Interview mit Seuche von Fäulnis

Längst schon zählen sie zu den Geheimtipps der deutschen Black-Metal-Szene. Fast fünf Jahre nach ihrem letzten Album melden sich FÄULNIS nun mit „Snuff || Hiroshima“ eindrucksvoll zurück. Seuche, Sänger und Bandkopf der Hamburger, über die Entstehung des Albums, japanische Literaten und deutschen Punkrock als Haupteinfluss.

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Gleich der Titel eurer neuen Scheibe wirft Fragen auf – was verbirgt sich hinter „Snuff || Hiroshima“?
Bei dem Titel geht es erst einmal um Assoziation. „Snuff“ als gewalttätigste Form medialer Auslebung und Hiroshima in Bezug auf die Atombombe. Ganz einfach, du hörst die Begriffe und hast bestimmte Bilder im Kopf, in diesem Fall eine Verbildlichung von Extremen, die sich Menschen untereinander antun. Da ich immer irgendwie im weitesten Sinne konzeptorientiert arbeite, brauche ich diesen Ansatz, um zu verinnerlichen, wo es mit einem Album hingehen soll. „Gehirn zwischen Wahn und Sinn“ war sehr ich-orientiert, die eigene Anonymität in der Großstadt war ein großes Thema. „Snuff || Hiroshima“ bezieht die ganze Umwelt und die Auseinandersetzung mit ihr viel stärker mit ein – konsequent aber nur ihre negative Seite. Ich schwankte dann erst zwischen beiden Begriffen, zumal ich 2010 ein halbes Jahr in Hiroshima war und dort ganz rudimentäre Ansätze zum jetzigen Album entstanden sind.

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Zwischen euren ersten beiden Alben lagen nur knapp zwei Jahre, seit eurem letzten sind jetzt ganze fünf Jahre vergangen. Warum hat es dieses Mal so lange gedauert?
Das ist richtig. Nach „Gehirn…“ war ich schlichtweg ausgebrannt. Zwar ging es da erstmalig mit Konzerten los, allerdings ging jeder Versuch, neue Songs zu schreiben, komplett in die Hose. Du nimmst die Gitarre in die Hand und es klingt alles wie ein warmer Aufguss von „Gehirn…“, wenn überhaupt, und von Texten ganz zu schweigen. Als zwei Jahre später immer noch nichts kam, habe ich die ganze Geschichte in einem Anflug von Frust auf Eis gelegt. Wohlgemerkt „auf Eis“, ich hatte da zwar kaum Hoffnung mehr, noch einmal was Vernünftiges zustande zu bekommen und mich ganz anderen Dingen zugewandt. Aber FÄULNIS ist ja nun mal auch mein Baby, das schmeißt man nicht einfach weg. Ich hatte es mir mal angewöhnt, immer und überall ein Notizheft dabeizuhaben, wo ich alles, was ich im Kopf habe, reingeschmiert habe. Seiten füllten sich… Und wie es immer so ist, irgendwann hat es plötzlich geklickt.

Eure Musik bezeichnest du selbst als „Black Doom Punk Rock“. Darf man daraus schließen, dass deine Wurzeln auch in den beiden erwähnten Genres, Black Metal und Punk, liegen?
Faeulins_WappenSo sieht es aus. Genau genommen war es ca ’90/’91, als ich meine ersten überspielten Punk-Tapes mit Slime, Blumen am Arsch der Hölle, Razzia, Boskops und so weiter bekommen habe. Dann bin ich aber schnell im Metal gelandet (irgendwer hat die „Number Of The Beast“ aufgelegt, da wars dann geschehen), wo es dann jedes Jahr härter werden musste, bis ich über eine kurze Zeit mit Death Metal bei Black Metal gelandet bin, lass es ’96 gewesen sein.

