Interview mit Five The Hierophant

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Auf ihrem zweiten Album „Through Aureate Void“ haben die britischen Doom-Jazzer FIVE THE HIEROPHANT ihren surrealen Stil in eine noch prägnantere Richtung als auf ihrem sperrigen Debüt „Over Phlegeton“ gelenkt. Dabei ist eine faszinierende, wenngleich immer noch von einer Aura des Ungewissen umgegebene Platte entstanden. Anlässlich der Veröffentlichung haben wir mit der Band das folgende Interview geführt – ein Austausch über bizarre Instrumente, die Vorzüge gesangloser Musik, die oft übertriebene Mystifizierung des Improvisierens und Personenkult in Rock und Metal.

Guten Tag! Danke, dass du uns ein paar Fragen beantwortest. Wie geht es dir derzeit?
Hey. Ich habe keinen Grund zu klagen, mir geht es gut, danke. Ich habe gerade herausgefunden, dass LG Petrov heute gestorben ist, das ist traurig. Ich habe heute den ganzen Tag Entombed aufgelegt, einfach nur so.

Die Coronapandemie hat insbesondere viele Musiker in eine prekäre Lage gebracht. Wie kommt ihr unter diesen Umständen zurecht?
Wie ich schon sagte, ich komme gut zurecht. Ich wollte nie vom Musizieren leben, also betrifft mich diese Situation in dieser Hinsicht nicht wirklich. Natürlich können wir nicht spielen oder auf Tour gehen und das ist scheiße, aber die Welt ist für mich nicht untergegangen. Ich weiß aber, dass sie für einige Leute, die ich kenne, untergegangen ist. Ich habe eine positive Einstellung, also bin ich sicher, dass auch das vorübergehen wird.

Haben eure Erfahrungen mit der Pandemie sich auch auf euer neues Album „Through Aureate Void“ ausgewirkt?
Ja, tatsächlich. Wir waren im Studio und haben das neue Album aufgenommen, waren etwa zur Hälfte durch und mussten aufhören. Es war wirklich frustrierend, nicht in der Lage zu sein, das, was wir angefangen haben, zeitnah zu beenden. Ich hasse es wirklich, wenn sich eine Session so in die Länge zieht. Es sollte schnell erledigt sein, wenn die Energie und die Ideen da sind und sprudeln. Aber nein. Es war wie das Aufwärmen eines halb gegessenen Abendessens. Es ist okay, aber nicht gerade toll. Ich bin mir also nicht sicher, ob und wie sich das auf das tatsächliche Endergebnis ausgewirkt hat, aber ich bin mir sicher, dass es das in gewisser Weise hat, weil es den Prozess gestört hat.

Obwohl eure Musik viele Wesenszüge von Metal aufweist, setzt ihr nicht bloß die in dem Genre üblichen Instrumente ein, sondern auch Saxophon, verschiedene Perkussionen etc. gibt es unter den Instrumenten, die auf „Through Aureate Void“ zu hören sind, eines, das dich momentan besonders interessiert?
Das Saxophon ist natürlich das eine Instrument, das heraussticht. Ich denke, wir sollten in Zukunft die experimentelle Seite des Saxophons erforschen, aber das liegt ganz an Jon, da er der Saxophonist ist. Ich bedaure, dass wir nicht genug Theremin verwendet haben. Es ist wirklich schwierig zu spielen, und ich wusste nicht, wie man es richtig einsetzt. Aber wenn man sich mit dem Theremin beschäftigt, sieht man, was für ein magisches Werkzeug es ist. Es ist tatsächlich das erste elektronische Musikinstrument, das jemals erschaffen wurde, und die Geschichte dahinter ist auch ziemlich großartig. Ich spiele wirklich gerne Streichgitarre und ich habe das Gefühl, dass es an manchen Stellen mehr dröhnende Streichgitarren geben sollte. Außerdem sind Skull-Shakers ein ziemlich kniffliges Instrument, weil Erwachsenenschädel zu groß sind und es etwas unpraktisch ist, sie zu spielen, weil es schwierig ist, den gleichmäßigen Rhythmus zu halten. Kinderschädel sind viel besser, weil sie kleiner sind, fast wie Maracas. Aber ein Kinderschädel ist sehr dünn und das macht ihn spröde. Da sieht man, das sind die Probleme, mit denen wir zu kämpfen haben.

