Interview mit Eviga von Dornenreich (Teil 1 / 2)

Ganze acht Jahre sind seit unserem letzten Interview mit DORNENREICH vergangen – mal kam ein kaputter Tourbus, mal ein unvorhergesehener Studioaufenthalt dazwischen. Auf ihrer Tour zum vorerst letzten Album „Freiheit“ bot sich vor der Show in Nürnberg nun endlich die Gelegenheit zu einem ausführlichen Gespräch mit Bandkopf Eviga.

Im ersten Teil des Interviews berichtet Eviga ausführlich über die geplante Auszeit sowie die Zukunft von DORNENREICH, den ewigen Kampf gegen mp3s und digitale Downloads mit Waffen wie limitierten Fan-Editionen, sowie die generelle Bedeutung des Internets für das Musik-Business.

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Ihr habt euren Fans unlängst einen kleinen Schock versetzt, als ihr bekannt gegeben habt, dass „Freiheit“ fürs erste euer letztes Album sein wird. Was hat euch zu diesem Schritt bewogen?
Das hat viele Seiten, auch viele persönliche. Ausschlaggebend war der Punkt, an dem die Band künstlerisch steht: „Freiheit“ fühlt sich an wie damals „Her von welken Nächten“, das musikalisch und textlich ebenfalls sehr vielschichtig war. So ein Album will verdaut sein, und sollte deshalb erst einmal länger für sich stehen, bevor man sich dem Ganzen neu nähert. Die letzten Jahre waren sehr intensiv, seit „Durch den Traum“ haben wir viele Veröffentlichungen und Tourneen gespielt. Es ist nicht so, dass wir keine Lust mehr auf die Musik haben – es ist mehr ein Schritt, den wir für die Band gehen. Wir wollen DORNENREICH nicht verwässern oder kaputtmachen. Dafür ist uns das alles zu wertvoll. Das ist ein wichtiger Punkt für uns, um uns neu zu orientieren, aber das heißt nicht, dass wir uns auflösen werden. Das habe ich übrigens auch nie gesagt. Wir wollen uns neu erfinden; wie lange das dauert, kann man natürlich nie sagen.

dornenreich023Steckt dahinter auch ein wenig die Angst, das Publikum zu übersättigen oder sich eines Tages nur noch selbst zu kopieren?
Ich denke, diese Gefahr ist bei uns recht gering – wenn man sich unsere Diskographie anschaut, sieht man, dass wir eigentlich immer wieder anders geklungen haben. Aber klar, wir möchten das ganz bewusst aufbrechen. Inve, unser Geiger, ist ja professioneller Musiker, Geigenlehrer und spielt auch sehr gut Klavier und Gitarre. Da wollen wir auch mal neue Sachen ausprobieren, das Ganze mal durchwürfeln, auch weg von der Gitarrenbasis mit Geige. Wir wollen uns wirklich neu erfinden.
Aber dass die Zeiten schwierig sind, ist auch klar. Auch in der umkämpften Live-Landschaft zeigt sich das von Jahr zu Jahr mehr und macht sich auch in den Zuschauerzahlen bemerkbar. Weil viele Bands nur noch am Wochenende spielen, finden wahnsinnig viele Sachen parallel statt, da herrscht inzwischen ein echter Wettstreit um die besten Clubs. In größeren Städten wie München oder Berlin war das zwar einerseits schon immer so, andererseits sind es inzwischen aber halt auch mal zehn Veranstaltungen, die gleichzeitig laufen, da klaut man sich ja zwangsläufig gegenseitig Leute.

War die Schaffenspause eine Einzelentscheidung von dir, oder eine des Kollektivs?
Das haben wir schon zusammen entschieden. Klar, ich bin der Kopf der Band, ich bin ja der einzige, der übriggeblieben ist aus den Anfangstagen (lacht). Aber die anderen beiden sehen das ähnlich, und so dramatisch ist es ja eigentlich auch nicht. Es war uns jetzt einfach wichtig, nach außen zu tragen, dass es sich anfühlt wie ein letztes Album: In „Freiheit“ steckt wahnsinnig viel drin, weil wir als Band wirklich in jeder Hinsicht viel investiert haben – und natürlich ist das auch ein kleiner Hinweis darauf, dass es nicht selbstverständlich ist, dass es so läuft wie bislang: Die meisten Bands scheinen zwar zu glauben, dass dieser Tour-Release-Tour-Release-Trott ewig weiter geht, aber ich glaube das nicht. Diese McDonalds-Mentalität, ohne Veränderungen wie am Fließband zu liefern, kann nicht ewig funktionieren.

