PONTE DEL DIAVOLO haben einen kurzen, aber eindrucksvollen Weg hinter sich. 2020 in Turin gegründet hat es die Band innerhalb von fünf Jahren zu großer Bekanntheit gebracht. Im Rahmen der Veröffentlichung ihres großartigen zweiten Albums „Venom De Natura“, sprachen wir mit Kratom (Bass) und Erba Del Diavolo (Gesang) über die Natur als Inspiration, zwei Bässe im Line Up, musikalische Prägung und das neue Album.

Hallo, und vielen Dank, dass ihr euch die Zeit nehmt.
Kratom: Danke, dass ihr uns eingeladen habt!
Wenn man sich die Natur heutzutage ansieht – was, glaubst du, würde sie uns sagen, wenn sie eine Stimme hätte?
Kratom: Da ich alles, was existiert, als Teil der Natur betrachte, den Menschen eingeschlossen, schätze ich, dass sie uns bereits laut und deutlich sagt, dass wir nicht in die richtige Richtung gehen, wenn wir zusammen existieren wollen

PONTE DEL DIAVOLO wurden in einer ziemlich schwierigen Zeit für die gesamte Menschheit gegründet. Wie erinnerst du dich an diese Phase?
Erba: Ja, die Zeit war schwierig, aber soweit es mich betrifft, fiel sie mit einem heiklen Moment in meinem Leben zusammen, in dem zu Hause zu bleiben, die Scherben aufzusammeln und zu komponieren sich tatsächlich als das Beste herausstellte, was mir hätte passieren können. Ich war gezwungen, lange Zeit allein mit mir selbst zu sein, in Stille. Musik war gewissermaßen meine Muse, und dafür bin ich dankbar.
In welchem Ausmaß hat die Pandemie eure ersten musikalischen Schritte als PONTE DEL DIAVOLO beeinflusst?
Erba: In die Einsamkeit gezwungen zu werden, in so einer unnatürlichen Situation, hat unweigerlich eine neue, rohe und kraftvolle Form von Kreativität entfesselt.
Entweder das – oder Depression. Die Themen, die wir erforschen, werden von mentalen Triggern befeuert, und diese Erfahrung war zweifellos einer davon.
Wenn wir gerade dabei sind: Wenn du in deine persönliche Vergangenheit zurückblickst – was sind deine frühesten musikalischen Erinnerungen?
Kratom: Ich war schon als Kind immer sehr leidenschaftlich, was Musik angeht. Ich erinnere mich daran, dass ich den ganzen Tag die Platten meiner Eltern gehört habe, zum Beispiel QUEEN und THE BEATLES, und so getan habe, als würde ich in meinem Wohnzimmer Live-Shows spielen. Diese Leidenschaft wurde einfach immer stärker.
Erba: PINK FLOYD sind seit den frühesten Tagen meiner Kindheit der Soundtrack meines Lebens; ich hatte das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, die eine bestimmte Art von Musik immer geschätzt hat.
Wie würdet ihr die Natur eurer Musik beschreiben?
Kratom: Ich würde sagen, „Freiheit“ fasst es ziemlich gut zusammen. Wir haben keine Angst, dorthin zu folgen, wohin uns unser innerer Funke führt.
Erba: Ja, Freiheit reicht.
Bevor ihr Anfang 2024 euer Debütalbum „Fire Blades From The Tomb“ veröffentlicht habt, hattet ihr bereits drei EPs im Katalog. Etwa ein halbes Jahr nach dem Debüt-Release habt ihr diese EPs als Sammlung unter dem Titel „TRE – The EP Collection“ neu aufgelegt. Wie kam es dazu?
Kratom: Die ursprüngliche Pressung der ersten drei EPs war sehr limitiert und außerdem, was den physischen Tonträger angeht, nicht auf die beste Art gepresst. Alle drei waren ziemlich schnell ausverkauft und wir haben gesehen, dass sie auf Discogs und so weiter zu unvernünftigen Preisen weiterverkauft wurden, also haben wir entschieden, dass es für alle am besten ist, sie ordentlich neu pressen zu lassen.

„Venom De Natura“, euer zweites Album, ist sogar noch vielfältiger als euer Debüt. Was hat euch bei dieser Platte – musikalisch und thematisch – inspiriert?
Kratom: Ich habe das Gefühl, dass die Samen dafür, wie diese zweite Platte klingt, schon im Debüt vorhanden waren. Sie sind nach diesen 2 Jahren Touren und Zusammensein einfach aufgeblüht. Wenn man anfängt, viel zusammen zu spielen, beeinflusst das wirklich, wie man an Musik herangeht und wie man in der Band miteinander interagiert. Alles fühlt sich natürlicher und direkter an. Wir haben definitiv stärker auf die Post-Punk/Wave-Komponente gedrückt, und wir haben auch versucht, organischere Songstrukturen zu machen. Thematisch gesprochen kam die Inspiration aus dem Beobachten der Welt um uns herum. Wir leben in ziemlich wilden Zeiten, oder?
