Interview mit Ralf Nüsser von Summer Breeze Open Air

Das SUMMER BREEZE OPEN AIR ist eines der größten Metalfestivals Deutschlands. Seit nunmehr 20 Jahren pilgern zehntausende Metal-Fans jedes Jahr nach Dinkelsbühl in Bayern, um das abwechslungsreiche, vielfältige Programm der Veranstaltung bei gemütlichem Camping zu genießen. Im Rahmen unseres VERALSTALTER-Specials haben wir uns mit Ralf Nüsser unterhalten, der dort seit 2004 arbeitet und dabei für die Vermarktung und weitere Angelegenheiten wie Fahrzeuge, Hotelzimmer, PR und die Kommunikation mit Behörden zuständig ist. Im Interview erzählt er über die Organisation eines so großen Festivals, über die Schwierigkeiten, die es gibt und wie man damit umgeht, wenn eine Band unbedingt 20 schwarze Handtücher möchte.

2017 feiert ihr euer 20-jähriges Jubiläum. Was habt ihr euch dafür Besonderes einfallen lassen?
Wir wollen dieses Jubiläum natürlich gebührend feiern und haben bereits einiges an Ideen gesammelt. Alles wird nicht funktionieren. Bei einigen Bands wird es aber eine Special-Show geben. Auch visuell wird sich auf dem Gelände sicher einiges tun. Hier sind wir dabei, die Kosten zu ermitteln und auf Machbarkeit zu prüfen. Mehr kann ich noch nicht sagen, es soll ja eine Überraschung werden!

Wie viele Monate vor dem Festival beginnt die Planungsphase und wie lange dauert es, bis alles auf dem Festivalgelände auf- und abgebaut ist?
Die Planung für 2017 läuft seit Ende 2015. Man hat ja immer Gedanken, die sich nicht sofort umsetzen lassen und deshalb erst ein, zwei Jahre später umgesetzt werden können. Für das Jubiläum geht man aber noch früher an die Sache. Die Aufbauzeit liegt bei knapp 2 Wochen.

Wie viele Arbeitsbereiche gibt es bei einem so großen Festival wie dem Summer Breeze und wie viele Mitarbeiter (fest / Teilzeit / freiwillige Helfer) werden pro Jahr ungefähr beschäftigt?
Das ist schwer in einem Satz zu erklären. Bereiche gibt es zuhauf. Kassen- und Einlassbereich, Security, Caterer, Gästelisten, VIP-Bereich, Presse, Camping und Parkbereiche, Behörden, Gäste, Künstler, Bühnen, Anwohner und das ist nur, was mir spontan in den Sinn kommt. Wir sind so bei 500 Leuten, die direkt für uns arbeiten plus der ganzen Leute, die von Dienstleistern gebracht werden.

Ein Festival wie das SUMMER BREEZE ist ja fast so etwas wie eine Zeltstadt, die für ein paar Tage auf einem Acker im Nirgendwo aus dem Boden gestampft wird. Was sind die schwierigsten Parts bei der Organisation oder im Vorlauf eines solchen Mega-Events?
Das Wetter zu kalkulieren. Du musst mit Regen planen, dann klappt es meist auch bei Sonne. Natürlich nur grob gesprochen. Auf dem Platz kommen immer wieder unzählige Probleme auf, die man nicht kalkulieren kann. Sickergruben laufen über oder ähnliches. Ist die Belastung der Anwohner zu groß? Und die Gretchenfrage über allem: Wie kommt es beim Fan an? Was ist der Bedarf, was davon ist umsetzbar?

Einer der wohl kniffligsten Punkte für sowohl Besucher als auch Organisatoren ist der Anreisetag. Wie plant ihr diesen Tag und wie geht ihr mit Besuchern um, die Probleme bereiten, weil sie sich dabei nicht an eure Regeln und Bitten halten?
Seit dem wir die Dienstagsanreise eingeführt haben, läuft der Verkehr ziemlich gut am Anreisetag beziehungsweise den Anreisetagen. Dies bestätigen auch die Polizei und die Anwohner. Leute, die aus der Reihe tanzen, gibt es immer. Wir versuchen dann mit sachlichen Argumenten die Situation zu klären. Oft ist es so, dass die Person natürlich nicht die Hintergründe mancher Planung und Regel kennt. Oft gibt es dann einen Aha-Moment. Die Infos auf der Homepage im ABC zu lesen würde vieler solcher Situationen vorbeugen.

Wählt ihr die Bands noch nach eigenem, persönlichen Geschmack aus, oder muss dieser für so ein großes Festival eher hintenangestellt werden, weil die Bands mit Blick auf die Finanzen vor allem als Garanten für ausreichende Besucherzahlen dienen müssen?
Naja, beides kommt zum Tragen. Der Geschmack spielt schon eine Rolle. Aber der Fan gibt vor, was gespielt wird. Dies setzen wir um, soweit machbar. Und den Geschmack eines jeden trifft man nie. Dass wir sowieso fast keine Zeit haben, uns Bands anzuschauen, macht das etwas leichter für uns.

