist beim ersten Hören nicht gleich zu erkennen. Wir hätten zwar Lust, mehr traditionellen afghanischen Sound in unsere Musik zu integrieren, aber das hat nicht höchste Priorität für uns.

Als Afghanen habt ihr vermutlich eine andere Sicht auf Krieg als wir im friedlichen Europa. Was denkst du über Bands aus dem ruhigen Westen, die über Krieg, Hass und Gewalt texten, ohne selbst die Erfahrung gemacht zu haben, was Krieg wirklich bedeutet?
Wie wohl jeder, der dahingehend auf eigene Erfahrungen zurückgreifen kann, betrachten wir die Dreistigkeit der Weltgemeinschaft, die globalen Probleme zu diagnostizieren und ohne oder mit nur lächerlich wenig Erfahrung zu werten, mit einigem Zynismus.
Als Künstler erlauben wir uns aber kein Urteil darüber, was andere Künstler schreiben oder nicht schreiben sollten. Wir glauben an die Meinungsfreiheit in ihrer reinsten Form, aber Mist gehört da natürlich nicht dazu: Solange Künstler in ihren Texten nicht lügen oder unehrlich oder unredlich sind, haben wir mit den behandelten Themen kein Problem. Aber wenn ich ehrlich bin, mache ich mir nicht viele Gedanken darüber, was andere schreiben: Wir wissen ihre Kunst natürlich zu würdigen, aber wir konzentrieren uns lieber darauf, was wir selbst zustandebringen.

Siehst du Krieg also als ein geeignetes Thema für Songtexte an? Schreibt ihr selbst auch über Krieg, Politik oder euer Leben in Afghanistan?
Es gab schon Metal-Texte über so gut wie alles, von Romanzen bis hin zu Tod und Dunkelheit. Es gibt keine Autorität, die zu bestimmen hat, wovon Metal-Texte handeln sollten. Wir selbst schreiben nicht über Politik, auch wenn viele Lager versuchen, unsere Songs so auszulegen, dass sie politisch motiviert sind. Aber Politik interessiert uns überhaupt nicht und ich würde dieses Thema auch lieber nicht weiter diskutieren. Die Texte auf “[Anatomy Of A 24 Hour Lifetime]” befassen sich mit einer Vielzahl an Themen und Erfahrungen und sind nicht zuletzt unter poetischen Gesichtspunkten geschrieben. Größtenteils handelt es von alltäglichen Erfahrungen und dem Leben in Kabul als junge, fortschrittliche Leute. Sie sind außerdem vom ständigen Kampf zwischen Gut und Böse inspiriert, der, wie wir glauben, in allen Lebewesen tobt.

Was war deine intensivste Erfahrung mit Metal?
Zusammen mit vielen großartigen regionalen Bnads vor tausenden Zuschauern auf dem SAARC-Festival zu spielen war eine unglaubliche Erfahrung. Das werden wir als Band nie vergessen und hat für uns, was Konzerte und Performance angeht, die Messlatte sehr hoch gelegt.

District Unknown 01

Und was bedeutet dir das Metal-Zeichen, die Devilhorns?
Das ist eine interessante Frage, weil wir auf dem Sound Central Festival 2013 im Backstagebereich fotographiert wurden. Auf diesem Foto zeigen wir alle die Devilhorns. Das hat zu extrem gefährlicher Presse geführt: Ein bekannter Journalist hat einen Artikel darüber veröffentlicht, dass wir angeblich Satanisten seien und die Speerspitze einer satanischen Freidenker-Bewegung, die die afghanische Jugend verdirbt. In diesem Text wurde unsere Band zudem mit einer anderen, politisch motivierten Band aus Kabul namens Morcha verwechselt, die in den Wochen vor dem Festival ohne Sicherheitsvorkehrungen ein paar öffentliche, sehr kontroverse und gefährliche Konzerte gespielt habe. Die Folge war, dass unsere Bandmitglieder für fast zwei Monate unter Hausarrest gestellt wurden und unsere Band für diese Zeit ruhen musste. Einer meiner Mitmusiker musste zudem eine Gefängnisstrafe, Repressalien durch die Religionsbehörde sowie physische Gewalt gegen Familienmitglieder erleiden. Du kannst dir also vorstellen, dass die Devilhorns bei uns keine schönen Erinnerungen hervorrufen.
Natürlich verehren wir Mr. Dio, aber die Devilhorns haben uns in Afghanistan nichts als Probleme gebracht. Einer der Gründe, warum wir uns hier in Afghanistan strikt von religiösen und politischen Themen fernhalten, – abgesehen davon, dass wir uns für beide Themen nicht interessieren – ist, dass eine Band wie wir schnell zum Blitzableiter für solche gefährlichen Diskussionen wird: Die Leute sehen Verbindungen, wo keine sind, sei es in unserer Musik, unseren Aussagen, unserer Bandgeschichte oder wo auch immer. Jeder – international oder Afghane – hat schon versucht, DISTRICT UNKNOWN für sein politisches Ziel zu missbrauchen, aber da spielen wir nicht mit.

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten! Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Deutschland:
Rammstein
Fussball: Futbol
Taliban: Mir egal.
Metall: Das Periodensystem der Elemente
Afghanistan in zehn Jahren: Wer weiß …
DISTRICT UNKNOWN in zehn Jahren: Immernoch halsbrecherisch am Headbangen!

Die letzten Worte gehören dir:
Wir sind DISTRICT UNKNOWN, und ja, wir sind der Metal in Afghanistan. Und wir sind noch so viel anderes. Schön, vielen Dank für das Interesse an unserer Band! Macht’s gut!

Weltkarte_gross_12345678910111213

Geschrieben am

2 Kommentare zu “District Unknown (Afghanistan)”

  1. Drueckmops

    Man sollte es mal erwähnen und loben.

    Ganz tolle Serie übere Metal in anderen Ländern und erkennbar, dass Musik über alle Grenzen hinweg verbindet, politischen und religiösen System zum Trotz.

    Chapeau und Danke dafür m/

  2. Sarah Punke

    Vielen lieben Dank für deine Worte!

    Dann werden dich die folgenden Worte sicherlich erfreuen: Wir haben noch mehr Interviews im Petto! :)

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: