Interview mit Susanne Grosche von Hekate

Sieben lange Jahre nach dem hochgelobten „Die Welt der dunklen Gärten“ lassen HEKATE erneut von sich hören: Auf „Totentanz“ geben die Deutschen abermals eine eigentümliche Mischung aus Neofolk, Neoklassik und exotischen Klängen zum Besten und präsentieren sich damit trotz einiger Parallelen zu anderen Bands als wahrhaft einzigartiges Musikprojekt. Im Interview mit Susanne Grosche haben wir die Sängerin unter anderem zu dem symbolträchtigen Artwork, dem Totentanz als künstlerisches Leitmotiv und dem Leben nach dem Tod befragt.

 

 

Guten Tag! Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Ich hoffe, bei euch ist soweit alles in Ordnung. Wie geht es dir?
Es ist mir eine Ehre und Vergnügen. Mir, Susanne, geht es gut. Ich schätze mal, den Jungs auch – bei uns allen steht Urlaub vor der Tür. Die letzten Monate waren wir sehr fleißig (wie das Album zeigt) und freuen uns auf ein paar ruhige Tage.

Ganze sieben Jahre habt ihr euch nach „Die Welt der dunklen Gärten“ Zeit gelassen, um euer neues Album „Totentanz“ zu veröffentlichen. Was hat sich in der Zwischenzeit bei euch getan?
Man könnte fast sagen, die Welt ist eine ganz andere geworden. Bei uns allen haben sich viele, auch persönliche und emotionale Dinge ereignet. Wir haben alle in irgendeiner Weise Veränderungen erlebt, auch traurige und einschneidende, das ist ja auch nichts Ungewöhnliches in einem Menschenleben. Jedoch muss man lernen, damit umzugehen. „Totentanz“ war ein Stück weit eine Sublimierung dieser Empfindungen.

Obwohl „Totentanz“ hinsichtlich seines Titels und seines Artworks ein Konzeptalbum nahelegt, habe ich den Eindruck, dass die einzelnen Tracks thematisch für sich stehen. Warum habt ihr euch dennoch entschieden, euer Album mit diesem Wort zusammenzufassen?
Das hat verschiedene Gründe. Zum einen gibt es ja das Stück „Totentanz“ selbst, zum anderen folgen wir in gewisser Weise einer Tradition, wenn Du bedenkst, dass es Alben von uns gibt mit den Titeln „Sonnentanz“ bzw. „Tempeltanz“. Und natürlich huldigen wir mit diesem Begriff auch den mittelalterlichen Fresken, die den „Macabertanz“ zeigen. Die Idee des Konzeptalbums stand eine Weile im Raum, und ich sehe noch immer „den roten Faden der Sterblichkeit“ auf dem Album, allerdings gibt es natürlich auch Stücke, wie z.B. „Spring Of Life“, das ja eher lebensbejahend daher kommt und etwas „aus der Reihe tanzt“.

Das Cover-Artwork von „Totentanz“ ist ein noch nicht veröffentlichtes Bild von Franz Stassen. Wie kam es dazu, dass ihr es zur Visualisierung der Platte einsetzen konntet?
Axel, unser Sänger, sammelt leidenschaftlich gerne Kunst, insbesondere die des späten Jugendstils oder Symbolismus. Das Bild von Franz Stassen war mitunter auch ein Grund, den Titel für das Album auszuwählen; man könnte fast sagen, es hat „uns gefunden“ und nicht umgekehrt. In dem Bild stecken meines Erachtens so viele Motive drin versteckt, die wir auch in unseren Liedern des Albums haben: Sinnlichkeit, die „gute alte Erotik“, Verführung, Lebensfreude, Sinnenlust und Schmerz – und über allem thront der Tod.

