Interview mit Ipp von Feed The Beast Fanzine

Seit es das Internet gibt, stehen sich gedruckte Magazine und Webzines wie Feuer und Wasser gegenüber. Dabei haben beide Ansätze nicht nur dasselbe Ziel, sondern auch wunderbar verschiedenartige Möglichkeiten in der Umsetzung. Wie man Metal auf Papier zeitgemäß präsentieren kann, zeigt etwa einmal jährlich das FEED THE BEAST FANZINE. Worauf es dabei ankommt, was Interviews für ihn zur einzig relevanten Textform machen und was ihn am Druckerzeugnis so reizt, dass er auch hauptberuflich Drucker wurde, erklärt der Mann hinter dem Heft im Interview.

Wie bist du auf die Idee gekommen, ein eigenes Fan-Zine zu starten?
Für die Antwort muss ich etwas in der Mottenkiste kramen, weil das FEED THE BEAST nicht mein erstes Zine ist. Davor gab es von 2009 bis 2017 das FROM BEYOND… das es immerhin auf sechs Ausgaben geschafft hat. Das Zine war ähnlich aufgebaut wie das FEED THE BEAST, allerdings mit dem gravierenden Unterschied, dass es auf Deutsch erschien und diversen Artikeln zum Thema Sepulkralkultur und auch einige Tonträger-Kritiken enthielt. Davor wiederum und auch teilweise zeitgleich während des FROM BEYOND… habe ich für einige andere regionale und überregionale Zines geschrieben und meine Sporen zum Beispiel beim Soleil Tryste und Fatal Underground verdient. Mein allererstes Interview war mit der Band HELFAHRT via ICQ … die älteren von uns werden jetzt ein Geräusch im Ohr haben. Ich habe die Band damals eigentlich nur angeschrieben, weil ich wissen wollte, wie sie auf die Idee kamen, einen Mikrofonständer in Form eines Asts zu verwenden, und daraus wurde eine Gespräch und das Gespräch war zu informativ, um es digital einstauben zu lassen. Und dann habe ich mir halt ein regionales Zine gesucht, wo ich aktiv teilnehmen konnte und das hat den Stein ins Rollen gebracht.

„Man liest das gedruckte Wort
ganz anders als das digitale“

Was reizt dich daran in unserer digital geprägten Welt ein Print-Produkt zu erschaffen?
Ich bin mit gedruckten Zines groß geworden, obwohl ich als Jahrgang 1986 die “glorreichen” Tape-Trader-Tage nicht mitbekommen habe – und ich bin tatsächlich froh, um die 2000er-Jahre “Metal-sozialisiert” worden zu sein, weil ich die Vorteile der digitalen als auch analogen Welten damals nutzen und kennenlernen durfte. Ich bin also etwas nostalgisch und sturrköpfig: Ein Fanzine gehört für mich auf Papier. Außerdem kann ich nur so meine ganzen Layout-Ideen umsetzen. Mittlerweile habe ich die dritte Dimension beim gedruckten Heft entdeckt und falte, knicke und reiße es bewusst kaputt, um einen gewissen Effekt zu erreichen und neue Spielereien umzusetzen. Also das Maximum aus einem begrenzten Medium rausholen. Und man liest das gedruckte Wort ganz anders als das digitale und man wird weniger schneller abgelenkt, wenn im nächsten Tab kein Katzen-Video auf dich wartet. Ach und ich bin hauptberuflich Drucker, das verpflichtet natürlich. (lacht)

Was war zu Beginn die größte Herausforderung – und was ist heute die größte Schwierigkeit, beim Heftmachen?
Zeitunabhängig, ob damals oder heute, ist es tatsächlich die größte Herausforderung für mich, gute Fragen zu finden. Bevor ich ein Interview beginne, möchte ich wenigstens drei bis fünf in meinen Augen gute Fragen in der Hinterhand haben, um die ich ein Gespräch bauen kann. Dann entwickelt sich das Gespräch ganz natürlich – also in der Regel. Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Außerdem habe ich einen, nennen wir es mal, “besonderen” Musikgeschmack. Viele Freunde und Bekannte wissen das bereits und vermeiden Band-Empfehlungen. (lacht) Nur wenn eine Band mir gefällt, kommt sie auch ins Heft. Ich will nicht Band X im Heft haben, nur um beim nächsten Konzertabend damit prahlen zu können “Ey, Band X habe ich auch schon interviewt!”. Dafür ist mir meine Zeit zu kostbar und ich empfinde es der Band gegenüber nicht als fair, sie einfach nur “abzuarbeiten”. Apropos: IMMOLATION war in Ausgabe 1 vom FROM BEYOND…, nur als kleine Randnotiz. Unvorstellbar wie einfach das damals noch ging – trotz der zu dem Zeitpunkt schon herausragenden Qualität der Alben.