Vor allem das Saxophon ist ein prägender Aspekt eurer Musik. Was hat euch ursprünglich daran gereizt, gerade dieses Instrument in den Kontext von Metal zu setzen?
Ich war bei einem Swans-Konzert in Brighton. Sie waren absolut niederschmetternd und ich werde den Hörverlust, den ich an diesem Abend erlitten habe, nie wieder loswerden. Aber vor Swans habe ich Zu gesehen. Die Rohheit und Brutalität ihrer Live-Musik hat mich sehr beeindruckt. Sie machten mir auch klar, dass Saxophon im Metal unglaublich wirkungsvoll sein kann, und so waren es Zu, die mich dazu inspirierten, einen Saxophonisten für FIVE THE HIEROPHANT zu suchen. Nachdem ich sie gesehen hatte, war nichts mehr so wie vorher. Vielen Dank, Zu.

Euer neues Album soll zu großen Teilen aus Improvisationen hervorgegangen sein. Wie funktioniert das Improvisieren mit so einer breit gefächerten Instrumentierung?
Ich würde nicht sagen, dass es größtenteils aus Improvisationen entstanden ist. Teilweise vielleicht, ja. Immerhin haben die meisten Songs ein gewisses Maß an Struktur. Einige Tracks stammen aus einer Art freier Jam-Session, und einige waren vorgeplant. Ich sollte erwähnen, dass sowohl auf unserem ersten Album als auch auf dem Demo das Saxophon komplett improvisiert war. Jon kam ins Studio, ohne vorher einen der Songs gehört zu haben, und hat einfach alle Saxophon-Parts hingefetzt, alles innerhalb von vielleicht drei Stunden. Dieses Mal hatte er Zeit, zumindest einige davon vorher vorzubereiten. Die Idee der Improvisation, die so viele Leute zu verwirren scheint, ist also in Wirklichkeit ziemlich einfach. Es gibt einen gewissen Grad an Kohärenz im Track, wenn Schlagzeug und Gitarren bereits aufgenommen sind. Von hier aus kann man jedes beliebige Instrument nehmen und einfach etwas darüber aufnehmen. Dann hört man sich an, ob es akzeptabel ist oder nicht und entscheidet, es zu behalten oder zu löschen. Ich meine, das ist keine Raketenwissenschaft. Es sind einfach nur Geräusche.

Wie habt ihr aus den Ergebnissen eurer Sessions letztlich kohärente Songs geformt?
In einer ’normalen‘ Art von Band hat man Riffs und am Schlagzeug spielt man Blast-Beats oder was auch immer, und man muss es auswendig lernen. Mit FIVE THE HIEROPHNAT ist das auch manchmal so, aber manchmal jammen wir einfach und nach fünf oder zehn Minuten Lärm kommt alles zusammen und die Sterne stehen richtig. Und normalerweise weiß niemand, was wirklich passiert ist, weil es alles spontan war. Also haben wir gelernt, alle Jams aufzunehmen. Wenn wir auf Gold stoßen, können wir herausfinden, was was war und haben eine Chance, es zu wiederholen. Ansonsten ist alles weg und niemand erinnert sich daran, was gerade passiert ist. Wir schweifen da manchmal etwas ab.

Ich habe den Eindruck, dass ihr auf „Through Aureate Void“ sogar weniger Gewicht auf Metal legt und stattdessen weiter in andere Genres vordringt. Wurde es euch auf Dauer zu eintönig, eure Musik auf schleppenden Gitarrenriffs und Drums aufzubauen?
Nein, Mann. Es ist nicht zu eintönig geworden und wir werden sicherlich mit den harten Sachen weitermachen. Vielleicht sogar härter als bisher. Auf unserem neuen Album gibt es zwei Tracks, die keine verzerrten Gitarren haben, aber sie sind trotzdem ziemlich trippy. Es stimmt also, dass wir in ruhige Gewässer abgedriftet sind. Wir könnten in Zukunft wieder ein volles Ambient-Album machen, wie die beiden „Magnetic Sleep“-Tapes. Was auch immer notwendig ist, um das Ziel zu erreichen.

Schon euer Debüt war recht sperrig, nun habt ihr auf eurem neuen Album sogar noch längere Songs im Umfang von bis zu 15 Minuten. Manchen ist eure Musik sicherlich zu schwer zugänglich. Wie denkst du darüber?
Ja, dessen bin ich mir bewusst. Es ist nicht für jeden etwas. Aber wenn ich höre, dass die Leute sagen: „Oh Mann, das ist so kompliziert“, dann sehe ich das nicht so. Nach meinen Maßstäben ist es nicht kompliziert. Merzbow kann kompliziert sein, oder Ornette Coleman. Das ist es, was ich denke. Trotzdem sagen manche Leute, es sei zu viel, und das ist in Ordnung, es muss nicht jeder darauf stehen. Es wäre eine furchtbar langweilige Welt, wenn jeder mit allem einverstanden wäre. Die Zeit wird zeigen, ob es ein großartiges Album ist oder ob es verdammt langweilig ist. Es könnte das oder das sein.

