Interview mit Andras von Infestus

Mit „The Reflecting Void“ liegt seit Kurzem das bereits vierte Album des 2003 gegründeten Melodic-Black-Metal-Soloprojektes INFESTUS vor. Mastermind Andras über die Vor- und Nachteile des Musizierens ohne Mitstreiter, die Motivation hinter seiner Kunst und die Hürden auf dem Weg zur Liveband.

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Dein aktuelles Album, „The Reflecting Void“, ist vor einiger Zeit erschienen – mit etwas Abstand zur Platte: Bist du noch vollends zufrieden mit dem Resultat?
„Vollends“ zufrieden ist eventuell der falsche Ausdruck. Ich bin aber tatsächlich sehr zufrieden mit dem Album. Im Nachhinein würde man immer ein paar Sachen anders machen. Ich hatte viele technische Probleme bei der Aufnahme. Der ganze Produktionsweg war dieses Mal noch zeitintensiver und nervtötender als er es beim letzten Album war. Letztendlich wurde es dann wahrhaftig neurotisch mit minimalen Änderungen im finalen Mix, mit denen ich mich eine gefühlte Ewigkeit beschäftigte und die keine Sau interessieren. Aber alles in allem ist dieses Album ein würdiger Nachfolger von „Ex|Ist“ und sogar noch mehr.

Hat dich das Presse- und Fan-Feedback in irgend einer Weise überrascht?
Infestus 01Um ehrlich zu sein nicht. Ich wusste ja, was ich da produziert habe. Und nachdem „Ex|Ist“ schon nur Topnoten einstrich, hätte ich mich in meinen Erwartungen schon gehörig vermessen, wenn dieses Album „gefloppt“ wäre. Und in der Tat sind die Rezensionen fast durchgehend sehr gut. Natürlich ist „The Reflecting Void“ teilweise auch ein gutes Stück weiter weg vom traditionellen Black Metal, was ein, zwei BM-Puristen-Reviewer eher Abstand hat nehmen lassen. Und das ist auch gut so. Wenn Menschen nicht verstehen, dass es bei Musik viel mehr um die Art der transportierten Emotionen als um das Genre geht, bin ich froh darum, genau solchen Identitäten vor den Kopf zu stoßen.

Du arbeitest am INFESTUS-Material ja immer alleine – wo siehst du die Vor- und Nachteile eines Soloprojektes?
Zum Einen bin ich damit absolut unabhängig, muss keine Kompromisse eingehen und kann mich voll und ganz in mein Innerstes „verziehen“ und kompositorisch die Themen behandeln, die ich behandeln muss und will, ohne eine fremde Hand in diesem Schaffungsprozess als störende Existenz wahrnehmen zu müssen. Wäre ich jedoch in einem Bandkonstrukt, würde ich wohl nicht derartig tiefgründige Musik schreiben. Natürlich handelt es sich kompositorisch und produktionstechnisch um potenzierte Belastung. Wirklich alles selbst zu schreiben, jedes Instrument selbst einzuspielen auf einem nicht gerade dilettantischen Niveau und sich dann auch noch um den Mix und teilweise das Artwork zu kümmern, zeigt einerseits wie wichtig es mir ist, alles selbst in die Hand zu nehmen, um der Schaffung wahrhaftig den Stempel meiner korrodierenden Psyche zu verleihen, resultiert andererseits aber auch in einem Haufen Arbeit, den man nur dann mit einer überzeugenden Kreation abschließen kann, wenn man wahrlich sein Herzblut hineinfließen lässt und allem trotzt, was da kommen möge.

Infestus 04Fehlt dir nicht manchmal das Feedback anderer Musiker in Form konstruktiver Kritik oder kreativem Input?
Nein. Nicht, was das Schaffen in INFESTUS angeht. Andere Musiker würden bestimmt andere Einflüsse mit sich bringen und damit der Musik mehr Diversität verleihen; und das fände ich gut. Jedoch wäre dann INFESTUS nicht mehr INFESTUS.