Wann habt ihr euch zu diesem Entschluss durchgerungen?
Das ist über eine lange Zeit herangereift. Wir wussten schon zu „Flammentriebe“-Zeiten, aber wohl spätestens mit der Titelwahl „Freiheit“, dass es wohl darauf hinauslaufen wird.

War das Gefühl, an einem letzten Album zu arbeiten, beim Songwriting präsent und hat dich diesbezüglich beeinflusst?
Wirklich gemerkt hat man es eigentlich erst, als alles zusammengekommen ist. Aber bis zu einem gewissen Grad habe ich das schon gespürt, wie gesagt auch bei der Titelwahl. Wir haben dann bei der Ausarbeitung eben darauf geachtet, dass es möglichst vielschichtig wird, um würdig zu sein, auf längere Sicht unser letztes Album zu bleiben – oder vielleicht vielleicht sogar unser allerletztes. Man weiß es ja nie … Aber unser Plan ist ein anderer.

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Rundet das Album in seiner Gesamtheit eure Diskographie in gewisser Weise ab?
Das Album bringt textlich und musikalisch viel auf den Punkt, was uns ausgemacht hat. Es deutet in einigen Aspekten aber auch schon an, wie es weitergehen könnte. Ich bin auch sehr zufrieden damit, wie es klingt – das war übrigens viel mit Glück verbunden: Die ersten Stücke haben wir live eingespielt, da kommt es sehr stark auf die Tagesverfassung an, ob das funktioniert. Dahingehend wichtig war natürlich auch unser Vertrauensverhältnis zu Markus [Stock, Produzent; A.d.Red]. Das macht sehr viel aus bei einem Album, auf dem man sich wirklich öffnet. „Freiheit“ hat ja wirklich viele fragile, fast „zärtliche“ Momente, so etwas funktioniert einfach nicht, wenn jemand am Mischpult sitzt, der sich nicht in die Karten blicken lässt, ob er das alles nicht komplett scheiße findet. Insofern war da sehr viel Synergie da.

Wird sich für dich privat in der Kreativpause viel ändern?
Jetzt spüre ich das natürlich noch gar nicht, weil wir noch voll dabei sind. Aber in einem Jahr, wenn es dann wirklich ruhiger wird, wahrscheinlich schon. Aber nur, weil wir gerade kein Studioalbum anvisieren, heißt das ja nicht, dass keine Musik entsteht. Den Fokus auf einen Studiotermin wird es halt nicht geben. Unsere Musik fordert viel, insofern müssen wir auch viel spielen, um sie präsent zu halten. Gerade als akustisches Duo in einer Kirche ist das gar nicht so ohne. Da muss man schon dranbleiben – aber das wollen wir als Vollblutmusiker ja sowieso.

Verbindest du mit dem Album auch eine gewisse wiedergewonnene Freiheit, oder wie interpretierst du den Titel auf persönlicher Ebene?
Das ist das natürlich einer der vielschichtigsten Titel, die man sich aussuchen kann… da bin ich dann auch drauf gekommen im Laufe der Promo- und Interview-Phase. Da gibt es ganz unterschiedliche Aspekte. Zunächst schon die Tatsache, dass man realisieren sollte, dass man froh sein kann, dass man hier in Zentraleuropa lebt. Dass man sich überhaupt über so etwas wie „innere Freiheit“ Gedanken machen kann. Wir haben hier so viele Grundfreiheiten, dessen bin ich mir schon bewust. Es ist ja eigentlich schon ein Luxus, überhaupt da ansetzen zu können.
Trotzdem finde ich, dass es wichtig ist, sich mit der inneren Freiheit des Individuums auseinanderzusetzen – damit, was mit einem selbst passiert, wie man mit sich selbst umgeht, sich beurteilt oder verurteilt. Wieviel Angst im Leben eine Rolle spielt, oft auch sehr subtil, und wie einen all das prägt oder auch hemmt. Ich glaube, das Leben besteht zwar immer aus Wechselwirkungen zwischen dem Innen und dem Außen, aber wenn man innerlich mit sich ins Reine kommt und bewusster mit sich umgeht, wird das auch nach außen gespiegelt: Die äußere Freiheit kommt dann nach. Freiheit fängt da an, wo man bewusst an die Dinge herangeht, an sich selbst, aber auch an seinen künstlerischen Ausdruck: Diesbezüglich haben wir uns auch als Band schon immer sehr stark hinterfragt, was vielleicht auch nicht immer nur gut war.

