Interview mit Mellwin „Hellraiser“ Ritoe von Morrighon (Suriname)

Dass Metal in Brasilien ein großes Ding ist, ist kein Geheimnis. Aber wie steht es um den Metal im 50mal kleineren Nachbarstaat, Suriname? Mellwin „Hellraiser“ Ritoe von den Groove-Metallern MORRIGHON steht im 16. Teil unseres Specials „Metallisierte Welt – auf den Spuren einer Subkultur“ Rede und Antwort.

Metal ist in Südamerika ein großes Ding – reicht diese Begeisterung bis nach Paramaribo, die Hauptstadt von Suriname, mit ihren knapp 240.000 Einwohnern?
Ja, wir haben hier auch eine Metal-Szene. Leider halt nicht sehr groß: Meinen Erfahrungen nach würde ich sagen, die Szene besteht aus 200, vielleicht 300 Leuten. Damit kann ich falsch liegen, aber so sehe ich das. Die Szene wächst zwar nur langsam, aber es kommt gerade eine neue Generation Metalheads nach, das ist das Positive.

Wie bist du selbst mit Metal in Berührung gekommen?
Ich denke, daran ist mein Vater schuld.
(lacht) In den 80ern habe ich in Belgien gelebt – mein Vater hat dort ein paar Jahre studiert. An den Wochenenden hat er Oldschool-Rock gespielt, daran habe ich Gefallen gefunden – Songs von Bands wie Bad Company, Led Zeppelin, Kiss, Deep Purple, Uriah Heep und so weiter. Ich erinnere mich noch, all die Rockbands wie Europe, Bon Jovi, Scorpions damals im Fernsehen gesehen zu haben. Die waren damals ja alle ständig im Fernsehen, nachdem sie einen Hit nach dem anderen herausgebracht haben. Das hat definitiv etwas in mir entfacht. Mein Interesse an Rock-Musik ist über die Jahre immer weiter gewachsen. Zurück in Suriname hat sich das intensiviert, als ich Mitte der 90er angefangen habe, ein lokales Rock/Metal-Programm namens „Headbangers Ball“ zu hören. Darüber bin ich dann mit dem echten Metal in Berührung gekommen.

Morrighon - CoverHat deine Liebe zum Metal Einfluss auf deinen Alltag und darauf, wie sich die Leute dir gegenüber verhalten, oder ist es in Suriname ganz normal, Metal zu hören?
Ja, definitiv. Ich selbst habe angefangen, die Dinge im Leben anders zu sehen, es hat mich rebellischer gemacht. Ärger mit anderen hatte ich nicht viel, um ehrlich zu sein, bis in unserer Gemeinschaft etwas Tragisches passiert ist, das zu einigen Selbstmorden führte. Danach fingen alle an, uns Metalheads als Verdächtige zu behandeln. Der erste Teenager, der sich aufgehängt hat, war Marilyn-Manson-Fan. Als sie seine Leiche gefunden haben, fand die Polizei in seinen Taschen Texte von Marilyn Manson. Danach haben innerhalb von zwei Wochen mehrere Teenager Selbstmord begangen. Die Polizei hat dann behauptet, es gäbe eine Art satanistische Sekte in unserem Land, die dafür verantwortlich sein. Und die Mitglieder dieser „Sekte“ waren schnell ausgemacht, weil sie nur schwarze Kleider tragen, Nietenarmbänder, Schädelringe und dergleichen und natürlich Metal hören. Sie bezichtigten alle Metalheads, Teil dieser satanistischen Sekte zu sein. Seitdem fangen die Leute an, dich als Teufelsanbeter zu beschimpfen, wenn sie erfahren, dass du Metal hörst – sie halten dich für ein Mitglied dieser Sekte!

