Interview mit Erlend Hjelvik von Kvelertak

In den drei Jahren seit ihrem Debüt-Album sind KVELERTAK buchstäblich durch die Decke gegangen. Nun legen die Norweger ihr zweites Album "Meir" nach. Passend zur Veröffentlichung begibt sich die Band auf eine Headlinertour quer durch Europa. Wir trafen Sänger Erlend Hjelvik vor der Show in Leipzig und sprachen mit ihm über das Songwriting, die Touren und verrückte Ideen für Videos.

Zuerst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast!
Na klar, kein Problem.

Und dann natürlich Gratulation zum neuen Album! Für euch ist das ja am Ende noch aufregender als für die Fans, oder?
Ja, es ist großartig. Es war einfach Zeit ein neues Album herauszubringen. Wir waren ca. drei Jahre auf Tour und haben über 300 Shows für das erste Album gespielt, also war es gut endlich mal ein paar neue Songs spielen zu können.

Wie waren die Reaktionen von Fans und Medien?
Wunderbar, ich habe nichts als gute Reviews gesehen. Es scheint besser zu laufen als das letzte Mal. Und die Tour war auch super bisher. Besonders in Deutschland und England war es jeden Abend richtig eng oder sogar ausverkauft. Die Reaktionen waren Wahnsinn.

Sind die Säle seit eurer letzten Tour größer geworden? Denn auf der 2011er Tour habt ihr ja z.B. in Birmingham in einem sehr kleinen Club vor 50–70 Leuten gespielt…
Das kommt drauf an, wo du spielst. In London haben wir in einem Club gespielt, der 1200 Leute fasst und der war ausverkauft. In Birmingham haben wir zwar in dem gleichen Club gespielt, aber diesmal war’s voll. Es wird also jedes Mal besser.

Das neue Album heißt „Meir“, was „mehr“ bedeutet. Habt ihr den Titel vor oder nach den Aufnahmen gewählt?
Naja, wir hatten eigentlich keinen wirklichen Plan, als wir das Album geschrieben haben. Wir haben einfach elf Songs geschrieben und die sind jetzt auf dem Album. Als wir dann die Chance hatten, es zu hören und zu verdauen fanden wir, dass „Meir“ der einzig passende Titel war.

Habt ihr aufgrund des Erfolges der ersten Scheibe Druck verspürt, als ihr das Album schriebt?
Nicht wirklich. Ich denke, es hilft dir einfach nicht, darüber nachzudenken, was Leute erwarten. Für uns ist es entscheidend, dass wir die Musik selber mögen. Und dann werden andere das hoffentlich auch tun, verstehst du? Ich denke das ist die beste Herangehensweise.

Das neue Album enthält auch längere Instrumentalpassagen – war das eine bewusste Entscheidung oder passiert so etwas einfach während des Schreibens?
Hauptsächlich schreibt unser Gitarrist Bjarte die Songs und er plant auch viel vom Gesang. Er malt sich in seinem Kopf aus, wo der Gesang hinkommen soll und nun gibt es auch progressive Parts ohne Gesang weil…. naja, wir machen Sachen einfach, weil sie gut klingen. Wir denken da nicht zu viel drüber nach.

Wo siehst du persönlich Unterschiede zwischen dem ersten und dem zweiten Album?
Ich denke, das neue ist besser, haha. Ich denke, es ist ein guter Nachfolger, es gibt ähnliche Sachen, wie es sie auf dem ersten Album gab, nur dass es diesmal größer und frecher ist und allgemein mehr rockt.


Die Texte sind wieder ausschließlich in Norwegisch gehalten. Kannst du mir verraten, warum ihr das so handhabt?
Wir haben einfach schon seit der Bandgründung 2006 auf Norwegisch gesungen. Ich hätte nie gedacht, dass irgendjemand außerhalb Norwegens die Musik hören würde. Wir haben das einfach schon so lange gemacht, dass es sich wie ein großer Teil unseres Sounds anfühlt. Ich denke einfach, dass es sehr komisch klänge, wenn wir auf einmal in Englisch singen würden. Ich denke auch, unsere Fans – auch außerhalb Norwegens – wären enttäuscht, wenn wir auf Englisch singen würden. Es ist auch ein bisschen dieser Rammstein-Effekt, den wir damit kriegen.
Ich denke, es wäre echt spannend, wenn mehr Bands in ihrer eigenen Sprache singen würden anstatt in beschissenem Englisch. Man wendet sich auch einfach schneller irgendwelchen Klischees zu…würde ich zumindest tun, wenn ich in Englisch schreiben würde.