Kann man auch im Metal nach Verkaufszahlen booken, oder woran orientiert ihr euch, gerade was nicht schon lange etablierte Bands angeht?
Da gibt es verschiedene Parameter: Verkaufszahlen spielen eine Rolle. Wie ist die Vermarktung des Labels, wie die Reputation der Band innerhalb der Szene? Klicks online und so weiter, das sind dann schon Dinge, die bei unbekannteren Bands zugrunde gelegt werden. Und: Passt es ins Billing beziehungsweise generell zum Summer Breeze?

Wie viele Hotelzimmer müsst ihr jedes Jahr für die Bands buchen und wie läuft das ab? Habt ihr da Partnerverträge mit einigen Hotels, die ihr dann komplett mietet?
Wir haben so circa 1000 Übernachtungen, die gebucht und organisiert werden müssen. Für uns ist es hilfreich mit Häusern zu arbeiten, die ein großes, aber bezahlbares Zimmerkontingent haben. Das gibt es in unmittelbarer Nähe nicht und so verteilen wir auf mehrere Häuser, die wir bereits vor dem Festival für das Jahr darauf reservieren. Die Zusammenarbeit mit den Häusern lauft perfekt. Alle sind mittlerweile aufeinander eingespielt.

Erfüllen sich die Klischees der randalierenden Rockstars öfter mal, sodass es Probleme mit den Hotelbetreibern gibt und gibt es für diese Fälle spezielle vertragliche Vereinbarungen?
Nein, fast nie. Wir hatten in den ganzen Jahren vielleicht vier mal Probleme und da ging es um Lappalien. Also eine kaputte Lampe oder so etwas.

IMG_8597Es kursieren immer wieder witzige Geschichten und Gerüchte unter Musikfans darüber, was für skurrile Forderungen vor allem größere Bands für einen Auftritt an den Veranstalter stellen. Was war das Sonderbarste, das eine Band bei euch je angefordert hat (Name der Band muss natürlich nicht genannt werden)?
Da sind unsere Bands recht normal. Wenn eine Band mal unbedingt 20 schwarze Handtücher braucht, klärt man das und macht daraus fünf auf der Bühne. Der Rest ist dann weiß mit Blümchen wie alle anderen auch.

Wie wird das bei einem Festival, an dem so viele Bands mitwirken, gewährleistet, dass keine Verzögerungen entstehen und gibt es Notfallpläne, falls es dennoch mal passiert?
Wir versuchen natürlich hier bis ins Detail zu planen. Eine große Hilfe sind unsere sehr professionellen Stage-Manager. Diese klären mit den Bands sofort, wie die Abläufe auf den Bühnen sind. Technische Probleme gibt es immer mal wieder und in der Regel lassen diese sich schnell lösen. Bei Absagen oder verspäteten Flügen tauscht man zum Beispiel kurzerhand mit einer anderen Band oder sucht nach Ersatz. Das entscheidet man dann vor Ort.

Bis 2013 gab es mit dem New Blood Award die Möglichkeit für Bands ohne Plattenvertrag aus dem Underground, auf dem Summer Breeze einen Slot zu bekommen. Seit 2014 findet dieser nicht mehr statt. Warum wurde diese Entscheidung getroffen? Nehmt ihr trotzdem nach wie vor Bewerbungen solcher Bands an, oder sucht ihr gezielt selbst nach unbekannteren Bands für euer Programm auf den kleineren Bühnen und kontaktiert sie?
Gezielt suchen tun wir nicht. Wir haben wirklich tausende Bewerbungen von Bands, die wir nicht mal beantworten können. Entsprechend bitten wir auf der Homepage darum, von weiteren Bewrbungen abzusehen. Aber immer wieder kommt ein Name durch, den man dann gesondert anhört. Auf Empfehlung zum Beispiel. Generell war und ist es uns wichtig, auch junge Talente ins Billing zu packen. Dafür haben wir den Riot of the Underground am Mittwoch auf der Camel Stage. Hier bieten wir Bands eine Möglichkeit, die noch nicht soweit sind, auf den großen Bühnen zu spielen.

Jedes Mal, wenn ein Festival vorbei ist, gibt es seitens der Besucher massenhaft Feedback. Vieles davon ist sachlich und freundlich formuliert, vieles sehr angreifend und emotional aufgeladen. Nicht selten widersprechen sich auch viele Aussagen grundsätzlich. Wie geht ihr vor, wenn ihr solches Feedback für Verbesserungen im Folgejahr auswertet?
Das ist etwas, was ich weiter vorne bereits angeschnitten habe. Vieles ergibt sich dadurch, dass die Leute natürlich nicht die Hintergründe kennen. Hier hilft nur Aufklärung. Das versuchen wir auch immer. Aber es gibt auch Kommentare, die sind dermaßen sinnentleert, dass auch eine Antwort zu geben sinnlos wäre. Manch einer will auch nur provozieren. Die Toleranz, die einige immer wieder für sich in Anspruch nehmen, leben diese selbst leider gar nicht. Das sind aber nur wenige. Und manch ein Kommentar ist berechtigte Kritik und hilfreich dazu.

