Interview mit Seuche von Fäulnis

Spätestens seit „Snuff||Hiroshima“ gelten FÄULNIS mit ihrer gepflegten Fuck-Off-Attitüde und einer guten Portion Punk im Sound als die große Hoffnung des deutschen Black Metal. Mit „Antikult“ wollen die Nordlichter nun noch einen drauflegen. Kaum dass das Album fertig gemixt ist, treffen wir Seuche und Konsorten deswegen in einer Hamburger Altbau-WG zur „Antikult“-Listening-Session und einem ausführlichen Interview am Küchentisch zwischen Astra-Flaschen, Gauloises und FÄULNIS.

Fäulnis - Slider (Interview)

Euer neues Album heißt „Antikult“ – wie bist du darauf gekommen?
Diesen Titel hatte ich einfach irgendwann. Man sitzt ewig dran und denkt über einen Titel nach, aber findet nichts. Und irgendwann bin ich durch die Straßen gelaufen und habe gedacht: „Antikult!“ Und das war es dann auch.

Und was steht hinter dem Titel?
Im Grunde genommen geht es erst einmal darum, dass man den Titel hört und der etwas rüberbringt. Das ist genauso wie bei „Snuff||Hiroshima“: Du hörst den Titel und die Bedeutung liegt in der eigenen Interpretation. Bei „Antikult“ war das ähnlich – mir ging es mehr um den Titel als solchen. Und dann kannst du darin verschiedene Bedeutungen sehen: Das reicht von diesem „gegen alles“, für das FÄULNIS stehen, die sowieso immer die Sachen anders machen als andere und Erwartungen enttäuschen, bis hin zu solchen sarkastischen Geschichten … gegen diese Okkult-Schiene im Black Metal und überhaupt Strömungen im Black Metal und alle machen das Gleiche. Ich denke, so kann man das zusammenfassen.

Das klingt, als könntest du der Okkult-Strömung wenig abgewinnen …
Ich hab das ja mal in einer meiner Kolumnen bei euch zusammengefasst. Dass jede Band mittlerweile Rituale spielt und die einzige Band, die das meines Erachtens nach darf, Urfaust sind, aber die stehen auch lattenstramm auf der Bühne und denen ist egal, ob die Gitarren gestimmt sind. Das ist genauso wie „Wir vernichten Berlin“, „Wir zerstören Bad Oldesloh“ …
[alle lachen]
Genau das ist es!

01-SeucheIch würde sagen dass „Antikult“ deutlich mehr Black Metal und weniger Punk aufweist als „Snuff||Hiroshima“. Gibt es bestimmte Bands, die dich in der Entstehungszeit dieses Albums besonders geprägt haben?
Diesmal nicht. Beim letzten habe ich noch Bands wie die Rachut-Bands, Fliehende Stürme, ChaosZ und all die Sachen hervorgehoben. Ich würde diesmal nicht sagen, dass ich mich direkt von etwas Bestimmtem habe inspirieren lassen. Ich finde, dass „Antikult“ einfach auf „Snuff“ aufbaut und in Sachen Punk und in Sachen Black Metal nochmal intensiver ist. Jede Band sagt, wenn sie ein neues Album rausbringt, das ist jetzt das beste. Ich hatte mit „Snuff“ so meine Probleme und sage aus dieser Perspektive, dass ich mit „Antikult“ das verwirklicht habe, was ich eigentlich mit „Snuff“ machen wollte.

Du hast also gezielt versucht, wieder in die gleiche Richtung zu gehen?
Nicht im Sinne von ähnlich – mir war schon wichtig, ein eigenständiges Album zu machen. Ich hatte zu „Snuff“-Zeiten immer gesagt, dass es nichts bringt, zwei Alben hintereinander herauszubringen, die gleich klingen. Aber ich muss schon eingestehen, dass ich bei diesem Album stark darauf fokussiert war, Dinge, die beim letzten Album in meinen Augen sehr daneben gegangen sind, diesmal besser zu machen – für mich. Leute, die uns erst zu „Snuff“-Zeiten kennengelernt haben und dieses Album als besonders großartig ansehen, werden das vermutlich nicht verstehen, aber für mich gab es auf dem Album einfach Mankos und mir war wichtig, dass dieses Album fertig ist und ich sage: O.K., ich habe das begraben, das ist gut. Ich kann mit dem nächsten FÄULNIS-Album etwas komplett anders machen – und habe einfach das gezeigt, was ich zeigen wollte.