Sprechen wir über die Musik selbst. Was ist dir wichtiger: ein strukturierter Ansatz beim Komponieren oder kreativer Flow?
Kratom: Ich schätze, irgendwo in der Mitte. Jeder von uns arbeitet zu Hause an seinen Riffs und dann jammen wir im Proberaum gemeinsam darauf, um zu sehen, wohin sie uns führen. Natürlich muss man die Dinge manchmal zu Ende bringen um eine Struktur zu entwickeln und weiter zu kommen, aber bis heute ist es noch nicht passiert, dass jemand mit einem Song reinkam, der von Anfang bis Ende fertig geschrieben war.
Eure Musik wird von zwei Bassgitarren getragen. Was ist die Intention hinter dieser Line-up-Entscheidung?
Kratom: Es war Erba del Diavolo, die die Idee für ein neues Doom-Projekt mit zwei Bässen hatte. Sie hat uns kontaktiert und nach ein paar gemeinsamen Jams haben wir gemerkt, dass da etwas Interessantes Gestalt annimmt. Auf „De Venom Natura“ haben wir viel daran gearbeitet, den Sound der beiden Bässe auf eine befriedigende Art zu verschmelzen. Wir sind sehr glücklich mit dem Ergebnis, aber wir arbeiten auch ständig daran, um unseren Ansatz zu verbessern.
Außerdem machen zwei Bässe das Komponieren viel interessanter und unkonventioneller.
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Wie sieht der Produktionsprozess bei PONTE DEL DIAVOLO aus?
Kratom: In gewisser Weise habe ich diese Frage schon vorher beantwortet. Ich füge nur hinzu, dass es keine spezifische Formel gibt, die wir wieder und wieder anwenden. Vielleicht ist Weed die einzige Konstante im Produktionsprozess
Gab es im Vergleich zu eurem Debüt so etwas wie eine „kreative Agenda“ für „Venom De Natura“? Irgendetwas, von dem ihr wusstet, dass ihr es dieses Mal anders machen wolltet?
Kratom: Wir wollten definitiv mehr am Gesamtsound arbeiten und jedes Instrument herausstechen lassen, und wir wollten die rohe Energie unserer Live-Shows beibehalten.
Eure Musik klingt sehr erdig und authentisch. Im Kontrast dazu fühlen sich viele Produktionen heute uniform, „aufgeblasen“ und überproduziert an. Beobachtest du das auch – und wie ist deine Haltung dazu?
Kratom: Danke. Das war eine bewusste Entscheidung von uns. Ich habe das Gefühl, dass man manchmal, wenn man etwas überproduziert, ihm ein Stück Seele nimmt. Kleine „Imperfections“ machen Musik echter, und wenn ich solche Dinge auf einer Platte höre, macht es es mir meist leichter, auf einer tieferen emotionalen Ebene eine Verbindung dazu aufzubauen. Das gesagt, gibt es Genres, die einen überproduzierten Sound verlangen, wie Tech-Death-Metal. Also würde ich nicht sagen, dass ich dagegen bin, aber es wäre nicht die richtige Wahl gewesen, um unsere Musik zu repräsentieren
Ist der moderne Zeitgeist Gift oder Heilung für die Szene?
Kratom: Ich bin nicht sicher, worauf du dich beziehst, aber für mich sieht es so aus, als sei die Underground-Szene lebendig und gesund, mit vielen großartigen Bands, sowohl alten als auch neuen, die die Flagge hochhalten.
Apropos Gift: Die Welt scheint an vielen Orten im Chaos zu sinken. Was wäre deiner Meinung nach das Gegengift?
Kratom: Für mich ist es so einfach und doch kompliziert. Jeder von uns muss erkennen, dass jede Handlung, die wir tun, selbst die kleinste, eine Wirkung auf das gesamte System um uns herum hat. Es ist das Gesetz von Aktion/Reaktion. Sei dir bewusster darüber, was du jeden Tag tust. Triff bewusste Entscheidungen. Es klingt wirklich einfach, aber wir alle wissen, dass diesen Weg zu gehen nicht einfach ist.