Welche Bands aus diesen Genres sind dir persönlich besonders wichtig?
Persönlich wichtig, das ist so schwer. Ich setze jetzt mal den Schwer- punkt auf Nostalgie, das, was einem erstmals richtig unter die Haut gegangen ist, alles andere würde den Rahmen sprengen:
Punk: Ganz klar Slime, „Slime I“ röhrte durchs ganze Haus, da konnte ich alles auswendig. Blumen am Arsch der Hölle natürlich, die ganzen Rachut-Bands, die personifizierte Unsympathie, aber der hat mich gerade textlich und gesanglich sehr geprägt.
Black Metal: Das große Trio: Emperor „In The Nightside…“ (der fassungslose Blick, als der Gesang losging…), Enslaved „Frost“ und Ulver „Bergtatt“. Das war damals meine erste Bestellung in Sachen Black Metal, bei EMP oder Nuclear Blast (lacht). Das kannst du heute kaum mehr erzählen, aber ich hatte lediglich diesen einen Metal-Hammer-Bericht über Black Metal gelesen (dieser grünlastige), kein Plan von Nichts, kannte niemanden, Internet war da ja noch nicht so, also wo bestellst Du das Zeug? Rückblickend schon amüsant alles. Aber die drei Alben sind für mich auch heute noch was Besonderes.

Hast du die Songs allein geschrieben, oder hab en deine Mitmusiker Anteil an der Kreativarbeit?
Texte schreibe ich nach wie vor alleine, allerdings kamen dieses Mal meine Gitarristen fast aus dem Nichts mit praktisch fertigen Songs um die Ecke, die einfach genau zu meinen Vorstellungen gepasst haben. FÄULNIS ist und bleibt Seuches Diktatur, aber ich wäre ja schön blöd, geile Ideen auszuschlagen, weil sie nicht von mir sind. Ich tue mich nach wie vor schwer, Texte zu Songs zu schreiben, die nicht von mir sind, aber ich möchte da einmal „Paranoia“ herausgreifen. M.R.M. hat mir Probeaufnahmen geschickt, ich habs mir angehört, ihn 30 Minuten später angerufen und ungefiltert rausgehauen, was ich mir textlich dazu vorstelle. Stille. Dann stellte sich raus, dass er genau das gleiche im Kopf hatte. Besser kann es halt nicht laufen.

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Die Texte sind auch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des Albums. Ich würde sie als sehr gelunge Kombination aus der Ästhetik von Nachkriegslyrik/Trümmerliteratur („In Ohnmacht“) und modernem Weltschmerz beziehungsweise Ablehnung der modernen Gesellschaft („Distanzmensch, verdammter!“) umschreiben. Findest du deine Texte in dieser Beschreibung wieder?
Ich habe früher viel mehr gelesen und der Bereich Nachkriegslyrik/Trümmerliteratur ist mir zwar schon ein Begriff, bin da aber mittlerweile komplett raus. Also ich könnte da jetzt nicht fachsimpeln oder so. Wobei es zu den Themen hervorragende japanische Literaten gibt (Yasushi Inoue zum Beispiel, „Der Stierkampf“. „Kuroi Ame“ von Masuji Ibuse würde vermutlich auch noch gut passen). Wenn, fließt das alles nur unterbewusst ein. „Letharg“ mal außen vor, so würde ich heute nicht mehr schreiben, auch wenn ich inhaltlich noch 100% hinter dem Text stehe, aber es ist alles viel einfacher: Ich habe irgendwann angefangen, mich textlich an der Art und Weise von Deutschpunk zu orientieren. Scheiß auf Metrum, es muss sich nicht alles reimen und gerade heraus ist immer noch am besten. Aber letzten Endes sind meine Texte vermutlich eine Summe aus allem.