Wie wichtig ist dir, wie gut das Album schlussendlich bei Presse und Fans abschneidet?
Bei diesem Album habe ich tatsächlich so viel Selbstvertrauen – selbst wenn jetzt die Kritiken, die eigentlich auch vollkommen unwichtig sind, weil es egal ist, was jemand sagt, nur mäßig ausfallen oder gar schlechter als bei „Snuff“ – dass ich sagen kann, dass ich mit dem Album unglaublich zufrieden bin, weil es in meinen Augen wesentlich intensiver ist als „Snuff“.

Fäulnis - Snuff II HiroshimaDu hast jetzt sehr oft anklingen lassen, dass du mit „Snuff“ unzufrieden bist. Jetzt musst du das langsam mal für uns präzisieren: Was würdest du aus heutiger Sicht anders machen?
Die Songs auf „Antikult“ sind extrem viel im Proberaum gespielt worden, was bei der „Snuff“ nicht der Fall war, Die Songs von der „Snuff“ waren nicht fertig. Ich denke, man hätte aus dem Album wesentlich mehr herausholen können. Da stimmen mir auch meine Mitmusiker zu. Teilweise sind die Songs damals nur ein-, zweimal im Proberaum gespielt worden, bevor wir ins Studio gegangen sind. Diesmal sind wirklich alle Songs bis auf den letzten, der wirklich 1:1 so übernommen wurde, wie ich ihn aufgenommen hatte, unglaublich viel geprobt worden. Wir wollten ja im Dezember schon aufnehmen und haben dann erst im April aufgenommen – in der Zwischenzeit ist wirklich jede Woche geprobt worden.

Hast du auf „Antikult“ schon einen Lieblingssong?
Ganz schwierig. Ich finde, „Galgen, kein Humor“ hat einen sehr morbiden Textteil und ich finde die Stimmung von „Der König“ sehr gut.

Wie entsteht generell ein FÄULNIS-Song?
Bei sieben der neun Songs habe ich die Basis geliefert und dann wurden die Songs im Proberaum gespielt. Es gab durchaus auch Fälle, wo gesagt wurde, das ist nichts, wo ich dann mit einer komplett neuen Idee zu dem Song kommen musste, bis es letztlich funktioniert hat. Und auch bei den anderen war es so, dass sie aufgewertet worden sind. Ich bin nun mal nicht der große Musiker, und rein musikalisch und auch technisch sind die Songs so sehr aufgewertet worden, was ich auch sehr schätze. Da gab es keine Probleme, weshalb ich da viele Freiräume gewährt habe und auch keine Probleme damit hatte, diese Freiräume zu gewähren.03-SeucheAber grundsätzlich greifst initial du zur Gitarre und schreibst ein Riff?
In den meisten Fällen ist es so, dass ich einen Song präsentiere, ja. Aber zum Beispiel mit „Metropolis“, dem ersten Song, kam unser Gitarrist N.N. eines Tages an. Der war einfach von Anfang an so geil, da habe ich mich gar nicht eingemischt – der wurde so geprobt und gespielt und ich habe einfach einen Text draufgesetzt. Beim Vorletzten, „Das Nagelkratzen“, war es genauso. Da habe ich musikalisch nicht viel zu gesagt – die sind so genommen worden. Aber auch bei meinen Songs haben die Veränderungen, die übernommen wurden, gleich so gezogen, dass ich gesagt habe, das machen wir so.