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Wie hast du das Feedback auf eure Entscheidung empfunden?
Ich war ganz schockiert, als manche Leute auf der Tour zu mir gekommen sind und sich quasi verabschiedet oder mir sogar Geschenke in die Hand gedrückt haben, um mir auch mal etwas zurückgeben zu können, was mich allerdings wirklich gefreut hat. Das hat alles eine gewisse Eigendynamik entwickelt, aber das hängt natürlich auch damit zusammen, dass die Presse das teilweise sehr einseitig interpretiert hat. Ich hatte das Statement bewusst offen formuliert, aber natürlich hieß es dann trotzdem überall „DORNENREICH verabschieden sich standesgemäß mit einer Tour“ und so weiter.
Ich habe es aber andererseits auch sehr seltsam gefunden, dass manche Leute es gar nicht nachvollziehen können, wenn man sagt, dass es das jetzt erst einmal gewesen ist, anstatt quasi direkt das nächste Album anzukündigen. Insofern ist unsere Entscheidung schon auch eine Art Statement gegen das ganze Business, in dem Musik extrem zur Ware wird, die immer verfügbar ist. Wir versuchen durch diese Bonus-Editionen ja auch immer zu betonen, dass da mehr dahintersteht als ein paar Daten, die im Netz herumfliegen – aber naja, es ist schwer. Ich gehöre zu der Generation, die noch ohne das Internet angefangen hat und dann mittendrin zu spüren bekommen hat, wie es sich auswirkt. Bei den „digital natives“ weht jetzt schon ein anderer Wind.

Wie beurteilst du diesen immensen Bedeutungszuwachs des Internets, gerade im Bereich der Musik, in den letzten Jahren?
Ich will nicht altbacken oder verbittert klingen – aber ich bin da schon sehr kritisch. Ich glaube schon, dass das alles mehr Nachteile als Vorteile hat. Natürlich ist toll, dass alles zugänglich geworden ist und dass man viel Wissen teilen kann. Aber das ist sehr oft auch nur theoretisch gedacht, denn der Grundstoff ist ja die menschliche Aufmerksamkeit. Und die ist, was Musik angeht, wahnsinnig geschwunden. Auch das Bewusstsein für ein Album beispielsweise. Heute reicht es oft ja nur noch für Songs – der Wert der Musik an sich geht verloren. Auch in der Darstellung ist alles nivelliert: Jeder hat ein Facebook-Profil, jeder eine Bandcamp-Seite, mit Audioequipment für ein paar hundert Euro kann man aufnehmen … es gibt keine Schwelle mehr: Alles findet gleich statt, und es ist viel mehr dem Zufall anheim gegeben, ob eine Band entdeckt wird. Das war natürlich immer schon zu einem gewissen Grad der Fall, aber früher gab es irgendwo noch Auslese: Man hat geprobt, Demos aufgenommen … und dann war es das Größte, wenn man sich mal einen Studio-Aufenthalt leisten konnte oder gar einen Plattenvertrag bekommen hat. Heute scheint das umgekehrt zu sein: ein bisschen jammen, aufnehmen, und sofort auf die Bühne, damit man sich feiern lassen kann. Das finde ich schon etwas bedenklich – diese Verramschung der Musikkultur.

PortraitGlaubst du, dass DORNENREICH mit ihrem Demomaterial heute noch eine Chance hätten, sich durchzusetzen?
Ich denke, es ist unglaublich schwierig, heutzutage überhaupt „hochzuschwappen“. Theoretisch müsste es ja viel einfacher sein – aber was ich so höre von Musikern, die Nebenprojekte starten, und nochmal von Null anfangen … da muss man schon einen sehr langen Atem haben und stark daran glauben. Es ist einfach eine generelle Übersättigung da, gerade eben auch, was den Livemarkt angeht. Wir haben das bewusst anders gemacht: Wir haben die letzten zwei Jahre pro Jahr nur vier bis fünf Konzerte gespielt, ganz exklusive Sachen, und ansonsten alles auf diese Release-Tour konzentriert. Aber dann ist natürlich die Frage, wie exklusiv man tatsächlich werden kann. Wenn man sich Empyrium anschaut, die ein Konzert pro Jahr spielen, da geht dann nicht mehr weniger, aber ob das für Dornenreich wiederum wünschenswert wäre, weiß ich nicht.

