Interview mit Herbst von Lantlôs

Mit dem neuen Album „Melting Sun“ haben LANTLÔS ihre Post-Black-Metal-Wurzeln hinter sich gelassen und präsentieren sich im Spannungsfeld zwischen Alternative Metal, Post Rock und Shoegaze. In unserem Gespräch spricht Songwriter und (Neu-)Sänger Herbst über den Entstehungsprozess des Albums, gibt Ausblicke in die Zukunft seiner Band und erklärt uns, wo LANTLÔS für ihn musikalisch einzuordnen sind.

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Gratulation zu eurem Album „Melting Sun“! Bist du zufrieden mit deinem Werk und wie fielen die Reaktionen bisher aus?
Danke. Ja, ich bin sehr zufrieden. Natürlich hätte das ein oder andere am Sound etwas besser ausfallen können, aber im Großen und Ganzen und besonders mit den Songs und deren Aufbereitung bin ich ziemlich zufrieden. Die Pressereaktionen sowie die Reaktionen von Freunden und bekannten Musikern sind sehr gut. Richtig eingeschlagen hat das Album aber nicht. Also keine Ahnung, wie ich das jetzt resümieren soll.

„Melting Sun“ ist euer erstes Album ohne Neige am Gesang – wann war klar, dass er nicht mehr dabei sein wird und was waren die Gründe für die „Trennung“?
Poah, das ist schon so lang her, ehrlich gesagt, das weiß ich nicht mehr. Ich denke, das war so vor ca. drei Jahren, als ich angefangen habe, neue Songs für „Melting Sun“ zu schreiben. Er hatte einfach nicht mehr genug Zeit und ich wollte auch eher einen Rock-/Leadvocal-Style, als etwas Softes oder Geschrienes. Ich habe ihm das mit der Trennung dann nett beigebracht und alles war in Ordnung. Wir haben uns seither einige Male getroffen und gut zusammen rumgehangen.Lantlôs 03

Wie war es für dich, selbst zu singen? Gab es auch eine Überlegung, einen neuen Sänger zu suchen?
Komisch war das. Ich wurde ja auch ein bisschen in die Rolle gedrängt – ich musste ja für unsere Konzerte live singen, da erst mal niemand anderes da war. Das war am Anfang sehr stressig und ungewohnt. Jetzt habe ich mich daran gewöhnt, bin aber immer noch sehr sehr kritisch, was meine Stimme angeht. Mit der Zeit wird man da aber etwas selbstbewusster und es ist irgendwie cool, fast alles alleine in der Hand zu haben. Das hatte ich ja früher schon, jetzt aber eben noch ein bisschen mehr. Über einen anderen, neuen Sänger denke ich oft nach. Mir fällt es aber unheimlich schwer, mit anderen Leuten an LANTLÔS-Songs zu arbeiten, weil ich immer eine sehr bestimmte Vision des Outputs habe. Deshalb lasse ich das lieber.

Welchen Einfluss hatte der Wechsel am Gesang auf die Musik von LANTLÔS?
Gar keinen. Gesang ist bei LANTLÔS immer zweitrangig gewesen. Auch diesmal habe ich erst alle Songs komplett fertig geschrieben und nachher mit Gesang versehen.

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Während die letzten beiden Songs auf dem Album für meine Ohren sehr von Shoegaze geprägt sind, erinnert mich der Sound auf „Melting Sun“ oft an die Deftones – ist das beabsichtigt? Spielt die Band für dich persönlich eine Rolle?
Auf jeden Fall! In der Zeit in der ich „Melting Sun“ geschrieben habe, habe ich mega viel Deftones gehört, aber auch Bands wie HUM oder Smashing Pumpkins. Generell haben die 90er in dieser Zeit eine große Rolle für mich gespielt. Ich habe auch viel Shoegaze und Dream Pop gehört, wie man zweifelsohne feststellen kann, haha. Dieses verklärte, verdruggte Feeling der 90er hat einfach sehr gut zu meinem Leben gepasst. Momentan hab ich den Bezug irgendwie ein bisschen verloren und höre wieder super viel Hip Hop. Ich wechsle meinen Musikgeschmack ständig…

Weisen die letzten beiden Songs auf eurem neuen Album bereits in eine Richtung, die ihr mit LANTLÔS in Zukunft einschlagen werdet? Gibt es schon Pläne für neue Musik?
So kann man das nicht sagen, denke ich. Trotzdem waren die beiden Tracks die letzten, die ich für das letzte Album geschrieben habe. Die Songs sind übrigens komplett chronologisch nach ihrer Entstehung auf dem Album angeordnet. Ein paar neue Ideen und halbfertige Songs und Entwürfe haben wir bereits, aber die reichen von Jazz, Noise, Grunge, Rock bis hin zu Shoegaze, elektronischen Elementen und Trip Hop. Das sind total komische Songs, kann ich gar nicht beschreiben. Manche total eingängig und straight, manche total seltsam und entrückt. Das wird ein weirdes neues Album.

Lantlôs 02Texte, Liedtitel und Artwork wirken sehr kohärent – was war zuerst da und wie haben sich diese einzelnen Teile gegenseitig beeinflusst?
Auch hier kann ich sagen, dass die Songs immer zuerst entstehen. Aber zu aller erst ist da eh die Grundvision, das Gefühl, oder wie du es nennst die Kohärenz. Da macht es fast keinen Unterschied, was zuerst da war oder was was bedingt. Es kommt eh alles aus demselben Impuls und Fundus an Gefühlen.