Dass die Texte, vor allem aber der Gesang Assoziationen zu Deutschpunk-Bands in Richtung Turbostaat, EA80 oder Pascow wecken, ist also beabsichtigt?
Pascow kenne ich nicht und Turbostaat hätte es in der Form ohne die angesprochenen Rachut-Bands nie gegeben. „Schwan“ und „Flamingo“ sind aber trotzdem gute Alben. Unter anderen von denen hab ich wohl auch meinen Hang dazu, Songtiteln komische Namen zu geben. Ich würde Fliehende Stürme noch hinzufügen, mit denen kenne ich mich zumindest noch etwas besser aus als mit EA80.

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Wo wir gerade von Songtiteln reden: Ist „Durch die Nacht mit …“ wirklich eine Anspielung auf die gleichnamige Kult-Sendereihe des ZDF, oder überinterpretiere ich das?
Anspielung ja, aber wie gesagt, ich mag es, ernsten Stücken komische Titel zu geben.

Was inspiriert dich generell zum Schreiben eines Textes, in welchen Situationen entstehen deine Texte? Eher aus spontanen Situationen/Einfällen heraus, oder mit Konzept und Plan?
Eine Mischung aus beidem. Mittlerweile schreibe ich alle Ideen und Einfälle in ein Notizheft. Am Ende sind davon vielleicht 10% verwertbar, aber mit denen kann ich dann auch arbeiten. Die Situationen sind verschieden, allerdings kann ich mich nicht hinsetzen und mir sagen, jetzt schreib ich mal was. Und unter Druck geht es leider immer noch am besten. Da arbeitet man ein Jahr vor und sitzt dann trotzdem in der Nacht vor den Gesangsaufnahmen bis zum Morgengrauen vor einem Stück Papier. Grundsätzlich habe ich aber die meisten Ideen beim Spazierengehen. Die sind dann auch meistens in dem Moment weg, wenn man die Wohnungstür aufschließt. Deshalb das Notizheft.

1546031_655558487836020_543175183_nBefasst du dich selbst mit den Songtexten anderer Bands, im Kontext mit deren Musik oder auch davon isoliert?
Selten. Ich lese zumindest selten in Booklets mit. Das letzte Mal, dass ich mir zu einem Album komplett die Texte durchgelesen habe, war vor kurzem bei King Diamond „Them“, aber da stehen die Texte ja auch in einem wichtigen Kontext zur Musik.

Und wie wichtig ist dir, dass deine Hörer die Texte als Teil des Gesamtkunstwerkes auch entsprechend würdigen?
Meine Texte sind mir natürlich enorm wichtig und gehören untrennbar zu FÄULNIS. Ob das jemand würdigt, ist eine andere Frage.

Ihr habt zu „Weil wegen Verachtung“ auch ein Video gedreht, das mit sehr simplen Mitteln den verstörenden Aspekt eurer Musik sehr ausdrucksstark untermalt. War es dir ein persönliches Anliegen, ein Video zu dem Song zu machen, oder war das einfach eine Promo-Idee des Labels?
Nein, wir hatten uns ja schon mit „Letharg“ auf das Gebiet Video begeben und ich finde es nach wie vor eine spannende Herausforderung, Stücke visuell umzusetzen. Umgesetzt wurde das ganze wieder durch Hard Drive, wo unseren Gitarrist N.N. involviert ist.

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Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Dann behalte ich sie und hebe sie mir für karge Zeiten auf! Danke für das Interesse!

Vielen Dank auch! Wenn du nichts dagegen hast, würde ich das Interview an dieser Stelle gern mit dem traditionellen Metal1.info-Brainstorming beenden. Was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein:
Black Metal:
Ja
Ukraine: Weit weg vom olympischen Gedanken
Punkrock: Ja
Eis: Noch ein Namensrechtsstreit und es gibt Ärger mit Abbath
Hamburg: Bestimmt nicht meine Perle
FÄULNIS in 10 Jahren: Alt, versoffen, hässlich

Zur anstehenden Tour mit EIS werden wir ein gesondertes Kurz-Interview mit Seuche (FÄULNIS) und Alboin (EIS) veröffentlichen. Mehr dazu in Kürze!

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