Architects w/ Blessthefall, Counterparts, Every Time I Die

  • Hamburg, Gruenspan
  • 01. März 2015

Das Hamburger Gruenspan bietet seinen Besuchern die ganz besondere Atmosphäre eines düsteren, alten Theaters, dessen verzierte Säulen rot angestrahlt werden und dessen rohe Steinwände einen robusten Charme von Vergänglichkeit tragen. Das überwiegend eher junge Publikum füllt den imposanten Saal zu etwa drei Vierteln.

Counterparts (36)Um 19 Uhr beginnen ohne spürbare Vorwarnung COUNTERPARTS der Hörgeräteindustrie in die Hände zu spielen. Es dauert einige Momente, bevor sich die Menge von dem kanadischen Hardcore bewegen lässt, doch es fehlt nicht an Stimmung. Zwar wird zunächst nur gelegentlich gesprungen und die Kollisionen sind eher sporadisch, geben jedoch ein präzises Bild vom langsamen, aber sicheren Entstehungsprozess eines Moshpits. Sänger Brendan Murphy wechselt immer wieder zwischen seiner eigenen kleinen Welt, in der er vor dem Schlagzeug hockt, und der intensiven Interaktion mit den Fans. Der emotional-melodische und doch chaotisch-rohe Sound von COUNTERPARTS ist unangepasst, direkt und alles andere als uninspiriert. Konzertverpasser können diese Erfahrung zum Beispiel auf dem vielseitigen 2013er Album „The Difference Between Hell and Home“ nachholen – durchaus zu empfehlen!

Blessthefall (4)Nach einer kleinen Pause setzt sich ein einzelner Schlagzeuger hinter sein Instrument, über dem das blutige Banner des Albums „Hollow Bodies“ (2013) hängt. Das Publikum jubelt, der Drummer beginnt und die anderen Musiker von BLESSTHEFALL erobern die Bühne und beinahe augenblicklich auch den Rest des Saals. So geht Metalcore! Genau so soll der Wechsel zwischen der cleanen Stimme des Hauptsängers und den gewaltigen Shouts des Bassisten klingen. Genau so dürfen ruhige Parts, Breakdowns und Singalongs aufgeteilt sein. Spätestens als der nahezu hyperaktive Sänger Craig Mabbitt im hohen Bogen vom erklommenen Schlagzeug springt, wird zumindest mir klar, dass ich seit Mitch Lucker (R.I.P.) keinem Core-Musiker mehr so gern zugesehen habe. Die Menge feiert hier keine Fußnote des Abends, sondern einen Mainact mit Mosh- und Circlepits sowie einer kleinen, aber feinen Wall of Death. Der Höhepunkt des Auftritts ist der Song „Déjà Vu“, für den sich BLESSTHEFALL mit der Security verbrüdern, die nämlich eine Menge zu tun bekommen, als unzählige crowdsurfende Fans sich die versprochenen High five an der Bühne abholen. Diese Band lohnt sich live auf jeden Fall, sogar für diejenigen, die bei den Studioaufnahmen wegen „zu teen“ und „zu emo“ abgeschreckt werden. Nochmal: BLESSTHEFALL – so geht Metalcore!Blessthefall (45)

 

Every Time I Die (15)EVERY TIME I DIE drehen dann den Harcore-Regler wieder etwas mehr auf und würzen leicht mit Mathcore und Post-Hardcore. Insgesamt sind hier aber auch deutlich rockigere Tendenzen vorhanden. Beeindrucken können EVERY TIME I DIE jedoch nicht nur mit ihrer Musik, sondern auch mit ihrem Erscheinungsbild. Während der Sänger Keith Buckley die lässig-glamouröse Ausstrahlung eines Hollywoodstars mitbringt, steht daneben ein gigantischer amerikanischer Hinterland-Rocker, in dessen Händen die E-Gitarre zu einer Ukulele schrumpft. Um seine Oberarme allein könnten die beiden anderen Saiten-Instrumentalisten der Band kreisen wie kleine Satelliten. Ungefähr so verhalten sich die beiden auch, wenn sie kreuz und quer über die Bühne rennen und springen und ihre Instrumente in die Luft werfen. Auch das Publikum ist gut dabei und feiert mit wilder Stimmung eine wilde Band, die schon seit 16 Jahren dabei ist und bis heute ihre Energie nicht verloren hat. EVERY TIME I DIE sind hörens- und nicht weniger sehenswert!

Architects (13)Der Saal ist nicht überfüllt, aber voll, was im Gruenspan schon dazu führen kann, dass man nur schwer einen Platz findet, von dem aus man die Band nicht nur hört, sondern auch sieht. Alles wird in ein blaues Licht getaucht, das bisherige Rot wird Lila und der restliche Konzertabend bekommt ab 21:30 Uhr einen deutlichen Post-Hardcore- und Mathcore-Einschlag. ARCHITECTS sind da und es ist spürbar, dass die Mehrheit der Anwesenden vor allem auf diese Band gewartet hat. Die britische Band bietet ihren Fans viele Gelegenheiten zum Mitsingen und gelegentlich zieht sich Sänger Sam Carter ganz zurück, sodass der Saal eindrucksvoll vom Chor der Menge beschallt wird. Doch zwischen den Singalongs gibt es auch reichlich härtere Parts. Während auf der Bühne die Musiker zum rot-blauen Strobo-Gewitter springen, tobt in der Menge ein vorbildlicher Pogo-Krieg, in den die Crowdsurfer schon fast wieder Ruhe hineintragen. ARCHITECTS bieten ein gut ausgewogenes Spektrum von Härte, Anspruch und Emotionen. Doch einem Teil des Publikums merkt man auch an, dass sie schon drei sehr gute Bands zuvor bewundern durften, sodass sich am Rand und im hinteren Bereich einige Müdigkeitserscheinungen auftun. Umso beeindruckender ist der Klang hunderter Stimmen, als ARCHITECTS den Song „Devil’s Island“ vom Album „Daybreaker“ (2012) der vorangegangenen Band Every Time I Die widmen und sich als deren Freunde, aber auch als deren Fans bekennen. Der größte Teil dieses Konzerts steht im Zeichen des aktuellen Albums „Lost Forever // Lost Together“, dessen Tracks in großer Zahl Einzug in diesen Abend erhalten. In einen rundum gelungenen Abend voller Bands, die einander nichts genommen und doch ein so interessantes und wohlkomponiertes Spektrum an Musik und Bühnenpräsenz aufgestellt haben, als wären sie dafür gegründet worden, gemeinsam zu touren. Ein Abend für Ohren und Augen!
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Setlist Architects

  1. Broken Cross
  2. The Devil Is Near
  3. Dead Man Talking
  4. Alpha Omega
  5. Castles in the Air
  6. Naysayer
  7. C.A.N.C.E.R
  8. Devil’s Island
  9. Follow the Water
  10. Colony Collapse
  11. Day in Day Out
  12. Youth Is Wasted on the Young
  13. These Colours Don’t Run
  14. Red Hypergiant
  15. Gravedigger


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Geschrieben am

Fotos von: Jan Termath

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