Wenn wir gerade bei den Texten sind: Kannst du uns etwas darüber erzählen, z.B. einige Themen, die ihr auf dem Album behandelt habt?
Anders als beim ersten Album habe ich mich diesmal von nordischer Mythologie ferngehalten. Es war eine andere Herangehensweise – ich habe hauptsächlich Sachen aus meinen eigenen Gedanken verwendet, anstatt mich zu einem Thema zu belesen und dann Texte darüber zu schreiben. Jetzt gibt es Texte zu allem Möglichen: Vom Touren und davon, deine Rechnungen nicht bezahlen hin zu spacigen, dunklen Sachen wie dem Bohren eines Loches in den Kopf, um böse Geister zu entlassen. Oder der Song „Nekrokosmos“, der vom Antichristen handelt, der aus einem schwarzen Loch im All auf die Erde kommt, um alles zu zerstören. Ich schreibe eigentlich einfach über Sachen, von denen ich glaube, dass sie krass klingen.

Das Artwork wurde wieder von John Dyer Baizley von Baroness beigesteuert – wie seid ihr ursprünglich mit ihm in Kontakt gekommen?
Das war ziemlich zufällig. Wir spielten ein Festival namens Eurosonic in Holland. Es ist wie das SXSW, nur viel kleiner. Das ist nur für die Presse und die Musikindustrie. Der Tourmanager von Baroness war auf dem Festival und hat unsere Promo mit zwei Demos drauf mitgenommen und ich denke, John gefiel es, denn er schickte uns eine Mail, während wir im Studio waren, und sagte, er würde gerne unser Artwork machen. Und wir waren Fans sowohl von Baroness als auch von seiner Kunst, also war es einfach „Ja“ zu sagen.

Und wie lief das ab? Hat er euch einfach etwas geschickt, nachdem er eure Musik gehört hatte oder habt ihr ihm eine ungefähre Vorstellung von dem, was ihr haben wolltet, gegeben?
Ich habe die Texte für ihn übersetzt und ihm ein bisschen erklärt, worum es in ihnen geht. Dann nimmt er sich einfach verschiedene Elemente aus den Texten und erschafft daraus ein Cover.

Für die Aufnahmen seid ihr wieder mit Kurt Balou in die God City Studios gegangen. Wie ist es mit ihm zu arbeiten?
Es ist großartig – er ist sehr professionell und komplett ehrlich. Er lässt dich sofort wissen, wenn etwas nicht richtig klingt. Ich denke, er holt das Beste aus uns raus – er lässt dich nicht mit einer schlechten Aufnahme davonkommen. Er hat einfach ein großartiges Ohr dafür, wie Dinge klingen sollten und er ist auch noch ein lustiger und freundlicher Typ.

Wie funktioniert das Schreiben bei euch? Jamt ihr alle zusammen oder bringen einzelne Mitglieder fertige Songs mit in den Probenraum?
Unser Gitarrist Bjarte ist der Hauptsongschreiber. Manchmal kommt er nur mit einem Riff in den Probenraum, aber meistens macht er zu Hause (fast) fertige Demos, ohne Gesang. Er bringt dann alles mit in den Probenraum und jeder kann seine Ideen beisteuern und dann denken sie sich Sachen aus, während sie den Song einfach spielen. Danach nehme ich den Gesang auf. Manchmal hat er einen Plan, wo er den Gesang hinhaben will und manchmal denke ich mir das selbst aus.

Ihr habt bereits zwei Videos für das neue Album veröffentlicht – beide eher ungewöhnlich. Das erste war komplett von Kindern gespielt und das zweite war eine Art Best-Of verschiedener Horrorfilme.
Es ist ein wirklich guter Kontrast zwischen den beiden Videos, haha.
Wie seid ihr auf diese Ideen gekommen?
Für das „Bruane Brenn“-Video waren es Vidar und Marvin – wir hatten keine Zeit selbst in dem Video zu sein, also kamen sie auf die Idee, die Kinder das Video spielen zu lassen und wir dachten, das wäre lustig. Für das „Månelyst“-Video war es der Typ, der das „Mjød“-Video gemacht hat, das wir zum letzten Album gemacht hatten. Er hat sich einfach diese durchgeknallten Sachen ausgedacht – er ist ein verrückter Typ. Ich denke, es ist richtig geil geworden. Ich erkenne viele der Dinge darin wieder und denke, dass es ein cooles Horrorfilm-Tribute ist. Und es ist besser als die meisten modernen Horrorfilme, die ich in letzter Zeit gesehen habe.

Ihr seid von Indie zu Roadrunner gewechselt – wie kam es dazu?
Roadrunner waren hinter uns her, seit wir letztes Jahr das SXSW gespielt haben. Und sie sind mit uns in Kontakt geblieben. Natürlich haben wir uns mit vielen verschiedenen Labels unterhalten, aber Roadrunner haben uns letztlich das beste Angebot gemacht und erschienen uns als die beste Wahl. Sie wollten das Album unbedingt machen und das ist das wichtigste. Und ich meine – es ist Roadrunner! Ich hätte nie gedacht, dass wir mal bei denen landen, das ist echt cool. Dazu sei noch gesagt: In Schweden sind wir bei Sony-Music und für den Rest von Skandinavien auch. Es scheint also bis jetzt ganz gut zu laufen, obwohl es natürlich noch zu früh ist, um das wirklich sagen zu können. Es wird auf jeden Fall spannend zu sehen, was sie mit dem Album machen werden.

