Interview mit Ron Paustian von Inklusion muss laut sein

„In Metal We Are United“: Unter diesem Motto gründete RON PAUSTIAN 2010 das Online-Magazin New-Metal-Media für gehandicapte Metalfans. Außerdem ist er Kopf des Projekts „Inklusion muss laut sein“, das sich für Barrierfreiheit einsetzt und mit einigen namhaften Veranstaltern zusammenarbeitet. Mit uns sprach er über seine eigene Behinderung, seine Arbeit im Allgemeinen und aktuelle Entwicklungen der deutschen Festival-Landschaft.

Wir würden gerne das Erleben von Menschen mit Behinderung innerhalb der Szene beleuchten. Erzähl uns doch bitte zunächst etwas über deine persönliche Geschichte.
Wo meine Behinderung herkommt, ist schwer zu sagen, da ich eine psychische Behinderung habe. Schizophrenie und Angstzustände begleiten mich nun schon seit über 20 Jahren und sind für mich normal geworden. Auch wenn viele immer noch ihre Behinderungen verstecken, jedenfalls in dem Bereich gibt es eigentlich keinen Grund dazu.

Inwiefern hat sich dein Leben durch deine Behinderung verändert? Gab es beispielsweise Probleme mit deinem Arbeitgeber oder innerhalb deines Familien- bzw. Bekanntenkreises?
Ohje, das ist eine schwere Frage. Von meinen Freunden, die ich von früher kenne, ist nur ein kleiner Teil übrig geblieben. Nun ist es ja so, dass auch heute noch viele Vorurteile herrschen, aber alle die mich heute kennen, wissen was ein Schizo so macht, denn sie kennen mich ja nur so wie ich jetzt bin. Zudem ist an dieser Behinderung nicht alles schlecht, denn sie lässt den Kopf arbeiten und man bekommt völlig „verrückte“ Blickwinkel. Das ist keine Werbung für eine psychische Erkrankung, sondern einfach so wie es ist.

Metal ist in vielen Bereichen eine aggressive und oftmals kampf- bzw. kriegsbetonte Musikrichtung. Was sind deine eigenen Erfahrungen innerhalb der Szene? Stößt du eher auf Akzeptanz oder Ablehnung?
Auch hier gibt es keine pauschale Antwort. Ich kann nur sagen in den letzten 20 Jahren hat sich viel verändert. Auch im Metal wurden Rollstuhlfahrer auf Konzerten nicht immer fair behandelt, aber ich glaube das liegt nicht an der Musikrichtung, sondern einfach an der Einstellung der Fans. Heute ist es einfacher geworden, aber es ist immer noch nicht ideal. Man kann viel verbessern. Die Musik hat sich ja auch entwickelt und viele Bands nehmen ihre Fans heute ganz anders wahr.


Und was war rückblickend deine prägendste Erfahrung, die Metal und das Thema Behinderung miteinander vereint?

Das prägendste waren wohl die Schwierigkeiten mit Locations und Veranstaltern, als ich anfing. Nicht alle waren offen für das Thema, viele hatten sich noch gar nicht damit beschäftigt. Zudem erhielt ich den „guten“ Rat, die Sache einzustampfen, es würde keine Sau interessieren. Dieser weise Ratschlag kam von einem Veranstalter, der heute nicht mehr tätig ist. Zudem gab es bei Bands immer wieder die Ausrede, sie hätten ja keine behinderten Fans oder würden keine auf ihren Konzerten sehen. Die Gegenfrage von mir war dann immer, wie sollen die auch zu euren Konzerten kommen, der Laden hat Stufen und keine Rampe.

Dein Projekt New Metal Media, ein Online-Magazin von und für Menschen mit Behinderung wurde 2010 gegründet. Welche Beweggründe standen dahinter, welche Ziele verfolgt ihr und was sind die wichtigsten Aspekte an dieser Arbeit für dich?
New Metal Media geht sogar auf 2009 zurück, damals hatte ich eine Idee – aber eigentlich war es am Anfang reiner Egoismus, denn ich selber wollte wissen wie ich ein Konzert meiner Lieblingsband besuchen kann, aber fand keine Informationen darüber. So kam das Ganze ins rollen. Wir wollten schon früh allen Behinderten und Fans eine Plattform für Konzertbesuche bieten. Heute betreibt mein langjähriger Unterstützer und Freund Patrick das Magazin.

New Metal Media wurde unter anderem 2013 und 2014 für den deutschen Bürgerpreis „für mich. Für uns. Für alle.“ und für „Helferherzen“, dem dm-Preis für Engagement, vorgeschlagen. Wie fühlte sich das für dich an, auf diese Weise Anerkennung zu erfahren?
Es fühlt sich gut an, aber eine Nominierung ist eben nicht alles. Natürlich hätten wir auch gerne den ein oder anderen Preis gewonnen, aber meistens stand die Musik dem im Weg. Wir haben in all den Jahren viele Rampen, die man von so einem Preisgeld hätte anschaffen können aus eigener Tasche bezahlt. Aber es ist schon nicht schlecht, überhaupt erwähnt zu werden.