Der Sound auf „Melting Sun“ klingt für mich sehr warm und einladend, oft auch verträumt. War das eine bewusste Entscheidung? Was war eure musikalische Absicht mit eurem neuen Album?
Ich entscheide Dinge nie sonderlich bewusst. Ich mache das, wonach ich mich fühle und dann entstehen einfach Songs in verschiedenen Phasen meines Lebens. Deshalb klingt das Material von Platte zu Platte verschieden. In der Zeit in der ich „Melting Sun“ geschrieben war, war ich oft dicht und habe sehr viele weirde Flashs gehabt. Oft morgens, wenn ich mit meinem Hund unterwegs war. Ich kann das schwer beschreiben, irgendwie ätherisch, hell, trippy, unreal. Dann bin ich mit diesem Gefühl ins Studio gegangen und die Songs sind entstanden. Wenn ich heute zu diesen Plätzen und Orten gehe, bekomme ich wieder dasselbe Gefühl. Die gesamte Platte dreht sich darum. Und ich habe das als äußerst erfrischend und positiv wahrgenommenen. In der Musik als auch in meinem Leben.

Hatte die Produktion hier auch einen Einfluss oder habt ihr auch anderes Equipment benutzt?
Klar, man benutzt immer wieder etwas andere Dinge. Die Produktion bedingt bei mir die Musik als auch andersherum. Ich schreibe ja meist alleine, im Studio und produziere Songs sofort aus. Dann passiert es oft, dass mich ein Sound inspiriert. Ebenso aber auch ein Akkord oder eine Melodie. Ich bin zwar nicht ganz zufrieden mit dem Mix, aber die Produktion gefällt mir trotzdem nach wie vor sehr gut – viele kleine Details, Noises, Chöre, passende Gitarensounds, Texturen etc. Da haben wir viel Zeit und Arbeit investiert.

Lantlôs 05Gab es eine andere Dynamik, da LANTLÔS nun auch offiziell eine Band ist? Gab es auch Einfluss der anderen Mitglieder beim Songwriting?
Ja, vor allem während der Produktionsphase. Da hatte ich viel Unterstützung von unserem Drummer, Felix. Mit dem habe ich die Details, von denen ich eben gesprochen habe, gut abgerundet. Auch unser Gitarrist Cedric hat ein paar Parts beigetragen und beim Tracking mit geholfen, auch ein paar Vocals. Die Songs schreibe aber immer noch ich, zu 90%.

Wird es nun mit der neuen Bandkonstellation auch mehr Konzerte geben?
Ja, wir fahren im September auf Europa Tour. Für die Daten: Checkt mal unser Facebook.

Ihr habt ja auf dem renommierten Roadburn-Festival gespielt. Wie war das für euch?
Das war schon cool. Auch eine echte Ehre. Es war auch das erste und einzige Konzert mit Neige. Also zusätzlich etwas Besonderes.

Derzeit gibt es mit Bands wie Alcest und Deafheaven (um nur zwei Beispiele zu nennen) eine Bewegung im Metal, die offensiv mit Elementen aus Shoegaze und anderen Musikrichtungen umgeht. Auf „Melting Sun“ sind in dieser Hinsicht einige Andeutungen zu hören. Was hältst du von dieser Entwicklung?      
Ich muss sagen, dass ich, auch wenn es sehr klischeehaft klingt, dieser Szene gar nicht mehr folge. Wir fahren ja schon seit Jahren einen anderen Sound. Klar kenne ich z.b. Alcest und Deafheaven, beide sogar persönlich und das sind coole Leute, die gute Musik machen. Ich selbst höre aber kaum noch harte Musik momentan. Und das seit sicher vier Jahren. Ich halte „Melting Sun“ auch nicht für ein hartes Album, sondern finde, dass es eher ein Alternative-Metal-Album ist als ein Post-Black-Metal-Album. Wir kommen aus dem Bereich, sehen uns da aber schon lang nicht mehr. Ich schäme mich nicht dafür oder sage, dass ich unsere alten Alben kacke finde. Ganz im Gegenteil, ich mag jedes Album. Und ich finde auch Metal immer noch cool. Wenn es eine coole Band ist, höre ich gern rein. Trotzdem höre ich selbst kaum harte Musik, wie gesagt. Ich checke keine neuen Bands aus und folge dem nicht mehr so.

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Siehst du dich mit LANTLÔS als Teil einer „Szene“ oder „Bewegung“?
Puh, das fällt mir schwer zu sagen. Klassisch, zu einer Genre-Bewegung zähle ich uns nicht. Dafür sind die Alben zu unterschiedlich. Aber natürlich sage ich, dass wir eine Metalband sind. Und wir fahren immer einen recht modernen Sound. Verhältnismäßig. Das erzähle ich Leuten, wenn sie fragen, was wir machen. Generell gehören wir aber den Vollblut-Musikern an. Viele Musiker aus meinem Umfeld sind studiert und/oder jahrelange Autodidakten, die auf professionellem Niveau spielen und zwar aus Leidenschaft, enthusiastisch und songorientiert. Da ist es egal, welche Musik man macht, solche Leute gibt es in allen Bereichen. Nichts außer Musik im Kopf, immer im Studio, immer am Schreiben und Tüfteln und Experimentieren. Zu diesen Leuten würde ich uns gerne zählen.

Zum Abschluss würde ich dich noch bitten, am klassischen Metal1-Brainstorming teilzunehmen. Was fällt dir als erstes ein, wenn du folgende Begriffe hörst:
Sommer: Flash
Goethe: Schule
Shoegaze: Flash
Traum: Drugs
Zukunft: Weird

Vielen Dank, dass Du die Zeit gefunden hast, meine Fragen zu beantworten. Die letzten Worten gehören dir:
Sorry, dass es so lang gedauert hat mit den Antworten und danke für das Interview. War mal cool, mit etwas Abstand eins zu geben. Ich hoffe, dass ich den ein oder anderen auf unserer Tour treffen werde. Checkt doch mal die Dates!

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