„Zine-Macher können sich Zeit lassen“

Welche Vorteile siehst du in diesem Medium gegenüber digitalen Veröffentlichungen?
Ich muss mir keinen unnötigen Stress machen und die neusten Infos aus den Bands kitzeln und am Zahn der Zeit kleben. Ich kann alles ganz entspannt machen und habe keinen Druck – abgesehen von meinem eigenen. Ich war mal eine sehr, sehr kurze Zeit aktiv – eher passiv – fürs Legacy und habe nichts, also absolut gar nichts für das Heft geschrieben. Ich kam mit den Zeitvorgaben nicht klar und konnte keine Deadline halten, weil ich eine andere Arbeitsweise gewohnt war. Ein Interview mit DESASTER, das sich – im positiven Sinne – über drei Jahre gezogen hat, könnte ich nur schwerlich anderswo als im FEED THE BEAST unterbringen, glaube ich. Der größte Vorteil ist also: Zine-Macher können sich Zeit lassen, müssen nicht topaktuell sein (können und wollen wir auch nicht) und wir können uns, wenn wir es denn wollen, sehr intensiv mit einer Band auseinandersetzen.

Und was hast du den großen Playern wie Hammer, Legacy oder Deaf Forever voraus?
Das ist eine gute Frage. Ich weiß es auf Anhieb nicht. Vermutlich habe ich treuerere Leser und Leserinnen, weil nur ich die Interviews mache und man somit genau weiß, was einen erwartet? Könnte man natürlich auch negativ auslegen. (lacht) Ich habe wie gesagt wenig Zeitdruck und muss keine Deadline einhalten, wodurch ich mich bedeutend intensiver mit einer für mich wichtigen Band auseinandersetzen kann, obwohl sie nicht sonderlich “umsatzstark” ist, aber mir (!) am Herzen liegt. Ein weiterer Punkt, der oftmals von Dritten hervorgehoben wird, ist mein untypisches Layout, das nicht nach dem gleichen Schema – Promofoto, Logo, zwei Textspalten – aufgebaut ist, sondern immer individuell der Musik und der Band angepasst wird.

„Das Design ist jeweils auf die Band
und den Inhalt abgestimmt“

Das Layout ist mir auch aufgefallen und hätte ich an dieser Stelle genannt: Gegenüber den genannten großen, mit ihren strengen und bisweilen angestaubten Layouts sticht dein Magazin hervor. Ist das Learning-by-doing oder hast du etwas in die Richtung gelernt?
Dankeschön, das ist mir tatsächlich eine Herzensangelegenheit. Das Design ist jeweils auf die Band und den Inhalt abgestimmt – manchmal ist das nicht sofort ersichtlich, aber für mich macht das alles Sinn. Wenn ich mir schon so viel Zeit mit den Gesprächen an sich gebe, wollte ich kein 08/15-Layout von der Stange produzieren. So, wieder ein Ausflug in die Mottenkiste: Ich habe vor etlichen Jahren den Beruf des “gestaltungstechnischen Assistenten” (Vorstufe vom Mediengestalter) gelernt und während der Ausbildung schon gemerkt, das es mir nicht leicht fällt für Dritte das Layout zu übernehmen. Also habe ich mich kurz darauf auf die Produktion spezialisiert. Also weg vom MAC, hin zum Heidelberger Tiegel und Co. Meine damalige Freundin hat es während der Ausbildung mal schön auf den Punkt gebracht: „Deine Hochzeitskarten sehen aus wie Trauerkarten” – das war der Anfang und zugleich mein Ende als Grafiker. (lacht) Mittlerweile mache ich auch hin und wieder das Layout für Dritte, aber am besten kann ich tatsächlich für mich selber arbeiten, weil ich weiß, was ich möchte und ob es mir auch gefällt. Momentan habe ich aber gerade einen kleinen Lauf und habe dieses Jahr schon sieben Shirts-Motive gestaltet. Manchmal ist die Muse ganz eifrig – oft aber nicht.