Erba: Vielleicht gibt es kein Gegengift. Vielleicht ist die menschliche Natur einfach so: ein seltsamer, hungriger Blob aus Leben, der einander frisst. Alles verschlingt, was in Reichweite ist. Du kannst dich dem ergeben. Dem Gesetz des Stärksten (des Reichsten), was ja gerade zu passieren scheint. Oder du kannst dagegen ankämpfen. Gegen den instinktivsten, tierischen, biologischen Teil deiner selbst. Füttere stattdessen etwas anderes: Mut. Schönheit. Akzeptanz von Veränderung. Das Leben selbst. Das ist der Weg, den ich liebe. Niemand sagt mir, was ich zu tun habe. Nicht einmal die Natur des Menschen, wenn es Repression, Angst und Sklaverei bedeutet.
Ich würde außerdem präzisieren, dass ich nicht glaube, dass Menschen die stärksten oder intelligentesten Tiere sind; wir sind die widerlichsten, die blindesten. Menschen opfern Freiheit für einen Anschein, einen falschen, von Sicherheit, die es in Wirklichkeit nicht gibt, weil du morgen sterben kannst.
Vielleicht ist „Delta-9 (161)“ eine kleine, entspannte Flucht dem Irrsinn und der Routine des Alltags. Rennt der Teufel jetzt also mit einem Joint über seine Brücke? Oder anders gesagt: Cannabis als Antithese zum Chaos?
Kratom: Der Song kann auf eine eher spaßige und leichtere Art betrachtet werden, aber er ist auch relevant für das Konzept von Gift, das sich durch die ganze Platte zieht. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie etwas, das aus der Natur kommt, sowohl als giftig als auch als Heilmittel gilt. Es löst einen transformierenden Prozess in dir aus, und es liegt wirklich an dir, was du damit machst. Das gesagt: Uns gefiel die Idee, den ersten Teil wie ein Mantra klingen zu lassen. Du kannst sagen, es bezieht sich auf die Einnahme der giftigen Substanz, und der zweite Teil ist diese giftige Substanz, die ihr volles Potenzial entfesselt.
Das Leben auf Tour war für euch seit eurer Gründung alles andere als entspannt. Ein Highlight muss euer Auftritt beim ROADBURN FESTIVAL gewesen sein. Wie erinnerst du dich an diese Show?
Kratom: Das war ganz sicher eines der Highlights vom letzten Jahr. Ich würde sagen, dass die eklektischen Genres der Bands und der Besucher des Festivals sehr gut zu unserer Musik gepasst haben. Außerdem hatten wir die Möglichkeit, ein Double-Set zu spielen und Davide Straccione bei „The Weeping Song“ dabei zu haben, als wir „Fire Blades From The Tomb“ in Gänze gespielt haben, was alles noch spezieller gemacht hat.
Und wie war euer allererstes Konzert?
Erba: Unser erstes Konzert war natürlich in Turin. Es war unglaublich, weil wir dank der Pandemie und dem, was wir online gestellt hatten, während wir nicht live spielen konnten, bereits eine Fanbase hatten, die unsere ersten Songs kannte und mitsang. Alle waren zu Hause, am Internet festgeklebt, auf der Jagd nach allem Neuen, und da waren wir, Teil dieser Suche. Natürlich war die Pandemie ein bisschen traumatisch, aber wie ich dir schon vorher gesagt habe, hat sie auch eine Rolle dabei gespielt, uns zu formen.
Ihr seid live ein sehr intensives Erlebnis. Gibt es Dinge, die euch während und/oder vor euren Shows wichtig sind? Irgendwelche Pre-Show-Rituale oder bestimmte Elemente auf der Bühne?
Kratom: Danke! Ich glaube nicht, dass wir ein Pre-Show-Ritual haben, außer vor dem Auf-die-Bühne-Gehen aufs Klo zu gehen haha.
Durch das Spielen auf Festivals haben wir ziemlich schnell gemerkt, dass man in Sachen Professionalität wirklich einen Gang hochschalten muss. Meistens hat man nur sehr wenig Zeit, um sich vorzubereiten und seine Line-Checks zu machen, also muss man vorher bereit und wach sein. Weed nach dem Set rauchen, nicht davor!

Worauf freut ihr euch 2026 besonders – live oder kreativ?
Kratom: Ich freue mich so sehr darauf, Live-Shows zu spielen und das neue Material unterwegs zu spielen! Wir sammeln bereits ein paar Ideen für die nächste Platte, aber es ist wirklich zu früh, darüber zu sprechen, der Prozess hat gerade erst begonnen.
Vielen Dank für eure Zeit. Zum Abschluss hier unser Metal1-Brainstorming:
Weedness oder Weirdness: Weird sein auf Weed
Devil: Ja, bitte
Ozzy Osbourne: Bedingungslose Liebe
Bridges: Baut sie, verbrennt sie nicht
PONTE DEL DIAVOLO in 10 Jahren: Ein Kult
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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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