Und was denken deine Freunde und Verwandten über deine Leidenschaft?
Meine Freunde und die aus der Familie, die davon wissen, machen keine große Sache daraus. Und die, die es noch nicht wissen, müssen es auch nicht erfahren.
(lacht)

Oft wird Metal mit Rebellion gegen die Gesellschaft oder das System verknüpft – was bedeutet es in Suriname, Metalhead zu sein?
Das ist hier zum Glück nicht so, soweit ich das beurteilen kann. Für mich bedeutet Metalhead sein nichts anderes, als jeden Tag diese einzigartige Musik zu lieben. Ich brauche keine Drogen und keinen Alkohol um zu zeigen, dass ich Metalhead bin.

Wie steht es um das Metal-Angebot in Paramaribo? Gibt es Läden für Musik und Merchandise?
Früher gab es ein paar Läden, die ein bisschen Metal-Merchandise verkauft haben – was Musik angeht, bekommen wir fast alles aus dem Internet.

Gibt es in Suriname auch Liveshows, von Underground-Bands, aber vielleicht auch internationalen Acts?
Ab und an gibt es in Suriname Konzerte, ja – manchmal sogar mit dem Gastauftritt einer internationalen Band. Ich würde mir wünschen, hier auch mal ein paar größere Bands zu sehen, aber das wird nicht passieren, wenn deine lokale Szene so klein ist wie unsere hier in Suriname.Morrighon Band

Du selbst hast vor 15 Jahren eine Band gegründet, MORRIGHON. Ist es schwer, die Band bei einer so kleinen Szene am Leben zu halten?
Ja, definitiv! Es ist wirklich nicht einfach, hier eine Band so lange aktiv zu halten. Aber der Schlüssel ist, deine Bandmitglieder gut zu kennen. Du musst wissen, was ihnen an der Band liegt. Du musst wissen, ob sie bereit wären, das mit dir durchzuziehen. Du musst die Ziele und Absichten eines jeden in der Band respektieren. Wir hatten auch ein paar Hoch- und Tiefpunkte, manchmal mussten auch Bandmitglieder durch „frisches Blut“ ersetzt werden. Das war eine schwierige Entscheidung, aber notwendig.

Metal-Archives führt nur zwei Bands aus Suriname – macht dich das traurig oder stolz?
Tatsächlich gibt es in Suriname mehr als zwei Bands, die Metal spielen. Dazu kommen die Bands, die gerade entstehen und sich erst noch zeigen müssen. Insofern macht es mich stolz, Teil dieser Szene zu sein.

Was bedeutet es, in Suriname in einer Metalband zu spielen?
Es ist schon schwierig, einen Proberaum zu finden. Manchmal ist schon die Polizei gekommen und hat unsere Probe beendet. Dann haben wir eine heruntergekommene, alte Bar weit außerhalb der Stadt gefunden, wo wir über Jahre geprobt haben. Jetzt können wir glücklicherweise daheim proben. Um an Equipment zu kommen, brauchst du vor allem Geld – ansonsten kann man sich manchmal auch Instrumente oder Verstärker von Freunden leihen. Früher war es zudem auch schwer, etwas aufzunehmen – aber jetzt haben wir ein angemessenes Studio, in dem wir unsere Musik aufnehmen können. Was Konzerte angeht, war es früher einfach, eine passende Location zu finden – jetzt ist das etwas schwieriger geworden, aber nicht unmöglich.

War es einfach, Musiker für die Band zu finden?
An sich nicht. Die Szene ist sehr klein, man kennt fast jeden und weiß, was er kann oder eben nicht. Schwieriger ist, herauszufinden, ob sie die gleiche Leidenschaft, die gleichen Ziele und Absichten teilen, die du mit der Band verfolgst.