Wie genau gehst du dabei vor, wenn du sagst, dass du das auf die jeweilige Band anpasst?
Um das zu beantworten, ist es wohl am einfachsten ein paar Beispiele zu benennen: BINAH haben Cover-Artworks verwendet, die mehr in Richtung Graphic-Novels gehen und somit habe ich das gesamte Layout eher wie ein Comic (steinigt mich nicht) aufgebaut. Mit Sprechblasen und allem drum und dran. Meistens bleibe ich beim Interview gedanklich an einem Aspekt hängen, um den sich dann das ganze Design herum entwickelt. SARTEGOS spielen klassischen Black Metal aus Griechenland, also habe ich versucht, den Flair der ’90iger-Jahre-Fanzine einzufangen. Mit Pentagram und Promobildern wo der Kontrast auf 666 gedreht wird. D. von FEACES  CHRIST zeichnet mittlerweile sehr viele seiner tollen “Doodles Ov Death” und ich habe diese eingebaut in ein dezent chaotisches Layout, passend zum Proto-Death- mit Punk-Schlagseite. Obwohl STRYCHNOS nie eine akademische Laufbahn hingelegt haben, fand ich die Idee spannend, das Layout wie eine wissenschaftliche Broschüre aufzubauen, inklusive Fußnoten,Tabellen und Tortendiagramme, wo ich unendlich viele Infos zum Thema Strychnin verarbeitet habe. Macht das auf den ersten Blick Sinn? Nein, aber wenn man sieht, dass die Fußnoten sich auf Hellraiser und Hans Christian Andersen beziehen, macht das hoffentlich schon etwas Sinn. Beim umfangreichen DESASTER-Interview (aufgeteilt auf zwei Ausgaben mit jeweils 10-15 Seiten) habe ich etliche Layouts von VENOM-LPs nachgebaut, weil Venom eine, nein, vermutlich, die prägende Band für Infernal war. Erkennt man vermutlich nicht sofort, aber wenn der Groschen gefallen ist, sucht man gerne nach den Querverweisen, glaube ich. Beim Gespräch mit Jacob über sein Tape-Label LOW FIDELITY ASSAULT hatte ich das Gefühl, das ich die Idee vom “Verrückten Professor” umsetzen muss – mit Aufrisszeichnungen, Bauplänen und dergleichen. Und, und, und. Jedes Layout hat seinen Ursprung im Gespräch mit der Band.

„Du schlägst das Heft
zum ersten Mal auf und … bam!“

Du schöpfst da die Möglichkeiten von Print gegenüber Online voll aus – direkt ins Auge gesprungen ist mir das hineingerissenen Loch im FEED THE BEAST #5. Wie kam es zu dieser Idee – und wie lief das in der Umsetzung?
Ich hatte anfangs keinen Riss in der Seite geplant gehabt – aber ganz ehrlich, die Zeichnung springt dich doch auch so direkt an, oder? Also habe ich das Layout noch einmal komplett umgeworfen und um den Riss herum neu aufgebaut. Ich wollte einen kleinen Wow-Effekt einbauen, der in Erinnerung bleibt. Du schlägst das Heft zum ersten Mal auf und … bam! Wenn du dann um blätterst, siehst du seinen kleinen Mittelfinger und im Riss auf der gegenüberliegenden Seite das FEACES-CHRIST-Logo. Das kriegst du niemals mit einem digitalen Magazin hin – außer du versuchst bei deinem gegenüber epileptische Anfälle auszulösen. Die Umsetzung war auch sehr … toll. Ich habe jedes Heft zunächst mit einem Cutter angeritzt und dann von Hand aufgerissen. Jedes Heft ist somit in ein Unikat und wurde mindestens einmal von mir verflucht, ha. Bei rund 300 Heften geht dafür schon mal 1 Wochenende für flöten. Aber der Effekt war es wert.