„The Reflecting Void“ klingt absolut professionell, sowohl musikalisch als auch vom Sound her – kannst du ein paar Worte zum Songwriting- und Aufnahmeprozess sagen? Wie ist das Album entstanden?
Songwriting ist etwas, das sich durch mein Leben zieht. Je nachdem, wie mein Zustand ist, entsteht mehr oder weniger Musik. Es besteht also eine Korrelation: Ich kann mich nicht einfach hinsetzen und munter drauflos schreiben. Es kommt der Punkt, an dem ich einen gewissen Funken verspüre, der ein Feuer entfacht, das ich in kreative Bahnen lenken muss.
Natürlich schreibe ich die Songs zuerst auf Gitarrenbasis. In dieser Zeit entstehen dann auch die Texte, je nachdem, was mich zum Schreiben eines Songs animiert hat. Wenn die Songs dann stehen, setze ich mich an meine Drums und spiele dazu, bis ich verinnerlicht habe, was ich wie wo spiele. Der Aufnahmeprozess läuft dann klassisch ab: Zuerst Drums, dann Gitarren, Bass und Gesang. Mit dem Unterschied, dass ich mich auf jedes Instrument gesondert vorbereiten muss, um die Tracks auch gut einspielen zu können. Denn Proben gibt es natürlich keine.

Du verzichtest gänzlich auf Provokationen und Klischees, was die Musik einerseits angenehm „un-true“ macht, andererseits dazu führt, dass dem Material aus meiner Sicht etwas die Ecken und Kanten fehlen, die einen Black-Metal-Release ausmachen. Was sind deine Vorbilder oder was ist deine Intention hinter INFESTUS?
Da stellt sich schon die Frage, ob meine Musik überhaupt noch Black Metal ist. Provokation und Klischee … irgendwann sollte man älter werden, sich selbst weiterentwickeln und nicht auf einer charakterlichen, vor pubertärem Verhalten nur so triefenden Evolutionsstufe stehenbleiben. Das ist erbärmlich. Leider sieht man das in diesem Genre des Öfteren. Und in solchen Fällen will ich meine Musik nicht einmal mehr so kategorisieren. Provokation und Klischee … dessen fühle ich mich geistig wie intellektuell einfach zu sehr entwachsen. An der Gesellschaft da draußen habe ich kein großes Interesse, was wohl auch darin resultiert, dass mein Hass längst der Gleichgültigkeit gewichen ist. Ich konzentriere mich auf mein inneres Erleben und lasse die Welt zugrunde gehen, ohne dass ich sie mit pubertärem „Heil Satan“-Gegröle zu Grabe tragen muss. Und das ist letztendlich der Geist hinter INFESTUS: Eine gänzlich introvertierte, unabhängige, individuelle Sichtweise, frei von beschränkenden Dogmen, Religionen oder Vorbildern. Die schwärzeste Dunkelheit, der größte Feind eines jeden residiert in einem selbst – die Quelle meiner Kreativität. Und davon habe ich einiges zu bieten.

Infestus 03Du bringst INFESTUS nun auch auf die Bühne. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen?
Ich wollte neue Eindrücke sammeln, das Erleben meiner eigenen Musik auf ein anderes Level heben. Und ein anderes Level ist es tatsächlich, wenn man in Echtzeit die Vertonung seiner Dunkelheit mit jeder Faser seines Körpers und seines Geistes ausleben kann.

Was waren die schwierigsten Hürden auf dem Weg zur Live-Band?
Zuerst einmal ein funktionierendes Lineup aufzustellen. Das erste Line-Up musste ich gänzlich auflösen. Beim zweiten Lineup kamen noch mehrere Musikerwechsel hinzu, zudem eine große räumliche Entfernung untereinander, was darin resultiert, dass nur ein- bis zweimal vor einem Gig geprobt werden kann. Von den organisatorischen Belangen möchte ich erst gar nicht reden …

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Ich denke, es wurde genug gesagt. Danke.

Ok, dann danke ich dir an dieser Stelle nochmals. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich das Interview an dieser Stelle gern mit dem traditionellen Metal1.info-Brainstorming beenden. Was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein:
Bundesliga: Nein
Politik: Nein
Ebola: … hat Potential
Bayern: Die Wurzeln meines Abgrunds
Black Metal: Einsamkeit

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