Ziehst du umgekehrt auch in Betracht, euren Sound in Zukunft zu kürzeren, eingängigeren Songs zu verarbeiten?
Man kann nie wissen. Ich habe in Bands mit kürzeren, eingängigeren Tracks gespielt und daran ist nichts falsch. Aber ich fühle mich wirklich zum Minimalismus hingezogen, mehr und mehr. Zehn Minuten lang das gleiche Riff zu spielen, in Wiederholung, das öffnet Zugänge in deiner Wahrnehmung. Wiederholung und Monotonie ist eine der besten Strategien, um diesen hypnotischen, tranceartigen Zustand zu erreichen. Das ist also eine bewusste Entscheidung für uns. Nicht, weil mir kein anderes Riff eingefallen wäre, sondern weil weniger mehr ist. Wie ich bereits erwähnt habe, habe ich die Absicht, ein lauteres, härteres, sich wiederholendes Black-Metal-Mantra zu erforschen. Nicht Grindcore.

Eure Songs sind fast ausschließlich instrumental. Warum habt ihr euch dazu entschieden, eure Musik ohne Gesang für sich sprechen zu lassen?
Es ist weniger wörtlich und schwerer fassbar. Die Form ist freier. Wenn man einen Sänger hat, ist der Typ da, der die Texte mit seiner Stimme vorträgt, und er zieht die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Die Bedeutung liegt auf dem Präsentierteller und es bleibt wenig Raum für Interpretationen. Das wollen wir vermeiden. Erstens hat die in der Rock- oder Metalszene übliche Persönlichkeitsanbetung hier keinen Platz. Ich möchte lieber anonym sein, um das Publikum nicht von dem abzulenken, was wirklich wichtig ist – der Musik. Und zweitens, keine Texte, keine Botschaft, wir wollen nichts aufdrängen. Ich glaube, unser Publikum ist intelligent und fantasievoll genug, um nicht mit halbgarem, eingängigem Bullshit abgespeist zu werden. Wir verlangen ein bisschen mehr von ihnen. In dieser Hinsicht bin ich also froh, vom Rock/Metal-Paradigma in die entgegengesetzte Richtung zu gehen, in Richtung Ambient, Krautrock, Noise.

Aus den Songtexten lässt sich oft am Einfachsten erkennen, welche Botschaft ein Musiker vermitteln möchte. Bei instrumentaler Musik ist das hingegen oft nicht so eindeutig. Was möchtest du persönlich mit deiner Musik in euren Hörern auslösen oder ihnen mitteilen?
Nun, das ist genau mein Punkt. Es ist zwar nichts falsch daran, einen Sänger zu haben, aber wir haben uns dagegen entschieden. Es hat seine Vorteile, aber auch seine Schattenseiten. Ich glaube, dass Instrumentalmusik in höherem Maße frei von Ego sein kann. Rock und Metal lieben das aufgeblasene Ego eines Stars. In der Musik braucht man kein großes Ego, wenn man sich vom Ego befreien will. Wir haben keine Botschaft, die wir vermitteln möchten, zumindest nicht im wörtlichen Sinne. Wir haben keine Wahrheiten zu enthüllen. Jeder Zuhörer muss seine eigene Wahrheit aufdecken oder seine eigene Transzendenz erschaffen und wir sind nur Hintergrundrauschen. Man kann auf eine Reise gehen, wohin auch immer der Geist einen führt, und wir sind nur ein Gefäß, das diese Reise ermöglicht. Wir benutzen hypnotische Formen und Wiederholungen, um diesen anderen Zustand des Geistes zu erzeugen. Wir benutzen rituelle Gegenstände und Instrumente wie tibetische Trompeten und so weiter, und mantra-ähnliche Loops. Das ist der schamanische Aspekt. Um die Leute aus dem Hier und Jetzt herauszuholen, sie aus dem Gefängnis der Rationalität herauszulassen. Keine Botschaft als solche, abgesehen von der Musik und ihrer Rezeption.

Auf „Through Aureate Void“ sind allerdings vereinzelt Spoken-Word-Passagen zu hören, die jedoch eher gemurmelt und nur schwer verständlich sind. Was hat es mit diesen gesprochenen Texten auf sich?
Es sind Fragmente von Ezra Pound.