Wann fügen sich dann Musik und Text zusammen oder was entsteht zuerst?
Die Texte waren ein Krampf. Ich glaube, ich habe noch nie so hart an Texten gearbeitet wie bei diesem Album. Wenn du schon ein paar Texte geschrieben hast, steigt natürlich der Anspruch und du willst immer noch einen draufsetzen. Ich habe bis zu der Sekunde, wo ich den Gesang aufgenommen habe, an den Texten gefeilt und war unzufrieden ohne Ende, hab schlaflose Nächte gehabt … also die Texte sind diesmal wirklich hart erarbeitet. Die entstehen quasi währenddessen. Ich habe teilweise schon davor Versatzstückchen. Ich habe halt mein kleines Heftchen, das ich mit mir rumschleppe, da schreibe ich Textideen rein. Ich hatte ein komplettes kleines Vokabelheftchen voll, daraus habe ich dann irgendwann Texte zusammengesetzt. Der Text zu „Der König“ war relativ schnell fertig, den hatte ich quasi schon komplett. Zu „Galgen, kein Humor“ hatte ich schon die Strophe und habe dann noch ein paar nette „Punch-Lines“ eingebaut, also die klassischen FÄULNISschen Songzeilen. Bei „Arroganz von unten“ zum Beispiel, „Träum nicht dein Leben, lebe deinen Traum, steht mit Edding an die Scheißhaustür geschmiert“ – solche Geschichten sind auf jeden Fall auf dem Album wieder mit dabei. Bei dem Song ist das ja systematisch: „Neben Telefonnummern, Hakenkreuzen, Jahreszahlen und Stickern deiner Band, für die sich keiner interessiert“. Das sind dann so Ätz-Geschichten, wo ganz klar meine Punk-Attitüde rauskommt. „Der König“ ist dagegen eher lyrisch inspiriert. Ich tue mich immer etwas schwer mit dem Wort „Lyrik“, genauso wie ich es komisch finde, mich als Künstler zu bezeichnen. Da mag auch Understatement dabei sein, klar. Ich bin mit meinen Texten sehr zufrieden, ich denke auch, dass die Texte bei FÄULNIS ein wesentlicher Punkt sind, aber wirklich zufrieden ist man natürlich nie.

04-SeucheDas ist insofern witzig, als gerade die FÄULNIS-Texte sehr spontan, direkt rausgekotzt klingen…
Das, was für dich spontan klingt, mögen auch spontane Ideen gewesen sein, die ich aufgeschrieben habe. Aber diese spontanen Ideen so zu einem Song zusammenzubauen, dass das Ganze auch noch Sinn ergibt, das war diesmal harte Arbeit. Zu „Gehirn zwischen Wahn und Sinn“ sind mir die Texte rausgeflossen. Die waren einfach da. Ich habe die geschrieben und sie waren fertig. Bei „Snuff“, das muss ich nochmal dazusagen, bin ich mit den Texten auch sehr zufrieden. Ich bin auch letzten Endes mit den Songs zufrieden. Das sind gute Songs. „Weil wegen Verachtung“, das ist ein Song, den müssen wir live spielen. Oder „Distanzmensch, verdammter!“ – aber es wird immer schwieriger, Texte zu schreiben.

Musikalisch ist das Album deutlich düsterer als das letzte ausgefallen – gilt das auch für die Texte?
Ja. Das klingt jetzt etwas klischeehaft und wieder emohaft, wo man FÄULNIS ja auch gerne reinräumt, aber mein gesamtes Anfang 2016 war ultra beschissen und ich denke, das hat eine ganze Menge mit reingespielt. Also es ging wirklich alles daneben, was danebengehen kann. Getoppt haben das wirklich nur noch gute Freunde von mir, wo dann wirklich noch gute Freunde gestorben sind – das war bei mir nicht der Fall. Aber es ist eine ganze Menge schiefgegangen dieses Jahr und das hat eine Menge Einfluss auf das Album gehabt. Ich habe auf dem Album erstaunlicherweise auch sehr viel aus der Vergangenheit verarbeitet. Es geht beispielsweise viel ums Meer. Ich wohne seit zwei Jahren nicht mehr in Hamburg, habe auf dem Album aber sehr stark meine Nähe zum Wasser verarbeitet. Auch in „Auge des Sturms“ – das ist auch ein Text, der mir persönlich sehr wichtig ist.

[Mehr zu den Texten könnt ihr hier in unserem Track-By-Track-Special nachlesen]

Diese Entwicklung hin zum düstereren Sound ist also nicht eine rein musikalische, künstlerische Entwicklung der Band, sondern du verarbeitest damit gezielt dein Privatleben?
Ja. FÄULNIS-Songs sind kein steriler Vorgang, wo ich sage: Ich schreibe jetzt einen Song, dann setze ich einen Text darauf und wenn wir neun Stück davon durch haben, haben wir ein Album. Das ist schon immer eine arg emotionale Geschichte. Es ist ja auch so: Liveauftritte funktionieren bei mir am besten, wenn ich scheiße drauf bin. Das ist für mich sehr schwierig, denn wenn es mir scheiße geht, kann ich es absolut nicht genießen. Dafür sind die Gigs auf der anderen Seite umso intensiver. Das ist so die Crux, die du bei FÄULNIS hast. Geht es mir wirklich gut, kann ich einen schönen Party-Gig abreißen und dann haben auch alle Spaß. Aber von Leuten, die FÄULNIS gut kennen und wissen, wie es mir auf der Bühne geht, kommt dann auch ganz klar: Da fehlt was.02-SeucheDas kennt man so ja auch von anderen Bands, Shining sind da ein prominentes Beispiel – wenn Kvarforth schlecht gelaunt ist, ist der Gig am intensivsten. Wie stehst du zu Shining?
Ich habe zu Shining auch schon schlechte Sachen gesagt, aber das kommt immer aus der Situation heraus, wie das Empfinden oder auch die Fragestellung ist. Niklas Kvarforth ist ein großer Künstler. Aber wie mir befreundete Musiker, die mit ihm schon auf Tour gewesen sind, mal gesagt haben: Letzten Endes ist das auch nur ein ganz schön kaputter Junge. Was ich zu Shining positiv sagen muss: Es ist wichtig, dass es solche Künstler gibt. Ohne solche Künstler wäre die Musiklandschaft einfach sehr langweilig. Man liest so oft: Das hat die Band nicht nötig, warum macht die jetzt solche Sperenzchen, es zählt doch eigentlich nur die Musik. Ja, das ist eigentlich Scheiße. Es stimmt auch nicht, dass nur die Musik zählt. Es zählt das Gesamtpaket. Wenn du Prog-Rock machst, mag das sein, dass nur die Musik zählt. Aber wenn du ein Künstler bist, der einen emotionalen Anspruch an die Musik hat, dann zählt ganz viel drumherum. Und Niklas Kvarforth ist ein kaputter Mensch und vermutlich hat er noch viel mehr Probleme als ich. Aber das ist ja auch kein Wettbewerb. Aber um deine Frage zu beantworten: Mit der Musik von Shining habe ich nicht so viel zu tun. Es ist einfach nicht mein Ding. Es ist nicht so, dass ich das scheiße finde, ich höre es nur einfach nicht.

Berühmt geworden sind Shining nicht zuletzt durch die auf der Bühne zelebrierte Selbstverletzung. Du trittst oft in Unterhemden auf, dabei ist nicht zu übersehen, dass auch du Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt hast. Wie stehst du zu diesem Thema, konkret Selbstverletzungen auf der Bühne?
Man lernt mit der Zeit viele Künstler kennen und hört auch viel über Bands, die so etwas machen. Sollen sie machen, wie sie wollen – für FÄULNIS habe ich seit dem ersten Gig gesagt, dass so etwas wie auf der Bühne schneiden oder mit frischen Wunden auf die Bühne gehen nicht vorkommen wird. Das ist für mich ein Punkt, der tatsächlich in die eigenen vier Wände unter die eigenen zwei Augen gehört und für mich auch seit zum Glück mittlerweile vielen Jahren vorbei ist. Allein als Unterhaltungselement würde ich so etwas wie Ritzen nie benutzen. Aber die Verwendung von Schweineblut auf der Bühne als Stilelement ist für mich kein Problem – ich habe ja auch bei Blackshore gespielt.