Der Totentanz ist in der Kunst schon lange ein Leitmotiv. Siehst du ihn eher als etwas Unheimliches oder lässt sich daraus deiner Ansicht nach sogar etwas Lebensbejahendes ableiten?
Der Begriff „lebensbejahend“ ist vielleicht etwas zu positiv besetzt für die Totentänze des Mittelalters, die finde ich auf jeden Fall gruselig und unheimlich. Allerdings sehe ich persönlich auch etwas auch Morbid-Heiteres in dem makabren Reigen, vielleicht auch etwas Humorvolles, wenn man bedenkt, dass in jedem von uns sicherlich auch Todesangst schlummert (aus der Nummer kommt ja niemand lebend raus), und mit Humor kann man Ängste sehr wohl überspielen oder sogar ein wenig bannen.

Euer Bandname legt nahe, dass ihr schon lange vom Tod fasziniert seid. Würdest du sagen, dass man das auch in euren bisherigen Alben heraushören konnte?
Nicht so klar und unverblümt wie auf diesem Album, allerdings muss ich dir schon Recht geben, das Thema ist für uns immer präsent gewesen für uns als Band.

Hattet ihr eine konkrete Vorstellung davon, wie „Totentanz“ als Ganzes funktionieren sollte? Hat es zum Beispiel einen Sinn, dass „Spring Of Life“ gerade auf den Titeltrack folgt?
Unbewusst ist dieses Arrangement anscheinend so getroffen worden, habe ich auch erst später gemerkt. Aber der Sinn liegt darin für mich, dass Leben und Tod, wie es so schön heißt, nah beieinander liegen. Meine Vernunft sagt, im Grunde findet Leben im Hier und Jetzt statt, und der Tod ist wirklich das Ende allen Lebendigen und Bewussten, so hoffe ich, wahrscheinlich geprägt durch mein abendländisch-christliches Weltbild, dass es nach dem Tod noch in irgendeiner, vorzugsweise netten Weise weitergeht. Da passen die beiden Lieder doch hervorragend hintereinander, oder? Das versöhnt doch mit der Angst vor dem endgültigen Ende!

Generell scheint es mir so zu sein, dass in der ersten Hälfte des Albums die neofolkigen Tracks mit Männergesang überwiegen, in der zweiten hingegen die exotischen mit weiblichen Vocals. Was hat es damit auf sich?
Wir haben eine Weile überlegt, wie wir die Reihenfolge der Lieder am sinnigsten gestalten. In der gemeinsamen Diskussion hat sich diese, für uns „hörbarste“ Version herausgebildet. Aber da ist, wie ich in der letzten Frage schon angedeutet habe, viel intuitiv gelaufen.

Meiner Ansicht nach ist der Gesang bei euch meist sehr weit in den Vordergrund gemixt. Ist das so beabsichtigt und falls ja, warum?
Der Gesang gibt unseren Liedern ja auch die inhaltliche Gestalt. Er „erzählt“, auch sehr präsent, die Geschichte des Stückes. Ich persönlich finde ihn gar nicht so sehr „vorne“ als eher eingebettet in das Gesamte, aber es ist wirklich nett, dass wir nun gemeinsam darüber philosophieren… (lacht)

Auf der Luxus-Edition sind noch fünf weitere Tracks enthalten. Warum habt ihr diese nicht in die gewöhnliche Version des Albums aufgenommen?
Die Luxus-Edition sollte schon wirklich etwas ganz Besonderes sein, praktisch das „Bonbon“, das unser Artbook komplettiert. Die Bildnisse darin sind Kunstwerke des Jugendstils, die Axel, unser Sänger, sammelt.
Zwei der Stücke der Bonus-CD sind in der Kirche meines Heimatortes aufgenommen worden, da spiele ich auch die Kirchenorgel beim „Old King“. Und da gibt es noch das Stück „Der Prem“, bei dem Achim Shrutibox spielt und mit mir singt. Diese Stücke sind live und (fast) unplugged aufgenommen worden.

Für mich klingt „Lost and Broken“ sehr stark nach Death In June, teilweise auch nach Empyriums „The Turn Of The Tides“. Habt ihr euch tatsächlich davon inspirieren lassen oder siehst du da keine Parallelen?
Mich persönlich erinnert es auch etwas an Death In June, aber Dirk, der Komponist und Texter des Stückes, hat sich, wie er meinte, nicht davon beeinflussen lassen.