Seid ihr mit anderen Metalheads ausserhalb von Suriname vernetzt?
Ja, ich habe Kontakt zu anderen Metalheads aus der Karibik, aus den USA, Südamerika und auch Europa.

morrighon 02Letztes Jahr habt ihr eure erste Platte veröffentlicht – nach 15 Jahren Bandbestehen. Was hat euch so lange aufgehalten?
Als wir vor 15 Jahren angefangen haben, waren wir alles Studenten, niemand hatte Geld. Aufnahmen standen nicht zur Debatte. Wir mussten erst hart arbeiten, um das nötige Budget zusammenzubekommen. Nach ein paar Jahren haben nur noch zwei Bandmitglieder auf dieses Ziel hingearbeitet – die anderen haben sich lieber auf ihr Studium konzentriert, was ja auch OK ist. Als wir dann das nötige Geld zusammengespart hatten, fingen wir an, Equipment und Instrumente zu kaufen – das hat die Aufnahmen dann wieder in weite Ferne gerückt. 2012 haben wir dann angefangen und versucht, ein paar Songs aufzunehmen. Diesen Anlauf mussten wir dann wegen Problemen in der Band auf Eis legen. Nach unserem Jubiläumsgig zum zehnjährigen Bandbestehen und einem Trip nach Trinidad und Tobago kamen wir dann zu dem Schluss, dass es jetzt an der Zeit sei, die Aufnahmen wieder in Angriff zu nehmen – und zwar diesmal professionell! Im Dezember 2013 war es dann soweit. Die Aufnahmen gingen dann über das ganze Jahr 2014, im Januar 2015 waren wir schließlich fertig.

Verkaufen sich CDs in Suriname noch, oder was hat euch all die Jahre motiviert?
Ja, hier gibt es schon noch ein paar Leute, die Musik auf CDs haben wollen und sich Alben kaufen. Aber vor allem wollten wir die Musik endlich hören können, die wir all die Jahre im Proberaum gespielt haben. Wir wollten unser eigenes Album, mit unserem eigenen Cover in den Händen halten. Es gibt kein schöneres Gefühl als das, wenn du mit deiner Band ein solches Ziel erreichst! Wir haben auch nur 100 Kopien für den Verkauf hergestellt, für die Leute, die uns so unterstützen wollen.

Welche Bands haben euch inspiriert?
Am Anfang standen die Scorpions. Aber die wirklichen musikalischen Einflüsse waren dann später Bands wie Marilyn Manson, Cradle Of Filth, Dimmu Borgir … und eine frühere lokale Band, Cryptic Soul.

Wie stehst du zu traditioneller Musik aus Suriname? Auch ein Einfluss auf MORRIGHON?
Nein, beim besten Willen nicht. (lacht) Nein, wirklich – traditionelle surinamesische Musik klingt in meinen Ohren nach Folter
.

Morrighon

Was war deine intensivste Erfahrung im Bezug auf Metal?
Als erste Metal-Band aus Surinami im Ausland gespielt zu haben. Das über die Bühne zu bringen, war viel harte Arbeit und wir mussten viele Opfer bringen. Aber wir haben uns selbst beeindruckt! Wir waren höllisch müde, hatten fast 24 Stunden Autofahrt hinter uns, und dann nur zwei Stunden Zeit zum schlafen … aber wir haben die Show erfolgreich absolviert – das war wirklich sehr intensiv!

Was bedeutet für dich das Metal-Zeichen, die „Devilhorns“?
Kraft! Für mich ist das der ultimative Gruß, die absolute Respektsbekundung, die du einer Band oder deiner Zuhörerschaft entgegenbringen kannst!

Vielen Dank für Zeit und Antworten! Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Iron Maiden:
Eddie! Und ihre Boeing 747! Das ist wirklich mal beeindruckend.
Metal: ein Leben lang!
Suriname: Dem Untergang geweiht! (lacht) Nein, ernsthaft … dieses Land ist momentan wirklich am Ende. (lacht)
Facebook: Abhängig! Die Spiele sind schuld! (lacht)
MORRIGHON in zehn Jahren: Gesund und munter!

Die lezten Worte gehören dir:
Vielen Dank für das Interesse – an alle Leser da draußen, schaut auf unserer Facebook-Seite vorbei! Auf Reverbnation gibt es außerdem unser komplettes Album im Stream und ein paar Downloads. Bleibt gesund und positiv – und bleibt dem Metal treu!

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