Ist das Magazin generell eine One-Man-Show, oder welche Strukturen stehen hinter dem Mag?
Yeap, das FEED THE BEAST ist eine reine One-Man-Show, wenn du es so nennen willst. Ich mache sämtliche Interviews und auch das Layout im Alleingang plus kümmere mich komplett um den Versand. Früher, also zu Zeiten von Ausgabe 2, habe ich sogar den Druck & die Weiterverarbeitung übernommen, aber man muss auch mal lernen, Arbeit abzugeben. Meine Partnerin hat die Fotos für die Cover-Artwork und einige Fotografien für den Inhalt beigesteuert, aber ansonsten ist es mein Kind und mein Hobby, wo ich mich kreativ austoben kann.

„Warum sollte ich dafür
Platz im Heft verschwenden?“

Inhaltlich beschränkst du dich komplett auf Interviews – wieso?
Mein (inoffizielles) Motto lautet: “Only interviews – No reviews – No live-reports – No articles”. Ich habe während der FROM BEYOND…-Zeit gemerkt, dass ich an den letzten drei Punkten einfach keinen Spaß habe und ich denke auch, dass ich nicht sonderlich gut darin bin, CD-Kritiken zu verfassen. In solchen Sachen bin ich meilenweit davon entfernt, sachlich und neutral zu bewerten. Mir fehlt auch das musikalische Verständnis, um mit bloßen Worten Musik sinnvoll und treffend zu beschreiben. Wenn etwas Mumpitz ist, dann nenne ich es auch so … und warum sollte ich dafür Platz im Heft verschwenden? Mein Platz im Heft ist etwas begrenzt. Ich bin auch der Meinung, dass ich die Bands besser mit einem sechsseitigen Interview unterstützen kann, als mit einem sechszeiligen Review der Reihe nach abzuarbeiten.

Wie wählst du die Bands und Themen aus, die du ins Heft nimmst? Akzeptierst du auch Band-Anfragen?
Es gibt eine relativ simple Faustregel: Gefällt mir eine Band und ich habe genug gute Fragen für ein Gespräch in der Hinterhand, schreibe ich eine E-Mail zwecks Interview. Ich hätte beispielsweise gerne DEGIAL ins Heft genommen, aber auf Deibel komm raus fiel mir keine halbwegs vernünftige Frage ein – also wirklich keine einzige -, darum ist das quasi eine Karteileiche bei mir. Was ja bei deren Musik wiederum auch sehr passend ist. Bandanfragen von außerhalb meiner eigenen Bubble akzeptiere ich, wenn mir die Musik gefällt. Da schließt sich der Kreis wieder. Tatsächlich hat Jochen von MIRROR OF DECEPTION da einen Stein ins Rollen gebracht. Er hat mich im Vorfeld von Ausgabe #2 gefragt, ob er mir ein digitales Promo-Paket schicken kann – ich kannte die Musik der Doomster zwar bereits, war aber damals nicht soooo sonderlich begeistert von ihnen, hab aber dennoch zugesagt. Wer etwas riskiert und fragt, soll zumindest meine Aufmerksamkeit bekommen. Und dann kam “The Estuary” und es hat ein Leuchtfeuer entzündet und daraus entwickelte sich eine tolle Freundschaft. Also habe ich das Gespräch relativ entspannt gestaltet, ohne ausgiebige Recherche vorab und wir hatten ein sehr tolles Gespräch, ohne irgendwelche Erwartungen oder Zwänge. Seitdem kommt in fast jeder Ausgabe eine “Anfrage jenseits der Ipp´schen Bubble” vor, wo ich mich auch nicht sonderlich intensiv auf das Gespräch vorbereite, sondern einfach nur … rede. Das sind teilweise die besten und interessanten Gespräche.