In eurer Musik habt ihr schon viele verschiedene Einflüsse miteinander kombiniert. Was ist deiner Ansicht nach in dieser Hinsicht der unkonventionellste Track auf „Totentanz“?
Spontan: „Totentanz“ selbst. Es ist so minimalistisch, so gruselig und auch morbid. Seit seiner Entstehung wurde das Lied nach seinem ersten Entwurf kaum verändert: Während einer Bandsession in Achims alten Fachwerkhaus vor einigen Jahren hatte ich den, bis dato „musikfreien“ Text dabei. Jörg saß im Nebenraum und spielte diese düsteren Sounds. Und ich fing einfach an zu singen. Und es ging mir so gut damit! Es ist auch eines der Lieder, auf die ich mich live am meisten freue.

Obwohl ihr viele unterschiedliche musikalische Stilmittel miteinander kreuzt, werdet ihr oft als Neofolk-Band bezeichnet. Wie stehst du dazu und was hebt euch, deiner Meinung nach, von anderen Bands des Genres ab?
Ich persönlich finde die Bezeichnung als zu „eng“ und auch etwas einseitig, wenngleich ich viele Aspekte des Neofolk sehr schätze. Ich persönlich sehe uns schon vielmehr im Bereich der Neoklassik mit folkigen, sphärisch-warmen und auch, durch das reiche Schlagwerk, bombastischen Klängen. Wie nennen wir das nun? Gute Frage. „Martialisch-klassische Weltmusik“? Ich kann es selbst nicht immer gut beschreiben… Auf jeden Fall empfinde ich uns innerhalb des Genres schwer einzuordnen und auch etwas exotisch. Was mir persönlich gut gefällt, ein bisschen exotisch und nicht leicht greifbar zu sein.

Was, denkst du, sind eure hervorstechendsten Stärken, aber auch Schwächen als Musiker?
Als absolute Stärke sehe ich persönlich bei uns fünf Musikern unseren Facettenreichtum, Wir sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die auch verschiedene musikalische Stile bzw. Vorlieben mitbringen, wenn es ans Komponieren geht. Und wir sind sehr offen für neue und für uns fremde Stile. Ich glaube, das macht auch unseren Charakter als Band bzw. den unserer Stücke aus. Und im Grunde beantwortet das auch ein Stück weit deine zuvor gestellte Frage. Schwächen? Ja. Zu wenig Zeit zum Musizieren!

Wie wird es mit HEKATE nun weitergehen? Ist bereits abzusehen, ob ihr euch für euer nächstes Album wieder viel Zeit lassen werden?
Wir wollen definitiv nicht wieder „mystische“ sieben Jahre verstreichen lassen, bevor wir wieder etwas veröffentlichen, da sind wir uns einig – aber ich will auch nicht versprechen, was wir am Ende nicht halten können. Ich weiß auf jeden Fall, dass neue Stücke in der Mache sind. Und Ideen für Lyrics gibt es auch. Aber wo die Reise hingeht, wie ein Titel heißen könnte, das wissen wir noch nicht. Da müssen wir alle noch ein bisschen (er)leben und träumen.

Gehen wir zum Abschluss noch – gemäß unserer Tradition bei Metal1.info – ein kleines Brainstorming durch:
Orient: Sinnlichkeit und Mystik
Leben nach dem Tod: Verstand sagt: Gibt’s nicht! Gefühl sagt: Wird geil.
Metal: Raue Schale, weicher Kern
Kitsch: Braucht der Mensch
Mythologie: Mächtiger Quell aller Geschichten
Musikfestival: Immer wieder ein nettes Familientreffen, wo alle gemeinsam älter werden.

Dann nochmals ein herzliches Dankeschön für die Gelegenheit, mit dir dieses Interview zu führen. Die letzten Worte sollen dir gehören:
Ein sehr schönes Interview. Dankeschön.