Das Artwork und der Titel lassen einiges an Spielraum für Interpretationen offen. Möchtest du dennoch kurz erläutern, welche inhaltliche Grundidee hinter „Through Aureate Void“ steckt?
Wie ich schon sagte, das ist das, was wir beabsichtigt haben. Deine Interpretation ist so gut wie meine und die der nächsten Person, wenn du wirklich eine brauchst. Die Leute mögen es, Dinge klar und in kleinen Dosen erklärt zu bekommen, damit sie es leicht konsumieren können, sonst werden sie verwirrt oder verängstigt. In einer solchen Welt sollte es keinen Platz für zu viele Zweifel oder Fragezeichen geben. Aber einige der interessantesten Kunstwerke sind die, die bestimmte Dinge offen und unklar lassen. Das ist der Grund, warum die Leute Minimalismus oder abstrakte Kunst hassen. Das ist der Grund, warum die Leute zeitgenössische Kunst hassen. Ich liebe sie, nun ja, zumindest einen Teil von ihr. Ich denke, am Ende des Tages sollte Kunst, einschließlich Musik, die Sinne so ansprechen, dass nichts erklärt werden muss. Wenn es noch einer Erklärung bedarf, dann ist es offensichtlich nicht so gut, denn Kunst, einschließlich Musik, ist eine universelle Sprache und braucht keine Übersetzer.

Für das Artwork habt ihr erneut ein Bild von Odd Nerdrum verwendet. Was zieht euch gerade zu seiner Kunst hin?
Ich kannte Odd Nerdrums Malerei schon lange und habe sie immer bewundert. Aber eines sonnigen Tages bin ich zufällig in eine Galerie in Barcelona gegangen und habe seine Bilder sozusagen live gesehen. Sie im wirklichen Leben zu betrachten, ist kein Vergleich dazu, sie im Internet oder gar in einem Buch zu sehen. Es war fast eine religiöse Erfahrung. Noch einmal, man sieht sie an und nichts braucht eine Erklärung. Es ist alles da, die Dunkelheit und Brutalität in den Pinselstrichen und die imposante Größe. Das war es also für mich. Das sind Bilder, die mehr als tausend Worte sagen.

Denkst du, dass seine Kunstwerke auch zukünftig ein prägender Bestandteil eures Schaffens sein werden?
Das kann ich nicht sagen. Ich wäre unglaublich glücklich, wenn die Antwort darauf ja wäre, aber ich kann es nicht sagen.

Wie wird es nun als Nächstes mit FIVE THE HIEROPHANT weitergehen?
Wir wollen so bald wie möglich ein paar Shows spielen, um die neuen Albumtracks einer Feuertaufe zu unterziehen und sie live zu testen. Wir werden auch irgendwann in diesem Jahr eine Split-EP mit Wyatt E herausbringen. Und wir werden an neuem Material arbeiten. Vielleicht ein weiteres „Magnetic Sleep“-Tape oder vielleicht ein neues Album oder beides.

Zum Abschluss möchte ich gerne noch ein kurzes Brainstorming mit dir durchgehen. Was fällt dir zu den folgenden Begriffen ein?
Avantgarde: Ich liebe die Avantgarde-Kunst des frühen 20. Jahrhunderts sehr. Die frühen Avantgarde-Filme von Man Ray oder Duchamp. Außerdem stehe ich auf Malerei wie den russischen Konstruktivismus und Suprematismus, Dada, all dieses modernistische Zeug. Wenn ich den Begriff Avantgarde im heutigen Kontext höre, kann das manchmal abschreckend wirken oder vielleicht bin ich einfach nur alt geworden. Die Avantgarde von gestern wird zum Kitsch von heute.
A cappella: Das ist eine tolle Idee. Genau das Gegenteil von dem, was wir machen. Phurpa ist ziemlich außergewöhnlich, wenn auch nicht unbedingt a capella als solches, aber fast.
Streaming-Konzerte: Ich verstehe diese Idee nicht. Zeitverschwendung.
Nihilismus: Der einzige Weg nach vorne. Für mich ist das keine defätistische oder pessimistische Weltsicht. Es ist realistisch. Wir sollten unsere Rüstung der großen Erzählungen ablegen und sie als das sehen, was sie sind: eine Illusion. Ich könnte mich wirklich noch lange darüber auslassen…
Esoterik: Als ob wir nicht schon genug Illusionen und schöne alberne Ablenkungen hätten. Ich verstehe, dass Esoterik für ihre rein symbolischen, archetypischen Werte geschätzt werden kann, wie eine Mythologie, aber sie sollte genau dort bleiben, im Mythologie-Regal. Im Gegensatz zu dem, was du vielleicht denkst, bin ich ein ziemlich bodenständiger und rationaler Mensch.
Für dich persönlich wichtigstes Album: Du meinst von allen? Es ist nicht möglich, eines hervorzuheben. Zu viele, um sie zu nennen, sorry.

Vielen Dank für das Interview. Wenn du den Lesern noch etwas mitteilen möchtest, kannst du das an dieser Stelle gerne tun:
Vielen Dank für die interessanten Fragen, es war mir ein Vergnügen, sie zu beantworten, und vielen Dank für eure Unterstützung.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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