„Das Gespräch hat sich aber auch
über drei Jahre gestreckt …“

Wie sind die Reaktionen, wenn du sagst, dass du ein Interview für ein Print-Zine anfragst, das aber im „Worst Case“ erst in knapp einem Jahr erscheint?
Die meisten akzeptieren das bereitwillig und freuen sich auf ein intensives Gespräch. Ich erkläre vorab in der Regel meine Arbeitsweise, sodass es keine falschen Erwartungen gibt – ich schicke der Band ein Word-Dokument mit zwei bis drei Fragen (ein paar behalte ich in der Hinterhand, man will ja nicht direkt sein ganzes Pulver verschießen) und sie haben Zeit, sich die passenden Antworten zurechtzulegen. Ich bekomme das Word-Dokument zurück und füge (im Idealfall) weitere Fragen hinzu, basierend auf den Antworten und so weiter und so weiter. Dadurch entsteht ein Gespräch und man arbeitet keinen Fragenkatalog ab – und meistens wird mein Gegenüber dann auch redseliger, weil es sich nicht wie ein normales Interview anfühlt. Wenn man das klar kommuniziert, ist keiner wütend oder traurig, wenn aus 2022 auf einmal 2025 wird. UNDERGANG werden etwa in Ausgabe #7 sein. Das Gespräch hat sich aber auch über drei Jahre gestreckt, weil jeder von uns ein Privatleben hat.

Wie ist generell dein Heftproduktionsprozess – hast du eine feste Deadline, auf die du hin arbeitest, oder gibst du das nächste Heft in den Druck, wenn alle Seiten voll sind?
Keine Deadline. Ich habe genug Stress mit anderen Sachen, da will ich das FEED THE BEAST als Ausgleich dazu nutzen und mir nicht nicht noch mehr Arbeit aufladen. Ich versuche natürlich den Jahres-Rhythmus beizubehalten und habe auch schon mit einem halbjährigen Turnus geliebäugelt, aber … manchmal passiert einfach das Leben und macht dir einen Strich durch die Rechnung, nicht wahr? Ganz am Anfang hatte ich immer eine Veröffentlichung zum Valentinstag angepeilt – frag nicht warum, ich hab es dann “Happy Zine-Day” genannt – aber das hat sich dann auch im Sande verlaufen. Das Heft ist fertig, wenn es fertig ist. Das Heft wird gedruckt, wenn es sich rund anfühlt und nicht wenn Tag X im Kalender steht.
Dazu kommt noch die räumliche Begrenzung durch das Medium an sich. Das FEED THE BEAST wird immer in A4 gedruckt und bevorzugt als Rückstichheftung produziert (Nostalgie & Sturkopf). Dadurch bin ich begrenzt auf maximal 80 Seiten. Wenn 80 Seiten gestaltet sind, geht das Heft in die Produktion und das nächste Heft wird begonnen. Ausgabe 6 erschien zum Beispiel vor drei Wochen und die Arbeiten an Ausgabe 7 haben schon begonnen. Nach dem Zine, ist vor dem Zine, sozusagen.

„Die Unterstützung hat mich
etwas überrumpelt“

Du schreibst dir eine antifaschistische Ausrichtung des Hefts groß auf die Flyer – damit macht man sich grade im Black Metal oft nicht beliebt. Gab es deswegen schon negatives Feedback oder gar Probleme?
Also offen ausgesprochen hat es keiner und es gab auch keine Drohungen. Aber als ich bei Ausgabe #5 erstmalig das “Feed the Beast and not the Facist Monster”-Motiv drucken ließ, habe ich gemerkt, das ein paar E-Mail-Kontakte nicht mehr geantwortet haben, sobald das Heft in deren Briefkasten getrudelt war. Kann ein schlechter Zeitpunkt gewesen sein, kann Zufall gewesen sein, kann aber tatsächlich auch mit deren Weltanschauung kollidiert sein. Dafür war die positive Resonanz aus der Szene deutlich lauter und ermutigend. Ich hatte anfangs 1.000 Sticker drucken lassen, aber da war ich wohl zu naiv, denn die waren recht schnell weg und somit wurden noch einmal 1.000 bestellt und 250 A3-Poster gedruckt und verteilt … und weil der Bedarf immer noch da ist, gab es jetzt 2.000 A5-Flyer mit dem besagten Motiv und vermutlich auch bald ein T-Shirt mit dem Motiv. Die Unterstützung hat mich etwas überrumpelt, wenn ich ehrlich bin. Wobei ich das FEED THE BEAST nicht zwingend als politisch betrachte und ich inhaltlich wenig bis eher gar nicht mit den Musikern über ihre Entscheidung in der Wahlkabine rede. Falls es aber Redebedarf in die Richtung gibt, wird nachgefragt. Ich wollte dennoch meinen Standpunkt klarmachen, weil … na ja, irgendeiner muss ja anfangen, nicht wahr? Es war mir wichtig. Und ich sage es mal so, Black Metal passiert im FEED THE BEAST ja eh relativ wenig.