Du bist auch für PR / Vermarktung des Festivals zuständig. Was gibt es da bei einem etablierten Event wie dem SUMMER BREEZE zu beachten, worauf liegt der Fokus?
Es ist wichtig, das Festival auch über das Jahr in „Bewegung“ zu halten. Wenn man von Oktober bis Juli nichts tut, keine Posts ins Netz packt, Gewinnspiele macht, oder in den einschlägigen Medien auftaucht, dann gerät man in Vergessenheit. Das muss also immer passieren. Auch das Sponsoring will ganzjährig betreut sein. Die Kommunikation mit den Medien ist eminent wichtig, auch die mit den Behörden. Hier ist Vertrauen ein ganz wichtiger Aspekt.

Durch die generell größere Medienpräsenz von Terrorakten wird auch merklich die Angst in der Bevölkerung größer, wenn sie Massenveranstaltungen besuchen. Spürt ihr die Auswirkungen auch und seht ihr euch dazu gezwungen, in kommenden Jahren beispielsweise schärfere Kontrollen oder mehr Sicherheitspersonal bereitzustellen?
Wir hatten 2016 das Gefühl, dass diese Dinge relevant waren für die Entscheidung ein Ticket zu kaufen oder nicht. Aber das sind nicht die einzigen Sorgen. Das Wetter gerät dadurch schnell in Vergessenheit. Auch hier gab es Probleme. Wir haben zusammen mit allen beteiligten Diensten und Behörden ein gutes Sicherheitskonzept entwickelt. Somit sind wir für für alle planbaren Situationen gerüstet. In der Kooperation mit den Behörden haben wir der größeren Bedrohungslage Rechnung getragen und dieses Konzept weiter optimiert. Klar ist: 100% Sicherheit gibt es nicht. Nirgendwo!

2006 musste das Festival von Abtsgmünd an den jetzigen Standort Dinkelsbühl umziehen. Wie schwierig war es damals, für so ein großes Festival einen neuen Ort zu finden und wäre das heute schwieriger?
Das neue Gelände zu finden war Fleißarbeit. Wir haben viel telefoniert und gesucht. Mit etwas Glück kamen wir dann in Dinkelsbühl an. Was zuerst eine schnelle, vorübergehende Lösung sein sollte, entpuppte sich dann immer mehr als Glücksgriff. Der Rest ist Geschichte. Wir hatten durch den Wechsel massive Probleme seinerzeit. Ich hoffe einen weiteren Umzug können wir vermeiden.

Müsst ihr den steigenden Besucherzahlen irgendwann mal ein Limit setzen, weil aufgrund der Festivalfläche keine weitere Ausdehnung mehr möglich ist? Würde man in so einem Fall noch einmal in Erwägung ziehen, das Festival an einen anderen Ort zu verlagern?
Das entscheiden wir, wenn wir in diese Situation kommen. Bisher reicht der Platz. Wenn es nach uns geht, soll alles so bleiben wie es ist.

Wann endet für dich der Organisationsstress: Vor, während oder erst nach dem Festival? Kannst du das Event selbst überhaupt genießen?
Dezember und Januar sind unsere Ruhephasen. Auf dem Festival geht es schon sehr lebhaft zu. Die drei Wochen auf dem Gelände zeichnen sich nicht dadurch aus, dass man mal ausschlafen kann.

IMG_7262Wann endet für euch das Festival? Wann sind alle Abbauarbeiten, Abrechnungen und dergleichen erledigt, sodass ihr euch voll auf die nächste Auflage konzentrieren könnt?
Das läuft parallel. Du machst das eine Jahr fertig und gleichzeitig bist du bereits im nächsten oder übernächsten Jahr. Nach dem Festival ist vor dem Festival!

Ich möchte das Interview gerne mit unserem klassischen Metal1.info-Brainstorming beenden. Ich nenne ein paar Begriffe und du sagst das erste, was dir dazu einfällt.
Wacken: Groß, Metal, professionell organisiert. Bei weitem nicht so schlecht, wie es einige darstellen.
Kostüme auf Metalfestivals: Jeder Jeck ist anders!
Camping: Kann man ohne die Landschaft einzusauen. Unser Greencamping beweist das.
Merchandise: Machen wir zu fairen Preisen. Qualität ist uns dabei wichtig.
Metallica: Ride the Lightning. Die Jungs sind wieder auf dem rechten Weg. Ich mag kurze Songs.

Vielen Dank für deine Zeit. Irgendwelche letzten Worte an unsere Leser?
Wir freuen uns auf das Jubiläum und hoffen, dass euch unsere Ideen und das Billing gefallen. Lasst euch überraschen. So oder so, es wird eine Riesenparty und ich habe Sonne bestellt!

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Alle bisher erschienenen Teile dieses Specials im Überblick: