Interview mit Filia Jungfer von Narrengold

Im ersten internationalen Teil unserer Serie „Frauen im Folk“ spricht Sackpfeifenvirtuosin FILIA JUNGFER von NARRENGOLD über ihre Heimat Wien, die Unterschiede zur deutschen Mittelalterszene, wie sie zur Rampensau wurde und warum sie oft gerne Chefin ist.

Hallo Filia! Willkommen bei unserer Interview-Reihe „Frauen im Folk“. Mit dir als Wienerin starten wir sozusagen den internationalen Teil der Serie. Stell dich doch bitte kurz vor für alle, die dich nicht kennen.
Ja hallo, vielen Dank, ich fühle mich geehrt! Ich bin die Filia. Filia Jungfer. Meistens sehr gerührt, selten geschüttelt. Ich spiele Dudelsack bei der Mittelalter-Folkrock-Band Narrengold. Ich mach das eigentlich nur, um Groupies abzuschleppen.

Woher stammt dein Pseudonym?
Das Wort „Filia“ hab ich aus meinem geliebten Latein-Unterricht in der Schule mitgenommen. Es bedeutet „Tochter“, und das stimmt für mich ja irgendwie auch. Über den Part mit der Jungfer kann man mittlerweile streiten.

Wie würdest du die österreichische Folk- und Mittelalterszene beschreiben?
Die österreichische Mittelalterszene ist naturgemäß ein bisschen kleiner als ihr deutsches Pendant, trotzdem können sich schon mal 30.000 Leute auf einem Fest zusammenrotten. Die typischen Mittelalterfest-Besucher in Österreich sind Familien und junge Erwachsene in Partylaune. Der wohl größte Unterschied zu Deutschland ist, dass der Band-Kult weniger stark ausgeprägt ist. Richtige Mitterlalter-Musikfestivals sind bei uns eher selten.

(c) Melitta Schmutzer

Narrengold gibt es seit mittlerweile über zehn Jahren. Du bist von Anfang an dabei. Was würdest du sagen, wie habt ihr euch – und besonders du dich mit deinem Alter Ego – in dieser Zeit entwickelt?
Ja, tatsächlich haben wir 2020 unser 10jähriges Bühnenjubiläum, und sind mächtig stolz auf unser „Baby“. Wir haben die Band als Trio gestartet, und treten seit 2015 vermehrt in Folkrock-Besetzung zu fünft auf. Früher haben wir mit akustischen Instrumenten unverstärkt auf Mittelaltermärkten quasi in jeder Ecke gespielt. Heute spielen wir meist auf Bühnen mit voller Verstärkung und liefern fette Abendshows. Das ist schon mal sehr geil! Da genießt man als Musiker die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Ab und zu werden wir immer noch für einen „Back-to-the-roots“-Gig zu dritt gebucht, was wir natürlich auch gerne machen. Mit unverstärkten, akustischen Instrumenten stößt man aber leider irgendwann an eine maximal beschallbare Menge an Publikum. Wir können auch zu dritt rocken – zu fünft macht es aber definitiv mehr Spa.
Ich würde sagen, Filia Jungfer hat sich recht schnell von einem schüchternen Mäuschen zu einer echten Rampensau entwickelt. Die supernette Mittelalter-Community bietet aber auch die passende Umgebung, um sich auf der Bühne austoben zu können, ohne blöd angemacht zu werden. Und das lose Mundwerk ist mir sowieso angeboren…

Welche Rolle übernimmst du in der Band?
Meine Bandkollegen sagen „Chefin“ zu mir – das ist würdig und recht. Ich kümmere mich bei Narrengold um das Management: von Booking über Social Media, Grafikerstellung, Pressetexte über schriftliche Interviews und Tourplanung bis hin zur Buchhaltung. Den technischen Part übernimmt allerdings unser Frontman Rian, da ich mich mit Aufnahmetechnik, Mikrofonierung, Mixing, Videoschnitt etc. nicht auskenne. Wir teilen uns quasi die Chefposition in der Band. Beim Songwriting bin ich ca. zu einem Drittel beteiligt, den Hauptteil macht Rian.