Mit einem solchen Slogan geht ja auch viel Verantwortung einher, wenn es an die Themenwahl geht. Wo ziehst du die Grenze zur sogenannten „Grauzone“?
Schwierig. Wenn eine Band, die ich sehr schätze und deren Musik gerne höre, in ihren Anfangstagen vor 26 Jahren über “Yearning for the death of six million more” gröhlte, dann konfrontiere ich sie damit heute und frage nach, anstatt sie direkt zu verteufeln. Kommunikation ist ein tolles und so verdammt wichtiges Werkzeug. Wenn man dann merkt, dass es eine ehrliche Reaktion und Charakterentwicklung, Wandlung, was auch immer -entschuldige, egal welches Wort ich dafür verwende, es klingt hochtrabend – dazu gibt, kann ich damit sehr gut leben. Manchmal war man einfach nur ein provozierender Teenie und das muss man akzeptieren und nicht ständig darauf rumreiten – außer man ist 20 Jahre später noch geistig ein provozierender Teenie. Wenn eine große Black-Metal-Band nach 30 Jahren immer noch mit einem “Leibstandarte SS Adolf Hitler”-Pin auf der Lederjacke für die Promofotos zum aktuellen Album vor die Kamera treten muss, ist die Grenze deutlich überschritten. Kann man gut finden, kann man provokant finden oder man sieht es einfach nur als dämlich an. Ich mache da niemanden Vorschriften. Da ich relativ wenig Black Metal höre, kann ich das Thema Grauzone recht gut umschiffen. Mein Fokus liegt beim Death- & Doom Metal mit kurzen, aber intensiven Abstechern über den Tellerrand.

„Das Heft soll die Bands unterstützen
und nicht mein Ego“

Wie groß ist die Reichweite deines Zines heute – in welcher Auflage druckst du?
Mir ist es wichtig, dass das Heft weitestgehend permanent verfügbar ist. Ich lasse regelmäßig nachproduzieren, wenn es meine Zeit und mein Geldbeutel zulässt. Ich möchte nicht rumposaunen, dass Ausgabe #3 “Sold Out!” ist, weil dann niemand neues mehr die Interviews mit DEAD VOID und ERODED lesen kann, nur weil er das Zine zu spät entdeckt hat. Das Heft soll die Bands unterstützen und nicht mein Ego. Das spricht natürlich für eine Umsetzung als Webzine – das kollidiert aber mit meiner Kreativität. Normalerweise drucke ich im ersten Durchgang 250 bis 300 Hefte und lasse dann weitere drucken, wenn abzusehen ist, dass die Nachfrage da ist. Ich halte den Preis auch bewusst so gering wie möglich, damit jeder eine Ausgabe kaufen kann. Ich will das Zine auch so günstig wie möglich anbieten, damit es so viele wie möglich lesen können – ich will mir keine goldene Nase mit einem überteuerten Zine verdienen, weswegen es bisher nie mehr als ein, zwei Bier bei einem Konzert gekostet hat. Ich zitiere mich kurz selber: Das Heft soll die Bands unterstützen und nicht mein Ego.

Lässt sich irgendwie bemessen, wie viel Zeit du in eine Ausgabe steckst … eventuell aus der mittleren Zeit, die du pro Tag/Woche/Monat in das Zine steckst?
Absolut gar nicht. Es gibt Wochen, da finde ich keine ruhige Minute für das Zine und dann gibt es wieder Hochphasen, wo jede freie Minute in das Heft fließt, sobald ich nach Hause komme. Am Ende ist es für mich persönlich auch nicht so wichtig, wie viel Zeit ich in eine Ausgabe investiert habe. Das ist mein Hobby und meine Leidenschaft. Dafür gebe ich gerne viel meiner Lebenszeit und Nerven her. Wenn dann jemand schreibt “Danke, Ich habe wegen dir die Band MANØVER mit der großartigen ‚Taken‘-EP entdeckt!”, dann sind mir die grauen Haare dank der aktuellen Ausgabe egal. Das Heft dient der Band. Aber wenn du es herunterbrechen willst: Eine Ausgabe = 1 Jahr “Arbeit”. Ein kleines Beispiel: Alleine die Recherche für das MINENFELD-Layout in Ausgabe 2 hat mich drei Wochen gekostet und ich bin mehrere Male von der Webseite des amerikanischen Kongresses ausgesperrt worden. Ich wollte das Interview wie eine Zeitung aufbauen und wollte neben dem eigentlichen Interview noch Original-Zeitungsartikel aus der Zeit des 1. Weltkriegs verwenden. Klar, ich hätte mir irgendwelche Zeilen ausdenken können, aber da kam der eigene Anspruch dazwischen und ich habe lange nach entsprechenden Zeitungsartikeln auf der Webseite des Kongress gesucht – was man wohl sehr bedenklich fand. Gelohnt hat es sich allemal und da bin ich nicht traurig über die lange Suche.

„Und das alles aus einem kleinen Kaff
südlich von Berlin“

Du machst das ganze Heft auf Englisch – was ist da die Idee dahinter? Zeit sparen an der Übersetzung, oder hast du tatsächlich eine internationale Leser:innenschaft, versendest also auch ins Ausland?
Es ist eine Mischung: Zum einen will ich tatsächlich keine Texte mehr übersetzen müssen. Nicht aus Faulheit, sondern weil ich bereits zu Zeiten vom FROM BEYOND… hier und da das Gefühl hatte, nicht genau die Kernaussage von meinem Gegenüber getroffen zu haben, obwohl ich mir deswegen den Kopf zerbrochen habe. Es ist halt leider so, dass Englisch nicht meine Muttersprache ist. Also übersetze ich einen Text ins Englisch und schicke den an … sagen wir nach Griechenland, wo mein Gegenüber auch kein Muttersprachler ist. Er übersetzt es sich und beantwortet es und ich über-übersetze es wieder zurück. Da kann so viel verloren gehen. Deswegen lasse ich eine (von mehreren) Hürde weg und vermeide so, dass ich unabsichtlich Fehler mache. Meine Leserschaft ist tatsächlich weit verbreitet, aber ungefähr die Hälfte kommt aus Deutschland. Ich verschicke ansonsten die Briefe europaweit, auch in die USA, nach Malaysia und seit Ausgabe #5 überraschend viel nach Südamerika. Und das alles aus einem kleinen Kaff südlich von Berlin. Wenn das meine Englisch-Lehrerin damals geahnt hätte! (lacht)

FEED THE BEAST – bislang erschienen:
FEED THE BEAST #1
ANTIVERSUM / COSCRADH / DEAD CONGREGATION / JUPITERIAN / PENTACLE / TAPHOS
FEED THE BEAST #2
ULTRA SILVAM / VIRCOLAC / VERBERIS / ARS ALCHYMIAE / MINENFELD / MIRROR OF DECEPTION / LUCIFERICON / IMHA TARIKAT
FEED THE BEAST #3
PROSCRITO / CHARNEL ALTAR / VANHELGD / FILTHGRAVE / SARTEGOS / BINAH / DESASTER
FEED THE BEAST #4
JADE / DIONYSIAQUE / ERODED / DESASTER / LOW FIDELITY ASSAULTS + CRYPTIC BROOD + AHAB
FEED THE BEAST #5
FEACES CHRIST / MOONLESS / STRYCHNOS / GUYOD / POLTERWYTCH / SPRITIUS MORTIS
FEED THE BEAST #6
DEAD VOID / JADE / DROWNED / ASHEN TOMB / GREH / PREHISTORIC WAR CULT / TALES OF MIKE
Moritz Grütz

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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