Du bist außerdem auch Kopf des Projekts „Inklusion muss laut sein“, das sich für eine barrierefreie Teilhabe am öffentlichen Leben einsetzt. Auf welche Weise verfolgt ihr eure Ziele und wie möchtet ihr diese umsetzen?
Ich beschränke hier meine Antwort auf den Musikbereich, da es sonst wirklich zu umfangreich wird. Wir beraten Festivals und Locations zum Thema Barrierefreiheit, Barrierearmut und Teilhabe. Wir stellen Fans mit Behinderungen Begleiter und Assistenten an die Seite. Zur Zeit sind für uns etwa 1000 ehrenamtliche Helfer in ganz Deutschland tätig. Zudem betreiben wir Aufklärung, setzen uns mit Veranstaltern zusammen und finden eine Lösung bei Problemen.

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2017 und die Erklärung des Ziels Inklusion der UN-Behindertenrechtskonvention liegt neun Jahre zurück. Was brauchen Menschen mit Behinderung deiner Meinung nach um dieses Ziel auch in der Realität umzusetzen?
Noch eine ganze Menge und gerade jetzt mit dem vermasselten Bundesteilhabegesetz ist es nicht einfacher geworden. Viele sehen es immer so, dass Behinderte auf Konzerten bevorzugt werden, sie bekommen Podeste oder eigene Sitzplätze, dürfen eine Begleitperson mitnehmen usw. Aber das ist ja keine Inklusion, keine wirkliche Teilhabe, denn kleine Hürden erschweren den Alltag und auch den Besuch von Veranstaltungen. So sind selten Gebärdendolmetscher außerhalb von Veranstaltungen für Hörgeschädigte anwesend. Viele Internetseiten verfügen weder über eine Audiofunktion noch über eine Schriftvergrößerung. Selbst Alternativtexte für Blinde sind nicht vorhanden. Von leichter oder vereinfachter Sprache möchte ich hier gar nicht anfangen. Um wirklich die UN-Konventionen umzusetzen müssten erst einmal solche Dinge geregelt werden, denn in den Konventionen ist auch das Recht auf Information verankert. Teilhabe ist eben nicht nur der Besuch eines Konzertes, sondern erstreckt sich auf sehr viele Lebensbereiche.

Viele Festivalveranstalter haben sich meiner Einschätzung nach in den letzten Jahren dem Thema Menschen mit Behinderung gewidmet und die Möglichkeiten für diese Besucher deutlich verbessert. Siehst du das auch so? Wo ist eventuell noch Verbesserungsbedarf?
Auch hier ein gewaltiges Naja. Natürlich hat sich sehr viel auf den Festivals getan, aber auch hier besteht noch sehr viel Handlungsbedarf. Ein Podest ist eine schöne Sache und auch behindertengerechte Duschen oder Toiletten. Aber es kommen nicht nur Rollifahrer zu Festivals, sondern auch blinde und hörgeschädigte Fans, diesen müsste auch Rechnung getragen werden. Das Thema ist schwierig, weil du eben nicht alles auf einmal umsetzen kannst. Ich denke bis alle Festivals und Veranstalter wirklich inklusiv arbeiten vergehen noch ein paar Jahre. Aber es ist besser geworden, ohne Zweifel.

Was würdest du unseren Lesern, die eventuell Berührungsängste haben oder mit dem Thema Behinderung nur am Rand konfrontiert wurden, in diesem Bezug raten? Wie kann jeder seinen Teil zur Inklusion beitragen?
Berührungsängste hat man immer dann, wenn man eine Situation nicht kennt. Behinderte, egal welcher Art, beißen nicht. Wir trinken auf den Festivals genauso unser Bier, feiern gute Musik ab und haben Spaß. Behandelt jeden einfach so, wie auch ihr behandelt werden wollt. Wenn es Fragen gibt, fragt. Nur wer fragt, erhält eine Antwort.


Die Toten Hosen veröffentlichten auf ihrem Album „Unsterblich“ im Jahr 1999 den Titel „Lesbische, schwarze Behinderte“, der propagiert, dass auch Randgruppen ätzend sein können. Was ist deine Meinung zu dem Song?

Der Song drückt genau das aus, was eigentlich wichtig ist. Wobei, es gibt keine Randgruppen. Wir sind alle Teil der Gesellschaft und als solcher Teil sollte jeder gleich behandelt werden. Wer sich wie ein Arsch verhält, dem muss auch gesagt werden, dass es nicht okay ist. Denn die Behinderung oder die Herkunft, das Geschlecht, eine sexuelle Neigung oder eine Religion sind kein Freifahrtschein um sich wie der letzte Honk zu benehmen. Wir wollen Inklusion, das heißt aber nicht, dass man jemanden auf ein Podest hebt und ihn immun gegen Kritik macht, sondern dass er/sie die gleichen Chancen und Rechte bekommt, aber auch Pflichten hat. Eben ein ganz normales Leben.

An dieser Stelle danke ich dir für das Interview. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich das Interview an dieser Stelle gern mit dem traditionellen Metal1.info-Brainstorming beenden. Was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein:
Bier:
Malzbier, von allem anderen werde ich immer so lustig.
Dein Lieblingsalbum: Helloween – Keeper Of The Seven Keys Part I
Werkstätten für behinderte Menschen: In der richtigen Umsetzung nicht schlecht, aber der erste Arbeitmarkt sollte wichtiger sein.
Iron Maiden: „The Number Of The Beast“ stundenlang hoch und runter gehört.
Donald Trump: Überbewertet
Inklusion in zehn Jahren: Hoffentlich überflüssig, weil zur Normalität geworden

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Support the Underground und besucht örtliche Konzerte.