Videodreh in Wien. Seuche & der elende Hermes Phettberg.

Videodreh in Wien. Seuche & der elende Hermes Phettberg.

Zumindest ebenfalls in Richtung „schockierend“ dürfte euer neues Video gehen, an dem ihr gerade arbeitet. Was gibt es dazu schon zu sagen?
Wir haben den Song „Metropolis“ gewählt, um mit Hermes Phettberg dazu in Wien ein Video zu drehen. Hermes Phettberg – ja, wie beschreibt man den guten Mann? 63 Jahre alt, eine Ikone des Late-Night-Talks in Österreich, schwul, steht auf Auspeitschen … der Typ ist ein Original. Und das ist der Punkt. Unser Gitarrist N.N. kam auf die Idee, mit dem ein Video zu drehen. Ich war erst skeptisch, weil ich nicht viel von ihm kannte. Ich hab mich dann auf Youtube in seine Sachen reingeguckt und er ist einfach eine Persönlichkeit. Eine der letzten Persönlichkeiten auf dieser Welt. Da sitzt du in einer zugemüllten Wohnung neben einem Typen, der zwei Schlaganfälle hatte und von ungefähr gefühlten 500 auf 200 Kilo abgenommen hat und der Typ hat einfach noch mehr Präsenz als alles, was du vorher getroffen hast. Und mit ihm haben wir ein Video gedreht. Er musste im Grunde genommen nur das sein, was er ist, wie er sich selbst auch beschreibt: Der elende Hermes Phettberg.

Gibt es für so etwas dann ein Budget vom Label?
Nein. Wir arbeiten generell budgetlos. Alles, was wir mit FÄULNIS verdienen, geht in die Bandkasse, wir haben selbst persönlich absolut keinen Nutzen davon. Den Luxus, den wir haben, ist, dass es so gut läuft, dass wir aus diesem Budget unser Studio bezahlen können und uns solche Sperenzchen leisten können, wie eben so ein Video zu drehen. Wenn du ein Budget von einem Label bekommst, ist das ja kein Budget, das du geschenkt bekommst, sondern letzten Endes Geld, das du irgendwie zurückgeben musst. Und davon wollten wir uns immer distanzieren. Wir machen das, wofür wir das Geld haben und können uns das in diesem Punkt leisten. Das ist, wie ich finde, eine ganze Menge. Wir haben als Band dahingehend, glaube ich, einen großen Luxus, dass wir das so umsetzen können – aber eben nur, weil alles Geld, das wir mit FÄULNIS machen, in der Bandkasse landet. Da geht abends vielleicht noch was für Zigaretten oder Bier raus, aber sonst lebt die Band von sich selbst. Dazu möchte ich aber noch sagen, dass wir so etwas wie Proberaum-Miete und dergleichen natürlich noch aus eigener Tasche zahlen müssen.

Wie siehst du Musikvideos im Metal oder Black Metal – ist das für dich eine weitere Ebene des künstlerischen Ausdrucks oder lediglich ein Promotion-Tool, um sich auf Youtube promoten zu können?
In den besten Fällen ist ein Musikvideo beides – Promotion und Selbstverwirklichung. Bei den wirklich großen Bands, beispielsweise Dark Funeral, sind die Videos stinklangweilig. Das ist reine Promotion. Das lebt davon, dass es damals so etwas wie Musiksender gab und die Leute so etwas heute eben auf Youtube gucken. Ich will den Jungs nicht zu nahe treten, aber das, was ich generell an Videos von wirklich großen Major-Bands kenne, ist in meinen Augen nix.
Die Möglichkeit, die du als kleine Band hast, ist die, dass du eben auch einfach mal anecken kannst. Du hast ja auch niemanden, der sagt: Ne, das geht nicht. Natürlich könnte unser Labelchef sagen, er will das nicht veröffentlichen. Da wäre er aber dumm, weil gerade ein Video, das nachher irgendwo aneckt, für das Label wieder Promotion bedeutet. Für uns ist ein Video, und das haben wir ja damals schon mit „Letharg“ abgefangen, wo wir einen 20-minütigen Song komplett verfilmt haben, eine Möglichkeit, FÄULNIS visuell umzusetzen.