(c) Melitta Schmutzer

Fallen dir als einzigem weiblichem Mitglied von Narrengold spezielle Aufgaben zu oder gibt es etwas, wovon du sagst, dass es für alle am besten ist, wenn du das übernimmst?
In meinem Universum ist es immer am besten, wenn ich alles übernehme. Dann weiß ich, dass es gut wird. Im Ernst,  mein oberstes Ziel ist es, dass alle glücklich und zufrieden sind, und somit versuche ich bei allen Handlungen immer das Wohlergehen meiner Leute in den Vordergrund zu stellen. Als Frau ist es möglicherweise leichter, Kontakte zu knüpfen, wenn man von Natur aus gesellig und kommunikativ ist. Eine gewisse Portion Charme ist sicher auch hilfreich, hab ich gehört.

Als Einflüsse nennt ihr: Was wir hören, was wir sehen, wem wir begegnen und was wir mögen. Was ist denn bei dir besonders hängen geblieben?
Glücklicherweise nicht meine Brüste. Danke, Bindegewebe! Natürlich gibt es eine Menge großartiger Künstler, die inspirierend wirken und die ich auch sehr bewundere. Meine Kreativität entspringt allerdings mehr aus Gefühlen, Emotionen und Stimmungen.

Ihr seid mit Narrengold u.a. bereits in Deutschland, Belgien, Niederlande und Tschechien aufgetreten, wo ihr noch unbekannter als in eurer Heimat seid. Wie waren diese Erfahrungen für euch? Was war anders?
Die Erfahrungen waren prinzipiell großartig. Jedes neue Land erweitert den Horizont. Die Belgier sind abgegangen wie Sau und kannten unsere Lieder bereits aus dem Internet. Die Niederländer machten auch Sonntag nachmittags Party ohne Ende. In Tschechien feierte man uns, ohne uns zu kennen. In Deutschland bekamen wir sehr viel positives Feedback, und es zeichnet sich immer wieder ein latenter Wunsch nach mehr Narrengold-Präsenz ab. Der größte Unterschied ist, dass wir in anderen Ländern noch keine Fanbase haben, die uns von Gig zu Gig begleitet und alle Lieder auswendig kennt.

(c) Vicky Hessl

In gewisser Weise seid ihr in eurer Heimat auch Pioniere: 2018 habt ihr die erste österreichische Mittelalter-Live-DVD „Live am Veitstanz“ von eurem Konzert auf der 10-Jahres-Feier der Mittelalterparty Veitstanz aufgenommen. Wie seid ihr auf die Idee gekommen und wie zufrieden seid ihr mit dem Ergebnis?
Wir wollten einfach mal geile Live-Videos von uns haben, die wir auch unseren Fans anbieten können. Auf den klassischen Handy-Mitschnitten hat man meistens einen miesen Sound und oft auch eine schlechte Bildqualität. Wir haben daher ein professionelles Aufnahmeteam engagiert und mit fünf Kameras filmen lassen. Zusätzlich haben wir einen Audio-Mitschnitt des Konzerts machen lassen. Dementsprechend sind die Videos – meiner Meinung nach – super gelungen und sind für mich persönlich auch eine schöne Erinnerung.

2019 folgte dann euer aktuelles Werk „Würdig und Recht“. Was wolltet ihr darauf besser oder anders machen als davor?
„Würdig und Recht“ ist unser erstes Album in Folkrock-Besetzung. Es sollte fetzig sein und rocken. Mit mehr Instrumenten an Board gab es nun auch mehr Möglichkeiten und viele kreative Ideen bei der Umsetzung. Hat sehr viel Spaß gemacht, und ist auch mein Lieblingsalbum bisher!

Was habt ihr 2020 vor? Wie sehr wirkt sich Corona auf eure Konzert- und Festivalpläne aus?
Durch die derzeitige wirtschaftliche Entwicklung aufgrund von Covid-19 wurden leider viele unserer Engagements gecancelled. Außerdem wollten wir die Zeit im Frühjahr eigentlich für einen Videodreh zu „Tuten und Blasen“ nutzen, was wir nun wegen den Ausgangsbeschränkungen verschieben mussten. Wir feilen einstweilen an neuen Produktionen und Songwriting. Jetzt gerade hab ich zum Beispiel eine Songidee, die muss ich schnell aufnehmen.

(c) Narrengold

Wie darf man sich deinen Alltag vorstellen? Du bist eine professionelle Hobbymusikerin. Was machst du, wenn du nicht gerade für Narrengold tätig bist oder auf der Bühne stehst?
Ich habe einen Job, bei dem ich extrem viel Spaß mit meinen Kollegen habe und geistig gefordert werde. Daneben habe ich ein sehr reges Sozialleben, bin ständig auf Achse, und ab und zu fahr ich auf Dudelsackseminare. Langeweile gibt’s bei mir nicht!