Du hast schon erwähnt, dass seit dem Debüt drei Jahre vergangen sind. Wie lief das mit dem Schreiben?
Das war das größte Problem – genug Zeit zum Schreiben zu finden. „Spring Fra Livet“und „Trepan“ haben wir direkt vor unserer Headlinertour im letzten Winter mit Toxic Holocaust geschrieben. Die haben wir geschrieben, weil wir eine Stunde spielen sollten und das ging mit nur einem Album im Gepäck einfach nicht, haha.
Den Rest haben wir im Juni und Juli geschrieben. Ich erinnere mich, dass wir im Frühling auf den Zeitplan geschaut haben und uns gefragt haben, wann wir mal Zeit haben würden das Album zu schreiben. Also mussten wir in den beiden Monaten etwas Zeit freischaufeln, aber als es dann einmal losgegangen war, ging es ziemlich flott voran.

Du hast die Touren gerade erwähnt – ihr habt eine Headlinertour gespielt, seid aber auch als Support aufgetreten. Wo siehst du Vor- bzw. Nachteile bei dem einen oder anderen?
Ich bevorzuge es definitiv als Headliner zu spielen. Du musst einfach nicht – wie sage ich das am besten? – es ist einfach viel einfacher der Headliner zu sein anstatt der Support. Einfach, weil du mehr Zeit für den Soundcheck und so was hast. Außerdem mag ich es, gegen Sechs Abendbrot essen zu können und nicht bis nach der Show warten zu müssen. Aber es kommt schon auch auf das Line Up an. Ich denke, das ist das Wichtigste. Es war super für Bands wie Converge die Menge anzuheizen. Das war Wahnsinn.

Gibt es Orte, an denen du besonders gern spielst – oder auch nicht?
Italien ist das schlimmste Land, in dem wir bisher gespielt haben. Einfach, weil die Clubs so beschissenes Equipment haben und die Shows immer super spät anfangen – so gegen Mitternacht oder ein Uhr morgens. Da spiele ich deutlich lieber zu einer zumutbareren Zeit, haha.
Deutschland und die USA sind die lustigsten Länder zum Touren – großartiges Publikum und einfach herrlich dort zu spielen.

Mit welchen Bands warst du am liebsten unterwegs?
Wir hatten das Glück, eigentlich nur mit coolen Bands unterwegs zu sein. Aber Converge sind definitiv die Band, von der wir das meiste gelernt haben. Die sind einfach geniale Typen und ihr Arbeitsethos ist unglaublich. Schau sie die einfach jeden Abend live an – die sind so unglaublich energetisch und sie haben uns auf unsere erste Europatour mitgenommen. Nachdem wir mit ihnen unterwegs gewesen waren, wurden wir ungefähr tausend Mal besser.

Ihr habt ja auch eine Menge Festivals gespielt. Spielt ihr die lieber als in Clubs?
Das ist schon cool, denn du kannst dir andere Bands angucken. Und du siehst halt nicht jeden Abend die gleiche Band. Und jetzt ist es natürlich besonders lustig, denn oft treffen wir Bands, mit denen wir schon auf Tour waren – einfach ein Riesenspaß.

Ihr habt zwei Spellemann-Awards gewonnen. Habt ihr so etwas erwartet, als ihr euer Debüt veröffentlicht habt?
Nein. Naja, vielleicht nach der Veröffentlichung, da wir nur gute Reviews bekamen. Aber es war verrückt, dass wir zwei davon gewonnen haben. Das hätte ich mir nie vorstellen können.

Was bedeutet so eine Auszeichnung für die Band, aber auch für dich persönlich?
Für mich ist es einfach noch mehr Exposition. Es ist nichts, worüber ich nachdenke, während ich durch die Welt spaziere. Es ist einfach wunderbare PR.

OK, letzte Frage: Was für Musik läuft bei dir zu Hause oder im Tourbus?
Auf Tour höre ich nicht viel Musik, denn du spielst jeden Abend und schaust dir die anderen Bands an, das reicht dann einfach. Sonst habe ich viel Blue Oyster Cult und die neue Darkthrone gehört. Die ist absolut genial.

Zum Abschluss noch das traditionelle Metal1-Brainstorming:

Napalm Death: Oh…Fuck…ich sag‘ einfach mal „Scum“.
Deutsches Bier: Fuck…ich liebe deutsches Bier. Ich kann mir nie die Namen merken, aber es ist immer gut. Das ist einer der Gründe, weshalb Deutschland das beste Land zum Touren ist.
Progressive Rock: Rush
Satan: Black Metal
Vinyl: Vernichtet CDs. Darf ich nur ein Wort sagen oder was ich denke?
Was immer du sagen magst!
Ah, super. Vinyl ist einfach meine bevorzugte Art Musik zu hören. Es lässt mich an Black Sabbath denken und an meine Black-Sabbath-Alben zu Hause.

Wenn du noch etwas hinzufügen möchtest, dann immer raus damit:
Ich hab da eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Hört einfach unser neues Album und kommt zu unseren Shows, bitte. Haha.

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