Fäulnis-live-sw-01Nochmal zurück zum Thema Konzerte: Machst du das trotz allem gerne oder ist das „das nötige Übel“, um die Band zu promoten? Mittlerweile spielt ihr ja relativ viel live …
Das ist lustig, dass du sagst, wir spielen so viel. Uns hat mal ein Veranstalter negativ darauf angesprochen, dass wir jetzt bei ihm spielen und auch sonst viel zu viel. Wir haben im Schnitt zwölf Gigs im Jahr. Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis mal umschaue, was Bands da so spielen, die richtig auf die Kacke hauen, mit mehreren Touren und 50 Gigs im Jahr, ist das eigentlich ein Witz. Bei FÄULNIS ist es so, dass wir, glaube ich, relativ viel in den gleichen Gegenden spielen – die Regionen, die wir beackern, sind oft dieselben. Aber ich finde nicht, dass 12 Gigs viel sind. Jetzt ist das dieses Jahr vielleicht auf 16, 17 gestiegen und vielleicht wird es nächstes Jahr noch etwas mehr, weil wir eine Tour mit Harakiri For The Sky, sehr guten Freunden, spielen.

Wie weit würdest du das treiben?
Das ist ein Zwiespalt. Als ich angefangen habe, ein Demo zu machen, da war ich erstaunt darüber, wie viele Leute uns live sehen wollten. Dann haben wir live gespielt und dann fand ich das geil, einfach mal so sechs Gigs in den ersten Jahren zu spielen. Dann haben wir plötzlich Sachen gespielt, die ausverkauft waren. Dann haben wir aufm Dark Easter Metal Meeting vor 1000 Leuten gespielt. Dann haben wir auf dem Party.San vor 3000 Leuten gespielt. Es ist ganz klar, irgendwo kommen immer neue Herausforderungen dazu, die man erleben möchte. Andererseits muss man ab einem bestimmten Punkt – zumindest bei FÄULNIS – in sich gehen und überlegen, ob das Sinn ergibt, so viel zu spielen. 50 Gigs fände ich viel zu viel für FÄULNIS, könnte mir aber vorstellen, dass wir auf 20 hochgehen. Oder vielleicht neben einer normalen Deutschlandtour was Abgefahrenes erleben. Dass wir mal eine Chance haben, im Ausland eine kleine Tour mit einer großen Band zu spielen. Oder überhaupt mal mit großen Bands zu spielen. So, wie sich das bei FÄULNIS entwickelt hat, sind wir erstaunlich oft Headliner – dafür, dass wir eine relativ kleine Band sind. Dadurch aber, ab einem gewissen Punkt, den wir jetzt langsam erreicht haben, auch immer nur die gleichen Leute ziehen. Es wird also nicht größer, wenn wir immer nur Headliner sind. Deshalb würde ich schon gern auch mal mit größeren Bands spielen.
Ich muss aber auch sagen: Irgendwie muss eine Show auch etwas Einzigartiges bleiben. In dem Moment, in dem eine Show als etwas rüberkommt, das man einfach nur abarbeitet, ist es – zumindest empfinde ich das für FÄULNIS so – ein verlorener Posten. Dann machen wir etwas falsch und dann läuft es auch für die Zuschauer nicht richtig. Ich hab auch schon Gigs gespielt, wo ich sage, die waren scheiße, da habe ich einfach nicht alles gegeben. Aber grundsätzlich muss jeder Gig so laufen, dass ich wirklich alles gebe und auch wirklich erschöpft von der Bühne runterkomme. Man kann nicht für sich als Anspruch setzen, die große emotionale Band zu sein, und dann so ein Standardprogramm abliefern und sein Zeug runterreißen. Das haben die Leute, die sich etwas Bestimmtes unter FÄULNIS vorstellen, nicht verdient und das hat FÄULNIS für sich selbst nicht verdient.

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten!Fäulnis-live-sw-02Fotos (live, Interview): Afra Gethöffer // Foto (Videodreh): Fäulnis