Wie waren deine Erlebnisse mit Fans? Viele deiner Kolleginnen haben uns von Fans berichtet, die z.B. zu aufdringlich geworden sind. Ist dir ähnliches passiert und wenn ja, wie bist du damit umgegangen bzw. wie hast du das für dich verarbeitet?
Glücklicherweise kann ich bisher von keinen derartigen Erlebnissen mit Fans berichten. Es kommt mir vor, als hätten die Leute durch meine Bühnenpräsenz einen gewissen Respekt. Wenn sich mal einer daneben benehmen sollte, sag ich ihm gehörig meine Meinung und lass mir nix bieten. Meistens bin ich ja auch mit meinen Bandkollegen unterwegs, ich bin also wohl behütet. Ich muss aber auch sagen, dass ich bisher kaum negative Erfahrungen gemacht habe und die Mittelalterszene als sehr freundliche und friedliche Gesellschaft erlebe. Außerhalb der Szene bin ich sehr wohl übergriffigen Personen begegnet.

(c) Vicky Hessl

Gibt es ein positives oder negatives Ereignis, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Der Moment, als das erste Mal ein Fan zu mir kam und fragte, ob er ein Foto mit mir machen darf, wird mir immer positiv in Erinnerung bleiben. Was mir immer wieder das Herz erwärmt, ist die Begeisterung und Bewunderung, die man in den Augen von Kindern auf Mittelalterfesten sieht. Ich hab schon so viele Zeichnungen von Kids bekommen, und ich hebe sie alle auf.
Generell freu ich mich immer über Komplimente über unsere Show, über unsere Musik, über unsere Performance, oder über meinen Hüftschwung. Ganz besonders stolz bin ich auf Narrengold und auf meine Jungs, wenn uns ein Veranstalter erneut bucht. Denn das bedeutet, dass wir unsere Sache gut gemacht haben und gut angekommen sind.

Wie wichtig sind soziale Medien für dich persönlich und für euch als Band?
Soziale Medien sind für die Band absolut essenziell. Sie sind manchmal zwar sehr zeitraubend, aber eigentlich die einzige Möglichkeit, um mit Fans auf schnellem Weg kommunizieren zu können. Klar gibt es unsere Homepage, mit den Terminen und mit vielen Informationen, aber das alleine würde nicht ausreichen. Die Zeit für einen Newsletter oder eine regelmäßigere Pflege unserer Homepage haben wir leider nicht. Für mich persönlich stellen soziale Medien eine Kommunikationsform mit Freunden dar, mein Leben findet aber nicht online statt.

(c) Melitta Schmutzer

Wieviele Zuschriften von Fans erhältst du im Schnitt pro Woche und beantwortest du alle persönlich?
Dafür hab ich meine Sekretärin. Haha, nein, Spaß. Ich würde sagen 0,5 Fanzuschriften pro Woche. Wenn man meine Mama dazuzählt, sind es 27 pro Woche. Ich hätte aber gerne eine Sekretärin. Nicht für die Fanzuschriften, aber für andere Dinge.

Wo ziehst du die Grenze zwischen deinem Bühnen- und Privatleben?
Das verschwimmt natürlich sehr. Da die Band auch mein größtes Hobby ist, ist sie in meinem Privatleben stark präsent. Oftmals ist es so, dass ich auch mein Privatleben als Bühne gestalte. Ich liebe es einfach, im Mittelpunkt zu stehen. Umgekehrt findet mein Privatleben ebenso auf der Bühne statt, da ich mich für einen Auftritt nicht verstellen muss. Die Rampensau bin ich jeden Tag. Musik ist für mich kein Job, den ich beginne oder beende. Musik ist einfach immer da. Die Action beginnt für mich dann, wenn ich meine 7 oder 27.000 Sachen packe, um auf einen Gig zu fahren.

(c) Vicky Hessl

Vielen Dank für deine Zeit und die Antworten. Zum Abschluss noch ein paar Stichworte für ein freies Assoziieren. Was fällt dir als erstes zu den folgenden Begriffen ein?
#metoo –
#whynotme
Corona – Scheißdreck!
Wien – niemals woanders
Selfies – jederzeit (bekennende Selfie-Queen)
Unwürdig und unrecht – Respektlosigkeiten gegenüber Mitmenschen

Möchtest du zum Schluss noch etwas loswerden?
Metal1 ist das beste Magazin, das es auf der Welt gibt, und Sigi stellt die besten Fragen. Peace. Und danke!

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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