Rentiert sich solche Exkusivität denn? Der Arbeitsaufwand, sich auf eine einzelne Show vorzubereiten, ist ja quasi der gleiche wie auf eine Tour.
Das ist schon sehr knapp kalkuliert, und auch immer ein Zittern, klar. Bisher hat das bei Empyrium immer geklappt, weil die ganze Sache noch sehr frisch ist, aber der Aufwand ist immens bei einer so exklusiven Sache mit so vielen Musikern aus verschiedenen Ländern. Das ist wirklich keine gemähte Wiese, wie man so schön sagt. Ich bin zwar sehr idealistisch veranlagt, sonst hätte ich mit alledem nie angefangen, aber die Zeit treibt einem den Idealismus schon aus. Man kann sich die kurze Formel merken: Man ist als Musiker der Erste, der den Ball ins Rollen bringt, und der Letzte, der fragt: Ist für mich noch was übrig von dem Ganzen? Man bringt wahnsinnig viel ins Rollen, bei einer Tour wird irre viel um einen herum umgesetzt, sei es an der Bar oder im Club oder über den Bus, aber die Band ist der Risikoträger. Die Crew hat ihre zugesagte Gage, aber wir müssen schauen – wir haben keine Garantie, wie Merchandise oder Abendkasse laufen.

dornenreich021Zum Thema Merchandise: Du hast vorher schon diesen Trend der limitierten Editionen ins Spiel gebracht. Wie stehst du dazu, Kommerz oder Fannähe?
Wenn es nicht wirklich stimmig ist, hat es – leider – ein bisschen den Anschein von der Junior-Tüte bei McDonalds. Und das sollte es wirklich nicht haben. Aber es wird immer schwieriger, sich da heruaszuhalten. Wenn man als Band heute sagt, man will ein Album machen, fragt das Label: Wie, „nur“ ein Album? Der Aufwand, ein stimmiges Gesamtpaket zu schnüren, wird also immer größer, gerade, was das Bonusmaterial anbelangt.
Ich glaube, Hand aufs Herz, dass wir für „Freiheit“ ein schönes Paket gemacht haben, mit einem Bonus, der wirklich stimmig und wertig ist und nicht einfach irgendwas. Aber der Aufwand ist eben auch immens: Wir haben viele Songs extra dafür aufgenommen, das kostet wahnsinnig viel Studiozeit. Die Entwicklung war unvermeidlich, um das physische Produkt zu höhen, zu zeigen, dass ein Album etwas greifbares sein kann, aber es bleibt ein zweischneidiges Schwert. Ich bin sehr skeptisch, ob das so weitergehen kann

Kann man mit solchen Boxsets dem Trend zur mp3 entgegenwirken?
Noch schon, wenn die Box eben stimmig zusammengestellt ist – aber man kann das Prinzip dieser Sets auch nicht ständig neu erfinden. Das kann auch völlig daneben gehen. Und es ist dann auch oft so, dass Leute am Merchandise einem sagen: „tolles Album – weiß man schon, wie das nächste wird?“. Das ist ein Tempo, da überholt sich alles selbst. Eine absolute Konsumhaltung, immer auf der Suche nach neuen Reizen. Dass jemand mal auf die Idee kommt, sich in Ruhe ein Album anzuhören, ist wirklich selten geworden. Das finde ich schon bedenklich.

Im zweiten Teil des Interviews steht das Text- und Layoutkonzept von „Freiheit“ im Mittelpunkt. Darüber hinaus berichtet Eviga von seinen Erlebnissen mit der DORNENREICH-Fanschar, den Vor- und Nachteilen von Akustik-Shows sowie seiner Rolle bei EMPYRIUM.

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Portrait

Live-Photo mit freundlicher Genehmigung von Sunvemetal.